Stille. Wort. Klavier. Duo Silence haben die Ljubljaner nach sechs Jahren erneut begeistert und inspiriert

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Ort: Katedrala / Kino Šiška / Ljubljana
Konzertdatum: 21.09.2012
Besucherzahl: 900
Kartenpreis: 12 EUR im Vorverkauf / 15 EUR am Abend der Veranstaltung

Nach sage und schreibe sechs Jahren Konzertabstinenz kehrten duo Silence in die Hauptstadt auf die Bühne zurück. Knapp ein halbes Jahr nach Erscheinen ihres jüngsten und von der Kritik gefeierten Albums ‚Musical Accompaniment for the End of the World‘ traten sie anlässlich des Jubiläums des Zentrums für Stadtkultur Kino Šiška auf – daher möchte ich zunächst ein paar Worte über die Bedeutung dieser Einrichtung verlieren (die Jubiläumswoche hatte bereits am 15.9. mit einem Konzert der kanadischen Elektronik-Musiker Junior Boys begonnen, das auch aufgezeichnet wurde; es folgten ein Konzert der First Lady von Sonic Youth, Kim Gordon, im Rahmen ihres Experimentalprojekts Body/Head sowie ein Dokumentarfilm über die außergewöhnliche Künstlerin Marina Abramović; als Rückblick wurde eine Fotoausstellung mit Konzertmomenten aus dem Vorjahr präsentiert, die heute die Fassade des benachbarten ehemaligen Gemeindegebäudes zieren, in dem heute Kultur- und Freiwilligenvereine untergebracht sind).

Kino Šiška beweist von Jahr zu Jahr, wie unverzichtbar es für die slowenische und vor allem Ljubljaner Musik- und Kulturszene ist. Der Beitrag ist enorm sichtbar und hat bereits nach nur drei Jahren seines Bestehens einen starken Abdruck im slowenischen und weiteren Raum hinterlassen. Trotz einiger Schwächen (gelegentliche Unterschätzung des Publikums – z.B. bei The Kooks; zeitweise zu wenig zeitnahes und aktives Verfolgen zeitgenössischer Musikströmungen; das Problem im Umgang mit Jugendlichen, das freilich ein breiteres ist…) haben Herr Kardum und seine Mitstreiter das Konzertniveau auf ein ganz anderes, höheres Level gehoben. Das Team zeichnet sich durch hervorragende Organisation und eine verfeinerte, sorgfältige Programmauswahl aus. Neben Auftritten relevanter internationaler und heimischer Musiknamen, bei denen Qualität und/oder Frische als Auswahlkriterien gelten (sie sind nicht an ein Genre gebunden, ganz im Gegenteil – sie definieren sich gerade durch ihre Offenheit gegenüber Alternativen zu traditionellen und kommerziellen Linien), wird im Kino Šiška auch für andere kulturelle Aspekte gesorgt. Den Künsten wird Raum eröffnet durch regelmäßige Fotoausstellungen, Filmvorführungen (LIFFE, Filme mit musikalischer Thematik…), verschiedenste Installationen, Modewochen und zahlreiche Workshops. Nicht vergessen darf man auch die vielen (Musik-)Projekte, die sie in unseren Raum eingeführt haben: Urbani Festival, den Zyklus Yu Go!, das Festival Tresk, Ping-Pong-Jazzabende… Angesichts all dessen kann man den Programmgestaltern (und der Stadtgemeinde) nur danken und hoffen, dass sie nicht von der eingeschlagenen Vision abweichen. Ohne Kino Šiška sind auch viele andere Clubs mittelfristig verarmt und perspektivlos. Eine öffentliche Einrichtung hilft in diesem Fall enorm bei der Entwicklung der Konzertszene. Das Konzept und der Status von Kino Šiška erfüllen uns mit der Hoffnung, dass eines Tages ähnlich für andere Kunstinstitutionen und die Kulturlandschaft gesorgt sein wird. 

