ŠUNDR fest 2012

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Ort: Kulturni dom DOBROVA
Konzertdatum: 22.09.2012
Besucherzahl: 50
Eintrittspreis: 5 €

ŠUNDR fest 2012, oder wie die Einheimischen in Polhov Gradec sagen würden »Šundr u Grac«, ist eine traditionelle Rock-Veranstaltung, die auf Initiative des Touristenvereins Polhov Gradec und dank des Einsatzes einiger selbstloser und leidenschaftlicher Einzelpersonen erstmals im Jahr 2003 das Licht der Welt erblickt hat. Wie fast jedes Jahr – mit kleineren künstlerischen Unterbrechungen – erlebte der Šundr dieses Jahr bereits seine sechste Wiederholung. Angesichts der knapp bemessenen finanziellen Mittel, die hineinfließen, ist das für unser voralpines bzw. »Polhograjsko«-Umfeld eine beachtliche Leistung und ein respektables Unterfangen. Die diesjährige Veranstaltung war ursprünglich für den 1. September am bewährten »Open air«-Gelände in Polhov Gradec geplant, fiel aber wegen schlechten Wetters aus und wurde auf unbestimmte Zeit verschoben. Der Veranstalter wollte kein zweites Mal das Risiko eingehen und verlegte die Sache drei Wochen später wohlüberlegt an einen Ort einen Steinwurf von unserer Hauptstadt entfernt – den Kulturni dom Dobrova. Es handelt sich um eine kleine Mehrzweckhalle mit guter Akustik – trotz einer Besucherzahl, die schon beim ersten Blick etwas zu schwach ausfiel. Dennoch wurde die gesamte Veranstaltung sehr professionell durchgezogen, und mit dem Promoangebot des bereits vorab angekündigten tschechischen Staropramen vom Fass hat man wirklich nichts vermisst.

Der Auftritt der ersten Band begann pünktlich zur angekündigten Zeit um 18:30 Uhr, als die Ljubljanaer Debütanten Clockwork Psycho die Bühne betraten. Die Band beschreibt sich selbst als eine Art Psychobilly-Mischung. Im übertragenen Sinne bedeutet das eine Mischung aus Punk, Metal, Oi, HC und nicht zuletzt dem klassischen Musikerbe. Nach einem kurzen, aber solide gespielten und durchgezogenen Auftritt haben sie uns davon gründlich überzeugt, und nach der halbstündigen Show übergaben sie die Bühne der nächsten Krainer Band Applause Lorraine. Ihre Musik lässt sich als Mischung aus gutem »Old School«-Rock mit einem immer ansteckenden Hauch von Funk-Elementen beschreiben. Im Vergleich zu den Vorgängern merkte man dem Auftritt an, dass sich die Mitglieder dieser Band zuvor in verschiedensten Musikgruppen abgehärtet und damit deutlich mehr Bühnenerfahrung gesammelt hatten. Den Anwesenden servierten sie so eine erstklassig routinierte Interpretation ihrer Eigenkompositionen. Es folgte eine kurze Pause, und die ganze Aufmerksamkeit galt dem Debütauftritt der jungen und vielversprechenden kroatischen Band Manntra. Die Band kommt aus dem westlichen Teil Istriens, genauer gesagt aus Umag, was ziemlich ungewöhnlich ist, da in der Vergangenheit den Großteil der istrischen Rockszene ziemlich erfolgreiche und markante Bands aus dem östlichen Teil, nämlich Rijeka und Umgebung, geprägt haben. Noch merkwürdiger ist aber die anfängliche Mediendarstellung, dass es sich bei Manntra um eine Art Instant-Produktion handelt, ein bewusst und künstlich erzeugtes Produkt als Antwort auf unsere heimische Siddharta. Man könnte sagen, dass noch immer gilt: »Besser spät als nie« – und wenn mehr als ein Jahrzehnt nach der Gründung von Siddharta slowenische und kroatische Produzenten ihre Kräfte bündeln, kann daraus eine dynamische Mischung entstehen, die auf den Namen Manntra hört. Der Begriff »Mántra (Devanagari मन्त्र)«, bezeichnet im übertragenen Sinne eine religiöse, mystische Silbe oder ein Lied, das als geistliches Leitbild dient – Worte oder Schwingungen, die es ermöglichen, sich auf einen einzigen Gedanken zu konzentrieren. [Quelle: www.wikipedia.si]

