In der Eintracht liegt die Kraft, in den Garagen der Geist der Revolution (2013)

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Autor: Sandi Sadar Šoba
Fotos: Aleš Podbrežnik

Ort: Ljubljana / CUK Kino Šiška / Slowenien
Konzertdatum: 30.11.2013
Besucherzahl: 350

Erinnert ihr euch noch an Brüderlichkeit und Einheit und an die Zeiten, als vom Triglav bis zum Vardar der Geist von Zusammenhalt, Verbundenheit und Eintracht wehte? Wo die Politik den Balkan in voneinander entfremdete Inselchen der Trennung und Fremdheit zerlegt hat, war für die Jungen mit Herz und Seele die zentrale Brücke zwischen den einstigen Brudervölkern neben anderen Künsten vor allem die universelle Chemie der Musik. Dass Musik verbindet und für Leute mit offenem Kopf mehr ist als nur nostalgisches Nachweinen alter guter Zeiten, hat am Samstag ein mazedonisch-slowenisch-serbisches Soldateska-Kommando von Hütern der Garagenrevolution und eines Aufstands mit Sinn gezeigt – drei getrennte Visionen, ein Musikmarathon der Dreierpacks unter dem gemeinsamen Namen NuYuGo!. An drei aufeinanderfolgenden Wochenenden bringt er den Geist der Formationen Molokai, Repetitor und der ersten Kehle von Moveknowledgement, des schnellzüngigen Reimschmieds und Rap-Champions N’Toko nach Ljubljana, dazu noch etwas Neues nach Belgrad und Skopje.

Die Zeiten haben sich geändert, und mit ihnen die Denk- und Handlungsprinzipien, auch in den Sphären von Musikproduktion, Kreativität und Labelwesen. In Richtung Bewusstwerdung und Suche nach den richtigen Lösungen hat sich noch vor Belgrad und der mazedonischen Hauptstadt zuerst das europäisch eingefärbte und ins europäische Karussell des Hinters-Licht-Führens verstrickte Ljubljana eingeklinkt, und der alternative Kulturtempel Kino Šiška hat neben dem servilen Befolgen des bloßen Prinzips von Verkaufsangebot und kommerzieller Ausbeute aus dem Vergnügungsdurst junger Burschen und Mädels am Tag nach dem Tag der Republik und dem Tag der Pioniere jenes bitter nötige intellektuelle Schüppchen Aktivität obendrauf geboten. Wie man in das moderne Schema der Welt gesunde Finanzierungsströme für Kunst und Musiker einbringt, wurde vor dem Konzert in einer Podiumsdiskussion zu Crowdfunding und Crowdsourcing in der Musik erörtert, die nur wenige Protagonisten der Proaktivität besuchten; die meisten warteten auf neun Uhr abends, als in der Halle unterm Treppenhaus des Kino der Marathon aus Genre-Mischmasch und rhythmisch-melodischer Potenz der Underground-Künstler losging.

