Thrash-Detonation mit Death Angel (2013)!
Autor: Rok Klemše
Fotos: Nina Grad
Ort: Channel Zero, Ljubljana
Konzertdatum: 01.12.2013
Der Sonntag ist normalerweise der Tag, von dem du dir wünschst, er würde gar nicht enden, denn danach kommt der lästige Montag und der Beginn einer neuen Arbeitswoche. Doch der vergangene Sonntag war anders – man konnte es kaum erwarten, bis der Abend kam und mit ihm der neuerliche Besuch der Bay Area Thrash-Helden Death Angel. Der Todesengel hatte sich zuletzt vor zwei Jahren mit dem Album Relentless Retribution über Ljubljana gesenkt, diesmal füllten die Amerikaner den Channel Zero mit dem neuen Studiowerk The Dream Calls For Blood.
Diesmal haben wir – oh, erbarme dich unser – wieder italienische Vorgruppen erwischt, die Thrash Metal spielen… na ja, die denken, dass sie Thrash Metal spielen. Als erste schwang sich die Truppe aus Rom, Adimiron, auf die Bühne, die sich selbst als Progressive Death/Thrash Metal beschreibt. Nein, wirklich. Was daran progressiv sein soll, ist mir schleierhaft, und auch das vielgerühmte Death/Thrash habe ich eher vergeblich gesucht. Im besten Fall boten Adimiron wild zusammengewürfelte Riffs aus allen Himmelsrichtungen (daher vielleicht: progressiv?), eine eingeschlafene Rhythmussektion und den nervtötenden Gesang eines lästigen Frontmanns. Zwischendurch haben sie es sogar geschafft, mit irgendwelchen Quasi-Modernitäten und den armseligsten Breakdowns á la Attack Attack! zu langweilen, hehe. Schwer zu glauben, aber Adimiron waren noch schlechter als vor zwei Jahren, als sie ebenfalls als Vorgruppe von Death Angel in der Menza pri koritu aufgetreten sind.
Von Rom bewegten wir uns im Anschluss etwas weiter nach Norden, denn die zweite Band im Bunde, Extrema, kommt aus Mailand. Trotzdem war kein wesentlicher Qualitätssprung zu erleben. Extrema sind zwar wirklich meilenweit besser als ihre Vorgänger, aber sie klingen wie die generischste Pantera-Kopie überhaupt – von den Gesangslinien bis zum Groove der Gitarrenriffs. Rein gar nichts Originelles war in der gar nicht so extremen Musik zu hören, wie der Bandname vermuten ließe. Allerdings spielten die Italiener ein ziemlich energiegeladenes Set, aus dem vor allem das dynamische und vernichtende Schlagzeugspiel herausstach, das Extrema vor der vollständigen Vergessenheit bewahrt. Die Band präsentierte ausführlich das aktuelle Album The Seed of Foolishness, doch im Gedächtnis blieb letztlich nur, dass Extrema ein durchschnittlicher Pantera-Abklatsch sind.
Den Ohren war dann aber endlich doch noch Erholung vergönnt, als die Deutschen die Italiener von der Bühne verdrängten und bewiesen, dass aller guten Dinge drei sind. Mit dem dritten Act kam der Abend erst richtig in Gang – und zwar in einem mörderischen Tempo und Stil, wie ihn nur die deutschen Death/Thrash-Irren Dew-Scented hinlegen können. Die Deutschen veröffentlichten letztes Jahr bereits ihren neunten Studioknaller Icarus, ein Beweis dafür, dass Dew-Scented mit aggressivem und rohem Thrash noch immer hoch fliegen – die Sonne wird ihnen offenbar so bald keine Flügel verbrennen. Obwohl der einzige originale Mitstreiter der unaufhaltsame Vokalist Leif Jensen ist, gleichzeitig auch das einzige noch verbliebene deutsche Mitglied der Band (das aktuelle Instrumentalquartett kommt aus den Niederlanden), bleiben Dew-Scented live eine Energiebombe und ein echter Thrash-Blitzkrieg. Der niederländische Teil der Band erwies sich als außergewöhnliche Verstärkung – obwohl sie erst seit gut einem Jahr dabei sind, walzen sie alles vor sich nieder, allen voran der brutale Drummer Koen. Dew-Scented hätte zwar eine etwas bessere Song-Auswahl bieten können, der Großteil kam nämlich von Icarus, aber Klassiker wie Cities of the Dead und das abschließende Acts of Rage waren natürlich Pflicht. Dank des energiegeladenen und kommunikativen Leif, der Adrenalingeschwindigkeit und dem Gehacke mit messerscharfen Riffs vergingen vierzig Minuten schneller, als Angela Merkel beim Oktoberfest eine Wurst isst und einen Liter Bier trinkt.
