MetalDays 2013 (erster Tag) – Rückkehr in die Siebziger mit Bobby Liebling!

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Autor: Rok Klemše, Aleš Podbrežnik
Fotos: Nina Grad, Jerneja Jerak

Ort: Tolmin / Slowenien
Konzertdatum: 22.07.2013
Besucherzahl: 15.000

Neun (Höllenkreise über dem Paradies) sind vorbei, und nach dem Neunten kommt der Zehnte. Ja, zum zehnten Mal in Folge senkte sich die Schwärze über Tolmin. Nicht die aus Wolken, sondern die menschliche, die metallische. Die Jubiläumsausgabe, die zehnte Auflage des Festivals, brachte viele Veränderungen – die offensichtlichste ist natürlich die Namensänderung. Metalcamp ist tot, es lebe MetalDays (der sich freilich wegen der erschreckend hohen Anzahl von Typen in Tangas, BHs und pinkfarbenen Sachen schon schnell auch den Spitznamen MetalGays verdient hat)!

Aber nicht nur der Name ist neu, denn das Festival hat noch zahlreiche andere, weniger auffällige, aber durchaus wichtige Veränderungen erfahren. Die größte und willkommenste: die einheimischen Konzert-Stormtrooper Dirty Skunks haben die zweite Bühne übernommen und eine fantastische und abwechslungsreiche Auswahl zusammengestellt, die dem Line-up der ersten Bühne locker das Wasser reichen oder es sogar übertreffen konnte. Außerdem ist der langjährige Festivalpartner Rock the Nation Geschichte, der Jahr für Jahr Bands aus seinem »Roster« aufgezwungen hat, von denen wir alle mehr als genug hatten. Weitere Neuerungen: Getränke und Essen zahlt man nicht mehr mit lästigen Papierbons, die sowohl im Bier als auch in der Soča herumschwammen, sondern mit praktischen Zahlungskarten, die den Kauf deutlich beschleunigt haben. Willkommen war auch der Bierstand mit einer Auswahl ausländischer Biere, die größere Vielfalt beim Essen sowie die allgemeine Entspanntheit und ökologische Ausrichtung des Festivals.

Eine Woche Ausbruch und Flucht aus der Realität begann eigentlich schon vor dem offiziellen Festivalstart, denn bereits am Samstag und Sonntag fanden Warm-up-Abende mit einheimischen Bands statt. Trotz aller Bemühungen, das Sonntagskonzert zu erwischen, hat die ähem… Akklimatisierung ihren Tribut gefordert. An dem wunderschönen Most na Soči vorbeizufahren und in das Zentrum von Tolmin einzurollen, das schon von Metallern wimmelt, ist jedes Mal aufs Neue unvergesslich – Tolmin und das Festival zaubern immer dieses unverwechselbare Gefühl von Zuhausesein.

Die zweite Bühne bot in diesem Jahr ein starkes Paket interessanter Acts. Als Erste hüllten uns die Griechen Chronosphere in den altschulischen Revival-Sturm einer Mischung aus Old-School-Heavy und Euro-Thrash-Metal (da kommen mir Paradox und/oder Vendetta in den Sinn). Das Athener Quartett bestehend aus Spyros Lafias (Gesang, Gitarre), Panos Tsampras (Gitarre), Kostas Spades (Bass) und Thanos Krommidas (Schlagzeug) bietet keine so extreme Generik wie etwa ihre Landsleute Suicidal Angels. Die Band erfindet das Rad zwar nicht neu, hat aber mit einem ungezähmten halbstündigen Ritt durch die Eigenkompositionen Hypnosis, War Infesction, Light Leading Maze und den Titeltrack des Albums »Envirusment« positiv überrascht und gezeigt, dass sie mit diesem Elan künftig noch mehr qualitätsvolle Bühnenauftritte und Eigenmusik ans Publikum liefern kann.

