Nicht mal Gott ist Godspeed gewachsen (2012)
Ort: Ljubljana / Kino Šiška / Slowenien
Konzertdatum: 14.11.2012
Besucherzahl: 900
Kartenpreis: 25 EUR, 20 EUR (erm.) / 27 EUR an der Abendkasse
In diesem Jahr haben wir in der Post-Rock-Szene zwei große Comebacks von Bands erlebt, die wir längst begraben hatten. Beide Bands kamen über Nacht zurück, auf einen Schlag, schüttelten zombieartig die ganze vermoderte Erde von sich ab und fegten alles vor sich weg. Warren Ellis und sein The Dirty Three mit Antipropaganda gegen die heutige Musikindustrie, Efrim Menuck und Godspeed You! Black Emperor mit Antipropaganda gegen die kanadische Regierung (die praktisch ein Spiegelbild der gesamten westlichen Politik ist). Das Comeback der Letzteren war freilich die weitaus größere Überraschung und schlug in der Szene auch deutlich größere Wellen, denn Godspeed waren seit 2004 von der Bildfläche verschwunden, und es gab keinerlei Anzeichen, dass sie zurückkommen könnten. 2010 bzw. 2011 begannen sie dann wieder mit Konzerten, ohne Medien oder Promotion in diese Entscheidung einzubeziehen. In diesem Jahr begannen sie dann bei den September- bzw. Oktoberkonzerten, eine Vinylplatte zu verkaufen, deren Cover den Besuchern völlig unbekannt war (aber gleichzeitig wegen des düsteren, post-apokalyptisch gefärbten Fotos so vertraut) und den Namen ‚Allelujah! Don’t Bend! Ascend! trug (die RockLine-Rezension des Albums könnt ihr HIER lesen). Es handelte sich tatsächlich um ein neues Album, das offensichtlich komplett ohne Promotion, Ankündigung und sonstige Formen der Kommunikation über seinen Entstehungsstand aufgenommen worden war – Formen, bei denen Medien hätten einbezogen werden können. Godspeed sind nämlich dafür bekannt, Musikjournalismus in der beschriebenen Form und Ausrichtung wirklich nicht zu mögen. The Dirty Three hingegen kehrten mit ihrem ersten Studioalbum nach sieben Jahren leiser zurück, trotz der weitaus präsenteren Art des Bühnenauftretens, das Warren Ellis in Konzerten, Interviews usw. an den Tag legt. In diesem Jahr gingen auch beide prominenten Bands auf Solotouren, und alle slowenischen Fans begannen natürlich, nach den nächstgelegenen Orten Ausschau zu halten, wo sie ein Konzert besuchen könnten. Erste Euphorie löste dann die Meldung von Constellation Records aus, dass Godspeed auf ihrer Tour auch bei uns im Kino Šiška Station machen würden. Wir reden schon länger vom Jahr 2012 als dem Post-Rock-Jahr für Slowenien (die Auftritte von God is an Astronaut, Sleepmakeswaves, Kerretta, Maybeshewill, Sigur Rós, Crippled Black Pheonix usw. bestätigen das zweifellos), und trotzdem trieb diese Nachricht jedem Fan den Adrenalinspiegel in die Höhe. Dass es in noch einer Hinsicht ein ganz besonderer Abend werden würde, hätte sich niemand träumen lassen. An der Seite von Godspeed wurden auch The Dirty Three angekündigt, da sich ihre Tour zufällig genau durch Slowenien zog. Damit hatte sich Slowenien nicht einfach nur irgendeinen weiteren Tourtermin beider Bands gesichert, sondern wohl den wichtigsten bzw. besonderen. Und das ist eine starke Referenz für die Zukunft.
Es war klar, dass das Kino Šiška ausverkauft sein würde. Am Konzerttag waren nur noch ein paar Karten verfügbar. Auch das ist mehr als exzellente Werbung für die Zukunft – dass die Leute tatsächlich bereit sind, zu solchen Veranstaltungen zu kommen, und dass es sich für die Veranstalter (und letztlich auch für die Band) lohnt. Dass ein Publikum für diese Art von Musik existiert und bereit ist, aus allen Ecken Sloweniens nach Ljubljana zu kommen. Außerdem gab es auch eine ganze Reihe von Ausländern, meistens Kroaten und Italiener, die keinen Termin für Godspeed bekommen hatten (wohl aber einen für The Dirty Three).
