Die Angelsachsen setzen vorhersehbar auf Generika (2013)
Autor: Sandi Sadar Šoba
Fotos: Jerneja Jerak
Ort: Orto bar, Ljubljana, Slowenien
Konzertdatum: 13.03.2013
Besucherzahl: 40 – 50
Kartenpreis: 15 € mit Reservierung (18 € ohne)
Verdammt nochmal! Nach einigen Tagen des Herumkränkelns mit einem rebellierenden Magen wird etwas erschreckend klar: Entweder hat mein EMŠO dafür gesorgt, dass ich in keiner noch so zähen Hundeprozession genug Stoff für Lobgesänge finden kann – oder Ljubljana hat mal wieder eines seiner bedeutungslosen Metalcore-Beben überlebt. Sind daran einfallslose Musiker schuld, die in ihrem Streben nach den sprichwörtlichen fünf Minuten Ruhm zu unsauberen Abkürzungen und generischen Tricks greifen, die alles andere als außergewöhnlich und weder Zeit noch Energie wert sind? Darüber möchte ich vorerst kein Urteil fällen. Ich würde den Vorwurf auch nicht an die Veranstalter richten, die wirklich mit Eifer für ein vielfältiges Angebot an Genres, Namen und Geschmacksrichtungen im Konzertprogramm unserer winzig kleinen Hauptstadt sorgen, bei denen sich aber in der Masse der Events immer wieder Momente geringeren Glanzes und mangelnder Denkwürdigkeit einschleichen. Auch den schlechten Geschmack der Jugend würde ich nicht tadeln, denn diese Phase haben wir alle, glaube ich, durchgemacht – trotzdem bereitet mir die Apathie Sorgen, die den älteren Teil des Publikums überflutet. Diesmal sorgten ganz andere Faktoren für eine neue Dosis pessimistischen Eifers, abgesehen davon, dass sich dieser neue Moment weitgehender Bedeutungslosigkeit ausgerechnet an dem Tag ereignete, an dem die katholische Welt einen neuen Papst bekam, während die energetisch ausgelaugte Gemeinde in der Schwermut eines Mittwochs hing, der in dem Zeitalter, das wir Woche nennen, weder Fisch noch Fleisch ist.
Wie ihr seht, habe ich diesmal nicht einmal die Namen erwähnt – und ich frage euch: Was sagen euch die Namen der Bands Climates, Napoleon und Being As An Ocean? Den Status etwas größerer Bekanntheit könnte ich am ehesten Letzteren zuschreiben, deretwegen sich der Weg zum Orto gelohnt hat, denn die anderen beiden Namen waren (zumindest für mich) anfangs verdammt unbekannt und obskur unattraktiv. Zumindest für mich persönlich hatte ich diesen Abend als Veranstaltung mit niedrigen Erwartungen definiert …Ein Buch beurteilt man eben nicht nach dem Einband und ein Konzert nicht nach den Namen der Auftretenden, sondern nach der Musik und der Atmosphäre, die sie während ihres Bühnenmoments der Inspiration zaubern. Kurz nach neun Uhr öffneten sich die Türen des Ljubljaner Orto, und angesichts der soliden Menge junger, aufstrebender Liebhaber von Core-Hybriden (natürlich nicht zu vergessen die Teenagerinnen, die bis zum Hals in Rugby-Socken stecken, und die, genau wie ihre männlichen Kollegen, mehr Wert auf Klamotten-Ästhetik legen als auf den Inhalt des Raums zwischen dem linken und dem rechten Ohr …) zeichnete sich ein durchaus respektabler Konzertabend ab.