Als Erste enterten die Skopjer Musikexoten Molokai die Bühne, über die ich vor dem Konzert nichts Konkretes wusste. Das junge Trio setzt auf den Minimalismus von Gitarre, Bass und Schlagzeug, und wie die Vardar-Version von Dick Dale auf Punk-Steroiden klingt, wird in den letzten Jahren seit der Jahrtausendwende ausgetestet. Die Band, die ihren Namen von einer der acht Vulkaninseln hat, aus denen Hawaii besteht (übersetzt heißt es angeblich Freundliche Insel), zeichnet sich durch Fleiß und rohe DIY-Ästhetik aus, und aus dem Hauch pazifischer Strömungen auf mazedonische Art wird eine Art monolithische Fusion aus der Gitarre, die Damjan Manevski wortlos in den Marshall-Kopf stöpselt, dem rohen Simplizismus der Drums von Bojan Stanić und dem Bass von Damjan Gruja. Die Trümpfe der verspielten und aufgekratzt unaufhaltsamen, ziemlich abgespeckten Gitarre, die sich nicht von Distortion, Flanger oder Chorus ernährt, der ziemlich rockabilly-lastigen Metrik der Drums und der kompakten, aber keineswegs überragenden Tieftöne des Basses weben die Struktur des ziemlich rohen Surf-Debüts You Surf, We Send Piranhas. Die Jungs sind vielleicht tatsächlich so etwas wie eine rohe, ungeschliffene Version von Fugazi und die Chaotik von Polska Malca (so werden sie auf den Infozettelchen angekündigt), ich selbst habe aber insgesamt deutlich weniger künstlerisches Herumspielen und Forschergeist gehört, wegen dem ich zum Beispiel lieber den Bambi Molesters lausche oder dem Altmeister der zupackenden Surf-Gitarre Dick Dale; beim jungen Trio von den Ufern des Flusses Dragor fehlt das gewisse Etwas, um den schon gehörten Mustern und dem Rhythmus völlig zu glauben und mich ihnen hinzugeben. Der Opener Gliding Through The Sewers verspricht zwar mehr Rohheit, die der anspruchsvollere Hörer ohne die natürliche Distortion des Verstärkerkopfs aber ein bisschen vermisst. Nicht dass ihr mich falsch versteht – Damjan ist ein super Gitarrist, der sich wie nichts den Weg über den Gitarrenhals bahnt, auch die anderen beiden sind solide, doch trotz Bojans Explosivität und schmerzhaftem Einsatz verstummen bei einem etwas zu fettig-statischen Gruja die Keime von Leidenschaft und Funken von Genialität ziemlich bald. Coralhead und Mummies Can’t Surf wirken wie schematische, zwar solide gespielte Zwischenstücke, bald beginnt sich das Muster zu wiederholen, und die Libido sinkt steil. Während der Demonstration vardarischer Schlagkraft flüchten sich nach dem Titelsong des Albums viele Leute an die gut bestückten Bieraltäre der Besäufnis-Gaudi, das Trio aber zieht in der Halle seine konsequent eintönige Art durch und spielt alle Songs von seinem Debüt, an dem man, so mein Vorschlag, insgesamt etwas mehr am Rohmaterial feilen müsste, vielleicht noch einen Effekt mehr, wenn schon nicht Gesang, dann wenigstens hübsche, knapp bekleidete Mädels oder Projektionen, denn dem eingewurzelten Trio erhitzter mazedonischer Surfer kann man schwer länger als zwanzig Minuten konzentriert zuhören und zuschauen …

