Vai bei der „kleinen“ Gitarrenprobe in Zagreb (2012)
Autor: Aleš Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik
Ort: Zagreb / Tvornica Kulture / Kroatien
Datum des Konzerts: 09.11.2012
Besucherzahl: 1.200
Kartenpreis: 200,00 HRK (im Vorverkauf) / 220,00 HRK (am Konzerttag)
Sieben Jahre vergehen – und Steve Vai taucht wieder in Europa auf. Neue Tour! Das neue Album »The Story Of Light«, ein frisches und hochwertiges Studiozeugnis, serviert der unerschöpflich geniale Kopf dieses Musikers. Vor sieben Jahren stand Steve Vai in der letzten Septemberdekade 2005 zum dritten Mal in seiner Karriere auf slowenischen Bühnen, als er seinen spektakulären Auftritt in der Ljubljaner Cvetličarna bestritt, um anderthalb Monate später, genauer am 13.11.2005, auch in der Tvornica Kulture in Zagreb Halt zu machen – mit einer noch besseren Show als in Ljubljana. Und nun wiederholt sich die Geschichte nach sieben Jahren! Nur dass der Abstand zwischen dem Auftritt in Ljubljana und dem in Zagreb diesmal bloß 4 Tage beträgt, dass Zagreb diesmal als Erstes dran war und Vai sich damit die Tür offengelassen hat, sein Zagreber Konzertspektakel in Ljubljana noch zu toppen und den Slowenen ein noch besseres Konzert zu liefern. Sei’s drum. Die innere Unruhe, die ständige Neugier und die Hingabe an die Magie der Musik in all ihren Erscheinungsformen hat das Rockline-Team exklusiv nach Zagreb katapultiert, um euch noch vor Vais Auftritt in Ljubljana einen Bericht über die aktuelle Form dieses außergewöhnlichen Künstlers zu servieren.
Im Vergleich zur letzten Tour ist die neue etwas »sparsamer« aufgestellt. Bei der letzten hatte Steve Vai den Delta-Blues-Ausreißer Eric Sardinas als Vorband dabei, diesmal nahm er die bei uns kaum bekannte Singer-Songwriterin Beverly McClellan mit, die jedoch mitten auf der Tour aus familiären Gründen das Konzertabenteuer mit Vai abbrechen musste. Außerdem löste Steve Vai seine Begleitband The Breed auf, in der neben Dave Wiener und Jeremy Colson auch die Devil’s Slingshot-Kumpel Tony MacAlpine und Billy Sheehan (Mr. Big) dabei waren – als deren Ersatz holte er zwei weniger bekannte, aber darum nicht weniger attraktive Namen ins Boot: Bassist Philip Bynoe und Harfistin Deborah Henson-Conant!
Es ist neun Uhr abends, die Tvornica Kulture hat sich schön gefüllt – dennoch wurden die Karten nicht knapp, wie das an derselben Location vor sieben Jahren noch der Fall war. Die Anspannung stieg, und die zähen Minuten, die sich wie eine atomare Ewigkeit dehnten, wurden durch die Musik von Devin Townsend erträglicher – Vais Freund, der auf dessen Album »Sex And Religion« (1993) die Vocals eingesungen hat. Als Erste betritt die extravagante Deborah mit ihrer elektrischen Harfe die Bühne. Mit dem Effekt, als hätte jemand einen Weihnachtsbaum auf die Bühne geschleppt – der Korpus (ihr »Gewölbe«) der Harfe war mit einer Fülle von Lichtern bestückt, die den erwarteten »Glam-Kitzel« der Steve-Vai-Geschichte liefern. Vais überlegener Schüler Dave Wiener fehlte natürlich nicht, obwohl ihn die etwas bösartigeren Musikprofessoren, die das Konzert diesmal als Anhang begleiteten, locker hätten vermissen können. Mit seinem riesigen sechssaitigen Bassgitarren-Ruder schloss sich auch Philip Bynoe der Truppe auf der Bühne an – auf den ersten Blick hätte man ihn fast irrtümlich für T.M. Stevens gehalten, während im Hintergrund der bis auf den letzten Quadratzentimeter Haut tätowierte Schlagzeug-Berserker Jeremy Colson hinter seiner Drumfestung saß – den hatten wir in Slowenien zuletzt am 24.06.2010 als Billy Idols Schlagzeuger bei dessen Auftritt in der Hala Tivoli gesehen. Diesmal war der Blick auf Jeremy ausgesprochen undankbar, denn Steve Vai hatte seine Haupt-Bühnenamps – also die gesamte Grundreihe – direkt vor Jeremys Drums aufgestellt, sodass den Zuschauern der Blick auf den Drumaufbau wie auch auf das Schlagwerk selbst, auf dem Colson drauflosdrosch, verwehrt blieb.
