Die zweistündige Landung des interstellaren Raumschiffs Kraftwerk in Ljubljana (2018)

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Ort: Ljubljana / Dvorana Tivoli (Mala dvorana) / Slowenien
Datum: 22.02.2018


Zeit, was ist Zeit? Eigentlich gibt es sie nicht. Ein aufrichtiger Künstler kennt sie nicht und erkennt sie auch nicht an. Erst recht, wenn man auf das Düsseldorfer Musikmonstrum Kraftwerk trifft, eine Band, die – man glaubt es kaum – seit Anfang der Siebziger aktiv ist und die mit ihren revolutionären Alben ab 1974 (im Hinblick auf die globale musikalische Evolution) mehrere Epochen in die Zukunft übersprungen hat und dabei prophetisch den Lebensstil vorhergesagt hat, den wir heute leben und der sich weiter in die Zukunft hinein entfaltet. Kraftwerk sind tatsächlich, ganz so wie es das Raumschiff in ihrer Bühnenchoreografie vorgibt, aus einer anderen Zeit und einem anderen Raum in Ljubljana angekommen – aus der Galaxie der Zukunft, die für zwei Stunden in Ljubljana zur Gegenwart wurde, oder zur überaus greifbaren Abbildung von etwas, das erst noch geschehen wird. Wer hätte gedacht, dass Computer Love, 1981 entstanden, in der neuen Zeit so aktuell werden würde. Zur Zeit seiner Entstehung dachte niemand an virtuelle Liebe, die heute im Netz etwas völlig Alltägliches ist. Die Entmenschlichung und die Fusion von Maschine und Mensch vollzieht sich also. Wenn man die schon etliche Jahre andauernde Lethargie und Kälte Ljubljanas beobachtet, die Entfremdung vor allem der Schülergeneration, die mit dem Schaltkreis ihrer Taschenandroids verschmilzt, sind all diese Assoziationen grausam. Die Geißel Gottes. Kraftwerk, das zeitlose Phänomen, hat sich nicht nur als große Innovationsfigur auf der Musikszene der Galaxie erwiesen, sondern auch als prophetische. Und diese Prophezeiung vollzieht sich weiterhin.

Sie waren nicht das einzige hochintelligente Musikkollektiv, das Ende der Sechziger in Westdeutschland auftauchte. Da waren auch Faust, Can, Amon Düül, Neu! und eine ganze Reihe weiterer Visionäre, die mit ihrem unerschrocken avantgardistischen Geist ein neues Genre der »kosmischen Musik« auf die Beine stellten (die britische Prägung »Krautrock« galt diesen deutschen Intellektuellen als »gotteslästerlich« und wurde als Schändung ihrer Kunst aufgefasst) – doch die Düsseldorfer Pioniere haben in ihrem klanglichen Kling Klang-Labor, wo sie völlig neue Instrumente selbst zusammenbauen mussten, darunter Vocoder, Modulare und Synthesizer, in ihrer revolutionären Nomenklatur der Klangverzerrung mit dem bahnbrechenden »Autobahn« (1974) als erste tatsächlich die Türen weit aufgestoßen für den Aufstieg der elektronischen Musik. In all ihren »post Kraftwerk«-Sphären der Evolution. Beziehungsweise in der »evolutionären Jagd« der Kraftwerk-Doktrin.

Die Jahre vergehen, neue Studioalben von Kraftwerk gibt es schon lange nicht mehr, doch die Band tritt durch die Jahre regelmäßig auf Bühnen auf und verfeinert und erweitert dabei die Arrangements ihrer Musik. Dazu kümmert sie sich auch um die Visualisierung der Konzerte, die ihre spektakulären Auftritte begleitet. Nach den ausverkauften Križanke im Jahr 2004 haben Kraftwerk nach 14 Jahren in ähnlicher, aber noch größerer Zahl auch die Mala dvorana der Hala Tivoli gefüllt!

Die Band hat im vergangenen Jahr einen umfangreichen Katalog von acht Konzert-CDs mit dem Titel »3-D The Catalogue« veröffentlicht, dem sie auch die diesjährige »3-D«-Konzerttournee untergeordnet hat. Auch Ljubljana hat nach einer längeren Durststrecke – zuletzt drängten wir uns im Oktober des Vorjahres in der Arena, wo Nick Cave auftrat – mit der Ankunft von Kraftwerk ein neues, klangvolleres Musikspektakel erhalten, bei dem sich tatsächlich wieder eine neue Vielfache von tausend Menschen versammelt hat. Jede Menge Besucher aus Italien, Kroatien, auch aus der Umgebung des österreichischen Villach und Klagenfurt, aber eine Klientel, der ich als »verkrampfter Gitarrenkonzert-Besucher« grundsätzlich nur selten begegne. Viele Leute im Parkett aber wieder nur, um dabei zu sein. Sprich: Android in der Hand, beschäftigt mit allem Möglichen – nur nicht damit, das Konzert der legendären Band zu verfolgen, nein.