Es folgte der Auftritt der bosnischen symphonischen Power-Metaller The Loudest Silence. Die Sarajevoer, angeführt von Sängerin Taida Nazraić im tiefblauen Ausschnitt, präsentierten Eigenmaterial, das erwartungsgemäß mal nach Epica, mal nach Within Temptation zog. Man merkt, dass der Band Bühnenerfahrung fehlt und dass sie Auftritte wie diesen hier auf der zweiten Bühne des MetalDays-Festivals dringend braucht. Mutig auf der Bühne, aber schon Gehörtes und sehr generisch. Trotzdem: Respekt an die Band für den Mumm! Die ersten beiden Bands haben es allerdings tatsächlich nicht geschafft, die volle Aufmerksamkeit unserer Rockline-Expedition zum MetalDays Festival 2013 zu gewinnen! Das gelang erst der nächsten Band.

In diesem Jahr haben uns die Einheimischen, die jungen Tolminer Hoffnungsträger Agan, die Festivalunschuld geraubt – sie hatten auf der zweiten Bühne am frühen Nachmittag im Schatten der Baumkronen schon eine ansehnliche Menge versammelt. Agan spielen atmosphärischen/Folk-Metal, der sich hauptsächlich aus den Schönheiten der Natur speist. Angesichts dessen, woher die junge Band kommt, wird ihnen so schnell nicht der Stoff für musikalische Inspiration ausgehen. Die Band, deren Mitglieder im Schnitt gerade mal sechzehn Frühlingsjahre zählen, hat ihre halbe Stunde eingespielt und ohne größere Probleme durchgezogen – geholfen hat dabei diesmal der erfahrene Bassist Mitja Usenik von den einheimischen Folk-Metal-Veteranen Brezno. Eine etwas mystischere Atmosphäre gelingt Agan durch den ausgiebigen Einsatz von Keyboards und einem knurrenden Gesang – am stärksten im Gedächtnis blieb das episch Unheil verheißende Tema. Angesichts ihrer Jugend und der Tatsache, dass sie schon zu Beginn ihrer Karriere jede Menge Eigenmaterial haben, liegt eine schöne Zukunft vor Agan.

Es folgte ein Sprint (von denen es wegen einiger unglücklicher Überschneidungen dieses Jahr mehr gab als zuvor – was aber auch dem hervorragenden Line-up zu verdanken ist) zur Hauptbühne, um die portugiesischen Heavy-Metaller Attick Demons zu erwischen, die erstmals eine slowenische Bühne betraten. Die Portugiesen betraten die Hauptbühne in der größten Hitze, warfen aber dennoch eine ordentliche Dosis positiver Energie ins Publikum – vor allem dank des agilen und gut gelaunten Sängers Artur, der die Bühne von der ersten Note an in Beschlag nahm; an glamourösen Moves à la Sprung vom Drum Riser mit gespreizten Beinen fehlte es auch nicht. Attick Demons haben 2011 ihr Studio-Debüt Atlantis veröffentlicht, auf dem sie erfolgreich Heavy Metal – stark beeinflusst von Iron Maiden – und Power Metal, der amerikanischen Bands wie Pharaoh und Cage nahesteht, vereint haben; in gut einer halben Stunde spielte das Sextett einen schönen Teil des Albums. Ja, Attick Demons sind eine sechsköpfige Band mit drei Gitarristen, die (lobenswert) nicht ständig nur dieselben Gitarrenlinien spielen, sondern mit einigen raffinierten Kniffen überraschen. Leider machte die dritte Gitarre und ein schlechterer Sound den Jungs zu schaffen, doch trotzdem brodelte Arturs außergewöhnlicher Gesang nach oben, der mehr als einmal an die Größe von Dickinsons Stimme erinnerte.

Nach den aufstrebenden Slowenen Agan traten die Kroaten Avicularia ans Proscenium der zweiten Bühne. Die extremen Death-Metal-Brutalisatoren boten eine Mischung aus technisch anspruchsvolleren Eigenkompositionen, bei denen das Klirren der blutigen Messer ihrer Fleischmaschine den großen kompositorischen Enthusiasmus nicht verbirgt. Die Kompositionen sind abwechslungsreich und motivisch geschmackvoll zusammengefügt – mit Eigenkompositionen wie Anthem To Arms beweisen auch unsere südlichen Nachbarn, dass die Standards von Bands wie Immolation bis Quo Vadis nicht mehr unerreichbar sind. Das bestätigt auch das in der internationalen Metal-Community sehr gut aufgenommene Debütalbum der Band »Born To Be Vile« (2009).

