Marillion entfachten im sprichwörtlich kühlen Deutschland das Feuer unzähmbarer Fanbegeisterung (2012)

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Autor: Peter Podbrežnik
Video: Jernej Vene

Ort: München/Theaterfabrik/Deutschland
Konzertdatum: 24.11.2012
Besucherzahl: 850
Kartenpreis: 45,00€

Die Konzertauftritte des ‚am sorgfältigsten gehüteten britischen Musikgeheimnisses‘ sind stets ein einzigartiger Balsam für Körper, Seele und Geist, weshalb es sehr gut wäre, wenn ein einmaliger Besuch ihrer Show zum Pflichtbestandteil des verschriebenen medizinischen Rezepts zur Heilung all der verwundeten slowenischen Seelen werden würde, von denen es leider heutzutage immer mehr gibt. Die große Frage ist natürlich, ob diese Einzelpersonen überhaupt in der Lage wären, ihre traditionell außergewöhnlich tiefe Musik und ihre Botschaften zu erspüren. Marillion präsentierten auf ihrer aktuellen Konzerttournee ihr neuestes Album »Sounds That Can’t Be Made«, doch das war bei weitem nicht der einzige Grund, warum unser Redaktionsteam beschlossen hatte, ihren Auftritt in der Münchner Theaterfabrik genauer unter die Lupe zu nehmen — denn alle vier Rockline-Journalisten, die an jenem Abend anwesend waren, zählen sich zu den Anhängern der aufregendsten britischen Art-Rock-Band der letzten zwei Jahrzehnte. Schließlich war das Interview mit dem ehemaligen Marillion-Sänger Fish überhaupt das erste (internationale) Interview in der Geschichte von Rockline, weshalb das Interesse an den Konzertauftritten dieser legendären Band sowie ihrer ehemaligen Mitglieder (neben Fish ist das auch der originale Marillion-Schlagzeuger Mick Pointer, der sein Brot bei der Band Arena verdient) längst die üblichen emotionalen Rahmen gesprengt hat.

Marillion ändern ihre Setlist jeden Abend — mehr als löblich, und diese Praxis lässt jedes Mal den Überraschungsfaktor offen. Ihren Auftritt, der im Hintergrund durchgehend von grandiosen Lichteffekten begleitet wurde — allen voran von speziellen, transparenten Röhren, durch die ununterbrochen lebhafte Farben flossen —, verteilten sie geschickt zwischen neuen Stücken vom Album »Sounds That Can’t Be Made« und Überraschungen in Form langjähriger Klassiker. Nur wenige Bands, selbst aus dem Bereich des Progressive Rock, wagen es heutzutage, ihren Konzertauftritt mit einem über 17-minütigen Stück zu eröffnen — so wie an jenem Abend das komplexe pazifistische Epos mit dem Titel »Gaza« —, doch Marillion sind zu Recht mehr als stolz auf ihr neuestes Studiowerk, das zweifellos ihr bestes seit dem Meisterwerk »Marbles« (2004) ist und mit dem sie souverän eine neue künstlerische Phase ihrer Karriere eingeläutet haben.

Steve ‚Mr. H‘ Hogarth, der zu Beginn des Auftritts eine Rhythmusgitarre umgehängt hatte und ein weißes T-Shirt mit dem traditionellen Friedenssymbol trug, wurde beim Singen über das traurige Schicksal der leidenden palästinensischen Stadt, über der ein Genozid weiter andauert, von der emotionalen Hingabe so weit mitgerissen, dass er die Tränen nicht zurückhalten konnte. Das belegt eindrucksvoll, wie sehr dieser legendäre Sänger — dem es seit unserem letzten Zusammentreffen gelungen ist, ein paar Kilo abzuspecken — in jede einzelne Darbietung aus der langen und bunten Marillion-Geschichte eintaucht. Bei besonderen Gelegenheiten legte er die Gitarre beiseite und setzte sich ans E-Piano, noch lieber aber trat er ohne irgendetwas in den Händen vor das Mikrofon. Auch seine langjährigen Weggefährten waren an jenem Abend in bester Stimmung. Der vielseitige Bass-Frohnatur Pete Trewavas, mit dem wir vor dem Konzert ein ausgesprochen interessantes Interview geführt hatten, war wieder einmal besonders quirlig, während seine Basslinien inmitten der ausgezeichneten Beschallung des Saals so deutlich zu hören waren wie schon lange nicht mehr.

Steve Rothery war wie gewohnt ausgezeichnet — wie man das von einem solchen Meister der gitarristischen Subtilität und würdigen Nachfolger der Tradition der versiertesten Prog-Rock-Gitarristen der Siebziger einfach erwartet. Mark Kelly hielt derweil die ganze Zeit lebhaft Wacht über sein Tastatur-Imperium und wechselte nach Bedarf zwischen den traditionellen Synthesizer-Klängen der Achtziger und moderneren Mitteln — allen voran einem reichen Repertoire an Computersequenzen mit digitalen Samples. Schlagzeuger Ian Mosley war, wie gewöhnlich, während des Auftritts inmitten seines riesigen Schlagzeug-Setups kaum zu sehen, sodass Mr. H scherzte, an jenem Abend sei anstelle von Ian dessen Zwillingsbruder zugegen, während der Kultschlagzeuger nach Brüssel zu politischen Gesprächen abgereist sei, wo er den abgesetzten britischen Premier Cameron ersetze — leider nur in der Vorstellung.

