Wishbone Ash landen erfolgreich in Vrsar (2013)

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Autor: Peter Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik

Ort: Vrsar (Montraker Live Music festival) / Kroatien
Konzertdatum: 20.07.2013
Besucherzahl: 400
Eintrittspreis: 70,00HRK

Es kommt nicht allzu oft vor, dass die legendären britischen Art-Rocker Wishbone Ash, die in ihrer bunten Karriere vor allem mit dem Kultalbum »Argus« (1972) sowie als Pioniere mehrstimmiger Gitarrenharmonien Berühmtheit erlangten – womit sie unzählige spätere Generationen von Hard-Rock- und Metal-Musikern beeinflussten –, Kroatien besuchen. Das Mastermind der Band, Kultkitarrist und Sänger Andy Powell, der finnische Gitarrenfuchs Muddy Manninen, Bass-Frohnatur Bob Skeat und Schlagzeugmeister Joe Crabtree (ex-Pendragon) traten bei unseren südlichen Nachbarn als Hauptattraktion eines mehrtägigen Musikfestivals unter der Ägide des kroatischen Unternehmens Montraker auf, das über drei Tage mitten in der beliebten Ferienstadt Vrsar stattfand. Schon bevor die Bandmitglieder die bescheidene, aber angesichts Größe und Umgebung des Veranstaltungsorts vollkommen zufriedenstellende Bühne betraten, herrschte unter den treuen Fans, die zum Konzert vor allem aus Österreich und Deutschland angereist waren, wo sie bis heute am beliebtesten sind – und auch ein Häuflein Slowenen hatte sich irgendwie dazwischengefunden –, eine außergewöhnlich positive Stimmung. Diese begleitet stets die Auftritte einer der herzlichsten Bands der Rockgeschichte, die inzwischen sage und schreibe dreiundzwanzig Studioalben veröffentlicht hat, von denen »Elegant Stealth« aus dem Jahr 2011 derzeit das aktuellste ist.

Schon beim kurzen Gespräch mit den Bandmitgliedern, das vor dem Konzert backstage stattfand, wurde klar, dass sie in puncto Songauswahl an diesem Abend etwas Besonderes geplant hatten – zumal es sich um einen Auftritt mit 20-minütiger Pause handelte. Aufregendere Eröffnungsnummern als die drei bis heute magisch wirkenden »Argus«-Klassiker hätte man sich kaum wünschen können – und so tauchten wir mit der pompösen Auftaktnummer »The King Will Come«, dem mit mehrstimmigen Gitarrenharmonien vollgepackten Epos »Throw Down the Sword« und dem pastoralen Meisterstück »Sometime World« kurz in das romantisch verklärte Bild des mittelalterlichen Britannien ein. Gleich muss man anmerken, dass die Bandmitglieder bestens gelaunt waren – auch wenn der ordentliche Sound wegen des leichten Gefälles, da die Bühne auf einem Hügel stand, etwas nach unten abdriftete, und Herr Powell an diesem Abend gitarristisch etwas ‚reserviert‘ war und den Löwenanteil der Gitarrenimprovisationen seinem langjährigen Kumpel Manninen überließ.

Andy hatte dafür einen absolut nachvollziehbaren Grund: Er war kürzlich an der Schulter operiert worden, was ihm den vollen virtuosen Entfaltungsspielraum auf seiner berühmten Gibson Flying V verwehrte – außerdem war dies der erste Auftritt von Wishbone Ash nach zwei Monaten vollständiger Konzertpause. Andererseits sang Herr Powell sowohl die altbekannten Klassiker als auch neuere Stücke sehr gut und souverän, darunter zunächst »Can’t Go It Alone«, das in Zusammenarbeit mit dem Gastmusiker Pat McManus entstanden ist. Mit »Heavy Weather«, einem weiteren Song vom Album »Elegant Stealth, sowie einer durch lange Improvisationen ausgedehnten Version von »Open Road«, das aus »Number the Brave« (1981) stammt – ihrem einzigen Album mit dem legendären Bassisten und Sänger John Wetton (Asia, ex-Family, King Crimson, Uriah Heep, UK) in der Besetzung –, schlossen sie den ersten Teil des Auftritts ab, dem eine 20-minütige Pause folgte.