Deutlich weniger interessant ging es mit den epischen melodischen Death-Metallern Darkest Horizon aus der Gegend um das deutsche Frankfurt weiter. Eine nahezu filmisch inszenierte, märchenhaft verzierte Odyssee ultramelodischer Arrangements, bei denen die Riffs gleichwertig von Keyboards unterstützt werden, während Death-Metal-Growls irgendwie deplatziert wirken. Man würde sagen, Darkest Horizon ist eine Band, für die sich vor allem frisch gebackene Metal-Einsteiger begeistern werden. Ziemlich abgekühlt zog ich es vor, mich in die heiße Sonne der Hauptbühne zu begeben, denn die australischen Thrash-Metal-Revivalisten 4ARM machten Lärm. Ohne schöpferische kompositorische Höhepunkte, mit einer spürbaren Mischung aus Einflüssen von Machine Head, Trivium und gelegentlichem teutonischen Thrash Metal präsentierten sie ihr aktuelles Studioalbum »Submission For Liberty« (2012) mit den Songs My Father’s Eyes, Blood of Martyrs und The Warning.

Kissin‘ Dynamite ist ein Quintett potenter Hengste, das Rockline schon seit 2009 verfolgt, als sie sich erstmals auf dem großen Bang Your Head !!! Festival vorgestellt haben. Übrigens spielten damals die heute »wundersam bei allen beliebten« Piraten-Grunzer Alestorm am Vormittag des Festivals direkt vor Kissin‘ Dynamite. Damals präsentierten sich Kissin‘ Dynamite als typische Revivalisten des Heavy Metal alter deutscher Schule – sowohl im Stil der Song-Arrangements als auch im äußeren Erscheinungsbild. Die Truppe kommt aus Balingen nahe Reutlingen und hatte nach dem Ausweis gerade mal die 20 überschritten. Johannes Braun (Gesang), sein Bruder Ande Braun (Gitarre), Jim Müller (Gitarre), Steffen Haile (Bass) und Andi Schnitzer (Schlagzeug) sind in dieser Hinsicht ein echtes Phänomen. Die Band, die 2008 ihren Namen von Blues Kids in Kissin‘ Dynamite (nach einem AC/DC-Song) geändert hat, gab ihr Debüt damit nicht nur im Rahmen des MetalDays-Festivals, sondern gleich in ganz Slowenien – mit ihrem dritten Studioalbum »Money, Sex And Power« (2012), mit dem sie das zuvor beschriebene Genre-Feld konkret in Richtung Sleaze verlassen und dem Metal, den sie spielen, auch dieses Element verliehen haben, das vor allem dank der neuen skandinavischen Bandwelle heute wieder große Popularität in Europa genießt. Kissin‘ Dynmaite haben sich also zur Sleaze-Rock-Band herausgeputzt und boten mitten in der giftigen frühen Nachmittagshitze einen außergewöhnlich dynamischen Auftritt, bei dem der Topless-Sänger Johannes Braun durchgehend für gute Stimmung sorgte. Der lieferte ein paar ohrenzerreißende Schreie in höchsten Lagen. Mit Kissin‘ Dynamite hat MetalDays einen Act in die Tolminer Gefilde gebracht, der sich genre- und charaktermäßig klar von der grundlegenden Metal-Mission absetzt, die das ehemalige Metal Camp diktierte. Eine großartige Geste des Veranstalters – und hoffen wir, dass künftig nach Kissin‘ Dynamite auch andere allgemein heiß begehrte Sleaze-Rock- oder Glam-Metal-Revival-Bands folgen werden, wenn die Rock’n’Roll-Saukerle Airbourne schon zu teuer sind.

