Akustischer Kotzen entflammte die Bluesiana (2013)
Ort: Velden am Wörthersee / Bluesiana Rock Cafe / Österreich
Konzertdatum: 06.07.2013
Besucherzahl: 170
Kartenpreis: 33,00€ (Vorverkauf) / 37,00€ (Tageskasse) / 27,00€ (Studenten) / 19,00€ (bis 20 Jahre)
Die sommerliche Stimmung, die im Juli herrscht, ist nicht nur fürs lässige Rumliegen am Strand und Abkühlen im Schatten am Meer geeignet, sondern auch für den Besuch von Konzerten. Die Auswahl davon ist auch in diesem Sommer ziemlich vielseitig – wenn schon nicht in unserem kleinen Land, findet sich jenseits unserer Grenzen sicher die eine oder andere interessante Sache. Zum Beispiel in Österreich in Velden im kleinen Club Bluesiana, der im Laufe der Jahre immer mehr an gutem Ruf und Bekanntheit gewinnt. Natürlich vor allem dank guter Konzerte.
Der gewitterhafte Himmel über der Krško-Ebene ließ nicht gerade auf eine angenehme Fahrt schließen, und tatsächlich überraschte uns das Wetter die ganze Fahrt über in allen seinen Formen (außer winterlichen). Aber wie auf Bestellung klarte der Himmel über Velden auf – vielleicht in Erwartung eines einzigartigen Konzerts, vielleicht haben wir auf dem Weg zwischen den Regenbogen auch ein Stückchen Sonne eingefangen und mitgebracht, wer weiß. Aber das ist eigentlich egal.
In Velden ist die Tourismussaison auf ihrem Höhepunkt. Die Straßen sind voll von Spaziergängern, die Hotelterrassen biegen sich unter dem Gewicht der Genießer, die das schöne, kleine und freundliche Städtchen am See bewundern. Aber wir sind natürlich nicht deshalb nach Velden gekommen. Auf uns wartete ein viel besserer Leckerbissen – die akustische Fantasie des Gitarrenvirtuosen mit der samtweichen Stimme: Richie Kotzen.
Richie Kotzen ist durch seine ständigen Tourneen und die häufige Veröffentlichung von Alben auch beim breiteren Publikum immer bekannter geworden. Der Blues-Fusion-Gitarrist mit außergewöhnlichem Gesang ist vor allem für seine Zusammenarbeit mit Poison und Mr. Big bekannt, hat aber auch 19 Soloalben veröffentlicht, das letzte (24 Hours) im Jahr 2011. Im Laufe seiner Solokarriere hat er auch mit vielen anderen Musikern zusammengearbeitet; sein bisher letztes größeres Projekt ging er zusammen mit Billy Sheehan und Mike Portnoy unter dem Namen The Winery Dogs an. Am 15. Mai dieses Jahres erschien ihr Album, und im September wird man sie auch live gemeinsam in einigen Städten in Europa hören können.
Als wir kurz nach acht Uhr abends ankamen, war die Halle noch ziemlich leer, sodass wir problemlos einen Tisch bekamen. Beim entspannten Erkunden des uns so lieb gewordenen Clubs (wir hatten auch ein paar neue Besucher dabei) sahen wir beim Vorbeigehen mehrfach auch den großen Kotzen, der die vorbeikommenden Gäste und die bereits treuen Bluesiana-Stammgäste zwar freundlich begrüßte, sich aber auch schnell wieder backstage verzog. Übermäßige Gastfreundlichkeit ist von Kotzen grundsätzlich ohnehin nicht zu erwarten. Ganz anders wirkt dagegen der Club mit seiner Wärme, dem angenehmen Dekor und natürlich der Inhaberin Gudrun, die sich trotz der Fülle an Arbeit mit der Konzertorganisation und den Künstlern immer Zeit für jeden einzelnen Besucher nimmt – mindestens für ein paar Worte. Genug, um im Besucher immer wieder ein Gefühl von Vertrautheit und Willkommensein zu wecken.
Es war schon fast halb zehn, als die Musik aus den Lautsprechern leiser wurde und ein Gitarrist die Bühne betrat. Trotz Kotzens neuem Look mit aktuell kurzem Haar und Vollbart war sofort klar, dass da jemand anderes auf der Bühne stand. Er brachte eine Akustikgitarre mit, stöpselte sich ein, setzte sich auf einen Stuhl, zog das Mikrofon zu sich heran und begann zu singen. Er sang ein paar eigene Stücke, ein paar Coverversionen, aber der junge Performer ließ die ganze Zeit seines Auftritts nicht mit einem einzigen Wort durchblicken, wer er eigentlich ist. Später erfuhr ich, dass es sich um den jungen italienischen Musiker Andrea Gargioni handelte. Der Typ sang sechs Songs, dann räumte er ohne viele Worte schnell die Bühne. Das Publikum in der Bluesiana ist freundlich, kultiviert und dankbar gegenüber jedem, der ein Stück seines Talents auf der Bühne zeigt, und belohnte den jungen Mann nach jedem gespielten Song mit Applaus – Andrea sorgte aber in den späten Nachtstunden für eine echte Afterparty, zunächst vor dem Clubeingang und dann noch einmal auf der Bluesiana-Bühne.