Zum Abschluss dann wirklich noch die echte Kirsche auf der Torte – die amerikanischen Bay Area-Veteranen Death Angel! Es hat sich absolut gelohnt, am Montag am Arbeitsplatz vor sich hin zu vegetieren, egal wie schwer es fiel – der Gedanke an das Konzert des Todesengels hat alles weggewischt. Death Angel sind nicht umsonst eine der respektiertesten Live-Bands der letzten Jahre, denn sie spielen jedes Konzert, als wäre es ihr letztes. Diesmal war es nicht anders! Nachdem die Schlüsselmitglieder der ersten Bandphase abgesprungen waren, hatten viele die Band bereits abgeschrieben – aber denen dürfte es jetzt ganz schön im Schlund kratzen, wie auch der lebhafte und ewig jugendliche Frontmann Mark Osegueda selbst anmerkte, der diesmal mit Bart und ohne Dreads aus der Ferne wie Tom Araya aussah. Death Angel hinterlassen auf der Bühne wirklich einen gewaltigen Eindruck, von ihnen strömt eine so unglaubliche Energie und eine außergewöhnliche Interaktion mit dem Publikum aus, dass Letzteres ihr Auftritt im Nu in seinen Bann zieht. Wenn Death Angel dem Publikum enorm viel geben, hat das Publikum diesmal der Band auch zurückgegeben, was sie verdient. Die Amerikaner präsentierten diesmal den Löwenanteil des neuen Albums, aus dem vor allem die Killer Son of the Morning, Left For Dead und das titelgebende The Dream Calls For Blood hervorstachen – sie bewiesen, dass Death Angel aus der alten Thrash-Garde neben Testament wohl die studiotechnisch konstanteste Band sind. Was sie live sogar noch übertreffen! Alle Augen und Ohren waren wieder auf den fantastischen Mark gerichtet, der über die Bühne wirbelt wie eine Rotznase aus den Zeiten des Debüts The Ultra-Violence und singt wie ein tollwütiger Wolf vom Cover des neuen Albums – er lieferte sowohl wildes Gekreische und Geschrei als auch außergewöhnlichen Klargesang ab, und seine Kollegen unterstützten ihn in den richtigen Momenten mit effektiven »Gang«-Vocals. Noch mehr mögen dabei die Augen angesichts der flinken Finger von Riffmeister Rob Cavestany geglänzt haben, dessen phänomenale Gitarren-Moves mit den Jahren nur besser werden. Mit Ted Aguilar bilden die beiden gewiss ein Duo, das sich einen Status wie die Großen à la H-Team und Hanneman/King verdient hätte. Dass der Band der echte Todesengel noch lange nicht droht, beweist auch eine der besten Rhythmussektionen im Thrash. Der energiegeladene und lebhafte Bassist Damien Sisson unterstreicht mit seinem abwechslungsreichen und voluminösen Bassspiel das schlechthin tierisch-gnadenlose Schlagzeugspiel von Will Carroll, der seinesgleichen sucht. Wie der Mann gehauen hat! Der Abschied mit der überragenden und unvergesslichen Thrash-Hymne Thrown to the Wolves und dem Anheizen mit dem Beginn des Epos The Ultra-Violence kam viel, viel zu früh – aber nach so einem Konzert spürst du nur riesige Erfüllung und tiefe Zufriedenheit. Und der Montagmorgen, an dem du dich aus dem warmen Bett ins kalte Morgengrauen schleppen und vor allem anderen erst noch die zugefrorenen Autoscheiben freikratzen musst, ist wie vergessen!
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