Kuhn Fu fesselten die Schlange mit Jazzrock-Zauber in Cerkno

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Ort: Cerkno / Bar Gabrijel / Slowenien
Datum: Samstag, 06.04.2019


Noch vor der neuen Ausgabe des Festivals Jazz Cerkno gastierte die Bar Gabrijel in Cerkno mit einem neuen Konzertabend im Rahmen des Programms Keltike. Nach Cerkno war ein absolut eingespieltes Quartett von vier Musikern angereist, das unter dem Namen Kuhn Fu firmiert. Es handelt sich um eine eigenartige, man kann ruhig sagen eklektische Genremischung, deren Grundpfeiler die Figuren der Jazz-Improvisation bilden – zugleich aber kompakt mit gitarristischen Phrasen unterfüttert, was bedeutet,  dass Kuhn Fu beim Konzert auch ordentlich rocken (mitunter sogar punken) kann. Eine Band, geknetet aus dem Teig eklektischer Würze des Fusionierens von Musikelementen, in einer Besetzung, vertreten durch Bandchef und Deutschen Christian Kühn (Gitarre), den Israeli Ziv Taubenfeld (Bassklarinette), den Türken Esat Ekincioglu (Kontrabass) und den Briten George Hadow (Schlagzeug). Ein bunt zusammengewürfeltes Ensemble, das einmal mehr beweist, dass Kunst keine Grenzen kennt. Mehr noch: Es ist einer der Garanten fürs Erreichen von Ungewöhnlichkeit, Einzigartigkeit und allgemeiner Wiedererkennbarkeit. Und das haben Kuhn Fu. Gut zwei Wochen vor dem Auftritt in Cerkno haben sie auch ihr neues Studioalbum »Chain The Snake« veröffentlicht, das sie an diesem Abend dem Publikum in der Bar Gabrijel ausgiebig vorstellten.

Davor hatten jedoch zwei Geigerinnen das Publikum aufgewärmt: Ana Kravanja und Tijana Stanković.  Das malerische slowenisch-serbische Gespann der beiden Musikerinnen verblüffte mit seiner Ungewöhnlichkeit und der kühnen Pose des absoluten musikalischen Experimentierens. Neben den Geigen nutzten beide auch ihre Stimmen als zusätzliches Instrument. Beides gleichzeitig und das bis ins letzte Detail. Alles kam ihnen gelegen, als sie verschiedene Gegenstände zwischen die Saiten klemmten und dabei auf ungewöhnliche Weise interessante Klangstrukturen aus den Instrumenten zogen. Diese Fülle an Klangabfolgen, die völlig intuitiv und auf Basis momentaner Inspiration und des Schürens von Instinkten generiert wurden – wobei natürlich auch hierfür ein vollständig konzises Gerüst existiert, das in Form eines Orientierungsrahmens ihr Studioerstlingswerk verkörpert –, kombinierten sie mit dem Einsatz der Stimmen und bemahlten so dynamisch das Klanggeflecht beider Geigen beziehungsweise setzten Kontraste. Von Zeit zu Zeit schaukelten sie sich beinahe bis zu echtem disharmonischem Chaos auf, um sich an den Spitzen des Blicks zur Avantgarde hin immer wieder geschickt abzufangen – auch dank dem Murmeln von Melodien der vokalen Markierung, wobei sie auch etwas balkanische Klangfolklore verarbeiteten. Die gesamte Darbietung wirkte wie ein Mantra. Hypnotisch. Natürlich unter der Voraussetzung der individuellen Pragmatik der Besucher, den Verstand abzuschalten, sich der Vibration hinzugeben, den Kopf zu leeren, nach Möglichkeit die Augen zu schließen und sich auf eine besondere musikalische Geschichte einzulassen, die einen in ein eigenartiges musikalisches Abenteuer entführt. Nur wo trieb sich an diesem Abend Crni mit seiner Gusle herum? Er fehlte. Als besonderer Gast natürlich.

Kuhn Fu haben schon zu Beginn angedeutet – vor allem durch die schelmischen und luziden Eskapaden des gut gelaunten und stets zu einem guten Scherz aufgelegten Bandchefs Christian Kühn –, dass sie über eine sanfte und fast verborgene »Zugkraft« parodistischer Reizbarkeit verfügen, oder um es milder zu formulieren: zumindest eine Prise Monty-Python-Haltung. Captain Beefheart und Frank Zappa würden dem Quintett gern lauschen. Bei all den Streichen des Fusionierens von Jazz und Rock in verschiedensten verträglichen Kombinationen und stets abgestimmter Kompatibilität machen sich Kuhn Fu nicht viele Gedanken über die Vielzahl einzubindender rhythmischer Strukturen – wobei sie problemlos auch auf die Felder des jüdischen Klezmer segeln können. Für die größte Fülle an kühnen solistischen Eskapaden sorgte durchgehend der begeisterte Bassklarinettist Ziv Taubenfeld, in der Mitte der Bühne platziert. Komplexere Texturen beziehungsweise Figuren entlud die Band auf geniale Weise, indem sie diese sporadisch in einfache harmonische Linien  der Rockverzerrung einspannte, wobei Bassklarinette und Gitarre in solchen Phrasen mehrfach harmonisiert waren, was die Ausnutzung der verfügbaren Klanglandschaft stärkt. Die Rhythmuslinie hielt sich in beständigem kontrastierendem Gegengewicht, ruhige Passagen füllte  Esat Ekincioglu zudem mit Harmonien, die er mithilfe eines Geigenbogens aus dem Kontrabass hervorzog.

Kuhn Fu sind, generell betrachtet, technisch gesehen kein besonders harter Brocken zum Kauen. Tatsächlich »drücken« sie in ihrer Komplexität genau richtig, um das System der greifbaren Substanz des Arrangierens unberührt zu halten. Die Band lenkt ihre Sinne niemals in Richtung möglicher bizarrer Exzesse, allerdings lässt sich auch nicht von irgendwelchen Freejazz-Formen reden, obwohl der Verfasser dieses Beitrags genau das still erwartet hatte.

Ein eigenartiges musikalisches Abenteuer, eine entspannte Odyssee, eine Fülle an unterhaltsamen Einlagen und Streichen seitens des sympathischen und ansteckenden Christian Kühn – und wie gesagt. Vollkommene musikalische Ungewöhnlichkeit herausfordernder musikalischer Anziehungskraft, die in ihrer Vision des Fusionierens witziger ideeller Flexibilität keine Formen anerkennt, slalomte an diesem Abend durch die Darbietung exzellenter Abstimmung und ausgefeilter Ausführung des Quartetts stets geschickt zwischen den Genres und lieferte eine reiche Ernte beneidenswerter Authentizität und einzigartiger musikalischer Minestrone. Kuhn Fu gelten also als absolute Ausnahmeerscheinungen.

Autor: Aleš Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik


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