Der stachelige Stich des amerikanischen Cactus (2013)

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Autor: Urban Bolta
Fotos: Aleš Podbrežnik

Ort: Steinfeld / Stadtsaal / Österreich
Konzertdatum: 20.04.2013
Besucherzahl: 400

Bei manchen Bands, die irgendwo tief in der Musikgeschichte feststecken, würde man fast wetten, dass sie einem nie über den Weg laufen werden. Eine dieser Gruppen, die aus dem einen oder anderen Grund in den Kreis der Bands gehört, deren Konzerte seltener sind als ein Sechser im Lotto, ist auch Cactus – ein amerikanisches Classic-Rock-Kollektiv aus den frühen Siebzigern.

Die Geschichte der Band Cactus ist sehr interessant. Als sich die Rhythmussektion der Ende der Sechziger enorm populären Psychedelic-Gruppe Vanilla Fudge – bestehend aus Tim Bogert (Bassgitarre) und Carmine Appice (Schlagzeug) – in England aufhielt, einigten sie sich mit dem Gitarrenvirtuosen Jeff Beck auf ein gemeinsames Projekt; doch dieser erlitt kurz vor dem Start einen schweren Autounfall, der ihn für ein Jahr aus der Musikwelt riss. Bogert und Appice gründeten daraufhin Cactus und füllten Becks Lücke mit Gitarrist Jim McCarty und Sänger Rusty Day. In gerade einmal drei Jahren veröffentlichten sie drei Heavy-Rock-Blues-Alben, bevor sich das amerikanische Quartett  je eigenen musikalischen Wegen zuwandte und Cactus Teil der Musikgeschichte wurden…

…Bis ins Jahr 2006, als die Amerikaner nach gut dreißig Jahren Dornröschenschlaf mit einem neuen Album und Konzerten unter die Lebenden zurückkehrten – seitdem verwöhnen sie gelegentlich (vor allem in ihrer Heimat) mit Auftritten die Generationen, die sich noch immer an die goldenen Jahre des Classic Rock erinnern, zu denen auch Cactus gehörten. Und wenn man die Ankündigung ihres Konzerts im österreichischen Kärnten sieht, im Ort Steinfeld, gerade mal 30 Fahrminuten von Jesenice entfernt, reibt man sich erst ungläubig die Augen, bevor die einzig logische Entscheidung fällt: So ein exklusives Konzert lässt man einfach nicht sausen.

Noch vor Cactus heizte The Cream Revival Band dem einige Hundert Köpfe starken Publikum im Kulturhaus Steinfeld ein. Wie ihr Name schon sagt, ist das Trio von Musikern in das Erbe der unsterblichen Cream verliebt, weshalb es ihnen auch keine Mühe bereitete, sich in den einstündigen Auftritt hineinzufühlen und auf der Bühne die Seele rauszulassen. Trotz kleinerer technischer Probleme, vor allem beim Schlagzeuger, präsentierte sich das Trio als gut geöltes Kollektiv. Das Trio besteht aus erfahrenen Musikern: Schlagzeuger Peter Brkusic (Nick Simper & Nasty Habits), Gitarrist Andy Seghers, bekannt für seine einzigartige Clapton-Kollektion im Weltmaßstab, und ihr britischer Kollege Terry Horbury (ex-Ozzy Osbourne, ex-Dirty Tricks). Beim Song Deserted Cities of the Heart gesellte sich auf der Bühne noch der »Wiener Eric Clapton«, wie er vorgestellt wurde, dazu, und der zusätzliche Gitarrist ergänzte im Duett mit Seghers das Klangbild anschließend auch bei Crossroads sowie Had To Cry Today. Obwohl sich die Gruppe brav an die Originale hielt und die Cream-Songs nicht mit dem Geist eigenen Kunstschaffens in Form von Solo-Ausflügen anreicherte, war ihre ausgezeichnete technische Versiertheit kaum zu übersehen. Mit einem Gesang, der stark an die Stimmfarbe von Jack Bruce erinnerte, tat sich auf der rechten Bühnenseite der grauhaarige Horbury hervor, und die Kopie des legendären Power-Rock-Trios beschloss den Abend mit dem packenden Riff-Spiel von Gitarre und Bass beim Song Sunshine of Your Love.

Nach einer kurzen Pause übernahmen Cactus die Bühne. Buchstäblich übernahmen! Das Trio in der ersten Kampflinie – Gitarrist Jim McCarty links, Bassist Pete Bremy rechts und dazwischen Frontmann Jimmy Kunes – trat schon beim Eröffnungs-Cover von Little Richards Long Tall Sally bis an den Bühnenrand vor und lockte das Publikum mit einem intensiveren Ansatz als die Vorgänger aus sicherer Distanz direkt an die Bühne. Die Verbindung war hergestellt, der Abend erwachte zum Leben! Hinter dem Trio saß am Schlagzeug kein Geringerer als Carmine Appice; aus unbekannten Gründen fehlte jedoch Mundharmonikaspieler Randy Pratt.

