Metaldays 2017 (erster Tag) – die Enttäuschung des größten Festivalsterns

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Ort: Tolmin / Sotočje / Slowenien
Datum: 24.07.2017


Den ersten offiziellen Tag der Metaldays 2017 eröffneten die heimischen Hellcrawler, die auf der neu benannten Boško-Bursać-Bühne (zu Ehren des im vergangenen Jahr verstorbenen legendären Tontechnikers) mit schwedisch klingenden HM-2-Gitarren, aufgedreht auf 11, losgrollten. Die Jungs aus Gorica präsentierten beide Studioalben in bestem Licht und warfen das Publikum in eine postapokalyptische Welt, in der untote Fleischfresser herrschen und aus Jukeboxen erstklassiger Black/Crust/Death’n’Roll dröhnt.

Kurz darauf wurde Tolmin noch von einem zweiten und heftigeren Unwetter des Tages heimgesucht, das die irischen Folk-Metaller Na Cruithne von der Lemmy-Bühne fegte – wobei die britischen The Crawling auf der zweiten Bühne der Stimmungslage ohnehin viel besser entsprachen. Die sorgten nämlich dafür, dass die sowieso schon düstere Atmosphäre mit einem gehörigen Schlag Death/Doom-Metal noch finsterer wurde. Vor allem in den langsameren Passagen und wegen des Gesangs, der an Aaron Stainthorpe erinnerte, kamen The Crawling ihren Landsleuten My Dying Bride recht nahe. Was natürlich keine schlechte Sache ist. The Crawling präsentierten ihren in diesem Jahr erschienenen Erstling Anatomy of Loss in bester Manier und machten auf sich aufmerksam – gerade so weit, dass es sich definitiv lohnt, sie im Auge zu behalten.

Wie bereits erwähnt, hätte die Hauptbühne gerade richtig in Fahrt kommen sollen, als die irischen Folk-Metaller Na Cruithne aus Galway sie betraten. Das gemischte, also männlich-weibliche Sextett, ausgestattet mit Bouzouki und Flöte, fing gerade an, die Essenz seiner musikalischen Vision und Kreativität zu entfalten – eine Mischung aus extremen Spielarten (Black Metal), in die Elemente traditioneller schottischer, irischer und auch bretonischer Musik eingewoben sind –, als eine Wolke aufbrach und das Festivalgelände gnadenlos unter Wasser setzte. Die Leute rannten in Scharen auseinander, und die Band verdrückte sich nicht minder hurtig von der Bühne. Die Bühne erwachte so erst wieder um neun Uhr abends zum Leben, als Iced Earth sie betraten.  Wer die Fellträger aus Irland diesmal ernst genommen hat und eine vollwertige Show sehen wollte, dem das Wetter einen Strich durch die Rechnung machte, muss sich eine andere Gelegenheit suchen; wer die Band aber womöglich im Juni in der Gesellschaft der interessanten Mongolen Nine Treasures und der slowenischen Nachwuchshoffnungen Halcyon Era im Orto Bar erwischt hat, findet darin womöglich zumindest einen kleinen Trost. 

Das heftige Unwetter verschonte leider auch andere Acts auf der großen Bühne nicht, denn nach den bereits zuvor ausgefallenen Xandriahatten auch die finnischen Thrasher Lost Society, deren Auftritt abgesagt wurde, richtig Pech, und die japanischen Heavy-Metal-Veteranen Loudness wurden von der Hauptbühne auf die zweite Bühne verlegt.

Zum Glück beruhigte sich das Wetter einigermaßen vor dem Auftritt der frischgebackenen niederländischen Sensation Dool, zu der unter anderem die ehemalige The Devil’s Blood-Rhythmussektion Micha Haring (Schlagzeug) und Job van de Zande (Bass) zählt, dazu Gold-Gitarrist Nick Polak, angeführt von der charismatischen Sängerin und Gitarristin Ryanne von Dorst. Dool setzen die Geschichte von The Devil’s Blood irgendwie logisch fort, die nach dem Selbstmord von Mastermind Selim Lemouchi zerbrochen waren, mischen in ihrer Musik aber vielleicht noch geschickter Einflüsse aus Hard Rock, Heavy Metal, Pop und Psychedelia, alles stimmungsvoll in die nihilistische Atmosphäre des Black Metal gewickelt. So verdammt viel gute Energie wie Dool auf der Bühne rausgeworfen haben, habe ich schon lange nicht mehr gesehen, und Ryanne ist mit ihrem »au naturelle«-androgynen Auftritt (die Frau mag halt kein Rasieren, na und) wirklich eine erstklassige Frontfrau und Sängerin. Dool spielten den Großteil ihres Erstlings Here Now, There Then, leider öffnete sich der Himmel genau in der Mitte ihres Auftritts, während des kathartischen Oweynagat, wieder apokalyptisch und nässte das Publikum unter der Bühne ordentlich durch. Die reinigende Natur des Wassers verlieh dem Ganzen aber noch mehr Gewicht.