Von Anfang an ist klar, dass es sich um zwei wirklich unterschiedliche Künstler handelt. Der Geist von The Dirty Three ist durchdrungen von Unverschämtheit, Showmanship und großen Bühnenlichtern, die auf Warren Ellis gerichtet sind. Die Bühnenlichter sind das, was die Band braucht, um ihren Auftritt so zu gestalten, wie er gedacht ist. Die Zeit, die Warren sich zwischen den Songs nimmt, um auf die Musikindustrie, den Kapitalismus und die heutige Konsumgesellschaft einzudreschen, ist ein großer Teil dessen, was die Band ausmacht. Mehrfach hat Warren sich mit seinen Stück-Erklärungen im Stil von »dieser Song handelt von dem und dem« ordentlich verheddert, aber dank seiner starken Ausstrahlung immer ein Lächeln in die Gesichter des Publikums gezaubert. Justin Bieber zu kritisieren ist offensichtlich immer noch »in«, zumindest »in« genug, dass man vom Publikum schon mit dem bloßen Ausspucken seines Namens donnernden Applaus bekommt. »Fuck you, Justin Bieber,« macht dich schon zum Helden. Gott sei Dank verlassen sich Warren und die anderen beiden Schmutzkerle nicht allein auf die Show (obwohl sich hier einzig und allein der Bandleader darauf stützte). An erster Stelle stand nach wie vor die Musik. Diese fantastische, verrückte Musik, die – abgesehen von den Balladen (und davon gibt es viele) – Warrens Ausstrahlung widerspiegelt. Das spiegelte zweifellos auch Schlagzeuger Jim White wider, der einer der explosivsten Schlagzeuger war, die ich je gesehen habe. So lautes Schlagzeugspiel mit einem Jazzgriff an den Sticks hatte ich noch nie gehört. Das war ein unkontrollierbares Wirbeln beider Arme bis zu dem Punkt, wo das Auge ihnen kaum noch folgen konnte, ein Massakrieren der Drums in jeder Sekunde des Auftritts, das gleichzeitig präzise, raffiniert und sehr wohl kontrolliert, kalkuliert und durchgehend bestmöglich im Kontext war. Die Chemie zwischen Warren und Jim zu beobachten war wirklich ein Genuss. In den improvisierten Teilen, im Wechsel von Lautstärke und Spieltempo… spielten sie wie ein einziger Musiker. Der Gitarrist Mick Turner hingegen war aus diesem Elite-Duo fast vollständig ausgeschlossen. Er starrte apathisch ein paar Meter entfernt zu Boden, obwohl sein Spiel etwas Besonderes ist. Etwas, das nie ganz ins Konzept gepasst hat, aber genau dadurch etwas völlig Eigenes und letztlich vollkommen Verwandtes hinzufügte (Widerspruch war das Wort des Tages). The Dirty Three lieferten trotz des gelegentlich geschmacklosen Showgehabes (wie ich aus den Kommentaren in der Pause heraushörte) verrückte Musik, eine eigenartige Interpretation des schwer fassbaren Begriffs »Post-Rock« und rechtfertigten in eineinhalb Stunden schließlich ihren Namen vollends. Warren zeigte noch eine andere Seite seiner Rolle in Nick Caves Band, wo der Frontmann-Titel natürlich Nick gehört, obwohl Warren dieser Aufgabe, klar, absolut gewachsen wäre.
Der energiegeladene Auftritt ließ das Publikum schwatzend, gespannt und bereit zurück. Godspeed You! Black Emperor ist eben (noch) eines der Ereignisse des Jahres, ein Ding, das höchste Begeisterung verdient. Das Erste, was zwar erwartet war, war der Auftakt des klassischen Godspeed-Intros – »Hope Drone«. Menucks Idee der Visualisierungen im Hintergrund führte uns durch das monotone Echo, das Wort »Hope« brannte sich uns nach und nach ins Gehirn. Wir vergaßen The Dirty Three, Warrens Faxen, die Bühnenlichter. Godspeed mögen das nicht. Es spricht nur ihre Idee, ihre Musik, ihre Philosophie. Die Bandmitglieder sind für die Botschaft irrelevant. Und was für eine Erkenntnis war das, als ich merkte, dass ein Häufchen Verstärker (vielleicht wäre Haufen treffender, denn es waren wirklich sehr viele) im Halbkreis aufgestellt war; das war eine Art Amphitheater-Aufstellung. Genau das ließ mich darüber nachdenken, dass Godspeed tatsächlich perfekt in einen kleineren, intimeren Raum passen würden, ohne PA-System, nur mit ihren eigenen Verstärkern. Auf jeden Fall hatten sie das letzte Wort – sie hatten ihren eigenen Techniker und ihr eigenes Mischpult dabei (das tatsächlich in der Mitte der Bühne stand und am besten beleuchtet war), was bedeutete, dass das Signal der Verstärker zuerst in ihr eigenes Mischpult lief und erst danach in das des Kino Šiška. Der Sound war, klar, fantastisch, perfekt. Ein paar haben sich hinterher über zu hohe Lautstärke beschwert, mir aber schien es genau richtig. Laut genug, dass du das Pärchen neben dir nicht flüstern hörtest, laut genug, dass du beim Schließen der Augen die anderen Menschen um dich herum vergaßt, laut genug, dass du mühelos in diesen gegenwärtigen Ozean aus Klang eintauchen konntest und dabei genug Sauerstoff hattest, um nie an die Oberfläche schwimmen zu müssen.