Als Erste knackten die britischen Jungspunde aus Lincoln das Eis der Erwartungen – die melodischen Metalcore-Band Climates. Trotz ihrer für mich doch beträchtlichen Unbekanntheit war schon das Intro mit dem mittlerweile völlig obligatorischen Einstieg auf der Höhe. Die linke und rechte Bühnenseite besetzen die kurzhaarigen Gitarristen Sam Bowden und Josh Geeson, hinter dem Schlagzeug macht sich der drahtige Matt Powles bereit, und neben dem muskulösen Sänger Wes Thompson nimmt auch der mit Plugs und Tattoos geschmückte Bassist Chris Pritchard eine kämpferische Haltung ein. Der erste Track ist die aktuelle Single What Means The Most, und die Jungs zeigen gleich alle ihre Trümpfe. Die melodischen Gitarren haben genug Schärfe und Kontrolle, dass das Klangbild gerade genug Abwechslung und Reiz bietet. Das Schlagzeug ist massiv und wuchtig, als Kleber des Ganzen dominiert der massive Bass, und die Vocals – die sind kraftvoll, genau richtig rau, und Wes erweist sich neben seinen außergewöhnlichen Qualitäten als Redner im Meer der Melodie auch als herausragender Frontmann, der das Publikum anzufeuern versteht. Der Orto stagnierte zwar in einem Zustand verhaltener Nonchalance, vor der Bühne aber zeigten gleich zu Beginn des Konzerts die Stammgesichter, die man auf jeder Metalcore-Veranstaltung antrifft, ihre Beschlagenheit – oder deren Fehlen. Im Wunsch nach Kontakt reichte Wes das Mikrofon den milchzähnigen Grünschnäbeln, die aus Lungen und Stimmbändern aber nur unartikulierte, pathetische Weltschmerzschreie pressten, die mit den Texten der Band nichts zu tun haben. Climates fahren den Zug der Qualitätsmusik mit unverminderter Schärfe und Qualität weiter. Der Track Chance & Courage ist ein durch und durch solider Vertreter der HC-Klänge der neuen Ära. Die melodischen Bausteine der Klangwand sind voller vorhersehbarer Breaks und melancholischer Gesellschaftskritik – und Climates beherrschen ihr Handwerk und strahlen das auch wunderschön auf der Bühne aus. Angenehm überrascht vom hohen Niveau des Bühnenauftritts, dem es an nichts fehlte, ließ ich meine a-priori-Defensivhaltung fallen, und Climates stahlen mir alle Aufmerksamkeit, ungetrübt weder durch pathetische Pussy-Diving-Versuche noch durch das harmlose Circle-Pit-Gelatsche einiger Weniger. Der Auftritt von Climates ließ sich mit den Legionen größerer und bekannterer musikalischer Verwandter aus dem Westen vergleichen. Deutlich weniger Spannung und Breaks bietet der hyperenergetische Track The Self Discovery, der den Hauptschwerpunkt der letzten EP Reconcile bildet – dass man Musik heutzutage mehr mit den Augen als mit den Ohren verschlingt, bestätigt der Ansturm auf den Song Waiting To Exhale, für den die Jungs vor einiger Zeit auch ein Video gedreht haben. Die Jungen und Mädchen aus unserem subalpin gelegenen Hühnerstall hatten das Material gründlich verinnerlicht, weshalb die Unsynchronitäten beim Mitsingen vor der Bühne deutlich geringer waren als zuvor. Climates sind Jungs mit vielen musikalischen Gesichtern und Stimmungen. Neben der Schärfe finden sich in den Texturen viele melodische, sentimentale Ausgleiter in eine verhaltene Balladenhaftigkeit – womit die Jungs aber weder unecht noch weichgespült noch gleichgültig wirken. Nach den Songs Heavy Minds und dem harmonischen Aufschrei von Three Years war es Zeit für das große Finale. Die sichtlich zufriedenen und schweißdurchtränkten Climates-Jungs pressen souverän noch das sentimentale Finale von Letting Go aus den Lungen. Ich kann nicht leugnen, dass sie mir schon nach dem ersten Set ans Herz gewachsen sind – denn trotz vorhersehbarer Metrik und melodischer Griffe bieten die Lincolner Hoffnungsträger wirklich ein rundes Paket entspannter Konzertunterhaltung, das zudem voller Herzlichkeit, Zugänglichkeit und Unverderbtheit von Musikern steckt, denen der Starstatus noch nicht zuteilgeworden ist, obwohl sie sich mit allen Mitteln danach strecken.