Die zweite Bühne gehörte im weiteren Verlauf den griechischen Thrash-Metal-Revivalisten Suicidal Angels aus dem nicht weniger griechischen Athen. Die Band hatte im vergangenen Jahr ihr aktuelles Studioalbum »Division of Blood« veröffentlicht und das Repertoire entsprechend darauf ausgerichtet, mit dem Schwerpunkt auf neuen Songs. Bei Suicidal Angels gibt es kein Rätselraten. Du kriegst genau das, was du siehst. Und sie weichen nach Jahren kaum von ihrer eingeschlagenen musikalischen Richtung ab. In ihren Kompositionen ist der Einfluss der Thrash-Metal-Titanen Slayer deutlich spürbar. Und die Band legte gleich mit drei Tracks vom Album »Division Of Blood« los, die sie hintereinander runterrasselten.  In ihrem typischen Stil. Vernichtend und kompromisslos. »Suizidal«. Capitals Of War, Division of Blood und Image of the Serpent kamen einer nach dem anderen, und die Besucher fanden schnell jede Menge Sympathien für die Aggressivität und das Feuer, das von der Bühne spuckte – und schufen damit eine außergewöhnliche chemische Interaktion  mit der ohnehin schon völlig wild gewordenen Band. Das Einzige, was bei Suicidal Angels stört, ist der holprige Umgang mit Englisch und die gelegentliche chronische Dosis Generizität, die manchmal aus ihren Gitarrenphrasen weht. Die Band stellte auch den neuen Gitarristen Gus Draxx vor, der im vergangenen Jahr Chris Tsitsis ersetzt hatte. Suicidal Angels sind eine außergewöhnlich gut eingespielte Band. Mehr als offensichtlich ist, dass sie regelmäßig auf Bühnen in Europa und der Welt auftreten. Wenn sie nicht in Tourpakete mit mehreren Bands eingebunden sind, tauchen sie regelmäßig auf europäischen Sommerfestivals auf. Ein vollgepackter Zeitplan für die hartarbeitenden Jungs des griechischen Thrash-Metal-Revivalismus also. Die Band ratterte in vierzig Minuten »Vergnügen«  noch Beggar of Scorn, Bleeding Holocaust, Reborn in Violence, Bloodbath, Mooshing Crew und Apokathilosis raus.

Die kultigen amerikanischen Black- oder, wie sie sich selbst nennen, »mythological occult«-Metaller Absu standen tief in der Schuld des slowenischen Publikums. Denn vor gut einem halben Jahr hatten sie – ohne eigene Schuld – in der Šiška sage und schreibe eine halbe Stunde am Ende eines ohnehin schon langen Abends gespielt. Wahrscheinlich auch deshalb gaben sie diesmal wirklich alles. Der legendäre Proscriptor McGovern hämmerte hinter den Drums wieder wie Animal von den Muppets und knurrte und schrie dabei wie ein tollwütiger Fuchs. Noch viel besser wird das Ganze, wenn ein Roadie Proscriptor an den Drums ablöst und der Schlagzeuger sich in einen Frontmann verwandelt, der in ein rotes Mäntelchen mit Pelzkragen gehüllt ist und – während des bereits erwähnten Knurrens natürlich – die coolsten Tanzbewegungen, Gesten und Grimassen im Black Metal hinlegt, denen vielleicht nur Abbath das Wasser reichen kann. Das texanische Trio funktioniert auf der Bühne wie eine gut geölte Maschine, und ich hoffe, dass ihre erneute Konzertaktivierung bedeutet, dass das Album Abzu, inzwischen schon sechs Jahre alt, bald einen Nachfolger bekommt.

