Zu viel Ekstase: My Bloody Valentine trieben das Publikum aus dem Kino Šiška (2013)

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Ort: Ljubljana / Kino Šiška / Slowenien
Konzertdatum: 07.06.2013
Besucherzahl: 650
Kartenpreis: 25 EUR/ 28 EUR an der Abendkasse

Schon allein die Menge an Equipment auf der Bühne erinnert dich ständig daran, wie laut My Bloody Valentine eigentlich sind. Erst recht, wenn das Equipment von My Bloody Valentine größer und auffälliger ist als die gesamte Vorband – die slowenischen Werefox.  Bekkos Verstärker ist schon verdammt laut, aber gegen Shields‘ Wand aus Verstärkern und Boxen  wirkt er wie ein hilfloses Kätzchen. Natürlich kann ich nicht sagen, dass Werefox deshalb nicht zu hören waren – das stimmt überhaupt nicht.

Die Nachricht, dass sie die Vorband von My Bloody Valentine sein würden, war für die slowenischen Alternativfans sicher ein echter Schock, der sich beim näheren Hinsehen wohl in Fanboy-Euphorie verwandelt hat. Und das zurecht – die Alternativszene schuldet den britischen Shoegazern so viel, dass man ihren Einfluss definitiv auch auf die slowenische Alternativszene und damit auf Werefox übertragen kann, auf deren Gitarrenrock und die daraus entstehende, gelegentliche Klangwand. Und die war ein schöner Gegenpol und Konkurrent zur Verstärkerwand von My Bloody Valentine. Werefox haben die Kinderkrankheiten auf der Bühne schon längst hinter sich gelassen (auch wenn trotz erfahrener Mitglieder noch das ein oder andere durchschimmerte) und ihre Songs live mit echter Energie aufgeladen, mit fehlerfreier Performance und einer eigenen Bühnenpräsenz, die die Band in kürzester Zeit (ihr Debüt I Am Memory erschien immerhin erst dieses Jahr) an die Spitze der slowenischen Alternativszene katapultiert hat. Klanglich gibt es zwar kaum direkte Parallelen zu My Bloody Valentine, aber die Popularität beider Bands in der lokalen Alternativszene ist durchaus vergleichbar.

Werefox mit der unverkennbaren Melée an der Front spielten in einer Stunde genau das, was erwartet wurde – ihr Debütalbum. Die energetische Synchronizität der Bandmitglieder war dem noch überschaubaren Publikum sofort klar, auch wenn sie die Band vorher noch nie gesehen hatten. Auch wenn der Gesang der Sängerin gelegentlich etwas zu leise war, schrien ihre Ausstrahlung und ihr Ausdruck durch das gesamte Konzert – Melée ist eben ein Symbol aktiver Erotik (besonders wenn man ihr Bilinda Butcher gegenüberstellt, die die eher passive, melancholische Seite endloser Anziehungskraft und sanfter Schönheit verkörpert). Auch der Gesang und die etwas aggressivere Bühnenpräsenz passen eher zum Bild von Siouxsie als zu irgendwelchen Shoegaze-Hochfrequenzstimmen und -erscheinungen. Aber Werefox brauchen keine Vergleiche – ihre Eigenständigkeit haben sie, trotz der Rolle als Vorband, vollkommen unter Beweis gestellt.