Gleichzeitig bot die kleine Bühne ein ganz anderes Musikerlebnis, denn die einheimischen The Canyon Observer traten aus einer anderen Dimension auf sie und warfen uns zwischen Ebbe und Flut, zwischen spiegelglatter Ruhe und dem gnadenlosen Toben der Orkannatur am Kap Hoorn. Die Band begann ihren halbstündigen Auftritt mit ruhigen, melancholischen und ätherischen Gitarrenklängen, begleitet von Hopsys Sirenengesang, ließ uns aber nicht lange in meditativer Schaukelei hin und her, sondern ließ vulkanische Asche ausbrechen, die das Publikum von verträumten Zombies in headbangende Bestien verwandelte. Als eindrucksvolles Beispiel dieser Doppelnatur der Band diente das epische And Drift Away, in dem sich mystische Riffs, sägende Akkorde und brutaler, roher Gesang perfekt ergänzen. Das Ganze wurde diesmal von fantastischem Schlagzeugspiel ausgefüllt, und Hopsys Zappeln und epileptisches Rasen über die Bühne tragen ebenso zur Präsentation der Band bei – zur Atmosphäre trägt auch bei, dass zwischen den Songs kein überflüssiges Gerede stattfindet. Bei The Canyon Observer sprechen die Instrumente (und natürlich der Gesang) – ohne Zweifel war ihr Auftritt einer der ersten Höhepunkte des Festivals, der aussah und klang wie eine Vertonung einer Herzrhythmusstörung – mal ruhig und verträumt, mal brutal und adrenalingeladen – und so im (Dis-)Rhythmus weiter.

Auf der Hauptbühne beendeten die herausgeputzten Deutschen Kissin‘ Dynamite inzwischen gerade ihren Auftritt, und beim Anblick des Mötley-Crüe/Poison-mäßig aufgedonnerten, unterernährten Sängers war ich froh, dass die Klänge ihres klischeehaften Glam/Hard-Rock-Sounds nicht zur zweiten Bühne rüberschwappten. Dafür war es ein größeres Vergnügen, auf der Bühne die schwedischen Schwergewichte Soilwork zu begrüßen, die sich mit dem gerade erschienenen, gut aufgenommenen Doppelalbum The Living Infinite ihren Wurzeln angenähert haben. Die Schweden betraten die Bühne in der größten Nachmittagshitze, was vor allem Björn »Speed« Strid anzumerken war – er schwitzte und rötete sich schon nach den ersten gesungenen Tönen, aber in dieser Höllenhitze haben wir alle geschwitzt, selbst wenn wir nur stillstanden. Speed bewies dabei aber auch gute stimmliche Form, auch wenn er für meinen Geschmack mit den zarteren, cleanen Vocals übertreibt. Soilwork erinnerten konkreter an das neue Album, von dem sie vier Songs spielten, weiter in die Vergangenheit gingen sie leider nur bis zum Album Natural Born Chaos und dem Mega-Hit Follow the Hollow. Tolle Darbietung und energetischer Auftritt gehören bei Soilwork zusammen – aber wenn jemand wirklich begeistert, dann ist es Ausnahmedrummer Dirk Verbeuren, der mit unfassbar präzisem Schlagzeugspiel voller wunderbarer Übergänge, losgelöster Momente und zahlreicher Feinheiten den Atem raubte (kein Wunder, dass ihn Devin Townsend für sein Album Deconstruction verpflichtet hat). Soilwork beendeten ihren Auftritt mit dem Hit Nerve, und nach dem heißen Auftritt (so oder so) tat die Abkühlung in der smaragdgrünen Soča richtig gut. In diesem Jahr begeisterte auch das Programm auf der »Beach Stage« mit mehr Abwechslung – es gab Topless-Badminton (lecker), Männer-Volleyball in Tangas (nicht so lecker), eine Feuershow am Abend und obligatorischen Striptease. Abwechslungsreicher war auch das Musikprogramm, das dieses Jahr Gott sei Dank nicht mit unzähligen Wiederholungen der Metalcamp-Hymne gepeinigt hat – an Sonderlingen auf dem Sotočje ist aber jedes Jahr ohnehin mehr als genug Auswahl.

