Brutal Assault 2013 (erster Tag) – kaltes Aufwärmen und heißer Start!

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Autor: Rok Klemše
Fotos: Nina Grad

Ort: Vojenska pevnost Josefov / Jaromer / Tschechien
Konzertdatum: 08.08.2013
Besucherzahl: 15.000

Tschechien. Das Land des Bieres, der Würste und unsere ehemaligen Kollegen hinter dem Eisernen Vorhang. Aber Tschechien ist auch die Heimat eines der größten europäischen Festivals des Extreme Metal, Brutal Assault, das heuer bereits seine achtzehnte Auflage erlebt hat. Ja, das Gelände der ehemaligen preußischen Militärfestung sorgt Jahr für Jahr für ein unglaubliches Aufgebot an Bands, und die Pilgerfahrt in das kleine tschechische Städtchen ist allein deshalb jedes Jahr unvermeidlich.

Das offizielle Programm des Brutal Assault wird seit einigen Jahren durch einen ebenfalls offiziellen »Warm-up«-Abend ergänzt, der anfangs nur tschechische und polnische Bands bot, sein Angebot aber bald um klangvollere Namen erweiterte. Letztes Jahr heizten zum Beispiel Anaal Nathrakh ein, dieses Jahr niemand anderes als die Bay-Area-Thrash-Metal-Veteranen Testament. Doch schon vor ihnen prägten die Auftritte der amerikanischen Death-Metal-Band Jungle Rot, der kroatischen Groove-Metal-Band E.N.D. sowie der tschechischen Helden Malignant Tumour den Mittwochabend.

Letztere betraten die Bühne um neun Uhr abends – und das vor einem fast bis auf den letzten Platz gefüllten Gelände. Wenn eins stimmt, dann dass das tschechische Publikum wirklich treu ist, was sich auch in den folgenden Tagen zeigte, als selbst Bands, die früh am Vormittag spielten, schon mehrere Hundert Leute vor der Bühne hatten. Nun, Malignant Tumour sind offensichtlich die lokalen tschechischen Metal-Granden – so treues Publikum hatten im weiteren Verlauf des Festivals kaum mehr Bands. Aber wie alles andere in Tschechien sind auch Malignant Tumour… na ja, eben tschechisch. Ihre Version des »Grind« klingt nämlich wie eine billige, generische Kopie von Motörhead, und die Songs sind so eintönig und einander ähnlich wie ein Ei dem anderen. Obendrein plapperte Frontmann Bilos die ganze Zeit ignorant ausschließlich auf Tschechisch (oder eben wie 95 % der Tschechen kein einziges Wort Englisch) und reihte dreihundert Rufe »Kurva!« aneinander – offenbar die tschechische und noch nervigere Variante unseres Marjan. Das einzig Aufregende am Konzert von Malignant Tumour war die Pyrotechnik-Show, die sich das Quartett gönnte, als wären sie vom Kaliber einer Stadionband wie Metallica.

Aber der eigentliche Grund für den Besuch des Mittwoch-Warm-ups waren die amerikanischen Thrash-Schwergewichte Testament, die mit ihrem Schaffen nach dem »Come-back«-Album The Formation of Damnation die (selbsternannte) große Thrash-Viererbande locker im Staub zurücklassen. Beweis dafür ist das hervorragende, noch aktuelle Album Dark Roots of Earth sowie die energetischen und explosiven Konzerte, die Chuck Billy und seine Thrash-Kameraden wie am Fließband abliefern. So hätte auch das Konzert beim Brutal Assault sein sollen – doch die hochgesteckten Erwartungen zerplatzten schon bei den ersten gespielten Tönen wie eine Seifenblase. Nicht nur war der Sound so schlecht, dass man Testament auf der großen Bühne leicht mit einer schlechten tschechischen Grind-Band in einer lokalen Spelunke hätte verwechseln können – noch trauriger war, dass die Band wirkte, als wäre sie bei einer schlechten Probe. Enttäuschend war vor allem »chief« Chuck Billy, der wirklich schlecht und unüberzeugend sang, die Wörter regelrecht verschluckte und obendrein noch die Texte vergaß. Auch wenn die Band instrumental noch ihrem Namen gerecht wurde, war zu spüren, dass Testament das Konzert mit links angegangen ist – oder sich wegen des schlechten Sounds gar nicht erst bemüht hat, richtig loszulegen (selbst die sprichwörtlich unfehlbare Atomuhr, Schlagzeuger Gene Hoglan, patzte). Angesichts der abgenutzten Setlist, die Testament abgesehen von Songs der neuen Platte seit Jahren herunterleiern, überzeugte wirklich nur der brutale Eric Peterson – nicht nur wegen der soliden Rhythmusbasis, sondern vor allem wegen der abwechslungsreichen Black-Metal-Vocals, die er offenbar aus seinem Nebenprojekt Dragonlord zu Testament mitgebracht hat. Ich hoffe, für Testament gilt: Selbst den Größten geht manchmal was schief…

