Herausfordernd avant-eklektisches Zersplittern und Fusionieren mit The Puzzled (2013)
Autor: Aleš Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik
Ort: Ljubljana / Gala hala / Slowenien
Konzertdatum: 25.04.2013
Besucherzahl: 80
The Puzzled ist ein weiteres »abgefahrenes« Projekt. Es handelt sich um den Zusammenschluss von vier Musikern, die aus ihren jeweiligen Heimat-Musikumfeldern stammen, die dem strengen musikalischen Experiment und dem freigeistigen Forschen verschrieben sind. Man könnte es die Fusion des »noch nicht Fusionierten« nennen. Der Antriebsmotor von The Puzzled ist Bassist Tibor Mihelič Syed, ansonsten festes Mitglied von Katalena, mit dem in The Puzzled sein langjähriger Weggefährte und Akkordeonist Marko Brdnik (Miusow Quartet, gelegentliche Zusammenarbeit mit Katalena) zusammenarbeitet, Schlagzeuger Marko Lasič, der kürzlich die Band Trus! ins Leben gerufen hat, sowie Gitarrist Mario Babojelič, der von den Genannten zuletzt zu The Puzzled gestoßen ist, da er am Studiowerk nicht mitgewirkt hat. Vier Meister ihrer musikalischen Zunft also auf einem Haufen.
Gala hala. Das klassische Refugium. Wenn du da ankommst, kann dir niemand genau sagen, wann das Konzert anfängt. Irgendein Konzert. Auch diesmal war’s so. Obwohl es schon fast zehn Uhr abends war. Kann es überhaupt noch ein Erlebnis »alternativerer« Natur geben im Mekka des alternativen Lebens der slowenischen Hauptstadt? Kaum.
Beim geselligen Bierkonsum verrann die Zeit im Schneckentempo, und kurz nach halb elf abends bestiegen endlich die Bühne, als Erste, Marko Brdnik und neben ihm Mario Babojelič. Vernebeltes Ambiente, im Hintergrund am anderen Ende des Clubs, wo sich träge die Silhouetten der Besucher verdichten, hörst du, wie Jani Mujič — das „Gala-hala-eigene“ Hausinventar, ansonsten legendärer Bassist der noch legendäreren 2.2.2.7. — den Technikern zuruft: »Blas noch ein bisschen mehr Nebel auf die Bühne!« Das Ambiente begrüßte gedämpft glimmendes Scheinwerferlicht, im Raum hatten sich gut 70 Neugierige versammelt, größtenteils Bandkollegen, Weggefährten im Musikbusiness, aber auch einige Feinschmecker, die sich gerne selbst den Genuss »eklektischer« Klanggebräue gönnen. Eigentlich feuern nur sie wirklich an. Mit einem Besuch beim Konzert von The Puzzled könnte man nicht besser ans Wesen des urwüchsigen künstlerischen Charakters des Musikhandwerks rühren.
Die Band gönnte sich zum Einstieg ein längeres Instrumental, das sie vor allem zum Aufwärmen der Finger nutzte. Ein Apple auf der Bühne bedeutete, dass der Sound zusätzlich mit klanglicher Manipulation spontan verzweigter Nuancen angereichert werden würde. Babojelič wirkte dabei wie die völlig natürliche Wahl für die Band in dieser Hinsicht. Die Band spielte in knapp einer Stunde ihr gesamtes Studiodebüt »Bad Times for Bedtime Stories« (April 2013, Label Celinka) – RockLine-Rezension HIER.
Da es sich um den ersten Auftritt der Band handelte, spürte man, dass die Band den Raum noch »abtastet«, dass sie Feedback sucht, die Reaktion des Umfelds auf die Tatsache der neuen musikalischen Essenz in eben jenem Raum. Von daher begleitete das Konzert das Gefühl, dass die Band etwas mehr Aufmerksamkeit auf die Kalibrierung ihrer Mitglieder verwenden musste, damit das System nicht zufällig auseinanderfällt. Ungeachtet dessen, dass die dynamische Entwicklung der Ereignisse deshalb etwas gedämpft war, überbrückte das Quartett sein anfängliches Bühnenstapfen mit den außergewöhnlichen Erfahrungen eines langjährigen Behauptens auf der Szene innerhalb verschiedener Projekte und Bands sowie natürlich mit der meisterhaften Beherrschung des Spiels.