Macht nichts. Im Vordergrund ist nur Platz für einen einzigen Menschen. Den teuflischen Gitarren-Hexenmeister, der nur Steve Vai sein kann. Der Mann hatte sich einen mexikanischen Hut aufgesetzt, schritt im Stil eines Latino-Charmeurs auf die Bühne – die langen Haare gehören für ihn der Vergangenheit an, aber die glamourösen Brillen hat er nicht vergessen. Der monumentale Gitarren-Exzess war auf der Stelle Fleisch geworden. Der Mann eröffnete erwartungsgemäß mit neuem Material vom Album »The Story Of Light«, nämlich den typischen »Vai-Kavallerie«-Attacken der vollblütigen Rally-Fahrt (Racing The World, Velorum), die sofort diese typische Einzigartigkeit der Schock-Theatralik der »Vai-Figuresk« heraufbeschwören!
Die Kommunikation des Mannes mit dem Publikum ist natürlich in erster Linie die Gitarrensprache (hm,… wirklich große Neuigkeit!!!), aber Vai funktioniert dabei mit dem ganzen Körper und Verstand und, wie man in seiner Philosophie sagen kann, auch mit der Seele. Jede Note wird von einer Körperreaktion begleitet – Vai führt seine Show mit einer Reihe von Gesichtsgrimassen durchs Publikum, mit denen er die Stimmungssensibilität des jeweiligen emotionalen Zustands betonen will. Schon bald schickt ihm ein Mädchen aus der vorderen Reihe einen Kuss, den Vai theatralisch in der Luft auffängt und sich mit der Handfläche ins Gesicht drückt. Ah, du alter, durch und durch geschmierter »Perversling«. Vai ist ein Meister des Glam-Exzesses und weiß in solchen Situationen auf eine ansteckende und unter die Haut gehende Art mit dem Publikum umzugehen – damit verzaubert er nicht nur, sondern kauft dir buchstäblich das Herz. Kein Wunder, dass er in David Lee Roths Band und bei Whitesnake tätig war. Gitarre hinterm Rücken, im nächsten Moment irgendwo hoch in der Luft, dann hängt er die rechte Hand ein, nur die linke Hand arbeitet, während die Gitarren-Pickups aus den Griffen die scharfe Melodie der Improv-Einlagen pressen. Kein Problem für Vai. Er trifft – in noch so unvorstellbarer Bühnenfigur und Körperlage. Das Überkreuzen der Hände, wenn er mit der linken über die rechte geht und umgekehrt, ist für ihn eine Selbstverständlichkeit. Theatralisch jagt er Feedbacks über die Bühne und formt daraus Melodien in seinen Solo-Eskapaden. Aber alle warten auf die Momente, wenn Vai beim großen Finale auch seine Zunge an die Saiten setzt – was am Ende jedes seiner Konzerte geschieht. Unglaublicher Wahnsinn reinster Experimentierkultur. Den Hauptanteil des größten Gitarren-Irrsinns kreiert Vai mit dem Einsatz des Tremolohebels. Den hat er in Technik und Spielweise auf ein so extremes Niveau gebracht, dass er damit eine noch größere Auswahl an Noten bekommt, die jene Grundnoten, die »festgenagelt« in den Lagen des Gitarrenhalses stecken, schlichtweg nicht erlauben. Und was dem Ganzen in diesem grenzenlosen Schock-und-Show-Theater natürlich noch Öl ins Feuer gießt, ist Vais außergewöhnliche Geschwindigkeit, Präzision und die absolute Kontrolle aller Bewegungen. Vai ist Vai. Ein ausgefeilter, einzigartiger Musikguru, der die Tvornica an diesem Abend in eine unvergessliche Reise gehüllt hat. Wie er in der ersten Pause ankündigte und uns damit in seine einzigartige Welt einlud.
Im Anfangsteil überrascht das großartige Tender Surrender vom Album »Alien Love Secrets« (1995), und Steve Vai nutzt Dave Wieners Solo-Einlage für seinen ersten Kostümwechsel, während dieser das Publikum ein paar Minuten lang mit Akustikgitarre verwöhnte. Steve Vai, der sich endlich vom Hut befreit und ein frisches Seidenhemd angezogen hat, kündigt einen neuen Song an, und die Band dreht auf mit Wheeping China Doll, gefolgt von einem weiteren brandneuen – dem wunderschönen The Moon And I. Das Publikum springt auf bei der wilden Version des »Passion And Warfare«-Songs The Animal, bei der die Emotionen der Anwesenden im Saal besonders intensiv aufflammten. »Passion And Wafare«-Nummern sind es, auf die alle bei Vai-Konzerten ganz besonders ungeduldig warten, und Vai spielt sie in der Regel noch schneller als die Studioversionen. Vai wechselte auf der Bühne noch ein paarmal das Outfit, den meisten Staub aufgewirbelt hat dabei sein »Laserlicht«-Dress bei den »The Ultra Zone«-Nummern, nämlich dem Titelsong und danach beim Song Frank.