Nach dem Warm-up, das man vor allem wegen des miserablen Testament-Auftritts so schnell wie möglich aus dem Gedächtnis spülen möchte, brachte der Donnerstag endlich den echten, offiziellen Start. Brutal Assault ist ein Festival, das im Gegensatz zu den meisten vergleichbaren schon früh am Morgen interessante, manchmal auch große, auf jeden Fall aber exklusive Namen bietet. Viel Zeit für ein (flüssiges) Frühstück blieb da bereits am Donnerstag nicht, denn mittags betrat die Tokioter Death/Doom-Metal-Godzilla Coffins die Bühne. Das brutale japanische Quartett betrat die Bühne trotz großer Verspätung unter lautem Jubel des Publikums und zermahlte Josefov in einer halben Stunde mit einer primitiven, aber höllisch wirkungsvollen Mischung aus infernalischem Death Metal und pervertierter Doom-Metal-Schwere. Coffins klangen wie oldschooliger schwedischer Death Metal auf Steroiden, vor allem dank der unmenschlichen Vocals von Frontmann Ryo. Er sprach wenig – und das wenige, was er sagte, war in gebrochenem Englisch à la Jackie Chan vor dessen Hollywood-Karriere –, knurrte dafür aber umso mehr, was noch monströser wirkte dank der doppelten Backing-Vocals von Bassist Koree und Gitarrist Uchin. Positive Überraschung des Tages!

Auch die direkte Fortsetzung war ganz nach dem Geschmack der Death-Metal-Fans, nur klang dieser weniger primitiv und technischer. Die Nebenbühne besetzten nämlich die Amerikaner Decrepit Birth, angeführt von Frontmann Bill Robinson, den wir bei uns vor einigen Monaten mit Suffocation gesehen hatten, wo er Frank Mullen mit mäßigem (Nicht-)Erfolg vertrat. Robinson fühlt sich in seiner Stammband offensichtlich viel wohler: Er beherrschte die Bühne, animierte das Publikum gekonnt mit unterhaltsamen Ansagen und überzeugte auch mit einer starken, brutal abwechslungsreichen Gesangsdarbietung (Robinson brutalisierte vokal so, wie sein filmischer Namensvetter in Stephen Kings kultiger B-Trash-Horrorshow Maximum Overdrive alles Mechanische vernichtete). Vor allem aber ist es schön zu hören, dass Decrepit Birth keine dieser »technischen« Metal-Bands sind, die sich hauptsächlich auf Gitarren-Masturbation verlassen und in den letzten Jahren wie Pilze aus dem Boden geschossen sind. Die Amerikaner sind nämlich in erster Linie eine Death-Metal-Band, die ihren Death Metal aber mit vielen Rhythmus- und Tempowechseln sowie unvorhersehbaren und dynamischen Songstrukturen bereichert. Decrepit Birth waren für Fans des technischen Death Metal das Sahnehäubchen, und die Kinnladen musste man sich vor allem wegen des fantastischen Schlagzeugspielens von Samuel Paulicelli zusammenhalten. Der bot nicht nur technisch beeindruckende Übergänge und Blast Beats, sondern auch zahlreiche atemraubende Nuancen – sein Können bewies er vor allem am Ende mit einer phänomenalen Darbietung des Death-Klassikers Crystal Mountain, bei der er spielerisch Gene Hoglans Schuhe füllte. 

Die Schweden Dr. Living Dead!, als Schädel mit »Gangsta«-Tüchern verkleidet, überraschten im Anschluss mit einer energetischen, mitreißenden und lebendigen Mischung aus Thrash Metal und Hardcore. Der treibende Crossover brachte die immer zahlreichere Menge vor der Bühne auf die Beine – interessant dabei: Hinter dem Schlagzeug, unter dem Spitznamen Dr. Dawn verborgen, sitzt Thomas Daun, ehemaliger Schlagzeuger von Dismember und Insision (wo lange Jahre auch Daniel Ekeroth tätig war, Autor des Buches Swedish Death Metal).

