Eruption der ursprünglichen Magie des Bay Area Thrash Metal (2012)

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Ort: Mostovna / Solkan (Nova Gorica) / Slowenien
Konzertdatum: 13.06.2012
Besucherzahl: 130
Kartenpreis: 20,00€

Ein neuer Angriff des klassischen Thrash Metal – sagen wir gleich direkt des Bay Area-Phänomens, das jenseits des Atlantiks fast zur gleichen Zeit lostreten begann wie auf der Britischen Insel, näher am alten europäischen Kontinent, die new wave of British heavy metal –, nur dass es noch mehr Wut, Aggression, Lärm, Tempo und Zerstörungskraft entwickeln wollte, kurzum: bestialisch schockierend werden und der Welt ohne Hemmungen den schmerzhaften Mittelfinger zeigen!

Heathen und Exodus! Das Traumpaar, eigentlich das untrennbare Gebirgsmassiv in der Welt des Thrash Metal, das San Francisco und Umgebung Anfang der Achtziger hervorgebracht hat, stand im Dezember letzten Jahres gemeinsam bereits auf der Bühne von Ljubljanas Kino Šiška, wo wir sie im Paket mit dem Headliner des Abends – den Brasilianern Sepultura – sowie den Deutschen Destruction sehen konnten; den Abend eröffnet hatten damals die australischen Thrash-Metal-Veteranen Mortal Sin. Als untrennbares Duo können wir Exodus und Heathen seit 2005 bezeichnen, als Lee Altus – Gründungs- und Originalmitglied von Heathen – in die Reihen von Exodus eintrat, um Rick Hunolt zu ersetzen, der sich, der »braucht-hier-keiner«-Kerl, an diesem Abend ausgerechnet am Tatort wiederfand. Mitten in der Mostovna. Aber gehen wir schön der Reihe nach vor, wie man ein gut gebratenes Hähnchen tranchiert.

Als gemeinsame Einladung hatten sie noch die Griechen Suicidal Angels mitgebracht, eine Band, die seit 2001 aktiv ist und eifrig auf den old-school-Schienen des Thrash Metal unterwegs ist – genau dem, den Exodus und Heathen einst mit ihren klassischen Alben aus den Achtzigern und frühen Neunzigern auf den Thron gehoben hatten. Suicidal Angels sind offensichtlich sehr gut darin, Freundschaften zu schließen. Nachdem sie 2010 Ljubljana als Teil des Pakets mit Kreator, Exodus, Death Angel besucht hatten, brachen sie im März 2011 zu einer gemeinsamen Europatournee mit Death Angel auf – und dass sie seit der Dezember-Tournee 2010 in engem Verbund mit Exodus geblieben sind, bestätigt genau die aktuelle Tournee der Band mit Exodus.

Das Triple-Paket im klassischen Thrash-Metal-Stil, das kein wahrer Verfechter dieses Genres verpasst. Diesmal hat uns der Konzerttermin dieses Pakets gerettet, der in der Mostovna in Solkan bei Nova Gorica angesetzt war. Andernfalls wären nur diverse Optionen wie München, Budapest, Mailand,… geblieben. Es war einer jener Tage der ersten Junihälfte 2012, an denen es regnete, regnete und nur schrecklich regnete,… Doch bis um neun Uhr abends hatte sich das Wetter in diesem Teil Sloweniens schließlich beruhigt, und ich stieg komplett trocken aus dem Auto, obwohl ich mich von Ljubljana durch eine wahre Sintflut durchgekämpft hatte.

Auf der Bühne stehen Suicidal Angels und präsentieren das in diesem Jahr erschienene neue Album namens »Bloodbath«. Das vierte Studioalbum beweist, dass Suicidal Angels in ausgezeichneter kreativer Verfassung sind, da ihre Alben seit 2007 im Zweijahresrhythmus erscheinen. Auch der knapp einstündige Auftritt in der Mostovna bestätigte, dass das eine Band ist, die in kurzer Zeit ein kleines Meer an Konzertbühnen abgegrast hat und von Jahr zu Jahr, Monat für Monat, stetig dabei wächst, ihre Bühnenpräsenz, Aggression und generelle Destruktivität zu entfesseln. Von Suicidal Angels zu erwarten, dass sie das Rad neu erfinden, ist utopisch, denn sie haben alles von genau jenen Vorbildern gelernt, die erst noch an diesem Abend auf die Bühne kommen. Suicidal Angels mischten in ihr Repertoire natürlich alle Studioalben ein, betonten aber besonders das neue »Bloodbath«. Die Band genießt die Bühne. Was die Briten in Evile haben, haben die Griechen in Suicidal Angels. Ein wirklich toller Auftritt einer Band, der man nichts vorwerfen kann, da sie mit voller Kraft und exzellenter Spielgenauigkeit antritt. Von der Bühnenhaltung über das old-school-Outfit, das in erster Linie zur Revitalisierung des Stils gehört, dem sie Treue schwören und von dem ihre Musik voll ist, bis hin zum selbstsicheren Spiel selbst, das beim Servieren der Blasphemie überaus erfolgreich war.