Und doch war klar, dass wir alle wegen My Bloody Valentine hier waren. Sogar Werefox, die ihre Euphorie und Zuneigung für die Headliner des Abends nie verborgen hatten. Die Hände kneteten die obligatorischen Ohrstöpsel, die es kostenlos an der Kasse gab. My Bloody Valentine lassen einen auf keinen Fall vergessen, welche Lautstärke uns erwartet. Und nach dem nervösen Warten, mit dem fluoreszierenden Schimmern der Ohrstöpsel aus den Ohren, tauchten endlich vier halbgöttliche Gestalten auf – vier so unverkennbare Silhouetten, dass du für die Identifikation kein Gesicht brauchst. Die elegante Bilinda Butcher, der zerzauste, große Kevin Shields, die knabenhaft wirkende Debbie Googe und der ausgezehrte Colm ÓCíosóig. Kein Intro, keine unnötigen Worte, keine Blicke füreinander. Im Nu verwandelte sich die Halle in einen Strudel verdichteten Lärms, bei dem wir die Musik genauso sehr fühlten wie hörten. Und obwohl sie immer auf der Grenze zwischen komplex verwobener, vielschichtiger Klangstruktur und unkontrollierbarem Feedback-Gepfeife wandelte, spürte der Körper stets etwas mehr – einen ekstatischen Zustand, den nur so eine pervers ausschweifende Klangmasse herbeiführen kann. Die Band war von der gesamten Musik, dem Konzertgeschehen und dem Publikum völlig entrückt, jeder für sich, irgendwo in seiner eigenen Welt. Debbie und Colm gruvten auf ihre typische Art miteinander, aber die typische Konzertenergie kam nur aus dieser Ecke. Kevin lehnte manisch die Ohren an seinen Berg aus Verstärkern, während Bilinda durch ihre transzendentale Herzigkeit den Großteil des Konzerts damit verbrachte, den Berg aus bewundernden Blicken und Rufen von »I love you, Bilinda!« schüchtern und etwas unbeholfen abzuwehren. Vielleicht war es genau diese Entrücktheit, die sie bei einem der Songs aus dem Takt brachte, weshalb sie das Konzert unterbrechen und neu beginnen mussten – mit dem Kommentar, dass so ein Fehler schon seit vielen, vielen Jahren nicht mehr passiert sei. Und auch dieser Fehler, auch das stellte sie auf irgendeine Weise auf ein Podest und ließ sie in einem charmanten Licht erscheinen.

Und so bewegten sie sich mit so viel Lärm wie möglich, gleichzeitig aber mit der Schönheit, die nur die Musik von My Bloody Valentine besitzt, durch das Repertoire ihrer Karriere und streiften alle Höhepunkte; bei den Keyboard-Parts gesellte sich ein fünftes Bandmitglied hinzu, das lautlos und unsichtbar bei Bedarf ganz hinten im Hintergrund auftauchte. Die Leute verließen reihenweise die Halle, als hätten sie den Gerüchten nicht geglaubt, dass My Bloody Valentine einfach wahnsinnig, wahnsinnig laut sind; wir Slowenen sind offenbar generell besonders lärmempfindlich (Ähnliches passierte nämlich auch letztes Jahr beim Konzert von Godspeed You! Black Emperor, das ebenfalls im Kino Šiška stattfand). Das eigentliche Massaker begann aber erst mit dem Signature-Song der Band – ihrem Symbol für Lärm, Krach und alles dazwischen, jenem Stück, für das sie zu Beginn ihrer Karriere in einem vom Publikum getrennten Raum spielten, während das Publikum sich hinter Plexiglas versteckte – »You Made Me Realise«. Und für den Mittelteil, in dem der Drone der Band seinen Höhepunkt erreicht, hat die Band sich diesmal wirklich nicht zurückgehalten. 10 Minuten lang jagten sie die letzten Unglücklichen davon, die festgestellt hatten, dass höhere Bewusstseinszustände eben nichts für sie sind. Oder die ihren Ohren einfach den Tinnitus ersparen wollten. Nach gut anderthalb Stunden endete das Konzert so, wie es begonnen hatte – die Silhouetten bewegten sich lautlos von der Bühne – diesmal auch deshalb, weil wir gerade, nun ja, ein My Bloody Valentine-Konzert live erlebt hatten.

Wer seinen Körper die ganze Lautstärke dieses Abends aufsaugen ließ, wurde belohnt – mit Ekstase, mit jenem so oft besungenen außerkörperlichen Erlebnis, mit Gefühlen, die man mit alltäglichen irdischen Vergnügen nicht erreicht. Wer früher gegangen ist, hat mindestens eines der besten Konzerte dieses Jahres verpasst – und höchstwahrscheinlich noch viel mehr. Und auch wenn am meisten über die berüchtigte Lautstärke der Band geredet wird, sollte man eigentlich nur über ihre Qualität reden – über ihre Großartigkeit. Und dieses Faktum kann nichts und niemand übertönen.

Foto: Da Fotografieren beim Konzert verboten war, stammen die folgenden Fotos vom My Bloody Valentine-Konzert in London am 27. Januar 2013. Die vollständige Reportage vom Ereignis könnt ihr hier lesen.

Setlist

I Only Said
When You Sleep
New You
You Never Should
Honey Power
Cigarette in Your Bed
Only Tomorrow
Come in Alone
Only Shallow
Thorn
Nothing Much to Lose
Who Sees You
To Here Knows When
Wonder 2
Soon
Feed Me With Your Kiss
You Made Me Realise

Bildergalerie

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