Cactus füllten den Saal des Kulturhauses in Steinfeld mit dem Sound des schweren Rocks aus den Fingern von Gitarrist McCarty – und die Techniker am Mischpult taten das ihre, indem sie die Lautstärke noch weiter aufdrehen ließen, sodass die Bedingungen unter den Lautsprechern für meine Trommelfelle an der Grenze des Erträglichen lagen. McCarty sah aus wie einer der Schurken aus den amerikanischen Western der Sechziger und passte als solcher hervorragend zum ikonografischen Erscheinungsbild der Band – auf der Bühne wirkte er dabei konzentriert, ruhig und hingegeben. Mit einem sympathischen, lebhaften Auftritt und einem exzellenten, sorgfältig gepflegten weißen Blues-Gesang begeisterte der neue Frontmann Kunes (ex-Savoy Brown); mit seiner Dynamik belebte er die sonst übliche Statik der meisten noch aktiven Classic-Rock-Bands auf angenehme Weise. Beim Song The Groover griff Kunes auch zur Mundharmonika und ersetzte damit zumindest teilweise den abwesenden Pratt. Es gibt kaum Konzerte, bei denen die Blicke aus dem Publikum so regelmäßig am Schlagzeuger hängen wie bei Cactus. Carmine Appice ist nicht nur ein Musiker mit einer außergewöhnlichen Karriere, sondern auch eine höchst charismatische Persönlichkeit, die auf die Drums eindrischt, als würde er zum letzten Mal in seinem Leben spielen. Bei all der Aggressivität wirkte Appice präzise und baute gemeinsam mit Bassist Bremy zuverlässig das Gerüst, das der fette Sound von McCartys Gitarre verfeinerte. Appice als zentrale Ikone der Band präsentierte sich in der zweiten Hälfte des Auftritts erwartungsgemäß mit einer Solo-Einlage, nach der man kaum glauben würde, dass dieser außergewöhnliche Musiker bereits 66 Lenze zählt.

Cactus betteten in das gespielte Material – das größtenteils aus ihren klassischen ersten beiden Alben »Cactus« (1970) und »One Way…Or Another« (1971) bestand – noch den uralten Blues-Standard Evil ein, einen Song der Mississippi-Legende Howlin‘ Wolf. Die gespielten Songs fasste das Quartett zu einer kompakten Blues/Rock-Erzählung zusammen, ohne zwischendurch zu jammen oder in psychedelische Gefilde im Stil verwandter Vanilla Fudge-Konzerte abzudriften. Bei der Rückkehr auf die Bühne spielten Cactus noch Muscle And Soul sowie Rock ‚N‘ Roll Children, bevor sie sich schon kurz nach dem Konzertende am Tisch, wo sie einige Artikel aus dem Band-Katalog verkauften, im Gespräch mit den Besuchern auch von ihrer zugänglichen Seite zeigten.

Die amerikanischen Heavy-Blueser Cactus sind nicht bloß zum Abkassieren ins österreichische Steinfeld gekommen – mit einem authentischen Auftritt überzeugten sie die Besucher, dass sie auch im Herbst ihrer Existenz ihren Namen noch immer glaubwürdig vertreten – als klassischer Baustein der amerikanischen Hard-Rock-Schule aus den frühen Siebzigern, der längst Kultstatus erlangt hat. Mit einem überzeugenden Auftritt haben Cactus bewiesen, dass ihre Wiedergeburt nach mehr als dreißigjährigem Wandern durch die Wüste doch nicht umsonst war!

Setlist

THE CREAM REVIVAL BAND:
1. White Room
2. Politician
3. S.W.L.A.B.R.
4. Sleepy Time Time
5. Deserted Cities of the Heart
6. Crossroads
7. Had To Cry Today
8. Outside Woman Blues
9. N.S.U.
10. Toad
11. Sunsihne Of Your Love / Spoonful
12. We’re Going Wrong (wurde nicht gespielt)

CACTUS:
1. Long Tall Sally
2. Let Me Swim
3. One Way… Or Another
4. Brother Bill
5. You Can’t Judge A Book By The Cover
6. Electric Blue
7. The Groover
8. Evil
9. Drum solo
10. Big Mama Boogie
11. Parchment Farm
—Zugabe—
12. Muscle And Soul
13. Rock ‚N‘ Roll Children

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