Dieser einleitende Gedanke war der Hauptgrund für unseren diesjährigen Besuch beim Šundr 2012, weshalb wir sie kurz vor 21 Uhr bereits ungeduldig erwarteten. Die Halle hatte sich teilweise bereits gefüllt, und unsere Ohren schnappten auf, dass sich die meisten fragten, was uns die Jungs aus Umag eigentlich zu sagen – oder besser: zu zeigen – haben. Man darf nicht vergessen, dass die Jungs auch viel auf die visuelle Inszenierung ihres Klangbildes sowie ihr eigenes Image und ihre Performance setzen. Davon konnten wir uns bereits im Netz überzeugen, wo seit einiger Zeit ihr erster Demo-Hit mit dem Titel Kiša (Dež) kursiert. Mit ihrem Erstling Kiša haben Manntra die heimische Szene bereits erfolgreich geknackt und damit die besten Voraussetzungen für das kommende Album geschaffen. Die Band integriert erfolgreich Elemente der istrischen Volksmusik in ihren Sound, die sie durchdacht und gelungen mit schweren Gitarren-Riffs würzen. Genau das macht Manntra zu etwas Besonderem, etwas Einzigartigem – und für den zufälligen, anspruchslosen Hörer auch namentlich (Manntra – Siddharta) vergleichbar mit unserer heimischen Siddharta. Zufälle gibt es dabei keine – zumindest nicht im Management und in der Produktion. Wenn wir dabei einen Schritt tiefer gehen, lassen sich in beiden Bands musikalische Einflüsse von Namen wie Rammstein, Laibach, Heroes Del Silencio und nicht zuletzt auch neueren wie Marlyn Manson, Linkin Park, Papa Roach, Korn usw. erkennen. So wie die Erstgenannten würden das wohl auch Manntra nicht offen zugeben – aber lassen wir das. Über die Jungs in der Band weiß man bisher nicht viel, die Sache ist noch ziemlich frisch – auch ihre Website mit Biografie und weiteren Infos ist noch nicht fertiggestellt. So bleiben die Jungs vorerst in einen Schleier aus Geheimnistuerei und Diskretion gehüllt, wie manche der größten Stars der Musikwelt.  Bekannt ist lediglich, dass die Band von Anfang an aus Vokalist und Gitarrist Marko Matijević Sekul, Bassist Zoltan Lecei, Schlagzeuger Andrea Kert und einem jungen Gastgitarristen besteht, dessen Name noch unbekannt ist. Pünktlich um 21 Uhr war es endlich so weit – Manntra eröffneten ihren Auftritt mit einem mehrminütigen Intro im Mantra-Stil, untermalt von einem aufgenommenen, typisch istrischen Ethno-Vokal-Motiv, und stellten sich nach und nach einer nach dem anderen auf der Bühne auf. Rauch- und Lichteffekte trugen das Ihre zum anfänglichen »Pumpen« des Egos der Bandmitglieder und zum Einheizen des Publikums bei. Was wohl als Nächstes kommen würde?, fragten wir uns – und aus den märchenhaften Träumereien der Eröffnungsmantra weckte uns bald ein »Techno-Beat« mit dem begleitenden Klang von Dudelsäcken und Flöten des Eröffnungstracks Gorki San. Der Track selbst erinnert mit seinem Klangteppich stark an die deutschen Ethno-Metal-Pioniere In Extremo. Sofort wurde klar, was Botschaft und Mission von Manntra sind: den Hörer zu schockieren und in eine parallele Welt der musikalischen Klangkulisse zu entführen sowie die akustischen Rezeptoren mit satten 120 dB und mehr zu befüllen. Die Jungs auf der Bühne wirken sehr frisch, routiniert und souverän, und auch die Handvoll anfänglicher Skeptiker hat irgendwo tief in sich ihre ursprüngliche Meinung geändert – dass an diesem Ende des Balkans noch immer frische, knallige und ausdrucksstarke Musik entstehen kann. Was letztendlich Fakt ist, wie Vokalist Marko kurz darauf mit einer cleveren Aussage unterstrich: »Sve je to Balkan, jer svi mi to jedemo isti burek i svi smo mi isti« . Zusätzlich würzte er die Aussage geschickt mit einem Balsam für die Seele der verarmten und ausgehungerten heimischen Rockerseelen – dass auch in Slowenien noch immer echter rockn`n`roll gemacht