Maiden nach einem Jahrzehnt erneut auf Zagreber Feldzug! (2013)
Autor: Urban Bolta
Ort: Arena Zagreb / Zagreb / Kroatien
Konzertdatum: 31.07.2013
Besucherzahl: 16.000
Kartenpreis: 19€ – 50€
Fast auf den Tag genau zehn Jahre nach dem letzten Besuch in Zagreb kehrte am Mittwoch die Band in die kroatische Hauptstadt zurück, die wie keine andere für die Popularisierung des Heavy Metal verantwortlich ist – die großen Iron Maiden waren wieder da! Wenn einst Black Sabbath den Entwicklungsweg des Heavy Metal vorzeichneten und Judas Priest ihn anschließend klarer definierten, so waren es am Ende genau Iron Maiden, die es mit einer Kombination aus Eingängigkeit, Melodie und Wucht schafften, dieses einst obskure Genre den Massen der Welt näherzubringen.
Vor einem Jahrzehnt waren Iron Maiden in der Hauptstadt unserer südlichen Nachbarin im Rahmen der Promo-Tournee Dance of Death zu Gast – diesmal war der Besuch der Stadt an der Save jedoch noch verlockender: Iron Maiden spielten in Zagreb nämlich im Rahmen der Neuauflage der Maiden United-Tournee aus den Jahren 1988/89, als sie auf dem Höhepunkt ihres kreativen Schaffens standen. Ein feuchter Traum für jeden (jungen) Iron Maiden-Fanatiker also. Zumal man das Jahr 2013 schreibt. Das Konzert fand in der Zagreber Arena statt. Da Iron Maiden in unserer Region bei ihren Solokonzerten im Schnitt rund zehn-, vielleicht zwölftausend Besucher anziehen, ist die Arena ein ziemlich großer Schauplatz. Doch anlässlich des kürzlichen EU-Beitritts Kroatiens hatte der Veranstalter die Ticketpreise für eine Woche halbiert, sodass das begehrte Stück Papier Anfang Juli bereits ab günstigen 19€ zu haben war. Günstig genug, damit die Arena mit einer Kapazität von fast zwanzigtausend Zuschauern um halb neun Uhr abends aus allen Nähten platzte!
Doch noch vor dem eigentlichen Höhepunkt des Abends gehörte die Bühne den Vorgruppen. Als erste traten die Londoner Hard Rocker Voodoo Six auf, die ich aufgrund der frühen Startzeit allerdings vollständig verpasst habe. Macht nichts – schlimmer wäre es gewesen, den Auftritt der legendären New Yorker Thrash-Metaller Anthrax zu verpassen, die beim Zagreber Konzert exklusiv als Vorband auftraten. Einzig und allein in Zagreb. Den schulstundenlangen Auftritt würzten sie mit Klassikern aus den Achtzigern. Die Lücke nach dem Weggang von Gitarrist Rob Caggiano (er wechselte zu den Dänen von Volbeat) füllte vorübergehend Jonathan Donais, und hinter dem Schlagzeug saß anstelle von Charlie, den in Amerika familiäre Verpflichtungen zurückhielten, der renommierte Drummer Jon Dette. Trotz der personellen Änderungen ist klar, dass Anthrax ihren Namen stets glaubwürdig vertreten, solange Gitarrist und Bandleader Ian Scott sowie der hagere Frontmann mit indianischen Wurzeln Joey Belladona die erste Reihe auf der Bühne besetzen. Letzterer hatte sich zwar beim Kriegstanz von Indians diesmal keinen Federkopfschmuck aufgesetzt, wie er es sonst zu tun pflegt, doch mit seiner mitreißenden Gesangsdarbietung und seinem Herumspringen bis an den Bühnenrand stellte er das dynamischste Element des heutigen Bandauftritts dar. Nach Efilnikufesin (N.F.L.) und Got The Time von Joe Jackson kam der Moment für Fight ‚Em ‚Til You Can’t, die einzige neuere Eigenkomposition, die Anthrax diesmal ins Programm aufnahmen. Und dann die Bombe! Das Cover der AC/DC-Hymne T.N.T. riss das Parkett und die gesamte Tribüne von den Sitzen und diente als Vorgeschmack auf die echte Massenkatharsis, die Iron Maiden später zu entfesseln vermochten. Auch Anthrax selbst flogen bei den letzten beiden Songs I Am The Law und Antisocial auf den Flügeln der starken Publikumsresonanz über die Bühne – trotz der hervorragenden Gesamtnote des Auftritts bleibt aber ein bitterer Nachgeschmack, dass sie angesichts ihrer mächtigen Schatzkammer unvergesslicher Eigenhits die Setlist gleich mit drei Coversongs füllten, statt dem schweißdampfenden Ambiente der Zagreber Arena noch den einen oder anderen eigenen Evergreen zu gönnen.