Der Anfang war gut, aber ich war gespannt auf die Fortsetzung. Ich gebe zu, dass ich nicht wusste, was ich von einer Band erwarten sollte, die sich nach dem französischen General benannt hat, der vor zwei Jahrhunderten wie ein schmerzhaftes Implantat im Hintern des britischen Imperiums steckte. Würde Napoleon auch Ljubljana dominieren, oder würde die Bühne des Orto sich als Waterloo erweisen – und das slowenische Publikum als Äquivalent der Armee des Herzogs von Wellington? Das Quartett aus Exeter besetzte die Bühne in der Manier ihrer schwäbischen Kollegen. Hinter das Schlagzeug setzt sich der beleibte Bärtige James Mendoza, und als neben dem Schlagzeug die silberne Front eines Apple-Computers aufleuchtet, wird alles klar – es kündigt sich ein weiterer beliebiger Versuch an, mit Trigger-Sounds zu beeindrucken statt mit organischer, unverfälschter Ehrlichkeit. Die Gitarrenmelodik ist Samuel Osborn anvertraut, der seinen Ibanez fast bis ans Kinn hochgezogen hat. Das Mikrofon ist dem germanophil gefährlichen Nichtsnutz Joshua Baker anvertraut, der von Anfang an angespannt auf der Bühne herumtrippelt, während sich auf der linken Seite ganz anders, souveräner und unbekümmert der sichtlich gut gelaunte Ryan McEntee aufstellt. Die Namen sagen nichts, und angesichts der Tatsache, dass das britische Quartett lediglich mit zwei selbstproduzierten Scheibchen (den EPs What We See und Cinderella) ausgestattet ist, konnten sie eigentlich nicht wirklich viel Neues versprechen. Im Gegensatz zur gleichnamigen Band auf der anderen Seite des Atlantiks, die in den Achtzigern des vergangenen Jahrhunderts mit aufgetürmten Frisuren für Schrecken sorgte, sind die britischen Napoleons Anhänger des harmonischen Metalcore und HC – aber in dieser Brühe steckt verdammt wenig eigenes Fleisch. Die ziemlich eintönige, verträumte Gitarrenmelodik hängt sich an Bass und Schlagzeug wie ein Betrunkener an den nächsten Zaun, und die Vocals sind trotz der erwarteten HC-Kehligkeit ausdruckslos und sogar störend. Die Kommunikation zwischen Josh und dem Publikum war unecht, trotzdem waren die slowenischen Jungen und Mädchen bereit, aus den Händen der britischen generischen HC-Mühle alles zu schlucken –von uninspirierter Generik über den arroganten, nonchalanten Auftritt von Pseudo-Stars, die sich über alle stellen, bis hin zu einem beschissenen Sound, der für die Holzkonstruktion des Orto schlicht zu viel war. Die Tracks Rituals, Wasted Life, Day After Day und Regret verschmolzen mit den neueren »Meisterwerken« der im vergangenen Jahr aufgenommenen Scheibe. Ehrlich gesagt gibt es keinen großen Unterschied zwischen den neueren Trümpfen wie Liars And Sellers, Bearing Loss, dem Titeltrack What We See und den älteren Songs – (es ist zum Schreien komisch, wenn eine Band, die gerade mal zwei Jahre existiert, über ihre Songs spricht, die »aus längst vergangenen Zeiten« stammen, als wären es prähistorische, präkambrische Fundstücke, die jeder kennen müsste). Josh mit dem Fuß auf dem Monitor, dann vor Fotografen fliehend mit dem Rücken zum Publikum, wieder heiser ins Mikrofon schreiend – und dann diese verfluchten digitalisierten Massen nichtssagender Schlagzeugklänge, mit denen das beleibte Schlagzeugerlein Energie einspart, und dazu vollkommen eintönige Gitarren … Lichtblicke findet man in der Tonne Mist zwar schon – aber was nützt das, wenn das Quartett alles mit unnötigen Bremsmanövern abtötet und der solide Groove bald den Bach runtergeht! Die Generik von Bands wie It Prevails, Heart In Hand und ähnlichen lauen Exemplaren der Musik ist verdammt ansteckend, und auch ein schärferer und wütenderer Auftritt überzeugte mich nicht von der Überlegenheit des allmächtigen Napoleon – also ging ich raus, um meinen Ohren und meiner Seele eine kleine Pause in der Kälte Ljubljanas zu gönnen …