Die Nottinghamer Thrash-Metal-Revivalisten Incinery wurden fast übersehen, denn die meisten lagen zu dem Zeitpunkt lieber auf der Wiese vor der Hauptbühne des Festivals in der Sonne, wo ihnen Soilwork die Hand zur »Metal-Versöhnung« gereicht hatten. Tatsächlich ein sehr ordentlicher und souveräner Auftritt einer Band, die noch keine vier Geburtstage gefeiert hat – und das vor kaum einem Dutzend Zuhörern. Übrigens: eingespielt wie der Teufel, auch wenn das Zuhören teuflisch schwer ist! Großes Pech hatten danach die interessanten Slowenen Neurotech, die ihren Auftritt nach knapp 10 Minuten abbrechen mussten. Einer ihrer Computer hatte nämlich den Geist aufgegeben. Experimenteller Metal, unterstützt von vielen programmierten Matrizen, kann leider nicht anders auf der Bühne funktionieren. Also werden wir auf die nächste Show der Band warten müssen. Mehr Sympathien und meine Geduld konnten auf der zweiten Bühne im weiteren Programm die amerikanischen Post-Metaller Mouth Of The Architect aus Ohio ernten. Das Quintett einer reich angereicherten Klangkulisse hypnotisierte das Publikum erfolgreich mit seiner Vision esoterischen Treibens in einem Pool kräftiger Gitarreneffekte, untermauert durch zahlreiche Delay-Tricks. Ein buntes Gefieder aus Sounds und Klanglösungen. Songs wie The Other Son und Sharpen Your Axes hielten unter anderem eine stärkende Atmosphäre aufrecht, die die Stimmung für eine halbe Stunde in eine völlig andere musikalische Dimension gedreht hat – eine, die Fans von Isis, Cult Of Luna, Neurosis und/oder Pelican ansprechen würde.

Zahlreiche, im Gesicht bemalte Besucher jüngerer Jahre ließen schon früh am Nachmittag wissen, dass am Montag auch der Auftritt der Helden des »Teenager-Metals«, der finnischen Ensiferum, bevorstand. Unglaublich, welch starke Fangemeinde diese Band hat – sie füllte genau bei Sonnenuntergang die Wiese vor der Hauptbühne randvoll und durchnässte die Jugend, die für diese Band verrückt ist. Ensiferum kann man keineswegs einen schlechten Auftritt vorwerfen – der war äußerst energetisch, kämpferisch und hervorragend gespielt; der charismatische Bassist Sami und Petris wachsender Bier-Bauch haben das Ihrige dazu beigetragen. Aber offenbar bin ich ein verhärteter Metaller geworden und kann in Ensiferum einfach nichts Wertvolleres finden. Die Jungs und die Keyboarderin, auf der man zumindest die Augen ausruhen konnte, spielten die Standardhits Guardian of Fate, One More Magic Potion (in das sie ein Stück von Metallicas Klassiker For Whom the Bell Tolls einflochten), Lai Lai Hei, Twilight Tavern, befriedigten die Jugend schließlich mit dem Klassiker Iron und überließen die Bühne dann den legendären Veteranen des New Yorker Thrash Metal, Overkill.

Kurz davor gab es eine halbe Stunde auf der kleinen Bühne für die israelische Death/Thrash-Metal-Band Hammercult – bei der allerdings leider noch am interessantesten war, dass Sänger Yakir ein Shirt der kultigen amerikanischen Band Manilla Road trug. Hammercult haben sich 2011 mit einem Sieg beim Wacken Metal Battle unter den sichtbareren Bands aus dem Nahen Osten etabliert, aber ihr Debüt Anthems of the Damned ist nur eine schwache, armselige Kopie von Bands wie Dew-Scented und ähnlichen. Die Israelis lieferten vor allem generische Riffs sowie langweilige und vorhersehbare Songs – auch Yakir war zeitweise ein übertrieben aufgeblasener Frontman, der nicht viel mehr als eintöniges Geschrei aus sich herausholte.

Overkill brachten eine besondere Garde von Fans vor die Bühne. Eine etwas reifere. Weniger naive. Passend zu ihrem Thrash-Metal-Alter. Mit außergewöhnlicher Abgeklärtheit bezwang Bobby Blitz das Publikum und führte es wie in Hypnose. Das gehorchte willig all seinen Wünschen. Bobby ist ein außergewöhnlicher Frontman. An Charisma mangelt es ihm nicht, und genau das weiß er gewinnbringend einzusetzen. Ein unglaublicher Anführer und Mann, der im richtigen Moment die richtigen Worte zu wählen weiß. Dahinter stand natürlich die treue Maschinerie des Instrumentalteils der Band, die den Festivalauftritt angingen, als wären sie in Trance. Mit einem gehörigen Maß an Fanatismus – auch wenn es bei einer Band mit solcher Kilometerleistung »Schulübung« ist – weht dennoch in jedem Riff und jeder Bewegung auch im Jahr 2013 Leidenschaft, Freude und große Spielfreude! Overkill ist ein außergewöhnlich überzeugender Bühnenact, der nicht danebenschießen kann. Erhitzte Köpfe vor der Bühne und ein starkes Katalog an Studioalben, die nach goldenen Zeiten rufen, als Metal noch jung, echt, ungezähmt und rebellisch war, garantierten ein weiteres unvergessliches Abenteuer mit einer Band, die unwiderruflich nur in eine Richtung tritt und beißt und keine Überlebenden hinter sich lässt. Schon die Kombination aus dem Opener Come And Get It vom aktuellen Studioalbum »The Electric Age« (2012) und dem direkt folgenden Rotten to the Core – dem Klassiker vom Debüt »Feel the Fire« (1985) – lief in einer solchen Regie ab, dass Overkill ihren tödlichen Marsch durch die Stunde des Auftritts zur Setliste hin nur noch steigerten, mit einer Serie von verlangten und erwarteten Dauerbrennern des eisernen Repertoires. Ein Auftritt also, der nach dem Vorbild der besten weltweiten Bühnenacts der Metal-Sphäre abgeliefert wurde!