Den zweiten Teil des Auftritts eröffneten sie mit einem ihrer beliebtesten und bekanntesten Songs, »Warrior«, der bis heute eine regelrechte Gitarrenschule ‚im Kleinen‘ für alle jungen und aufstrebenden Heavy-Metal-Gitarristen ist. »Man With No Name« gehört nicht zu den inspiriertesten Momenten von »Elegant Stealth«, aber Wishbone Ash verwöhnten uns durchgehend mit außergewöhnlicher Energie, gegenseitiger Bühnenchemie und Hingabe an die ‚Sache‘ – sodass sich niemand groß daran störte, dass es keine besonders glückliche Wahl war, vor allem nachdem ein paar große Überraschungen folgten. Es kommt nicht oft vor, dass Andy und Konsorten sich an ihre Stücke aus den frühen Achtzigern erinnern, doch an diesem Abend konnte man sowohl »Lifeline« vom Album »Just Testing« (1980) als auch »Engine Overheat« von »Twin Barrels Burning« (1982) hören – ihrem einzigen Studiowerk mit dem leider bereits verstorbenen Bassisten Trevor Bolder (Uriah Heep, David Bowie and Spiders From Mars). Eine noch etwas größere Überraschung stellte die Darbietung von »Surface To Air« vom Album »Front Page News« (1977) dar, zumal Powell und der Autor dieses Stücks, der ehemalige Bassist und Sänger Martin Turner, der seine eigene Version von Wishbone Ash leitet, bis heute nicht miteinander ausgesöhnt sind.

Der Abschlussteil des Auftritts der britischen Hard-Rock-Innovatoren, die auch in der Welt des Progressive Rock ihre Spuren hinterlassen haben, enthielt Darbietungen einiger ihrer bildstärksten Evergreens – darunter der spaßig angelegte »Pilgrimage«-Standard »Jail Bait« und eine äußerst interessante Version des unvergesslichen Epos »Phoenix«, das einst im Jahr 1970 auf ihrem Debütalbum erschienen ist. Diesmal haben sie es erneut durch Improvisation vollständig ‚reorganisiert‘, wobei Powell den Löwenanteil seiner Soloparts – wegen der bereits erwähnten Schulteroperation – Manninen überließ. Als Zugabe spielten sie etwas überraschend den beliebten »Just Testing«-Standard »Living Proof«, keine allzu häufige Wahl in den letzten Jahren, was nicht ganz nach Plan verlief. Umso besser geriet dafür »Blowin‘ Free«, ein weiteres »Argus«-Kunstwerk und die abschließende Nummer dieses magischen Abends. Jedes Bandmitglied holte, wie erwartet, das Maximum aus sich heraus – wobei der finnische Gitarrenmeister Manninen noch etwas mehr zu tun hatte als gewöhnlich und daher doppeltes Lob verdient. Für ihren ersten Auftritt nach längerer Pause war das Konzert in Vrsar schlichtweg hervorragend.

Zum Abschluss muss man auch den Festivalorganisatoren besonderes Lob aussprechen, die sich mit einer ordentlichen Beschallung unter den gegebenen Umständen verdient gemacht haben, sowie dem polyglotten Animateur, der sich bei unseren Festivalbesuchern auch auf Slowenisch bedankte – etwas, das noch vor Kurzem in den istrischen Urlaubsorten kaum  vorstellbar war. Ein weiterer Beweis, dass wir nun mit unseren ehemaligen jugoslawischen Brüdern wieder vereint sind – im Guten wie im Schlechten –, in einem ähnlichen, dank der ‚Verdienste‘ der Eurokratie immer verdächtiger stinkenden ‚Brei‘ der europäischen Völker. Die meisten Besucher allerdings machten sich nach dem Wishbone Ash-Auftritt – nachdem diese sie trotz der späten Stunde mit einer ordentlichen Portion positiver Energie und neuem Schwung aufgeladen hatten – um eine solch wenig ermutigende Tatsache keinen allzu großen Kopf.

Setliste

1. The King Will Come
2. Throw Down The Sword
3. Sometime World
4. Can’t Go It Alone
5. Heavy Weather
6. Open Road
—Pause (20 Min.)—
7.  Warrior
8. Man With No Name
9. Lifeline
10. Surface To Air
11. Engine Overheat
12. Jailbait
13. Phoenix
—Zugabe—
14. Living Proof
15. Blowin‘ Free

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