und gespielt wird, und wer das Gegenteil zu behaupten wagt, lügt. Direkt im Anschluss folgte der Übergang zum nächsten, neueren Titeltrack Manntra. Den Track würde man am ehesten als eine Nu-Metal-Mischung aus Elementen von Linkin Park und Rammstein bezeichnen, die die Jungs aber auf ihre spezifische und irgendwie eigentypische Art gewürzt haben. Man könnte sagen, dass Vokalist Marko nicht gerade mit einer riesigen stimmlichen Bandbreite glänzt, aber das Ganze geschickt mit Deklamation und mehrstimmig aufgenommenem Gesang umhüllt – und Parallelen zu den heimischen Laibach lassen sich rasch ziehen. Eine große Hilfe bei einzelnen Tracks ist dabei Bassist Zoltan, der ihn in bestimmten Registern komplett überlagert und so die Stimme bereichert. Ein weiterer und im aktuellen Trend-Jargon der Musiksprache wichtigster Aspekt ist auch das Image und die Bühnenperformance – die Manntra durchdacht und mit Auszeichnung meistert und das Publikum mühelos davon überzeugt, dass sie ihr musikalisches Ausdrucksschaffen wirklich glauben und erleben. Die Jungs besitzen ein großes Ego, das wir Slowenen unseren Nachbarn größtenteils nur neiden können, denen es gewissermaßen schon in der Wiege mitgegeben wurde – sowie eine Bühnenpräsenz, die in Slowenien abgesehen von wenigen Ausnahmen nur eine Handvoll Auserwählter besitzt. Die Tracks folgten mit ähnlichem Inhalt und einem Bombardement auf die Trommelfelle des Publikums quer durch das gesamte Repertoire, und das Publikum befand sich angesichts des exzellenten Auftritts sowie des Klangsetups und der Akustik in der Dobrova-Halle in einer Art Ausnahmezustand. Wie Dominosteine reihten sich die ziemlich gleichförmigen Tracks Balkanska, Vjeruj ponižno, Na svjetlu, Sin, Omen, Nebitna aneinander, bis zur Ankündigung des MTV-tauglichen Tracks Kiša (Dež), wegen dem die große Mehrheit eigentlich zum Konzert gekommen war und durch den sie die Musikgemeinde auch kennt. Der Track ist so gemacht, dass er seinen Zweck erfüllt, und auf seiner Grundlage hat auch ein geschickt produziertes MTV-Video seinen Teil beigetragen. Im übertragenen Sinne spielten die Jungs ihn auf der kleinen Bühne der Dobrova mit einer glatten Zehn, und einige von uns wünschten sich nur, dass die Jungs ihn irgendwie ein bisschen gestreckt hätten – mit einer Mini-Improvisation vielleicht – um uns die Adrenalinentladung ein wenig zu verlängern. Angesichts all der aufgenommenen Musikmatrizen und »Samples«, die die Jungs durchgehend einsetzen, wäre das leicht machbar gewesen – aber hier sollte man nicht zu kritisch und elterlich-anspruchsvoll sein, denn die Jungs sind erst am Aufsteigen und Reifen, und seit dem Beginn ihrer Saga ist noch kein halbes Jahr vergangen. Für sie läuft gerade alles in rasender Geschwindigkeit ab, und sie selbst begreifen den Lauf der Dinge noch nicht ganz. All das aber wächst und reift mit den zurückgelegten Kilometern, auf die wir offensichtlich noch etwas warten müssen. Nach dem knallenden Regen, mit dem sie uns ordentlich nass gespritzt haben, folgten noch zwei abschließende Tracks – Horizont und das Outro Monstrumi. Beide wurden in einem treibenden »Downtempo« gespielt, mit dem uns Manntra endgültig von ihrem Mantra überzeugt und uns gleichzeitig hungrig auf das nächste musikalische Zusammentreffen zurückgelassen haben – wie unser musikalischer Kollege Brane Rončel sagen würde. So wie sie gekommen und die Bühne erobert hatten, so verließen sie uns auch – nach und nach, gesteigert, Mitglied für Mitglied, Ton für Ton, endgültig und unwiederbringlich. Eine volle Stunde des Spielens und Bombardierens der akustischen Rezeptoren, die sich anfühlte wie ein Lichtblitz eines Auftritts, vereint in einem einzigen Track mit Anfang und Ende.