Die erste unangenehme und unglückliche Überschneidung des diesjährigen Festivals trat auf, während die New Yorker Thrash-Saukerle Overkill die Hauptbühne auseinanderrissen und auf die kleine Bühne die Veteranen des britischen Death Metals Benediction traten. Bei ihnen haben in der Vergangenheit Namen wie Mark »Barney« Greenway (Napalm Death) und Dave Ingram (ex-Bolt Thrower) gegrowlt – seit 1998 belegt Dave Hunt von Anaal Nathrakh den Sängerposten; Anaal Nathrakh traten drei Tage später auf derselben Bühne auf. Ein fantastischer Sound war nicht die einzige Besonderheit des Auftritts der britischen Death-Metal-Legenden – sie waren aufgelegt, brutal und verdammt nochmal laut! Benediction warfen uns für eine Stunde in den Strudel vernichtenden Death Metals voller klassischer Death-Metal-Riffs (die durch gelegentliche HC/Punk-Elemente veredelt werden und Benediction damit von den meisten Death-Metal-Bands abheben), solides und abwechslungsreiches Drumming sowie brutale Growls von Hunt. Der bleibt bei Benediction im Rahmen des Genres – sein Knurren ist tief und roh, er setzt keine hochgeschrienen Linien ein wie bei Anaal Nathrakh. Aber diesmal passte bei Benediction einfach alles zusammen, nicht nur der Gesang – die Gitarren waren fett, die Riffs diabolisch, der Bass tief und Motörhead-mäßig grummelnd, das Schlagzeug präzise, klar und groovig, seine zerstörerische Kraft bildete eine solide Stütze für die Gitarrenriffs. Das alles verpackten Hunts brillante, ungeprobte und (betrunken) intelligente Ansagen zu einem perfekten Ganzen – Benediction haben sich damit auf die oberste Stufe des Montags geschwungen, und es schien, als würden sie diese auch halten. (Organisiertes) Chaos!