Wegen des durcheinandergewürfelten Zeitplans wurden Loudness vor Absu geschoben, aber ich entschied mich, lieber Iced Earth, echte Veteranen des Tolminer Festivals, in voller Länge zu sehen. Die legendären Amerikaner betraten die Bühne mit akademischer Verspätung und begrüßten das Publikum mit einer Neuheit vom gerade erschienenen Studioalbum Incorruptible, der Ode an die Wikingerhorden Great Heathen Army, die live besser funktionierte als auf dem Album. Leider war der Sound vom ersten bis zum letzten Song katastrophal, was wohl auf technische Probleme mit dem Equipment durch die Regenmassen zurückzuführen ist. Der Sound verbesserte sich zwar von Song zu Song, war aber deutlich zu leise, und auch einzelne Instrumente klangen zeitweise schlecht abgemischt. Iced Earth ließen sich davon kaum stören und bereiteten mit einer außergewöhnlichen Setlist tatsächlich eine der schönsten Überraschungen des Festivals. Sie rasterten nämlich einen Haufen unerwarteter Klassiker runter, angefangen mit Burning Times, fast die Hälfte des Kultalbums The Dark Saga (Dark Saga, I Died For You, Vengeance Is Mine und das abschließende Epos The Hunter) und kehrten mit dem überragenden Pure Evil sogar zu Night of the Stormrider zurück. Die ganze Zeit über begeisterte trotz des schlechten Sounds der außergewöhnliche Stu Block mit toller Stimmform, Schaffers rechte Hand war wie immer zuverlässig, Jake Dreyer führte die Soli mit höchster Souveränität aus (checkt unbedingt seine Stammband Witherfall!), und hinter dem Schlagzeug war es wunderbar, nach längerer Zeit wieder Brent Smedley zu sehen. Die Knie wurden wieder weich bei der immer wunderschönen Watching Over Me, und die Band verabschiedete sich mit dem unvergesslichen The Hunter. Die einzige Schwäche des Iced-Earth-Slots neben dem schlechten Sound? Ein leider um etwa fünfzehn Minuten gekürztes Set.