Es war schon gut nach zehn Uhr abends, als Richie Kotzen dann doch langsam die Bühne betrat. Bombastischer Applaus entlockte dem Sänger und Gitarristen ein Lächeln, als er sich auf den Stuhl setzte und auf seiner Akustischen zu klimpern begann. Die metallischen Klänge der Saiten füllten den Raum, und kurz darauf gesellte sich ein zarter Gesang dazu – in I would. Mit derselben durchdringenden Präzision wie die elektrische Gitarre beherrscht Richie auch seine akustische Gefährtin. Nach dem ersten Song sagte er, er freue sich, wieder hier in der Bluesiana zu sein, und dass er diesmal seine Songs so vorstellen werde, wie er sie selbst zum ersten Mal hört, wenn sie noch in der Entstehungsphase sind – durch Zupfen auf der Akustikgitarre und Singen. Er erwähnte auch, dass er öfter den Vorwurf höre, bei Konzerten zu wenig zu reden, und dass er die Zeit deshalb nutzen wolle, um ungefähr 5 Songs zu singen, während er ausführlich und weitschweifig über verschiedene Themen mit dem Publikum diskutieren werde. Wer Richie auch nur ein bisschen kennt, konnte sofort merken, dass das ein Witz war – denn der Gitarrenmeister ist auf der Bühne nicht gerade für seine Redefreudigkeit bekannt, egal wie heimelig er sich dort fühlt. Aber wenn es um Musik geht, versteht Richie keinen Spaß – seine Raffinesse und gleichzeitig liebenswürdige Lyrizität kamen beim akustischen Auftritt noch stärker zum Ausdruck, ebenso wie seine vokalen Vorlieben. Mehr Power war natürlich aufgrund der Art des Auftritts nicht zu erwarten, aber Richie glitt geschmeidig durch eine Setliste schmerzhafter Liebeserfahrungen, die sich bei den sanften Gitarrenklängen noch tiefer in die Herzen des Publikums gruben. Bei Everything good redete Richie erneut kurz über die »sportliche« Entstehung des Namens Wilson Hawk (das Projekt mit Richie Zito), um dann wieder in seine Balladen einzutauchen. Die Menge vor der Bühne weckte er dann erneut mit Until you sufer some (Fire and ice), dem Hit aus seiner Zeit mit Poison. Das Publikum sang den Refrain laut mit, und Richie entschied, dass es jetzt endlich Zeit sei, das Bluesiana-Publikum auch mit seiner aktuellen Lebensgefährtin Julia Lage bekannt zu machen, die seine europäische Akustiktournee die ganze Zeit über am Bass begleitet. Julia betrat etwas schüchtern die Bühne und gesellte sich zu Kotzen beim Spielen. Durch die weiteren Songs kämpften sie sich gemeinsam durch, und das steigerte Richies Lockerheit auf der Bühne noch weiter. Man sieht Kotzen selten sitzend spielen, und es war klar, dass ihm der Stuhl zu wenig Raum ließ, um seine Gefühle beim Spielen wirklich auszudrücken. Anders als bei der elektrischen Gitarre, die er in letzter Zeit nur noch mit den Fingern spielt, half sich Richie hier mit einem Plektrum. Dass dabei seine angeborene Feinfühligkeit für das Instrument verloren gehen würde, brauchte man nicht zu befürchten – die weichen Töne entführten die Bluesiana in ein wahres Gitarren-Märchen. Das leider, wie immer, viel zu schnell endete. Mit dem Mr.-Big-Hit Shine verabschiedeten sich Julia und Richie zum ersten Mal von der Bühne, kehrten aber nach lautem Rufen zurück. Sie erfüllten einen Musikwunsch aus dem Publikum und spielten Go faster, bevor sie sich mit Stand endgültig verabschiedeten.
Trotz ausdauernden Wartens trafen wir Julia und Richie nach dem Konzert leider nicht mehr im Club. Offensichtlich wünschten sie sich nach dem letzten Konzert einer langen Tournee nur noch Ruhe. Auch wenn das Duo mit Julias Begleitung ein bisschen an die Konstellation Lennon – Yoko Ono erinnert, haben beide bewiesen, dass sie auf der Bühne echte Profis sind. Julia hat mit ihrer bezaubernden Schüchternheit das Bluesiana-Publikum sofort für sich gewonnen, und Richie ist schon seit einigen Jahren der Liebling dieses Publikums. Und wir alle warten natürlich schon gespannt darauf, wann er sich wieder auf den Weg macht – vielleicht diesmal wieder in elektrischer Besetzung.
Setliste
1. I would
2. Rust
3. Lose again
4. Paint it on
5. What is
6. Everything good
7. Where did our love go
8. Until you sufer some (Fire and ice)
9. Doing what the devil says to do
10. Fear
11. Change
12. High
13. Don’t ask
14. Shine
—Zugabe—
15. Go faster
16. Stand
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