Das Geschehen auf der Hauptbühne des ersten Festivaltages beendeten die Veteranen aus dem schwedischen Göteborg, In Flames. In Tolmin fühlen sie sich wohl – ihr Auftritt beim MetalDays-Festival auf eben diesem Gelände ist nicht der erste! In Flames sind eine gut geölte Maschine, die mit voller Kraft auf die Festivalbühne losbrach. Angesichts der Tatsache, dass die Albumpromotion schon gut zwei Jahre rund um die Welt läuft, und angesichts dessen, dass wir In Flames zu Beginn eben dieser Tour Ende September 2011 im CUK Kina Šiške erwischt hatten, war eine umfangreichere Repertoireänderung zu erwarten. Aber es kamen nur magere Änderungen. »Sounds of a Playground Fading«, das zehnte Studioalbum der Band, erlebte eine weitere Bühnenkongkretisierung, als In Flames gleich mit dem Eröffnungs-Titeltrack des Albums aufbrannten. Das Konzert fand unter beeindruckend starker Scheinwerferbeleuchtung statt – eigentlich schon blendendem Ausmaß. An der Qualität des Auftritts gibt es nichts zu zweifeln. Ohne großen Aufwand haben In Flames das Festivalgelände des ersten Tages dem Erdboden gleichgemacht, und das fanatische Publikum aß ihnen nicht minder fanatisch aus der Hand. Anders Fridén (Gesang), Björn Gelotte (Gitarre), Daniel Svensson (Schlagzeug), Peter Iwers (Bass) und Niclas Engelin (Gitarre), der 2011 den erschöpften Jesper Strömblad dauerhaft ersetzt hatte, streuten routiniert Napalm durch eine Abfolge neuerer Marschlieder – das ganze Festival verlagerte sich auf eine Art groovig schaukelnde Plane vor der Bühne, die mit ihrer federnden Sprungkraft synchron dem festen rhythmischen Griff der Band folgt. Die Mischung aus festen Rhythmen, gestützt durch eine Vielzahl modischer Breakdown-Schleifen, und der Kombination melodischer Sequenzen mit Gitarren in Terzen sowie Riff-Aggressivität erwies sich einmal mehr als Siegerstrategie – damit haben In Flames die Rolle des Festival-Headliners mühelos gerechtfertigt. Leider zeigte sich auch während ihres Auftritts eine Schwäche im Soundsystem und erhebliche Unklarheit im Riffing beider Gitarren, doch davon war auch die Reihe der Bands betroffen, die auf der Hauptbühne vor In Flames auftraten. Mehr als das Gefühl von Routine haben In Flames nicht gezaubert. Wer sie noch nie gesehen hat, konnte unbeschwert genießen; wer sie mag, erst recht; wer ihnen aber schon mehrmals »neugierig geschaut« hat, bekam das, was er erwartet hatte. Von In Flames im Jahr 2013: viel Modernes und wenig bis gar nichts Klassisches. Auch alte Klassiker wie The Hive klingen in der neuen In Flames-Haltung heute völlig anders als in den goldenen Zeiten ihrer Melodic-Death-Metal-Pionierarbeit. Schön, ordentlich – aber ohne Höhepunkte und im Rahmen der Erwartungen. Hauptsache, dem Volk hat’s voll im Kopf gerattert, und das war auch das Grundanliegen der Band!

Die Ehre, den ersten Festivaltag abzuschließen, fiel diesmal in die richtigen Hände. Zum ersten Mal in ihrer langjährigen Karriere betraten die amerikanischen Veteranen, die legendären Pentagram mit dem ikonischen Bobby Liebling an der Spitze, unsere Bühne. Pentagram waren noch vor Kurzem eine nahezu vergessene und obskure Band, die ein schonungsloser Dokumentarfilm über den Bandleader und einzigen Originalmitglied, Sänger Bobby Liebling, namens Last Days Here, aus der Vergessenheit gerettet hat (sehr empfehlenswert anzusehen). Die Band begann ihr Wirken kurze Zeit nach der Gründung von Black Sabbath und gilt damit als einer der Pioniere des Doom Metals – in den Siebzigern hatte sie bereits einen beneidenswerten und sichtbaren »Underground«-Status erreicht. Aber Pentagram waren immer nur einen Schritt vor dem großen Erfolg entfernt, und immer wieder hat Liebling selbst diesen zunichte gemacht, da er jahrzehntelang ein schwerer Drogenabhängiger war. Bobby hat sich der Dämonen vor Kurzem entledigt (zumindest soweit, dass der Mann noch am Leben ist), hat die Band neu zusammengestellt und vor zwei Jahren das ausgezeichnete Come-back-Album Last Rites veröffentlicht. Der Auftritt von Pentagram auf dem MetalDays war damit eine ziemliche Exklusivität und eine der größten Attraktionen des Jahres – und die Band hat ihren Ruf schon mit den ersten gespielten Tönen gerechtfertigt. Der Band wurde ein fantastischer, klarer, lauter und kristallklarer Sound eingestellt, dank dem alle Instrumente und Bobbys Gesang, der sich angesichts allem überraschend gut hält, zum Glänzen kamen. Pentagram waren eine echte Zeitmaschine in die Vergangenheit, schon allein wegen der Erscheinung ihres Frontmanns – Liebling marschierte mit seiner charakteristischen zerzausten grauen Mähne, einem leuchtenden Hemd direkt aus den Siebzigern und Schlaghosen auf die Bühne, und trotz allem, was er sich über die Jahrzehnte eingeflößt hat (verfolgt Rockline – bald erscheint ein Interview mit ihm), hat er offensichtlich immer noch ein glänzendes Gespür, denn er hat sich exzellente Musiker um sich geschart. Einer der wichtigsten Akteure bei Pentagram, Gitarrist Victor Griffin, ist in der Band leider nicht mehr (schaut aber seine In-Graved an) – doch an seiner Stelle steht der überzeugende und außergewöhnliche Linkshänder-Gitarrist Matt Goldborough, der mit präzisem, akkuratem Doom-Riffing und spektakulärem Solieren begeisterte (während dessen Bobby auf seine unvergessliche Weise zappelt); atemraubend war auch der unglaubliche Drummer Sean Saley, dessen Spiel eine wahre Augen- und Ohrenweide war – abwechslungsreiche und vielfältige Übergänge, ausgiebiger und durchdachter Einsatz der Becken und sogar gelegentliches Hämmern mit der Doppelbassdrum ließ die Nackenhaare hochgehen. Und Bobby? Seine Ansagen zwischen den Songs sind zwar schwer verständlich und nuschelig, aber verdammt gut hat er sich zwischen den Songs geschlagen! Mächtig, zuverlässig, überzeugend und sexy donnerte Bobby durch die Verse der unsterblichen Klassiker Sign of the Wolf (Pentagram), The Ghoul, Forever My Queen, Relentless und dem abschließenden 20 Buck Spin – die vernichtenden Songs vom aktuellen Album Treat Me Right, Everything’s Turning To Night und 8 sind der Beweis, dass Pentagram noch lange nicht bereit für den Ruhestand sind. Ein außergewöhnlicher Abschluss des ersten Tages, sein Höhepunkt und einer der besten Momente des diesjährigen Festivals!