Das Feiern des Geburtstagsjubiläums nehmen sie im Kino Šiška stets sehr ernst. Den renovierten Saal eröffnete 2009 die kultische slowenische Gruppe Laibach. Zum ersten Jubiläum spielten Melodrom, letztes Jahr heizte der Rapper Klemen Klemen mit seiner Show die Šiška auf. In diesem Jahr gelang ihnen etwas ganz Besonderes: das enigmatische Duo, das auf den Namen Silence hört, auf heimische Konzertbühnen zurückzubringen. Es handelt sich um ein Duo, das inzwischen im zwanzigsten Bühnenjahr steht und ein reiches musikalisches Schaffen vorweisen kann. Es besteht aus Boris Benko (Gesang, Texte) und Primož Hladnik (Keyboards, Arrangements). Hinter ihnen liegen vier aufgenommene Studioalben (1. Ma Non Tropo, 2. Unlike a Virgin, 3. Vain, A Tribute to the Ghost, 4. Musical Accompaniment for the End of the World), eine Zusammenarbeit mit der Gruppe Laibach, aus der ein gemeinsames Werk auf der Platte ‚Volk‘ entstand, sowie die Komposition von Musik für Theaterproduktionen. Gerade Letzteres soll sie nach Benkos Meinung beim musikalischen Schaffen gehalten haben. Ans Theater herangeführt hatte sie zu Beginn des Jahrtausends Matjaž Pograjc; seit einigen Jahren arbeiten sie mit Tomaž Pandur an seinen internationalen Theaterspektakeln. Zu Beginn ihrer Karriere galten sie in Slowenien für viele als schlechte Imitation von Depeche Mode, manche bezeichneten sie sogar als Gay-Band. Diese Etiketten verstummten bald, und heute tragen die Medien sie auf Händen und besingen sie in Superlativen. Bekannt ist auch (wie bei so manch anderer wirklich erfolgreichen slowenischen Gruppe), dass sie anfangs im Ausland – vor allem in Deutschland – weit besser aufgenommen wurden als auf heimischem Terrain. Noch heute gelten sie als Unikat im slowenischen Musikraum. Schon die Tatsache, dass es kaum Nachahmer gibt, zeugt vom Wert ihrer Urheberschaft. Und nicht deshalb, weil es niemand wollte, sondern weil es schlicht nicht möglich ist, ihre Arbeit nachzuerschaffen oder nachzuahmen (wer es versuchte, käme lächerlich und banal rüber).

Ihre Musik war von jeher von melancholischen Tönen, exzellenten poetischen Texten und der Bedeutung der Stille als Teil der Musik durchdrungen (worauf bereits der Name hinweist). Sie sind meisterhaft darin, Dynamik und Dramatik zu erzeugen (Theatralik). Frühere Werke schöpften noch stark aus dem Erbe vieler elektronischer Musiker der Siebziger und Achtziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts, waren barocker verziert; die jüngste Studioplatte jedoch lockte sie auf Pfade des Minimalismus (Einfluss des Theaters). ‚Kompositionen für Klavier, behutsamen Synthesizer und Stimme‘, wie der Untertitel der jüngsten Platte ‚Musical Accompaniment for the End of the World‘ lautet, werden vor allem durch feinfühlige Ausdrucksstärke, kleine Noten und Pausen definiert (hier ergeben sich Parallelen zu Klassikern wie Arvo Pärt und Erik Satie sowie jüngeren Zeitgenossen, den britischen Indie-Musikern The xx, die jedoch wie eine Art Kindervariante von duo Silence wirken). Die Musik ist technisch nicht anspruchsvoll, aber komplex in der Ausführung. Kein Raum für Fehler. Jede Note spricht dich auf ganz besondere Weise an und erschafft ihre ganz eigene Stimmung. Genremäßig ist die Platte sehr schwer zu fassen, und auch Formulierungen wie „Klassik in Pop gehüllt“ und „zeitgenössischer Pop“ klingen eher wie Schlagworte. Das Album begeistert uns mit seiner geläuterten, oft akustischen Form, die in uns eine kleine Eruption der unterschiedlichsten Gefühle auslöst. Diese Empfindungen sind häufig von ausgesprochen pessimistischer Natur (Apathie, Fatalismus…), die auf einer gewissen Ebene dennoch optimistisch wirken (Utopie…). Die Stücke beruhigen dich und erschaffen eine parallele, intime, vergeistigte Welt, in der kein Platz für den verrückten Zeitgeist ist. Einen ganz besonderen Bedeutungsrahmen wollten duo Silence mit dem Titel selbst heraufbeschwören, der übersetzt ‚Musikalische Begleitung für das Ende der Welt‘ lautet. Dieser ruft neben alltäglichen apokalyptischen und katastrophalen Szenarien (schließlich erschien die Platte zum hundertsten Jahrestag des Untergangs der Titanic) auch eine ganz besondere Frage hervor, die sich auf die Rolle der Künstler in der modernen Gesellschaft bezieht. Ihre Antwort darauf lautet, dass Musik leider nur Schmerzen lindern, die Welt aber nicht verändern kann. Sie ist Begleitung. Darüber hinaus problematisiert das Album die Verhältnisse zwischen Musik und Ende, zwischen Anfang und Ende, erlogener Glückseligkeit sowie der Auseinandersetzung mit der eigenen Sterblichkeit. Ein Album, das den Zeitgeist einfängt und sich dabei dennoch mit ewigen Themen und Fragen auseinandersetzt. Das slowenische Album des Jahres?