Die Setlist war mehr oder weniger bekannt. »Hope Drone«, ein Stück von der neuen Platte, ihr neues Werk »Behemoth«, das etwa 40 Minuten dauert… und schon haben wir ein ordentlich langes Konzert. Nach »Hope Drone« folgte tatsächlich ein Stück vom neuesten Album – »Mladic«. In der Rezension habe ich bereits über all die Angst und die Wut geschrieben, die Godspeed diesmal zeigen (im Gegensatz zu dem eher melancholischen post-apokalyptischen Gefühl, das sie meistens zeigen), wenn sie von Mladić und all den Kriegsopfern »sprechen« – live ist das noch potenzierter. Die Klangwelle, die in den schwereren Teilen beim Zuhörer ankommt, lässt die Lungen kaum einen einzigen Atemzug nehmen, lässt die Ohren kaum noch hören und lässt den Zuhörer kaum so in Ruhe, dass er sich nicht die Kleider vom Leib reißt. Das ist weniger ein Lied der Trauer als ein Lied des Kampfschreis gegen begangene Gräueltaten. Und so führen Godspeed es auch auf. Doch neben all den Botschaften hat das bloße Spiel zweifellos auch eine musikalische Seite – so viel Improvisation, wie GY!BE in ihre Musik einbringen, ist schlichtweg unglaublich. Die Länge der Stücke erlaubt ihnen das natürlich nonstop; diesmal fingen sie zum Beispiel mit dem Ende an; in manchen denselben Riffs, denselben Teilen veränderten sie ununterbrochen kleine, kleine Details – Tempo, Lautstärke, eine der drei Gitarren spielte eine Oktave höher, vielleicht zogen sie eine Saite etwas mehr, damit die Dissonanz deutlicher war. Vielleicht war in der Flut der Effekte jedes Gitarristen einer mehr oder einer weniger. Das waren wirklich kleine Dinge, die aber unglaublich hörbar waren und die Drone-Parts bzw. die sich wiederholenden Riffs so gewaltig, so interessant, so unterschiedlich voneinander machten. Das fast zweieinhalb Stunden lange Konzert war voller emotionaler Aufladung, voller Genialität, voller eingesetzter letzter Kraft, die Godspeed aus ihrer leuchtenden Philosophie schöpfen, aus ihrem Auftrag, aus der primären Rolle des Künstlers als Boten. Zu hohe Lautstärke hin oder her, zu lange Drone-Parts hin oder her… niemand verließ die Halle apathisch und gleichgültig.
Das Fazit nach dem Konzert war eigentlich erwartbar – wir haben eines der Ereignisse des Jahres erlebt, und das nicht nur auf slowenischem Boden. Das Zusammenspiel beider Bands hat einen phänomenalen Abend gezaubert, dem ich nichts hinzufügen und nichts wegnehmen würde. The Dirty Three waren eine exzellente „Vorband“, genau wegen des monumentalen Kontrasts, den Godspeed von der Sekunde an zauberten, als »Hope Drone« zu hallen begann, konnte man erst wirklich begreifen, wie anders Godspeed sind; ohne damit Warren kleinzureden – das war ein fantastischer Auftritt. Aber keiner kommt an Godspeed heran. Und nicht mal Gott ist Godspeed gewachsen.
Setlist
Godspeed You! Black Emperor:
1. Hope Drone
2. Mladic
3. Moya
4. Behemoth
5. The Sad Mafioso
Bildergalerie


























