Für einen der musikalisch aufregendsten und unvergesslichsten Momente sorgten zweifellos die Chicagoer Veteranen Novembers Doom. Auch mit ihnen bewies Brutal Assault, dass es sich vollständige Exklusivitäten leisten kann – denn das war der einzige Europa-Auftritt der Band in diesem Zeitraum, und obendrein spielten die amerikanischen Urgesteine des Death/Doom Metal am Samstag noch ein exklusives Akustikkonzert. Ihr erster Auftritt beim Festival seit 2009 verlief aber im brutaleren Geiste – Novembers Doom streiften in drei Viertel Stunden vor allem das aktuelle Studio-Meisterwerk Aphotic. In ihren Auftritt führten einen die unheimlichen, düsteren und melancholischen Violinen des Intros des achtminütigen Epos The Dark Host. Novembers Doom waren eine der wenigen Bands des gesamten Festivals, der es gelang, einen wirklich optimalen Sound hinzubekommen – und die Jungs hüllten den Festungshof spektakulär, trotz brennender Sonne, in eine Wolke depressiver Dunkelheit. Novembers Doom verstehen es fantastisch, eine Atmosphäre des Verderbens aufzubauen – dafür verantwortlich ist vor allem die brillante Steigerung der Songs sowie der geniale Wechsel zwischen reinen Death-Metal-Passagen und ruhigen, gefühlvollen und morbiden langsamen Teilen. Ikonen-Frontmann Paul Kuhr ist mit seiner Präsenz zweifellos die zentrale Figur auf der Bühne – doch Kuhr ist kein bloßer Hampelmann: Gerade er ist mit seinen persönlich bekenntnishaften Texten und der bewegenden, zugleich rohen und aggressiven Gesangsdarbietung der Hauptverantwortliche für die Brillanz der Band. Pauls Kombination aus tierischen Growls und zarten, fast sirenhaften Cleansängen wird nur von Namen wie Dan Swanö und Mikael Akerfeldt annähernd erreicht – und es ist wirklich unglaublich, wie gut beide Welten von Novembers Doom zusammenwirken und sich ergänzen. Nicht fehlen durften freilich die verlässlichen Backing-Vocals von Gitarrist Larry Roberts, und auch der junge Schlagzeuger Garry Naples schlug sich hervorragend und trat überzeugend in Sasha Horns Fußstapfen. Der charismatische Kuhr lotste das aufgeheizte Publikum noch auf Into Night’s Requiem Infernal mit dem episch-schweren I Hurt Those I Adore und auf The Pale Haunt Departure mit Dark World Burden – für das allzu schnelle Ende sorgten Novembers Doom dann mit dem Klassiker Rain (Regen riefen sie damit zwar nicht herbei, doch am nächsten Tag wurden wir ordentlich nass). Die Amerikaner bereiteten zweifellos eine der besten und schönsten Vorstellungen des Festivals – und wirklich berechtigt ist die Frage, wie es möglich ist, dass eine Band wie Novembers Doom so ungerecht übersehen bleibt. Es ist sehr schade, dass sich die Band auch aufgrund der schweren Erkrankung des Sängers keine längeren Europa-Aufenthalte leisten kann – aber gerade deshalb brennt sich ein Konzert wie dieses umso stärker ins Gedächtnis ein.

Das wunderbare Donnerstagswetter war wie gemacht zum Ausruhen an den zahlreichen »Relaxation«-Plätzen, die das Festival bietet – den Durst löschte man natürlich mit Budvar Budweiser (leider ist das Bierangebot auf dem Festival selbst mit dem neuen Sponsor nicht mehr so vielfältig wie früher). Kurz warf man Augen und Ohren auf das amerikanische Trio PHILM, das der legendäre Dave Lombardo (Slayer) anführt. Damit hört es mit dem Interessanten an der Band aber auch schon auf. PHILM ist nämlich so ein seltsamer, experimenteller Versuch, der einem einfach nicht in die Ohren will. Schön ist es, Lombardo in Aktion zu sehen – das ist aber auch schon alles.