Ein krasser Moment des Konzerts war auch das Solo auf der elektrischen Harfe, das als eine Art Einstieg in das Akustik-Set diente – dieses eröffnete Vai mit dem einzigen Vocal-Stück des Abends, nämlich Rescue Me Or Bury Me (»Sex And Religion«, 1993). Dieser Teil des Konzerts wirkte wieder hypnotisch. Besonders die Harfe trat im Klangbild deutlich stärker hervor, denn bei den elektrischen Nummern wurde sie klanglich meistens von Wieners Gitarren-Riffwall überdeckt – gerade im Akustik-Set entfaltete die Harfe in ihrer Ausdruckskraft jenen Stellenwert, den Steve Vai selbst gespürt hatte, als er sich entschloss, seine Songs vollständig mit Arrangements für elektrische Harfe auszustatten. Deborah brachte mit der Harfe auf der Bühne tatsächlich so etwas wie einen entfernten Ersatz für die Show-Exzesse der letzten Tour herüber, als den »hochgeistigen Blödsinnigkeiten«, die Vai, Billy Sheehan und Tony MacAlpine Schulter an Schulter bei den Konzerten wie am Fließband ablieferten, kein Ende in Sicht war. Wiener navigierte geschickt auf der Bühne zwischen verschiedensten Gitarren – darunter auch einer elektrischen Sitar – und half auch gelegentlich auf den Keyboards, die Stimmungskulissen einzelner Songs zu halten.
Vor dem stürmischen Abschluss nahm sich die Band Zeit für den besonderen Moment des Abends. Vai rief zwei Kandidaten aus dem Publikum, die nach Vais anschaulicher »väterlicher Einführung« jedem Bandmitglied einen beliebigen Rhythmus oder eine Melodiephrase aus dem Kopf nannten. Das ganze Theater – bis zu einem gewissen Grad eine Bühnen-Anarchie – wurde von der Band unter Steve Vais Dirigentenstab kurz darauf zu einem vollständig neuen Song komponiert und arrangiert. An diesem Punkt konnten die Anwesenden im Saal hautnah erleben, wie es ist, wenn Vai und seine Truppe im Studio oder bei der Probe sind. Wahnsinnserlebnis!
Noch was! Auch Treasure Island zählt zu den besonderen Momenten des Abends. Es handelt sich um einen Sketch zwischen Jeremy Colson und Steve Vai, irgendwie geerbt von den Sketches, die Vais großer Mentor Frank Zappa einst mit seinem Schlagzeuger Terry Bozzio inszenierte (hör dir das Doppel-Livealbum »Zappa in New York« an). Neben all dem ultra-irren Wahnsinn, den Vais elementarer und einzigartiger Bühnenshow eigen ist, ist das noch eine weitere Würze des Spektakels, wegen der es sich absolut lohnt, sein Konzert zu besuchen!
Vai hat Zagreb verzaubert. Das ist unbestreitbar. Fast zwei Stunden und drei Viertel dauerte dieses einmalige musikalische Epos, das von der sehnlichst erwarteten kompositorischen Perfektion in For The Love Of God abgerundet wurde und mit dem »Fire Garden Suite«-Standard Taurus Bulba in einen grandiosen Abschluss mündete. Vai bleibt nach dem Gezeigten ein geborener Bühnenunterhalter, großer Zauberer und Meister des Schock/Show-Exzesses, den er mit dem schwer greifbaren Spiel seiner einzigartigen Sechs-, auch Siebensaiter-Theorie würzt! Aber genug – ich will noch ein paar Worte für den Bericht aus Ljubljana aufheben, wo Steve Vai am 13.11.2012 einschlägt!
Setlist
1. Racing the World
2. Velorum
3. Building the Church
4. Tender Surrender
5. Gravity Storm
6. Dave’s Solo
7. Weeping China Doll
8. The Moon and I
9. The Animal
10. Whispering a Prayer
11. The Audience Is Listening
12. Deborah Solo
—Akustik-Set—
13. Rescue Me or Bury Me
14. Sisters
15. Treasure Island
16. Salamanders in the Sun
17. Pusa Road
18. Drum Solo
—Ende des Akustik-Sets—
19. The Ultra Zone
20. Frank
21. Build Me a Song
22. For the Love of God
—Zugabe—
23. Taurus Bulba
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