Mit »Warm Wet Circles« und dem dazugehörigen Begleitstück »That Time Of The Night« kam die erste Überraschung des Abends — es handelte sich um die Darbietung zweier Stücke aus der Fish-Ära, genauer gesagt vom Meisterwerk »Clutching At Straws«. Wann immer Marillion einen Klassiker aus dieser beliebten ‚Neo-Prog‘-Periode spielen, versucht H es gar nicht erst, Fish‘ traditionell theatralische und bekenntnisreiche Rolle einzunehmen — er weiß um seine stimmlichen Grenzen in diesem Bereich —, sondern beschwört stattdessen seine ganz eigene emotionale Magie. Zur Enttäuschung einer Minderheit und zur Gleichgültigkeit der Mehrheit jener, die diesen Klassiker bereits live erlebt haben — mit Marillion wie auch mit Fish solo — spielten sie an jenem Abend ihren größten Hit, »Kayleigh«, nicht. Danach kehrten sie mit einer hervorragenden Version der ergreifenden Ballade »Pour My Love« auf das aktuelle Album zurück, was die heiße Atmosphäre etwas beruhigte, ehe sie mit dem energetischen Anthem  »Power« die Temperatur im Saal wieder an den Siedepunkt trieben.

Die angenehmste Überraschung des Abends war jedoch die Darbietung der immergrünen pazifistischen Ballade »Easter«, die sie in den letzten Jahren live nur äußerst selten spielen. Im Saal brodelte es ganz besonders, als Rotherys monumentales Solo im abschließenden Teil anstand. Der Titeltrack des neuen Albums war eine willkommene Bereicherung dieses magischen Abends, an dem der Unterzeichner nicht aufhören konnte, sich über die Lautstärke des traditionell eher passiven und sprichwörtlich kühlen deutschen Publikums zu wundern. Der stürmische Applaus und das lang anhaltende Klatschen, das zwischen den einzelnen Nummern einfach kein Ende nehmen wollte, überraschte sogar die Band selbst, die daraufhin das Publikum entsprechend lobte und es mit der Darbietung des Klassikers »Estonia« belohnte, der ein recht häufiger Bestandteil ihrer Konzertauftritte ist. Mit »King« kehrten sie uns kurz auf das Album »Afraid Of Sunlight« zurück, bevor sie am Ende des regulären Sets erneut auf dem Album »This Strange Engine« ‚landeten‘ — mit einer phänomenalen Version des Klassikers »Man of a Thousand Faces«, bei der Rothery eine 12-saitige Gitarre spielte.

Kaum hatten die Bandmitglieder die Bühne für die erste Zugabe des Abends wieder betreten, waren aus dem Publikum verschiedene musikalische Wünsche zu hören. Die meisten wollten, dass sie das 18-minütige »Marbles«-Magnum-Opus »Ocean Cloud« spielen, das sie an den meisten Terminen dieser Tournee gespielt hatten, doch die Band hatte — wohl auch wegen der Erschöpfung — andere Pläne. Trotzdem war niemand allzu enttäuscht, als sie statt »Ocean Cloud« den bestmöglichen ‚Ersatz‘ in Form eines weiteren epischen »Marbles«-Klassikers spielten: »Neverland«.

Eine deutlich größere Überraschung wartete mit der zweiten Zugabe, denn sie entschieden sich für zwei Stücke, die auf ihrem Konzertprogramm normalerweise äußerst selten auftauchen. Die faszinierende Version der immergrünen »Holidays In Eden«-Power-Ballade »No One Can« begeisterte vor allem jene, denen mehr Darbietungen aus ihrer kurzlebigen ‚Pop‘-Ära fehlen, während sie als Abschlussstück »Three Minute Boy« vom qualitativ hochwertigen, aber ziemlich ‚ungewöhnlichen‘ Album »Radiation« wählten — das war so ziemlich das Letzte, was die meisten im Saal erwartet hatten. Dieses durchaus interessante Stück, das generell eine ziemlich komplexe Struktur und ungewöhnliche Tempowechsel aufweist und daher nicht jedermanns Sache ist, war nicht gerade die glücklichste Wahl für einen überzeugenden Abschluss des Auftritts — sie haben so viele bessere Stücke auf Lager, auch vom besagten Album (etwa »Under The Sun«). Am Ende waren aber alle mehr als zufrieden mit einem weiteren hervorragenden Auftritt der besten britischen Art-Rock-Band, die derzeit verfügbar ist — mit Ausnahme des Doyen unseres Musikjournalismus, den an jenem Abend die Sehnsucht nach »Kayleigh« und »Lavender« plagte.

Setliste

  1. Gaza
  2. Warm Wet Circels
  3. That Time Of The Night
  4. Pour My Love
  5. Power
  6. Easter
  7. Sounds That Can’t Be Made
  8. Estonia
  9. King
  10. Man of a Thousand Faces
    —Zugabe I.—
  11. Neverland
    —Zugabe II.—
  12. No One Can
  13. Three Minute Boy

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