Manntra sind sowohl Alpha als auch Omega und definitiv ein berechnetes und durchdachtes Musikprojekt – denn Rock-Musik verwandter Genres der letzten zwei Jahrzehnte ist mit dem Aufstieg der Grunge-Szene und ihren Tochterprodukten nichts anderes als eine mathematische Formel verschiedenster geklonter Rock-Variationen. Trotz dieser Tatsache scheint aber auch mal die Sonne durch den dichten Nebel, und solch eine Helligkeit und Frische sind Manntra allemal. Auch wenn wir ihnen vor dem Auftritt das Etikett »Instant-Produkt« verpasst haben, müssen wir das nach dem Konzert irgendwie in die Ecke schieben und ihnen die Anerkennung zollen, die ihnen gebührt. Wenn man einen Strich unter ihren Auftritt zieht, würden sie mühelos die Note »ausgezeichnet« und »must see« auch für die Zukunft verdienen. Wir können nur hoffen, dass ihnen der Durchbruch und die Etablierung gelingt und sie sich zumindest für eine Weile auf der ziemlich trockenen und starren Rock-Musikszene der letzten Zeit halten können. Dafür müssen die Jungs aber ernsthaft an die Arbeit gehen und durchhalten. An Unterstützung wird es ihnen nach den Reaktionen in Kroatien und jetzt auch in Slowenien jedenfalls nicht mangeln. Wenn nichts anderes, tröstet uns die Tatsache, dass sie uns nah sind – sowohl geografisch als auch musikalisch-kulturell – und wenn es sonst nicht geht, werden wir sie jedenfalls irgendwann noch sehen können, wenn nicht anders dann auf einem der Auftritte bei irgendeinem Moto-Treffen, an denen es zuhause und im kroatischen Istrien jedenfalls nicht mangelt und an denen Manntra auch bisher regelmäßig teilgenommen haben. Nach dem Auftritt von Manntra gähnte in der Dobrova-Halle eine Art Leere und Stille, die bald durch die Verlosung des glücklichen Gewinners unterbrochen wurde, der mit einer neuen Cort-E-Gitarre nach Hause ging. Wir wagen zu behaupten, dass selbst wenn der Gewinner kein Gitarrist ist, er nach dem Manntra-Auftritt zumindest für einen Moment den Wunsch hatte, einer zu werden. Der Šundr 2012 war in seine zweite Hälfte übergegangen, und die Bühne übernahmen bald die bewährten und routinierten Ljubljanaer Würstchen SAUSAGES, über die in den verschiedensten Medien schon fast alles gesagt und gesehen wurde – daher können wir nur eines sagen: »ŠUNDR fest 2012 ist trotz der Verschiebung des ursprünglichen Termins gelungen, und wir können nur hoffen, dass dem Veranstalter im nächsten Jahr eine ebenso erfolgreiche Wiederholung gelingt« Man hätte sich wohl nur etwas mehr Publikum gewünscht, aber das ist schon zweitrangig und eine eigene Promotiongeschichte, die jedenfalls nicht auf der Seite von Bands wie Manntra liegt.


Bands:

Sausages (SLO)
Manntra (CRO)
Applesauce Lorraine (SLO)
Clockwork Psycho (SLO)

Bier: Staropramen vom Fass (CZ) 🙂

Foto: Vili Koprivec/ Thomas Breznik


 

Setlist

Setlist (Manntra):

01. INTRO
02. GORKI SAN
O3. MANNTRA
04. BALKANSKA
05. VJERUJ PONIZNO
06. NA SVJETLU
07. SIN
08. OMEN
09. NEBITNA
10. KIŠA
11. HORIZONT
12. MONSTRUMI

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