Von der Fortsetzung war viel mehr zu erwarten – sie war dem Wort-, Gedanken- und Energiefluss eines einzigen Menschen gewidmet, der kritisch auf alle Gebrechen der Welt, in der wir leben, zeigen, sie durchschütteln und zugleich unter einer Lawine von Kritik und intelligenten Pointen Haltepunkte anbieten kann, dank derer sich die Welt zum Besseren ändern kann, wenn wir aktiv sind. Es geht um den jungen Redner aus Dolenjska mit kernigen, scharfen Worten, den ersten Mann in der Verteidigung der Ideale echter Musik, des Wortes, des Rückgrats und des Intellekts dessen, was ich die Jugend auf den Schützengräben der wahren modernen Revolution nenne – Herrn Miha Blažič alias N’Toko. In der modernen Gesellschaft gibt es von allem zu viel, aber zu wenig Zeit, um die Gedanken zu sammeln, positive Gedanken zu konzentrieren, und zu wenig Willen, sich von den süchtig machenden Fesseln des modernen Kapitalismus zu lösen, in dem ihr nur auf dem Papier liberal frei seid. Das neue, den Englischsprachigen nähere und verständlichere Werk Mind Business, aus N’Tokos kompromissloser Feder geschrieben, schneidet konzis ins weiche Gewebe der faulen Gesellschaft und verkauft zugleich provokativ Kritik an alle offen Denkenden, alle Liebhaber des guten Flows und offener musikalischer Chakren. Dass es an Rap-Abnehmern in Slowenien trotz des Mangels an zu weiten Hosen, Schirmmützen und Hoodies nicht fehlt, bestätigt die Tatsache, dass N’Toko seinen scharfen Start mit dem Song No Breaks vom jüngsten Album vor einer gerammelt vollen Halle hinlegt. Computer, Mischpult und Mikrofon und Lungen voll Wut, kreativer Kritik und guten, überdurchschnittlichen Schwungs. N’Toko ist, wie er selbst sagt, auf einer Fahrt durch die Welt ohne mentale und physische Bremsen. Einfache synthetische Klänge eines hypnotisch minimalistischen Atari-Beats bilden zusammen mit dem mächtigen Klangteppich aus Samples, Geräuschen und dem herrlich brutalen Groove des jungen Dolenjskers eine dichte Atmosphäre, die den Abend qualitativ nach oben schraubt. In dieselbe Richtung geht auch der neuzeitliche scharfe Track Please Die, der trotz Spielereien mit poppigeren Achtziger-Sounds den modernen Sprung ins gesellschaftskritische Quadrat der musikalischen Entfremdung fortsetzt – weg von goldenen Ketten, aufgemotzten Autos und all den stereotypen zugemüllten Implantaten von Kanye West und der übrigen MTV-Soldateska der Mainstream-Rap-Brut. N’Toko ist das Gegengewicht, und wenn wir uns schmeicheln dürfen: Ein einziger Junge unterm Triglav trägt sie inhaltlich, qualitativ und energetisch an der ganzen Front. Die Energie spritzt aus allen Poren, der hypnotische Flug noch höher in die Stratosphäre passiert beim Umschalten auf die slowenische Sprachmatrix. Slovenec sm vom Album Dobrodelni koncert ob koncu svetu lepo legt unser verdorbenes Wesen, den Kern, die Plattheit, Intoleranz und Fäulnis bloß, der junge Künstler N’Toko aber nimmt sich angesichts der Flut von Eindrücken und Anstößen, die ständig neue Mosaiksteine der schwarz-weißen Welt des Tals von Šentflorjan hervorbringen, das Recht, unter die empfängliche, entzückte Masse des Publikums fruchtbare Verse zu streuen, die etwas Gutes hervorbringen könnten. »Slowene bin ich, aus dem Tränental, dem Tal des Cviček, / Denis pokora, Frucht eines missglückten Kondoms, / Frucht der Nicht-Fantasie, Frucht einer unglücklichen Ehe, / Frucht von Gewerkschaftsausflügen und frustrierten Sekretärinnen, / schwarz-weißer Pionier im kapitalistischen Staat, / im digitalen Zeitalter mit analogem Hirn, / die Zeitungen haben die Schwarze Chronik auf der ersten Seite, / und durch die Adern fließt das Blut des Staatsanwalts, / meine ganze Identität bringst du auf einer Visitenkarte unter, / mich wählst du nicht, bis sie Kramberger klonen, / Slowene bin ich, meine Hauptstadt das weiße Bratislava, / letzter Urslawe, der noch nicht schwimmen gelernt hat, / ich rede nicht gern, und wenn doch, dann lästere ich, / wenn du mir nicht dumm vorkommst, bin ich wohl eifersüchtig auf dich, / meine Freunde tragen statt Augen Knöpfe von Plüschbären, / haben keinen Mund und zeigen trotzdem Lächeln, / mein Kumpel Zeit, mit dem ich mich bemühe, in Kontakt zu bleiben, / wird mir morgen den Rücken kehren und mich im Rückwärtsgang überfahren, / Slowene bin ich, nimm’s hart, nimm’s easy, / nimm’s so, dass ich dich nicht kenne und du mich nicht kennst – VERPISS DICH !