Die Legenden des japanischen Hard Rock Loudness hätten kurz nach fünf Uhr nachmittags auf der Hauptbühne spielen sollen. Aber wegen des heftigen Unwetters wurden sie auf die zweite Bühne verlegt, und die gewonnene Zeit nutzte man, um auf der Hauptbühne bis ins letzte Detail alles für den Iced-Earth-Auftritt vorzubereiten. Der Loudness-Auftritt verschob sich so auf halb zehn abends, was ihn zwangsläufig mit dem Iced-Earth-Slot überschneiden ließ. Verdammt noch mal. Und diesmal musste man zwei Drittel des Auftritts der erstklassigen amerikanischen Heavy-Metal-Truppe opfern, denn es ist fraglich, ob wir Loudness jemals wieder in Europa zu sehen bekommen, geschweige denn auf Bühnen in Slowenien. Der Loudness-Auftritt galt also als eine der Top-Attraktionen dieser Ausgabe des Tolminer Metaldays-Festivals – etwas, das man auf keinen Fall verpassen durfte. Schon gar nicht, wenn du auf Old-School-Musik stehst. Bei den anfänglichen Problemen, als dem Gitarristen Akira Takasaki der Klinkenanschluss an der Gitarre versagte, sammelte sich die Band trotzdem und startete das Konzert fünf Minuten später. In Loudness spielen heute drei Originalmitglieder, die schon seit der Gründung der Band 1981 zusammen sind: neben dem außergewöhnlichen Gitarrenvirtuosen Akira Takasaki noch Sänger Minoru Niihara und Bassist Masayoshi Yamashita, während Masayuki Suzuki am Schlagzeug sitzt, der 2009 den verstorbenen (und originalen Schlagzeuger) Munetaka Higuchi ersetzte. Mit Ausnahme der zeitweise zu lauten Gitarre lässt sich der Auftritt der Band mit einem Wort bewerten: erstklassig. Es stimmt, dass Minoru nicht mehr die explosive Stimme von früher hat, aber trotzdem. Mit seinem spezifischen Gesangsansatz – bei dem man halt in Kauf nimmt, dass oft nicht ganz klar ist, was Minoru auf Englisch eigentlich singt (aber das ist das Problem aller japanischen Bands, wenn sie sich an englische Texte wagen) – hielt sich der Mann mehr als souverän durch die gesamte Laufzeit des Auftritts. Die Band legte erwartungsgemäß mit dem Klassiker Crazy Nights vom Kultalbum »Thunder in the East« los und blieb bei diesem Album noch für die nächsten zwei Songs und ratterte so zu Beginn noch Like Hell und Heavy Chains runter. Loudness haben in ihrer Karriere ihr letztes Studioalbum vor drei Jahren veröffentlicht. Unter dem Titel »The Sun Will Rise Again« ist es bereits das 26. Studioalbum in ihrer langen Karriere. In der zweiten Konzerthälfte präsentierte die Band von diesem Album den Titelsong mit einem eingängig mitreißenden Refrain. Loudness strahlten während des Konzerts gute Laune aus und bekamen ordentlich Unterstützung vom Publikum, bedankten sich dabei aber in ihrer (inzwischen schon sprichwörtlichen japanischen) Bescheidenheit und Höflichkeit fast schon übertrieben bei der Menge, die sie anfeuerte. Takasaki bleibt ein Meister ohnegleichen. Ein außergewöhnlicher Virtuose. Unglaubliche Technik, Ultraschallgeschwindigkeiten, ein echter kleiner japanischer Malmsteen, vollgepackt mit gitarristischem Neoklassizismus. Gitarrenspiel, das einem den Atem verschlägt. Die Musik schuldet ihre Inspiration natürlich Rainbow.  Die Band schloss das Konzert erwartungsgemäß mit dem »Hurricane«-Klassiker S.D.I. und ratterte noch In the Mirror, Rock Shock und Crazy Doctor runter. Der Auftritt war intensiv, voller Emotionen. Legenden des japanischen Hard Rock sieht man nicht jeden Tag! Bombe, Unwetter, Blitz und noch mehr! Aus dem Osten also. Hoffen wir, dass wir ihnen durch irgendein Wunder noch einmal begegnen.

Die Rolle des Hauptheadliners auf der großen Bühne am ersten Festivaltag fiel der Ikone der musikalischen Exzentrizität und Schockprovokation zu. Marilyn Manson ist ein Mann, der über die Jahre eine außergewöhnliche Mischung aus wiedererkennbarer und einzigartiger Artkultur entwickelt hat. Eine einzigartige Mischung aus Alternative Rock und Alternative Metal, in der Industrial-Einflüsse ihren festen Platz haben, mit prunkendem Theater und Düsternis, und in all das weben sich Elemente des »schwarzen«, wenn nicht sogar »gothischen« Glams. Herrlich »verzerrter« Rock’n’Roll voller verkommener künstlerischer Abweichungen mit tief und fett gestimmten Gitarrenphrasen, unterlegt mit zusätzlichem subrhythmischen Sampling, das einen hypnotischen Rausch erzeugt, in dem das Publikum in der Regel wie selbstverständlich aus der Hand der charismatischen Gestalt des monströsen Mansons frisst.  Nun, all das, was Brian Hugh Warner mit seiner Crew zum Tolminer Metaldays-Festival mitbringen sollte, wurde diesmal nicht abgeliefert, wie man es von einer solchen Musikinstitution erwarten (und fordern) kann.  Die Band, die gerade ihr neues und insgesamt fünfzehntes Studioalbum mit dem Titel »Heaven Upside Down« veröffentlicht hatte, trat in Tolmin als Sextett auf. Manson wird in der Konzertbesetzung begleitet vom »ewigen« Twiggy Ramirez, der für die neue Ära der Band von der Gitarre auf den Bass gewechselt hat, den Neuzugängen an den Gitarren Paul Wiley und Tyler Bates, Keyboarder Daniel Fox sowie Schlagzeuger Gil Sharone.