Vor die Bühne trieb uns am späten Nachmittag wieder die Lust auf das Abschlachten von Müttern und die Sodomisierung von Hündchen – oder wie es der Klassiker der legendären amerikanischen Death-Metal-Band aus Maryland sagt, Dying Fetus – Kill Your Mother, Rape Your Dog. Die Amerikaner, die zuletzt auf einem unaufhaltbaren Konzertfeldzug sind, lieferten eines der besten Konzerte des Festivals – Zeichen des Nachlassens kennt das Trio einfach nicht. Die Band nähert sich ihrem 20. Jahrestag, und das allein dank des unermüdlichen Willens des einzigen verbliebenen Originalmitglieds John Gallagher. In der Band haben sich in all den Jahren so viele Mitglieder abgewechselt, dass man keine Finger mehr zum Zählen hätte – heute treten Dying Fetus als Trio auf. Was Gallagher, Sean Beasley (Bass) und Trey Williams (Schlagzeug) aber kein bisschen anzumerken ist. Die Band hat letztes Jahr mit Reign Supreme eines der besten Alben ihrer Karriere veröffentlicht, und die Bühne explodierte unter dem Gewicht der brutalen Riffs bereits nach den ersten Tönen – Beweis, dass schon drei Personen den Lärm des Urknalls erzeugen können. Die Eingespieltheit der Band ist phänomenal – bei Dying Fetus gibt es schlicht keinen Platz für Fehler, auch wenn die Jungs manchmal horrend komplex werden können. Das Klangbild der Band war perfekt! In den Vordergrund gerückt wurde Williams‘ unmenschliches Schlagzeugspiel mit der vollen Palette bis ins Detail ausgearbeiteter Übergänge und teuflisch schnellem Bassdrum-Geballer. Gallagher sorgte währenddessen für Gehacke und Geschnetzeltes mit fantastischen Riffs und höllisch guten Soli, denen Beasley mit seinem „blunt force“-Bassen spielend und mit unglaublicher Geschicklichkeit folgte – das Duo lieferte obendrein noch ein dämonisches Vokalduett. Gallagher hat durch seine diesjährige Vertretung für Frank Mullen in Suffocation offensichtlich auch seine Position als Frontmann verbessert – er steht nicht mehr nur da wie ein Ölgötze, bewegt sich etwas mehr, und auch die Kommunikation mit dem Publikum ist besser geworden. Aber Dying Fetus vergeudeten keine Zeit mit überflüssigem Gerede – sie kamen, spielten und gingen.

Beim Übergang vom Tag in die Nacht lieferte bei fantastischer Atmosphäre eine der besten neueren Metal-Bands der letzten Jahre, die Franzosen Gojira, einen der besten Auftritte des Festivals ab. Die Jungs machten schon mit den ersten Demoaufnahmen auf sich aufmerksam, als sie noch unter dem Namen Godzilla auftraten, wurden dann aber aus urheberrechtlichen Gründen gezwungen, den Namen in die Romaji-Schreibweise Gojira zu ändern. Unter dem neuen Namen veröffentlichten sie ihr Debütalbum Terra Incognita und machten erneut auf sich aufmerksam – mit dem vor zwei Jahren erschienenen The Way of All Flesh verankerten sie sich auf dem Thron des modernen Metals und rechtfertigten ihren Ruf als eine der vielversprechendsten jungen Bands. Das neue Album L‘ Enfant Sauvage hat ihren Status nur noch weiter gefestigt. Ihr Auftritt beim diesjährigen Brutal Assault war so gewaltig und kompromisslos, dass es wirkte, als hätte sich das legendäre japanische Monster wirklich unter das Publikum gemischt und im Mosh Pit eine echte Apokalypse entfacht. Mit dem einleitenden Knaller Explosia bliesen Gojira allen Zweiflern schon den Kopf weg, als Joe Duplantier und Christian Andreu von den ersten Momenten an wie spielerisch atemraubend abgehackte Arpeggios abfeuerten – gespickt mit einer Fülle unglaublicher Gitarren-Tricks in Form einzigartiger Hammer-on- und Pull-off-Manöver. Als sich dem Duo noch der technisch bis ins letzte Detail perfektionierte Schlagzeuger Mario Duplantier und Bassist Jean-Michel Labadie hinzugesellten, trat Gojira das staunende Publikum endgültig in den Boden und warf den Bereich vor der Bühne in ein vernichtendes Erdbeben. Die Mischung aus ungezügelter Brutalität – geformt aus Marios vernichtendem Schlagzeug (er ist nicht umsonst eines der größten »modernen« Namen des Metal-Schlagzeugspielens), apokalyptischen Riffs und genialen Melodien, für die die flinken Finger des Gitarren-Duos sorgen, das sich geschickt über die Gitarrenhälse bewegt – war der Grund für einige unvergessliche Momente. Die neuen Songs vom aktuellen Album sind beim Publikum schon gut angekommen – Gojira wiesen mit Songs wie Oroborus, Flying Whales und Toxic Garbage Island unglaublich wirkungsvoll auf die Themen hin, von denen ihre Texte handeln. Die tiefe Botschaft über die Zerstörung der Umwelt, die die Menschheit als selbstverständlich hinnimmt, bekam in der untergehenden Sonne noch tiefere Bedeutung… dass die Menschheit für ihren Zenit selbst verantwortlich sein wird!