« Fuck, wie schön der Junge all das in Worte fasst, was bei anderen, bei Metaphernmangel und Hirnleere, so langsam vom linken in den rechten Sektor des Kopfes wandert. Alles ist Mind Business, ist N’Toko überzeugt, und nach diesem Prinzip der Dualität, der kompromisslosen zarten Brutalität der Worte fährt auch der Zug zur Parada ljubezni, mit prokreativer Enttäuschung über die männlich geborene testosteronige Verbohrtheit einer androgyn verkorksten Gesellschaft. Khan in Barbi ist eine herrliche Tierfabel, die die homophobe Schwere dieses kleinen abgesteckten Stückchens Universum widerspiegelt, wo die Gesellschaft Homosexualität noch immer verurteilt, wo sich die Familie dafür schämt und ein gefälschtes rechtgläubiges Kompendium von Praktiken und Ritualen des Zeigens verlogener Masken uns allen die Würde des vollen seelischen Wesens raubt. Du bist kein echter Mann, wenn du keine echte Frau bist, und umgekehrt, und du bist kein echter Rapper, wenn du nicht N’Toko bist, und diesem Konsens über das kompromisslose Erfassen des Wesens selbst stimme zumindest ich voll und ganz zu. Einen Mittelweg gibt es nicht, dann folgt die Rückkehr auf die Tokioter Boulevards, die Neonpisten kapitalistischer Naivität und urbaner Ästhetik, wo The Baddest im Auto von Joe le Taxxxi fährt. Der slowenische Teil des Opus dringt tief ein, ohne larpurlatistische Krücken, Hilfen und Abkürzungen. Wir alle sind Fetischisten unserer eigenen verlogenen Freiheit, aber sind wir frei bis zum Amen? Die Welt ist voller Anderer, Momentaufnahmen des leblosen Pluralismus einer entleerten Gesellschaft, N’Toko aber beobachtet und zeigt sie aus der Position des verstrickten ewigen Anderen. Das Publikum folgt konzentriert und aufmerksam, und nach den sanften gitarrig-jazzigen Ausklängen der Klaviertöne des Outros von Joe le Taxxxi folgt der erneute Eintritt in die Welt von Mind Business. Der Ausstieg war nie eine Option, denn das Ganze setzt sich nur fort und baut sich aus, und Mind Business fand schon vor seiner eigenen Taufe statt, vor der Geburt, bei der »Shower Party« in Šiška. Staycation geht weiter mit einem Tritt in den Schritt aller faschistoiden Rotzlöffel, von denen es diesseits der Alpen neben tätowierten Hakenkreuzlern und Verfechtern der Hitler’schen Doktrin leider nicht wenige gibt. Zig Zig ist eine Kritik an allen Ofenhocker-Verfechtern von Intoleranz, Reinblütigkeit, Rechtgläubigkeit, und Parada ljubezni drängt sich als eines der potentesten Werkzeuge aller Systemkritiker in den Vordergrund. Schöne neue Welt, neue Systemordnung, massenhafter Konsum-Blitzkrieg gegen alle anders Denkenden – alles im Namen von Sicherheit, Nation, Privatsphäre, gehorsam unterworfen allen Oligarchen des politischen Bewusstseins. Wir leben für profane leere Ideale, und das Wesentliche geht verloren und wird verwässert. Arbeit macht frei, oder? Wo habt ihr das schon gehört oder gelesen? Der Holocaust kann sich wiederholen und vollzieht sich auf eine Art schon jetzt, die Frage ist nur, auf welcher Seite des Grabens ihr steht oder schon steht, betont N’Toko. Sexy! An Selbstironie und Provokation fehlt es insgesamt nicht, die Frage ist nur, wie viel Sinn für Lachen über sich selbst die slowenische Dorfgemeinde aufbringt. Eben deshalb war ein nostalgischer Sprung ins ferne Jahr 1989 nötig, nach dem der selbsternannte »Minor Star des Abends« Minor Celebrity mit einer vorzüglichen Version des scharfsinnigen Songs Superhuman den Abend mit der Rückkehr zu Parada ljubezni beschließt, mit der provokativen Abschaffung der Idee, der Illusion, seines eigenen Alter Egos mit dem Song N’Toko ne obstaja. Wo AliEn alias Dalaj Eegol die Puste und Kraft ausgeht, überfährt ihn der Meister aus Dolenjska wie ein rasiermesserscharfer Erguss eines in Worte gefassten Gedankenflusses phänomenal; zu Klängen, die an einen Beat der Chemical Brothers erinnern, beschließt er den Abend pompös, überstrahlt vom Bühnenlicht, das den jungen Redner des Genusses vom ersten Moment an beleuchtet, als er die Bühne betritt, und er zieht es in einer Manier durch, die alles andere als halbherzig und reserviert ist; die perfekte, fast erotische musikalische Erfahrung ist eine hervorragende Befriedigung für alle, die zum Konzert gekommen waren, um jenes gewisse Mehr zu suchen, das nur selten voll zuteilwird.