Der Großteil des Konzerts drehte sich um die Zentralfigur von The Puzzled, nämlich den Bassisten und Sänger der Band, Syed, der auch der hauptsächliche Autor der Musik und Lyrik des The-Puzzled-Debüts ist. Der Typ (und Maultrommel-Liebhaber) ist in seinem musikalischen Visionärtum ein bewährter Sonderling. Deshalb ist der Schritt, seine eigene Combo ins Leben zu rufen, nicht nur ausgezeichnet, sondern irgendwie notwendig, beziehungsweise die einzig selbstverständliche Konsequenz. Mit seiner stark ausgeprägten musikalischen Intelligenz trägt er entschieden zur Farbenfreude des Angebots der Szene des zeitgenössischen slowenischen Musik-Vergnügungsparks bei. Hoffen wir, dass es in Zukunft noch mehr solcher Verbindungen zwischen Musikern mit einem ähnlich vielschichtig ausgemeißelten musikalischen Profil in Slowenien geben wird.
Die Band entwickelt den urwüchsigen musikalischen Charakter einer streng eklektischen Haltung des Fusionierens vielfältiger genrebezogener musikalischer Ausgangspunkte und berührt stellenweise sogar die Logik der Gestaltung musikalischer Dramatik, die wie gemacht für eine Filmuntermalung wäre. Wenn Rootless der Vorbote einer außergewöhnlichen Jazz-Rock-Fusion mit gelegentlicher Integration ethnischer Melodieelemente ist, für die vor allem Brdniks Akkordeon sorgt (verdoppelt durch Babojeličs Gitarrenlinien), so ist das anspruchsvollere Time Withouth Her Is Wasted der Punkt, an dem das gesamte inhaltliche Mark der Combo im gelungensten Ausschöpfen der musikalischen Verzweigung eingeschlossen ist, die die Band in den grundlegenden Ansätzen ihrer künstlerischen Herangehensweise generiert.
Syed hat seinen vokalen Ansatz exzellent eingesetzt und in das musikalische Ausdrucksvokabular von The Puzzled integriert. Tiefer intoniert, maskulin grollend, gelegentlich hohl-düster — der dramatische Charakter des klar ausgearbeiteten Charismas seines Auftritts ließe sich am banalsten und einfachsten als inspirierter Spaziergang durch die vokalen Interpretationen von Nick Cave, Jim Morrison und auch Johnny Cash beschreiben. Syeds Gesang ist der größte Lieferant jener ausgeprägten Düsterheit, die in der Schwingung von The Puzzled mitschwingt. Von daher ist klar, dass die Figur des Alternative Rock in der fragmentiert-progressiven Resultante der ständigen unerwarteten Entwicklung der Ereignisse, durch die Vereinigung von Elementen des Jazz, Ethno, Blues und Psychedelia, klar wahrnehmbar ist.
Hoffen wir also, dass es nicht bei einem einzigen Konzert bleibt, das der Präsentation des Studiodebüts der Band diente. Das Gefühl, während des Konzerts in der Gala hala keine CD kaufen zu können, bestätigte, dass viele Bands in Slowenien noch immer zu sehr »künstlerisch« oder »bohèmehaft« über die eigene Promotion nachdenken, was sehr schade ist. Ich erinnere mich an einen Auftritt von Miusow Quartet vor langer Zeit im Sax Pub in Trnovo. Die Bandmitglieder mussten wir nach dem Konzert durch den Raum jagen und sie beinahe zwingen, aus abgetragenen Taschen die Exemplare ihrer CD hervorzuwühlen. Einer CD, die ausdrucksmäßig so stark ist, dass sie in so manchem anderen Land längst zweimal nachgedruckt worden wäre. Die Geschichte von The Puzzled ist ähnlich, und hoffen wir, dass sie nicht unbeachtet bleibt. Sie darf nicht unbeachtet bleiben! Der Band wünsche ich von Herzen so viel künstlerische Inspiration und kreativen Antrieb wie möglich für ihr weiteres musikalisches Schaffen.
Die Band schloss den Konzertauftritt mit dem Stück In The Name Of G(o)ods! Das ist jene »berühmte«, farbenfroh verzweigte Komposition der Band, die durch ein träges, einführendes rhythmisches Kribbeln und Syeds zerbrochen eingetauchten Gesang hindurchgleitet, um sich später in den psychedelisch-bluesigen Erotizismus eines vollständigen Dramas zu steigern, bei dem selbst das Teufelchen nicht mehr schlafen kann. Die Gänsehaut stellt sich auf — der Beweis, dass die musikalisch-botschaftliche Essenz von The Puzzled aus dem richtigen künstlerischen Teig geknetet ist. Wunderschön sowohl in ihrer brutal gezackten Chaotik als auch im weich gepolsterten Wohlklang der Melodie. Avantgardistisch und deshalb unwiderstehlich verführerisch!
Bildergalerie



