Das Festival schonte seine Besucher am ersten Tag wirklich nicht – die gigantischen Namen reihten sich einer nach dem anderen. Unmittelbar nach Gojira besetzten nämlich die New Yorker Thrash-Metal-Giganten Anthrax die Bühne, die durch das vor zwei Jahren veröffentlichte Album Worship Music zu neuem Leben erwacht sind. Die Veteranen spielten eines der besten Konzerte des Festivals, und mit solchen Leistungen werden sie sich in Zukunft leicht den Titel der Größten zurückerobern, den sie durch ihr (Nicht-)Tun in den Neunzigern völlig zunichte gemacht hatten. Worship Music ist eine echte Studiorückkehr der Band, und Anthrax sind auch live eine Energiebombe. Das Verdienst gebührt vor allem dem hyperaktiven Frontmann Joey Belladonna, der auch eine außergewöhnliche Gesangsdarbietung ablieferte. Belladonna kann eine wirklich gut erhaltene Stimme vorweisen, und auch das instrumentale Quartett ließ sich keine Blöße geben. In der Band hat sich Gitarrist Jonathan Donais (Shadows Fall) bereits eingelebt, der den ausgebüxten Rob Caggiana ersetzte – schön war auch die Bühnenpräsenz von Frank Bello zu sehen, dessen Hüpfen und Rennen über die Bühne kein Ende nehmen wollte, und gut schlug sich auch Jon Dette, der am Schlagzeug Charlie Benante vertritt. So weit, so gut – aber die Setlist der Anthrax verdient ein dickes Minus, denn eine Band mit so einem Katalog sollte sich solche Fehlgriffe eigentlich nicht leisten. Ok, Got the Time und Antisocial sind schon vertraute Anthrax-Hymnen, und niemand weiß mehr, dass das keine Eigenkompositionen sind. Aber warum man da auch noch das unnötige T.N.T. und Long Live Rock ’n‘ Roll hineinquetschen musste, die sich von den Originalen kaum unterscheiden, erschließt sich mir nicht. Trotz des leicht bitteren Nachgeschmacks wegen des Füllens der Spielzeit waren Anthrax eine nette Überraschung und eine echte Thrash-Lektion.