Der große Schlussakt des Abends gehörte nach dem Sprung vom Vardar zum Triglav diesmal einer Band vom Zusammenfluss von Save und Donau. Die Belgrader Träger der neuen serbischen Welle, der Rock-Avantgarde und der serbischen Exzellenz säen als energisches Trio Repetitor seit 2005 eine qualitativ hochwertige Dosis Lärm und den Beigeschmack urbaner Entfremdung der serbischen Hauptstadt, und nach mehrfacher erfolgreicher Besetzung der Herzen und Gedanken Sloweniens findet die Repetition diesmal vor den Augen der gerammelt vollen Halle des Kino Šiška statt, wo schon vor dem Konzert um jeden freien Fußbreit im Parterre vor der Bühne gekämpft wurde. Der hagere Schlaks mit Gitarre, der markante Boris Vlastelica, stellt sich hin, umgeben von zwei markanten Rockerdamen, Schlagzeugerin Ana – Marija Cupin und der energischen Bassistin Milena Milutinović. Nach der Platte Sve što vidim je prvi put von 2008 luden uns die jungen avantgardistischen Noiser, Schüler grungiger Alternativität, letztes Jahr in die Tiefen des zwischenmenschlichen entpersönlichten Ozeans ein. Dobrodošli na okean wurde dem heimischen Publikum vor Monaten auf der Metelkova gut vorgestellt, diesmal wird das Rezept des bewährten Gerichts nur wiederholt. Die Schlagkraft von Fugazi, Sonic Youth auf Testosterontherapie und ein Hauch frühe Nirvana vom Album Bleach konstituieren sich mit dem Song Zdravo za gotovo als Bewegungsimperativ. Boris ist dynamisch, Milena fällt auf die Art von Paz Lechantin mit dem ersten Akkord ohne Vorbehalt in verschwitzte Trance. Ein leicht ausgefranstes lärmendes Kunstwerk, das nach den Neunzigern duftet; nach dem brutalen Tornado des Songs Pokvareni podli widmen sie sich dem aktuellen Song Devojke idu u Minhen. Ein schlagkräftiges Gitarrenriff, zu dem sich auf stonerigem Fundament ohne Zurückhaltung massive Drums und Bass gesellen, erinnert an die grungige Raffinesse und selbstzerstörerische Aufrichtigkeit des verstorbenen Kurt vor 1992. Saft ist reichlich da, und Boris singt: »Ovaj grad nije dovoljno velik ni za jednog od nas!« und setzt damit ein Statement, eine Parole gegen das engstirnige Universum der Verbohrtheit der Bewohner urbaner Asphaltdschungel. Repetitor sind gewaltig und ungeschliffen schön. Opet jak bringt mit dem Spiel von Bass und Drums auf der Zeitleiste zurück in die Zeit des ursprünglichen Debüts, der tanzbare Pogo-Rhythmus aber versetzt die statischen Stalagmiten vor der Bühne in die Phase des allmählichen Spielens mit Beinen, Köpfen und der Idee, dass man bei Repetitor mehr kann, als nur schweigend auf der Stelle über den Sinn des Universums zu intellektualisieren. Repetitor sind das organische Äquivalent zu musikalischer sonischer Vergewaltigung, nach der sich zwischen Distortions und den Schreien des Post-Neue-Welle-Schlags der Belgrader Phalanx alles schnell, ungezügelt, aber trotzdem so bewährt effektiv abspielt. Pukotine sind ein fast gereinigter akustischer