Ich hatte gewettet, dass das große Finale grandioser sein würde, denn Being As An Ocean als amerikanische Urgesteine des Post-HC-Genres hatten auf der Setlist noch das meiste versprochen. Aber ich frage mich, ob mit mir etwas nicht stimmt – denn die Jungs haben bisher nur ein Album aufgenommen, das den, wow, bedeutungsvollen Titel Dear G-D trägt, und existieren sogar schon seit 2011! Kurzstreckenläufer ohne echte Kilometreleistung also? Ich urteile nicht auf einmal, aber schon nach dem einleitenden Stretching und der jogiartigen Meditation des Sängers Joel Quartuccio direkt auf der Bühne, ohne Rücksicht auf das Publikum hinter seinem Rücken, sowie der Demontage der Seitenabsperrung, die einer der Gitarristen im Namen größerer Bewegungsfreiheit für seinen Telecaster veranlasste, war klar, dass die Jungs sich verdammt ernst nehmen. Sogar zu ernst, wenn ich das so sagen darf – denn nach dem einleitenden Intro einer klagenden Stimme, die Gott anspricht, wurde klar, dass die Jungs auf die falschen Trümpfe setzen. Joel bezog Position mitten im Publikum, das sich geradezu klebrig an seinen muskulösen Hals hing und versuchte, seine schiefen Karaoke-Melodien zu grunzen. Das verstimmte Gitarren-Duo in Gestalt des selbstverliebten Jacob Presto und des der Akrobatik zugeneigten Tyler Ross sowie – nicht zu vergessen – das rhythmische Herz in Gestalt von Bassist Ralph Sica und Schlagzeuger Shad Hamawi bieten Quasi-HC-Schund und eine Fülle falscher Melodie. Dear G-D wurde als gutartige Formation schreiender Vocals präsentiert, die weder zu verstehen noch qualitativ zu hören waren. Die Gitarren waren unausgewogen, und das zu zarte Schlagzeug zusammen mit dem Bass stahl die letzten Atome des inneren Willens zur Vertiefung. Der direkte Kontakt stellte so einen Faktor der Unterminierung jenes Niveaus dar, das die Jungs von der ersten Sekunde an hätten aufbauen und halten müssen – im Gegensatz zum außergewöhnlichen Erlebnis, das Rosetta einst in den Orto gebracht hatten, überwog diesmal im Mund ein fader Nachgeschmack unerfüllter Erwartungen. Deutlich melodischer versucht sich Salute e Vita zu verkaufen, das aber auch in der Studioversion leicht knarzig klingt und live noch ein paar Gramm Eier mehr bräuchte. Deutlich mehr Harmonie in Gedanken und Herz rufen die Fragmente des Songs This Loneliness Won’t Be The Death Of Me, der eine wahre Weltschmerz-Hymne ist – trotz allem hätte ich auch das noch verschmerzt, wenn mir nicht die heiseren Karaoke-Sänger, die das Mikrofon regelrecht aus den Händen rissen, die Lust auf weiteres Eintauchen gestohlen hätten, während das Konzert anstatt der Präsentation eigener Qualitäten der Band immer mehr zu einer schmerzhaften Farce wurde, der es sinnlos war, weiterhin Zeit und Energie zu widmen. Und deshalb folgte der Moment, in dem die Frustration den Wunsch überwältigte, in jenem Augenblick genau auf jenem Stückchen des Universums zu sein, und das Rockline-Team gestand die Kapitulation ein und stahl sich in die stille Nacht davon.
Auch das Fehlen innerer Leidenschaft kann ein Faktor sein, weswegen man diesen Mittwoch zum größten Teil am liebsten aus dem Gedächtnis tilgen würde. Damit kein Missverständnis entsteht – Climates sind nach wie vor eine Band, der ich auch künftig gerne und mit Freude zuhören werde, die anderen Sieger des Abends kann ich am Tag der Inthronisierung des neuen Papstes aber nicht ausrufen. Der überbewertete Glanz der Core-Derivate hat das Genre in eine absolute Sackgasse geführt, in der man nur noch Gesagtes und Gesungenes wiederholen kann, und die immer blasseren Nuancen des Textinhalts stoßen den kritischen Zuhörer, der es nicht schafft, nur ästhetischen Tand und bedeutungsloses Geschwätz hinzunehmen, schlicht ab. Hier würde ich an den Gedanken des Theoretikers und weisen Denkers Jože Vogrinc anknüpfen – Musik ist zweifellos ein Spiegel der Zeit, in der wir leben. Und vor dem Vakuum der Zeit, in der wir leben, könnte man sich leicht fürchten. Das Video hat das Radio getötet, der Internet-Download die analoge Seele der Musik – und damit ist ein beachtlicher Teil des Organischen gestorben, mit dem ich mich zumindest persönlich leichter und lieber identifizieren konnte. Diesmal war die Empirie ein weiterer Beweis, dass man dem Altern nicht entfliehen kann, und mit den Jahren werden Gespür und Verständnis für die Jugend und deren Begriff von Pathos deutlich geringer. Und das ist gut so! Die Schuldfrage, die ich in der Einleitung angesprochen habe, können wir also endgültig abhaken – oder etwa doch nicht?
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