Die ‚Musiker vom Ende der Welt‘ widmeten den Abend der Präsentation der jüngsten Platte. Bereits bei den ersten Takten des Eröffnungsstücks Hunger war klar, dass uns ein unvergesslicher Abend bevorsteht, und Bemerkungen, duo Silence seien keine Performer, waren überflüssig. In der bis auf den letzten Platz gefüllten Katedrala herrschte schon vor Beginn eine ganz besondere Atmosphäre – leicht düster, aber gleichzeitig voller ungeduldiger Erwartung. Das Bühnensetup war vergleichsweise schlicht und dem Minimalismus der Musik entsprechend gehalten. In der Mitte standen zwei Klaviere, einander zugewandt, davor nur ein Mikrofon und ein Synthesizer. Dem duo Silence gesellte sich in der Konzertfassung Klaviermeister Igor Vicentić hinzu, der mit Primož Hladnik ein Klavierduo bildete. Die Musiker waren festlich gekleidet, wie Ausführende klassischer Musik, und auch der Konzertablauf selbst erinnerte an Darbietungen klassischer Meisterwerke, wie sie verschiedene Orchester und Ausführende im Goldenen und Silbernen Abonnement des Cankarjev dom bieten. Das Publikum war still, Zwischenrufe gab es kaum – erst gegen Ende einige –, hin und wieder war ein Seufzer zu hören oder eine Träne zu sehen, sogar vor dem Applaus trat ein Moment der Stille ein. Da es (diesmal) keine Sitzplätze gab, wiegten sich die Menschen leicht und verträumt auf der Stelle und ließen sich hypnotisch von dem füllen, was sie von der Bühne hörten und sahen. Für einen zeitgenössischen Touch sorgten sorgfältig ausgewählte, abstrakt gestaltete und mit düsteren Impressionen konstruierte Begleitvisuals. Dank des außerordentlich kultivierten Publikums entfaltete der akustische Minimalismus von der Bühne noch stärker seine Wirkung. Jedes Detail war zu hören. Und wenn die Stille spricht, spricht sie lauter als jeder Ton oder jedes Geräusch. Wie überraschend beredt die Stille sein kann. Wie die Stille den Höhepunkt eines Stückes darstellen kann. Wie die Stille nicht nur ein Stück, sondern auch seinen Urheber definieren kann. Den richtigen Namen haben sich Boris Benko und Primož Hladnik gewählt. Während Hladnik mit zauberhaften Anschlägen auf die schwarzweißen Klaviertasten begeisterte, nahm uns Benko mit außergewöhnlicher Ausdrucksstärke sowie einer feinfühligen und spielerischen Stimme gefangen. Bei der Beschreibung der Klangkulisse kämen einem auch viele Wetter- und Klimaausdrücke zugute: tropfend, regnerisch, neblig, grau, sternenreich, sonnig… Alles ineinander geflossen und eine wunderschöne Konzertregenbogenpalette bildend. Unwirklich, aus einer anderen Welt. Musik, die nicht nur für Enden ideal ist, sondern auch dafür, in den Tragödien und Schönheiten dieser Welt zu versinken (ist das nicht dasselbe?). Vergänglichkeit, Vergänglichkeit.