tanzbarer sentimentaler Rückgriff in die Zeiten, als Bunker, das einstige unverdorbene K4 und ähnliche Zufluchtsorte herzlicher Geborgenheit voll aktiv, lebendig und fruchtbar waren, dass aber in Repetitors Kompendium nichts leicht und einfach zum Abbeißen ist, zeigt die modernere Fassung des Songs Laka zabava. Der Stoner-Hauch im Schoß von Repetitor ist so angenehm verraucht, köstlich verzerrt und laut, dass das Versprechen, Biću bolji, völlig natürlich und aufrichtig ist. Mit der Rückkehr auf die Müllhalde gesellschaftlicher Disharmonie mit dem Song Ogledalo kehrt das Belgrader Trio auf schlicht gehörte und gefühlte Weise in die Sphären des lautstarken Wechsels von Boris‘ und Milenas Vocals zurück, und das Ganze schlägt wie eine Stahlfaust mitten auf die Stirn ein, ohne Gnade und zartes Vorspiel. Ehrlich verkorkster, lautstarker Rückgriff auf den Erstgeborenen mit einem Schrei nach Vergessen, mit dem Song Sve da zaboravim, saugt unter den Gewölben der Šiška die letzten Atome Sauerstoff weg, die erstickende hohe Stimme der auf der Bühne präsenten und trotz kleinem Wuchs imperativ großen Milena vergrößert den Abstand zwischen linker und rechter Bühnenhälfte, womit der männliche und der weibliche Teil von Repetitor neben Raum für Spiel und bühnische Inszenierung der Entfremdung auch ein markantes körperliches Statement zur Leere des Raums zwischen uns allen abgibt. Repetitor liefern auf urtümliche Garagenart ihre persönliche Bühnenperformance, und die mystische Textur der durchgeschwitzten Körper wird zum echten Body-Art-Exponat. Nichts stört den Rhythmus. Weder der radiofreundlichere Zli sin noch der gesättigtere punkig-kreischende lärmende Neuling Dostupni i laki, dass aber alles rechtzeitig und passend zur Leidenschaftsentladung ist, presst das Trio nach dem Aufbau von Drums, Bass und Gitarre im Song U pravom trenutku auf Melvins-Art auf eine für metropolitane avantgardistische Systemzerstörer völlig passende Weise aus sich heraus. Träume sinken und stürzen laut ein, Repetitor aber schreien auf ihre eigene Art ihr vernichtendes nihilistisches »Fuck off« der Welt entgegen, mit der niemand mit auch nur etwas gesundem Menschenverstand einverstanden ist. Wir verlieren den Kontakt zueinander. Einer hat es geschafft, Izbrisati prijatelja, wir alle aber sind animalische Životinje in einer Welt, die unsere Pustinja ist, so liest sich die Fortsetzung, ich selbst aber dränge mich auf der Suche nach Befriedigung der ausgedörrten Kehle durch das gerammelt volle Geflecht durchgeschwitzter, aber so bizarr statischer Körper zum Ausgang und suche am Tresen Trost für den gnadenlos heraufbeschworenen Zorn. Aus der Halle dröhnen die lärmenden Akkorde dreier, die wie eine einzige riesige Maschine schlachten, dass nach der Ekstase aber zumindest eine halbwegs annähernde Wiederholung möglich ist, beweisen Repetitor wieder in der Manier echter Verteidiger der serbischen Garage.