Zwei Stunden Hypnose. Eine riesige Leinwand mit außergewöhnlichen Visualisierungen, kombiniert – ihr habt’s erraten – mit dem musikalischen Artismus der Band. Eine himmlische Übereinstimmung zweier Welten! Der akustischen und der visuellen. Nach streng deutscher Manier. Im Nu laufen einem sämtliche Filme über Musikgeschichten ab, bis hin zu Laibach und Rammstein, und sehr wahrscheinlich hat unser Karate-Meister Miha Kralj dieses Konzert keinesfalls verpasst. Die Empfindungen, die man bei einem Konzert von Kraftwerk erlebt, sind natürlich einerseits zutiefst nostalgisch (sofern man Anfang der Siebziger geboren wurde), doch Kraftwerk werden gerade in der neuen Zeit von Jahr zu Jahr immer grotesker unterhaltsam, denn sie berühren mit ihrer Präsenz und ihrem Vermächtnis die Anfänge der Digitalisierung, was etwa primitive Computer und Formen der ersten digitalen Aufzeichnungen auf der Leinwand zeigen. In die echten Siebziger aber katapultieren dich vor allem die Visualisierungen bei Autobahn, wo du mühelos Teil des Volkswagen-Käfers und eines Mercedes wirst, wie er einst von unserem längst verstorbenen Marschall gefahren wurde – und natürlich vom ehemaligen deutschen Bundeskanzler Helmut Kohl. Und auf einer dritten Ebene sind Kraftwerk etwa mit den Stücken Radioactivity, Computer Love und The Robots umso mehr aktuelle Boten der neuen Wirklichkeit der modernen Gesellschaftsordnung, die sie prophetisch vorhergesagt haben! Ihr nicht selten bizarrer Minimalismus erzeugt eigentlich sein Gegenteil. Er greift in den »Maximalismus« über. Ein Spaziergang durch alle Epochen und alle zehn Alben der Band, wobei manche überraschte, dass The Model in der ersten Konzerthälfte gespielt wurde – doch Kraftwerk wollten das Konzertmaterial möglichst in einer sinnvoll konzeptualisierten Abfolge präsentieren, zum Teil auch im Sinne der chronologischen Evolution ihrer Kultalben.

Die Band hat also die Arrangements der Originale durch die Jahre bereichert, erweitert und das Klangerlebnis »veredelt«. Die Bässe wurden mit einer solchen Intensität betont, dass man ein Zittern im Magen spürte. Das Stück Das Model beziehungsweise The Model etwa erklang im Vergleich zum Original in einer deutlich knapperen, fast sinfonischen Nomenklatur, und generell haben die Stücke durch die Jahre noch mehr Affinität zu Tanzschritten gewonnen. Sie haben also durch die Jahre eine noch größere rhythmische Durchdringlichkeit gewonnen!

Ralf Hütter, Henning Schmitz, Fritz Hilpert und Falk Grieffenhagen bleiben nach fast fünf Jahrzehnten musikalischer Revolution mit ihrem interstellaren Raumschiff weiterhin das große Musikphänomen der Zukunft! Und weiterhin eine musikalische Revolution! Was das Konzerterlebnis betrifft, ist der Besuch ihres Konzerts in jeder Hinsicht eine Pflicht für jeden Erdenbürger und ein Genuss, der jede Sünde wert ist. Ob du ihr Fan bist oder ein absoluter musikalischer Laie. Ein Erlebnis, das dich aufweckt, wachrüttelt und dich nicht nur für zwei Stunden in eine eigenwillige Welt jenseits der Realität entführt, sondern auch Bewusstsein, Sinne und die intuitive Innenwelt öffnet und erweitert.

Ahhh…. und nebenbei, falls es jemanden interessiert. Sexy Brillchen. 3-D-Brillen! Das obligatorische Requisit, das man am Eingang zur Halle und zum Konzert der Band bekam! Fast wäre es mir entfallen.

Autor: Aleš Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik


Setlist:

1. Numbers / Computer World
2. It’s More Fun to Compute / Home Computer
3. Computer Love
4. The Man Machine
5. Spacelab
6. The Model
7. Neon Lights
8. Autobahn
9. Airwaves
10. Geiger Counter / Radioactivity
11. Electric Café
12. Tour De France / Prologue / Etape 1 / Chrono / Etape 2
13. Trans Europe Express / Metal on Metal / Abzug
—Zugabe I.—
14. The Robots
—Zugabe II.—
15. Aéro Dynamik
16. Planet of Visions
17. Boing Boom Tschak / Techno Pop / Music Non Stop


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