Die Halle hatte sich in der Zeit vor dem Auftritt der Stars des Abends bis in den letzten Winkel gefüllt. In der Luft herrschte eine elektrisierende Atmosphäre, die durch das Einspielen des UFO-Klassikers Doctor Doctor, der allbekannten Eröffnungsroutine bei jedem Maiden-Konzert, noch weiter angeheizt wurde. Gleich zu Beginn des Eröffnungssongs Moonchild bezogen Bassist Steve Harris und das Gitarrentrio Dave Murray / Adrian Smith / Janick Gers Position direkt an der Bühnenkante und begannen damit, das Publikum per nonverbaler Kommunikation in die Fänge der Iron Maiden-Maschinerie zu ziehen. Obwohl Iron Maiden den direkten Kontakt zum Publikum nur in Form von gelegentlichen Ansagen Dickinsons pflegen, ist das Zusammenspiel zwischen Band und Publikum stets äußerst fruchtbar. In vier Jahrzehnten Karriere haben die alten Hasen eben gelernt, wie man eine mehrtausendköpfige Menge da unten einheitzt!
Nach Can I Play With Madness kam mit The Prisoner bereits der erste Höhepunkt des Auftritts. Iron Maiden müssen als Band, die dauerhaft auf dem Podest steht, ihren Fans von Tournee zu Tournee interessante Leckerli bieten, damit diese nicht das Interesse verlieren, ihre Konzerte zu besuchen – deshalb setzen sie auf thematisch und konzeptuell unterschiedlich gefärbte Tourneen, wofür sie alle Anerkennung verdienen. Der nächste Höhepunkt kam in Form des Songs Afraid to Shoot Strangers vom Fear of the Dark-Album – erst irgendwann in dieser Phase gelang es den Verantwortlichen am Mischpult, das Rätsel des katastrophalen Sounds zu lösen, der in der Anfangsphase des Konzerts unter aller Kritik war. Harris‘ Basslinie war übermäßig aufgebläht, während das dreifache Gitarrenspiel viel zu matschig klang. Oft hängt die Klangqualität davon ab, wo man sich gerade befindet – doch diesmal waren Klagen über den Tontechniker aus wirklich allen Ecken der Halle zu hören. Da die Halle in der Vergangenheit bereits so illustre Gäste wie Roger Waters (ex-Pink Floyd) beherbergt hat, verfügt die Arena offensichtlich über gute akustische Voraussetzungen – weshalb Iron Maiden in Sachen Sound einen dicken Minuspunkt verdienen, der zum Glück aber auch der einzige des Abends blieb.