Das Ganze ist schlagkräftig und weckt wie eine dreifache Dosis Aufputschmittel. Die Achse vom Triglav bis Đevđelija zeigt, dass sich Einheitsbewusstsein, ähnliche Erfahrungen und der Drang nach Träumen, nach Sinn auf drei völlig verschiedene Arten darstellen, ausdrücken und herausschreien lassen. Jeder Vertreter seines Volkes, seines politischen Stammes, strahlt slawische Leidenschaft und Charakter aus, und das Publikum bekommt, woher auch immer es kommt, ein kompakt geschnürtes Paket aus Adrenalin und Alternative, das sich weder kommerziellen Geboten noch den Interessen des Kapitals unterordnet. DIY ist Gebot, ist Lebensweise, ist Doktrin, die nicht ausnahmslos alle Garagen und Zufluchtsorte verdorben hat. DIY ist das Prinzip, nach dem du sein kannst, wer du bist, und stolz darauf – ob du auf die utopische Vorstellung von Sandstränden und Surf, Barrikaden und Molotows und Rap-Lyrik schwörst oder dich auf dekadente Weise Hoffnungslosigkeit, Schmerz und Entfremdung hingibst. Das Konzept ist dasselbe, alles andere sind Nuancen, und hier ist NuYuGo! eine herrliche Collage, ein herrlicher musikalischer »Mindfuck«, mit dem ihr den Begriff Alternative neu konzipieren könnt, der mehr sein kann als Larpurlatismus, als das Spiel mit der Karte der Unfolgsamkeit und Unverständlichkeit, unter der Glut leidenschaftlichen Verglühens aber gibt es genug Zunder für das Erwachen, Wachrütteln der sonst faulen und verschlafenen Welt der Jugend, die oft nicht mit dem eigenen Kopf denkt. Vielleicht braucht es etwas mehr Ausdauer und Wiederholungen, damit es zu einer Veränderung zum Besseren kommt, der Musikmarathon der Dreierpacks vom Vardar bis zum Triglav ist aber definitiv ein Schritt in die richtige Richtung, der ein Upgrade, Ergänzungen und noch die eine oder andere lautere, größere und schlagkräftigere Wiederholung braucht. Diesmal gab es keine Unbefriedigten, die Frage ist aber, was ihr selbst auf dem Konzert zu finden gekommen seid. Ich hoffe, mehr als bloß die Befriedigung der Neugier.

Setlist

MOLOKAI:
1. Gliding Through The Sewers
2. Coralhead
3. Mummies Can’t Surf
4. Attack Of The Radiation Crabs
5. Fujiwhara Effect
6. Duckdiving The Tsunami
7. You Surf, We Send Piranhas
8. Operation Overdrive
9. My Girlfriend Was Kidnapped By Wiki-Tiki
10. Gale Warning

N’TOKO:
1. No breaks
2. Please Die
3. Slovenec sm
4. Mind Business
5. Khan in Barbi
6. The Baddest
7. Joe le Taxxxi
8. Staycation
9. Zig Zig
10. 1989
11. Minor Celebrity
12. Superhuman
13. N’toko ne obstaja

REPETITOR:
1. Zdravo za gotovo
2. Pokvareni podli
3. Devojke idu u Minhen
4. Opet jak
5. Pukotine
6. Laka zabava
7. Biću bolji
8. Nova aktivnost
9. Ogledalo
10. Sve da zaboravim
11. Zli sin
12. Dostupni i laki
13. Nova metal
14. U pravom trenutku
15. Izbrisati prijatelja
16. Životinje
17. Pustinja
18. Slamčica
19. Ja
20. Teško hodam

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