Klar, Marilyn Manson galten als die absolute artistische Besonderheit des Programms beim diesjährigen Metaldays-Festival, und sie weichen stilistisch meilenweit von dem ab, weswegen die große Mehrheit der Besucher zu diesem Festival kommt – aber trotzdem hätte sich die Band ungeachtet der mauen Resonanz des zwar zahlreichen Publikums, das das Konzert verfolgte, nicht so starallürig, arrogant und überheblich verhalten müssen. Das Konzert endete nämlich nach gut einer Stunde. Manson bemühte sich eine Weile mit seinen typischen Tricks, das Publikum aufzurütteln und aufzuwecken, aber vergeblich. Die Resonanz war wirklich mau, obwohl das Publikum den Abend sichtlich genoss. Marilyn Manson spürte diese Lahmheit schnell und fing an, sich reichlich formell zu geben. Gerade so viel, wie nötig ist, um noch ein Konzert und ein paar raschelnde Scheine einzusacken. Aus den Impulsen blanker professioneller Routine.  Die Bühnenshow brachte einen riesigen Thron auf die Bühne, auf dem Manson herrisch herumkletterte und spazierte, und natürlich durfte das erneute »Abrechnen« mit dem Mikrofonständer nicht fehlen. Der Auftritt als Ganzes war nicht das, was wir von Manson erwartet hatten. »Der Star« kürzte ihn also ab. Nachdem er den regulären Teil mit einem obligatorischen Cover des Eurythmics-Songs Sweet Dreams abgeschlossen hatte, kehrte er für die Zugabe in einem roten Kleid zurück – und das für gerade einen einzigen Song. Beautiful People. Danach verließ er wortlos und hastig die Bühne. Das tat er so unerwartet, dass er sogar seine Bühnenkollegen verwirrte, die einen Moment reglos auf der Bühne standen, bevor sie tatsächlich begriffen, dass ihr Anführer sich dauerhaft in die Kulissen zurückgezogen hatte. Über die Korrektheit und Souveränität einer solchen Pose gegenüber den Besuchern wollen wir hier nicht weiter philosophieren, aber der Mann kann sich solche Sachen offensichtlich leisten. Ein Konzert, das schnell in Vergessenheit geraten wird, und ein Auftritt, der eine der größten Enttäuschungen des gesamten Festivals brachte. Es ist klar, dass Marilyn Manson mehr und Besseres liefern können. Aber man wird auf den Herbstteil der Tournee warten müssen, im Rahmen derer sie auch Wien besuchen. Mehr Spaß und Glück also beim nächsten Mal. Bei alldem bleibt Marilyn Manson, der nach der Rehabilitation und Reinigung eine beachtliche Menge überflüssiger Kilos angesammelt hat, ein höchst besonderer, markanter und charismatischer Künstler, der mit seinem Genie und seiner Visionarität weiterhin erstklassige musikalische Provokation liefert.

Für den wahrhaft unbestrittenen Höhepunkt des ersten Tages sorgten die mysteriösen polnischen Black-Metaller Batushka, was die Tatsache bestätigt, dass sie vor einem vollgestopften Publikum auf der zweiten Bühne spielten. Angeblich sollen sich die polnischen Liturgiker sage und schreibe sechstausend Leute angeschaut haben. Aber trotz der geheimnisvollen Gewänder, der Anonymität der Bandmitglieder (Gerüchten zufolge sollen in der Band Mitglieder polnischer Bands wie Hate, Mgla und Behemoth spielen) und der scheinbaren Unvereinbarkeit orthodoxer Ikonografie mit Black Metal hatten Batushka schon im Januar in der Cvetličarna begeistert, wo sie bewiesen, dass sie mehr als nur eine »Gimmick«-Band sind. Diesmal bestätigten sie das nur noch einmal, denn die Kraft ihres mit orthodoxen Gesängen verflochtenen Black Metals unter freiem Himmel kam noch stärker zum Ausdruck. Batushka kam auch der erstklassige Sound zugute, vor allem der Gitarrensound war zum Fingerlecken. Wenn ich mich nicht irre, spielte die Band auch einiges an neuem Material, das auf dem kommenden Studioalbum seinen Platz finden wird; ansonsten servierten sie erneut den Großteil ihres Erstlings Litourgiya, und die orthodoxen Black-Metal-Gesänge hallten noch lange in der Nacht in den Ohren des zahlreichen Publikums nach.