Die Setliste bestand aus fünfzehn Stücken; davon wurden zehn neue Stücke im sogenannten regulären Teil gespielt, während vier Stücke aus früheren Alben für zwei Zugaben reserviert und interpretatorisch an das Konzept des neuen Albums angepasst wurden (I Love You, Silver Bloom, P.S., The True Nature of Happiness). Darüber hinaus spielten sie in der zweiten Zugabe einen hervorragenden Cover des berühmten Fever, das Musiker seit den Fünfzigern des vergangenen Jahrhunderts mehr oder weniger erfolgreich weitergereicht haben und das als erstes von Little Willie John gesungen wurde. Doch trotz zwei Zugaben wollte das Publikum noch immer nicht gehen, und duo Silence hatte keinen weiteren vorbereiteten Repertoire mehr. Daher spielten sie noch einmal das vorletzte Stück des regulären Teils, Heart of Darkness. Der Abschluss war sehr emotional; besonders eingebrannt haben sich mir die folgenden schmerzlichen Verse: „Please don’t smile / I am in love with your sadness / with the grace of your despair / You stand tall above the rest / Lifted by the cross you bear / My little heart of darkness / You shine brightly when you wane / Wear no jewelry but your tears / Nothing can outshine your pain„. Die Konzerthöhepunkte waren außerdem zwei neuere Stücke, Electricity und Death is New York, zu denen es auch Musikvideos gibt, die aus Collagen verschiedener Filme des slowenischen Regisseurs des 20. Jahrhunderts Boštjan Hladnik (übrigens Primožs Vater) zusammengesetzt sind. Der gesamte Auftritt dauerte eine Stunde und zwanzig Minuten, verging aber aufgrund der Intensität und der bewegenden Perfektion wie im Flug. Keine Langeweile, kein unnötiges Schleppen.

Duo Silence kamen, spielten und begeisterten. Im Paket „Weniger ist mehr“. Und das alles nur durch die verfeinerte Verbindung von Poetik, Klavier und apokalyptischem Ambiente. Sie sind das slowenische Musikideal: Sie haben ein persönliches, eigenständiges künstlerisches Bild aufgebaut, das sie nicht unnötig mit allerlei Kollaborationen und Auftritten auf jedem Dorffest verwässern. Wenn man gut ist, geht das. Wenn sich in der Musik Herz und Intellekt vereinen, bekommst du duo Silence. Das nächste Mal sind sie schon sehr bald zu sehen: Am 27. November treten sie mit Sinfonieorchester im Cankarjev dom auf. Ich hoffe, das kündigt Zeiten an, in denen sie in der Hauptstadt das nächste Mal in einem kürzeren Abstand als sechs Jahren zu sehen und zu hören sein werden. 

Setliste

SILENCE
1.) Hunger
2.) Sing
3.) Silkskin
4.) Pioneers of Nothing
5.) Naïf
6.) Sturmschlager
7.) Electricity
8.) Wish Me Well, Wish Me Hell
9.) Heart of Darkness
10.) Death is New York

1. Zugabe:
1.) I Love You
2.) Silver Bloom
3.) P.S.

2. Zugabe:
1.) The True Nature of Happiness
2.) Fever (Cover von Little Willie John)

3. Zugabe:
1.) Heart of Darkness

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