Fear Factory ließ ich wegen der hoffnungslosen Cleansänger von Burton C. Bell aus und erwischte sie gerade noch bei den abschließenden Klassikern Replica und Martyr – und ich muss sagen, Bell hat diesmal ausnahmsweise sogar überrascht, denn die Cleansänger waren nicht völlig vermurkst. Aber der Hauptgrund für einen der letzten Abendbesuche waren die kanadischen Thrash-Käuze Voivod. Die Kanadier haben mit dem aktuellen Album Target Earth bewiesen, dass sie auch nach dem Tod des Hauptschöpfers der Musik, Piggy, hervorragend funktionieren können. Das Quartett schlug uns schon mit den ersten Noten seine Zähne in den Hals wie ein Cybervampir Voivod – und wie die Musik der Band in Wellen kommt, mal zart am Hals nagte, mal roh und gnadenlos Blut schlabberte. Die Kanadier stellten trotz des Umstandes, dass ihnen am Flughafen fast die gesamte Ausrüstung verloren gegangen war, vermutlich den besten Sound des gesamten Festivals auf – und weil sie nicht die notwendige Ausrüstung dabei hatten, überraschten sie auch mit einer ziemlich brutalen Setlist. Die Band explodierte nicht weniger heftig als das Publikum vor der Bühne. Das Quartett nutzte jeden Zentimeter der Bühne, und der explosive und energetische Jean-Yves „Blacky“ Thériault (Bass) und Chewy schwangen sich mehrmals auf die Monitore und sprangen fast in die erste Reihe. Die Energie, die aus Voivod herausbricht, ist unglaublich und im Nu ansteckend – die Musik und die Hyperaktivität der Mitglieder auf der Bühne, die die ganze Zeit hüpfen und über die Bühne rennen, ziehen einen mühelos in ihren Bann. Doch der wahre Meister der Publikumsanimation ist der charismatische Sänger Denis „Snake“ Bélanger, dem wir buchstäblich aus der Hand gefressen haben und über dessen unverkennbare Voivod-Grimassen wir uns herzlich amüsierten. Snake stellte mit seiner Truppe eiskalter Krieger einen wirklich authentischen Kontakt zum Publikum her. Wunderschön und fast rührend war es, Chewys Fingern zuzusehen, wie er souverän und mit großem Respekt vor Piggys Werk dissonante Akkorde platzierte und abfeuerte, Soli aus den „outer limits“ und, freundlich ausgedrückt, eigentümliches, aber geniales Akkordspiel lieferte, das man im Fall von Voivod nur lieben kann. Voivod selbst erwachte aus dem Koma und schüttelte uns tüchtig durch – via Aways Hände und Füße. Was Michel Langevin alles aus seinem minimalistischen Drumset herausholt, ist unglaublich – das Torpedieren mit dem Doppelpedal und die vernichtenden Übergänge klingen, als würden mindestens drei Schlagzeuger spielen! Das Material vom neuen Album hat sich auch live bewährt – um die Zukunft einer der kühnsten und einzigartigsten Bands der Welt muss man sich keine Sorgen machen. Voivod treten nach Piggys Tod in eine neue Phase ihres Schaffens ein – doch durch welche Phase die Band auch geht, Piggys Geist wird ewig leben, und damit auch Thrash jenseits aller Schablonen, progressiv im wahren Sinne des Wortes und mutige Verweigerung gegenüber etablierten Musikrichtlinien. Voivod Lives!

Den Abschluss des Donnerstags besorgte noch das schwedische Death ’n‘ Roll-Monster Entombed, danach folgte wohlverdienter Schlaf und das Sammeln von Kräften für die Fortsetzung des Festivals.

Setliste

TESTAMENT:
1. The Star-Spangled Banner / Rise Up
2. More Than Meets the Eye
3. Burnt Offerings
4. Native Blood
5. True American Hate
6. Dark Roots of Earth
7. Into the Pit
8. The New Order
9. The Preacher
 — Zugabe —
10. D.N.R. (Do Not Resuscitate)
11. 3 Days in Darkness
12. The Formation of Damnation

NOVEMBERS DOOM:
1. The Dark Host
2. Harvest Scythe
3. I Hurt Those I Adore
4. Six Sides
5. Dark World Burden
6. Rain

DYING FETUS:
1. Grotesque Impalement
2. Your Treachery Will Die With You
3. Kill Your Mother, Rape Your Dog
4. From Womb to Waste
5. Killing On Adrenaline
6. Second Skin
7. One Shot, One Kill

GOJIRA:
1. Explosia
2. The Axe
3. Backbone
4. Flying Whales
5. L‘ Enfant Sauvage
6. Toxic Garbage Island
7. Remembrance
8. The Heaviest Matter of the Universe
9. Wisdom Comes
10. Oroborus
11. The Gift of Guilt

ANTHRAX:
1. Worship / Caught In a Mosh
2. Efilnikufesin (N.F.L.)
3. Got the Time
4. Hymn 1 / In the End
5. Deathrider
6. T.N.T.
7. Indians
8. Fight ‚Em ‚Til You Can’t
9. I Am the Law
 — Zugabe —
10. Antisocial
11. Long Live Rock ’n‘ Roll

FEAR FACTORY:
1. The Industrialist
2. Shock
3. Edgecrusher
4. Powershifter
5. What Will Become?
6. Archetype
7. Demanufacture
8. Self Bias Resistor
9. Replica
10. Martyr

VOIVOD:
1. Kluskap O’Kom
2. Tribal Convictions
3. Mechanical Mind
4. Overreaction
5. Corps Etranger
6. Chaosmongers
7. Ripping Headaches
8. Nothingface
9. Voivod

ENTOMBED:
1. Living Dead
2. Like This With the Devil
3. Out of Hand
4. Revel In Flesh
5. To Ride, Shoot Straight and Speak the Truth
6. I For An Eye
7. Stranger Aeons
8. Damn Deal Done
9. Eyemaster
10. Supposed To Rot
11. Left Hand Path
12. Chief Rebel Angel
13. Demon

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