Wer die energetische Sparsamkeit von Mansons diesmaligem Show genossen hatte und auch der Batushka-Auftritt ihn nicht vollends befriedigt hatte, musste sich unbedingt die Old-School-NWOBHM-Soundterroristen Venom Inc. ansehen. Ja. Das sind Venom »mit Fehler« im Namen und trotzdem Venom. Derzeit existieren nämlich zwei Bands namens Venom, in beiden befinden sich Gründungs- und Originalmitglieder der Band, die auch Mitautoren der Kultklassiker sind. Während Venom von Conrad Lant, bekannt als Kronos, angeführt werden, nennen sich die anderen Venom Inc., und in deren Reihen stehen von den originalen Venom-Mitgliedern Gitarrist Jeff Dunn a.k.a. Mantas und Schlagzeuger Anthony Bray a.k.a. Abaddon. Der dritte »Sünder« dieses Trios ist genau derjenige, der 1989 bei der Band Venom für drei Alben Kronos als Bassist und Sänger ablöste. Das ist Tony Dolan a.k.a. The Demolition Man. Und dieses Trio lieferte tatsächlich das bravouröse und erstklassige Konzert-Schmankerl des ersten Festivaltags. Von der ersten bis zur letzten Sekunde knallten sie Klassiker für Klassiker aus dem Venom-Repertoire. Dolan bleibt ein erstklassiger Kronos-Ersatz. Angefangen bei den Bühnenbewegungen, Gesten und Grimassen (Fratzen), die er beim Konzert rausknallt, inklusive des ständigen Zungenherausstreckens, bis hin zur natürlich unglaublichen stimmlichen Kronos-Annäherung voller Rauheit und nicht zuletzt einer erstklassigen Bewaffnung mit echtem schwarzen Humor, wie man ihn nur auf der britischen Insel trifft. Das Trio war auch im Old-School-Bühnen-»Outfit« gekleidet, und der Auftritt selbst schoss den Veranstaltungsort regelrecht zurück in die frühen Achtziger, als Metal ein junges Kind des musikalischen Universums war. Authentischer hätte es kaum sein können.

Natürlich rasterten die Jungs die Klassiker der ersten beiden Alben Black Metal (Leave Me in Hell, Black Metal, Don’t Burn The Witch, Buried Alive, Countless Bathory) und Welcome To Hell (Sons Of Satan, Live Like an Angel (Die Like a Devil), In League With Satan, Witching Hour) runter und fügten dazu noch einige andere Leckerbissen hinzu, wie etwa Rip Ride als Opener vom dritten Album »At War With Satan« sowie die verlorenen Klassiker aus der Entstehungszeit dieses Albums, nämlich Warhead und Seven Gates Of Hell, und ebenso beide Seiten der 1982 veröffentlichten Single »Bloodlust« (Bloodlust, In Nomine Satanas). Die Gruppe, die am 11.08.2017 ihr Studioalbum mit dem Titel »Ave« herausbringt, präsentierte so auch den brandneuen Song Ave Satanas.  Der Pakt mit dem Teufel hält also, und an diesen blutigen und brüderlichen Schwüren haftet nicht ein Hauch von Altersrost oder Schimmel. Das Trio entfaltet eine tödliche Bühnengiftigkeit. Erstklassiger Old-School-Sound. Brillante Kommunikation. Enge Zusammenarbeit des Publikums mit dem Trio. Bis zur letzten Sekunde des Auftritts. Das Publikum rief die Band gleich dreimal zurück auf die Bühne, und die Nacht wirkte, als würde sie nie enden. Einen schöneren Abschluss des ersten Tages des Metaldays-Festivals 2017 hätte man sich kaum wünschen können. Überhaupt – Hüter des traditionellen Erbes der Old-School-Schule und des im Hinblick auf das Werk der Gruppe Venom inzwischen geradezu kultigen Metallhandwerks. Es lebe die Hölle und Satan! 

Nina Grad (Fotos): The Crawling, Dool, Suicidal Angels, Absu, Iced Earth, Marilyn Manson Batushka
Rok Klemše
: Hellcrawler, The Crawling, Dool, Absu, Batushka, Iced Earth
Aleš Podbrežnik: Na Cruithne, Suicidal Angels, Loudness, Marilyn Manson, Venom Inc.
Klemen Udovč (Fotos): Avven, Vasectomy


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