Bei The Trooper – mit der gewohnten Einlage von Dickinsons Herumtoben auf der Bühne mit der britischen Flagge in den Händen – schlich sich bei den meisten wohl der Geschmack des neuen Bieres der eigenen Maiden-Marke in den Rachen, der beim Expresstempo von The Number of the Beast und Phantom of the Opera aber schnell verflog. Ein wichtiger Teil des Gesamtbühnenbilds bei Iron Maiden ist die visuelle Komponente. Das Bühnenkonstrukt war vor allem auf den verrückten Piloten Bruce Dickinson zugeschnitten, der trotz immer mehr Falten im Gesicht nach wie vor ein unermüdlicher Kalorienvernichter ist. In der Mitte des Catwalks, der beide Bühnenhälften umrahmte und verband, regierte kein anderer als der stets lächelnde Nicko McBrain, das älteste Mitglied des berühmten Heavy-Metal-Sextetts – wenngleich er dem Gesehenen nach ebenfalls noch genug Kraft besitzt, sodass man sich um die Zukunft des Iron Maiden-Schiffs keine Sorgen machen muss. Die Backdrops im Hintergrund wechselten ständig passend zum Thema der gespielten Songs, und die Lichtshows waren auf die atmosphärischen Wendungen und das Aufheizen der Stimmung abgestimmt, die von der ersten Konzertminute an höllisch war und sich mit dem »Hit nach Hit«-Verlauf von Minute zu Minute nur noch weiter steigerte! Wasted Years mit Adrian Smiths Solospot in der Hauptrolle diente als Auftakt zum Höhepunkt des Abends, der epischen Komposition Seventh Son of a Seventh Son, als die Kontrolle über das in Blau getauchte Bühnengeschehen der unheilvoll dreinblickende Eddie übernahm – genau jener, der bereits das Cover dieses legendären Albums von 1988 ziert. Dickinson feuerte das Publikum mehrfach mit dem bekannten Ruf »scream for me, Zagreb« an, obwohl es bei den Klängen von The Clairvoyant, Fear of the Dark und Iron Maiden überhaupt keiner zusätzlichen Motivation bedurft hätte!
»Run, live to fly, fly to live…« hallte beim Vortrag des weiteren Klassikers Aces High, mit dem Iron Maiden den Abschlussteil des Konzerts eröffneten, aus tausenden von Kehlen. Diese übertönten Dickinson dabei fast – er glitt trotz Erschöpfung vokal sicher durch die letzten Konzertminuten, dasselbe gilt für den hyperaktiven Harris und Gers auf der rechten Seite, während Murray und Smith auf der linken Bühnenseite traditionell in puncto Dynamik hinter ihren Kollegen zurückblieben. Die etwas anspruchsvollere Komposition The Evil That Men Do war für alle treueren Fans der Band ein echtes Schmankerl, und zum Abschied schlugen Iron Maiden noch mit dem punkigen Running Free an.
Iron Maiden beweisen mit der Maiden United-Tournee, dass sie im Laufe der Jahre in allen Bereichen zum bestorganisierten Heavy-Metal-Kollektiv dieses Planeten herangewachsen sind. Ausgearbeitete Bühnenkulisse, eingespieltes Zusammenspiel und das Herz am rechten Fleck sind Tugenden, die auch in Zagreb die Spektakularität der Tournee nur noch weiter gesteigert haben. Ihnen geht offensichtlich noch nicht die Puste aus, also dürfen wir uns schon auf ihre weiteren Projekte freuen. Eines davon soll angeblich auch ein neues Studioalbum sein. Übrigens – könnt ihr glauben, dass seit der Veröffentlichung von »The Final Frontier« bereits drei Jahre vergangen sind…?
Setlist
ANTHRAX:
1. Caught in a Mosh
2. Indians
3. Efilnikufesin (N.F.L.)
4. Got the Time
5. Fight ‚Em ‚Til You Can’t
6. T.N.T.
7. I Am the Law
8. Antisocial
IRON MAIDEN:
1. Moonchild
2. Can I Play With Madness
3. The Prisoner
4. 2 Minutes to Midnight
5. Afraid to Shoot Strangers
6. The Trooper
7. The Number of the Beast
8. Phantom of the Opera
9. Run to the Hills
10. Wasted Years
11. Seventh Son of a Seventh Son
12. The Clairvoyant
13. Fear of the Dark
14. Iron Maiden
— Zugabe –
15. Aces High
16. The Evil That Man Do
17. Running Free
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