Rok Klemše:
– Einleitung
– Hauptbühne: Attick Demons, Soilwork, Ensiferum
– zweite Bühne: Agan, The Canyon Observer, Hammercult, Benediction, Pentagram

Aleš Podbrežnik
– Hauptbühne: 4ARM, Kissin‘ Dynamite, Overkill, In Flames
– zweite Bühne: Chronosphere, The Loudest Silence, Avicularia, Darkest Horizon, Incinery, Neurotech, Mouth of the Architect

Setliste

THE CANYON OBSERVER:
1. Part I: As We Surrender To Lust
2. Part III: We Can Descend Into the Unknown
3. Part IV: And Drift Away
4. My Will

SOILWORK:
1. This Momentary Bliss
2. Weapon of Vanity
3. Follow the Hollow
4. Tongue
5. Spectrum of Eternity
6. Let This River Flow
7. Rise Above the Sentiment
8. Stabbing the Drama
9. Nerve

ENSIFERUM:
1. Symbols/In My Sword I Trust
2. Guardians of Fate
3. From Afar
4. Burning Leaves
5. One More Magic Potion (w/For Whom the Bell Tolls)
6. Lai Lai Hei
7. Ahti
8. Twilight Tavern
9. Iron

OVERKILL:
1. Come And Get It
2. Rotten To the Core
3. Wrecking Crew
4. Bring Me the Night
5. Electric Rattlesnake
6. Hello From the Gutter
7. Ironbound
8. Old School
9. Who Tends the Fire
10. In Union We Stand
11. Elimination
 — Zugabe —
12. Coma
13. Fuck You

IN FLAMES:
1. Sounds of a Playground Fading
2. Where the Dead Ships Dwell
3. Pinball Map
4. Alias
5. Trigger
6. Embody the Invisible
7. Cloud Connected
8. The Hive
9. Only For the Weak
10. Ropes
11. Fear Is the Weakness
12. The Quiet Place
13. Delight And Angers
14. All For Me
15. The Mirror’s Truth
16. System
17. Deliver Us
18. Take This Life
19. My Sweet Shadow

PENTAGRAM:
1. Sign of the Wolf (Pentagram)
2. Wheel of Fortune
3. The Ghoul
4. Treat Me Right
5. Forever My Queen
6. Review Your Choices
7. Everything’s Turning To Night
8. When the Screams Come
9. 8
10. All Your Sins
11. Petrified
12. Relentless
 — Zugabe —
13. Be Forwarned
14. 20 Buck Spin

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