Während des Auftritts von Suicidal Angels hockte mehr als die Hälfte der Anwesenden in den Ecken der Halle und kippte Bier in sich hinein, oder man verbrachte draußen die Minuten mit Zigaretten und Plaudern. Etwa zwanzig Minuten vor elf Uhr abends stehen die Veteranen Heathen auf der Bühne! Die Band besteht heute aus drei Originalmitgliedern: dem fantastischen Riff-Schmied und Gitarristen Lee Altus, Schlagzeuger Darren Minter und Vokalist David White. Seit 2007 spielt auch der deutlich jüngere Kragen Lum an Altus‘ Gitarristenseite, der noch 2001 als begeisterter Fan das nach langer Pause wiedervereinte Heathen beim legendären  »Thrash Of The Titans«-Event beobachtet hatte. Das ist jenes Benefiz-Event, bei dem sich die Thrash-Metaller zusammenfanden, um Spenden für die Behandlung zweier Chucks – Billy und Schuldiner – zu sammeln, und dabei völlig unabsichtlich die Erdachse zum Schwingen brachten,… Von da an begann der Thrash Metal nämlich in breitem Schwung wieder in den Fokus der Metal-Massen zurückzukehren,…

Seit Januar 2011 ist der neue Bassist im Team eigentlich schon ein bewährter Name bei Heathen. Das ist Jason Viebrooks, der 1992 erstmals zu Heathen stieß und die letzten Strahlen der damals verlöschenden Band erhaschte, die im selben Jahr für lange neun Jahre auseinanderbrach. Es ist längst kein Geheimnis mehr, dass Heathen 2010 auch mit einem neuen Album zurückkehrten. Dem fantastischen »The Evolution Of Chaos«, das zu den wahren Thrash-Metal-Juwelen der neuen Ära gehört und stolz neben den kultigen Klassikern »Breaking The Silence« (1987) und »Victims Of Deception« (1991) steht.

Im Gegensatz zum Besuch von Heathen in Ljubljana am 13.12.2011, als die Jungs ausschließlich Klassiker der ersten beiden Alben spielten, haben Heathen für diese neue Tournee – erstmals nach der europäischen Tournee im Mai 2010 – wieder Songs des neuen Albums in die Setlist zurückgeholt. Das Konzert eröffnete erwartungsgemäß das glühende Dying Season, das auf der Bühne im Nu alles skizzierte, was man von einer Band vom Kaliber Heathen erwartet. Ultrazermahlende Geschwindigkeit, Präzision und die Brillanz ungezähmter Gitarreskapaden, die auf den Flügeln einer einzigartigen Verflechtung aus perfektem Gespür für die Verbindung von Aggression und Melodie dahinfliegen! Dazu kommt der unverkennbare Gesang von David White, der neben Russ Anderson (Forbidden) ein seltenes Beispiel unter den Bay-Area-Relikten darstellt, indem er in erster Linie dem sauberen Gesang den Vorzug gibt, den er mit dem Affekt wütenden Grummelns und Kehligigkeit in verschiedenen Dosen dosiert, wie es eben die Heathen-Spur des Thrash Metal verlangt.

Interessant dabei ist, dass die Leute die Bühnenshows der Legenden nicht gerade besonders intensiv mitlebten. Das Publikum, mit Ausnahme der ersten beiden Reihen, die den Klubraum bis zu diesem Moment immerhin füllten, sendete keine besondere Rückenergie aus, sondern verfolgte den Auftritt relativ verhalten. Wenigstens das! Manche kommen ja nicht mal zum Konzert und haben danach vollmundige Forenbeiträge. Nicht einmal Klassiker wie Open the Grave, Goblin’s Blade, Heathen’s Song, Hypnotized, Opiate of the Masses und zum Abschluss Mercy Is No Virtue, gefolgt von Death By Hanging,  konnten das Publikum wirklich in Schwung bringen. Sogar David White bemerkte es und sprach das Publikum vor dem Ende an, es solle sich zum Teufel noch mal endlich aufwecken, indem er ankündigte, der nächste Song sei Set Me Free, ein Cover des Klassikers der »Bubble«-Rock-Legenden The Sweet. Aber er schaffte es, die Aufmerksamkeit von vielleicht fünf Leuten umzulenken. Die Band knallt erwartungsgemäß Death By Hanging raus, den schärfsten Track des Abends, der die Mostovna in ihre Grundbestandteile zerlegt.

Heathen feuern mit voller Munition. Die Band spielte eigentlich ein fehlerfreies Konzert, ein schlimmerer Fauxpas passierte nur während der Darbietung des Epos No Stone Unturned, wo Kragen Lum vergaß, vom Verzerrungseffekt auf Clean-Sound umzuschalten, und damit die ruhige Einleitung zum Instrumentalteil des Songs mit viel zu viel Lärm eröffnete. David White ist natürlich stimmlich nicht mehr ganz so frisch, legt aber die Punkte des Heathen-Repertoires noch immer völlig souverän, von neuen Songs bis zu kultigen Klassikern. Sound sehr ansprechend, anfangs etwas matschige Gitarren, dann vorbildliches Gleichgewicht. Bis zum Ende des Sets. Scharf, wie es scharf sein muss. Durch und durch »heidnisch«, wie es sich für Heathen gehört und von Heathen erwartet wird. Die Jungs sollen so schnell wie möglich das neue Studiowerk herauspressen. So eine Band ist wirklich ein Genuss auf der Bühne. Immer wieder und wieder.

Exodus sind in letzter Zeit sehr häufige Gäste auf unserem heimischen Terrain. Dieser Besuch ist eigentlich eine Verlängerung des gemeinsamen Auftritts von Heathen und Exodus im Dezember 2011. Exodus, die als Headliner des Abends auftraten, hatten gut anderthalb Stunden Spielzeit zur Verfügung. Diese haben jedoch, im Gegensatz zu den Kollegen Heathen, das aktuelle Album nicht in die Setlist zurückgeholt. Mehr noch: Sie blieben beim Repertoire reiner kultiger Klassiker, denen sie noch vier Tracks des fantastischen Comeback-Albums aus dem Jahr 2002 »Tempo of the Damned« hinzufügten. Und das, obwohl man berechtigterweise die Promotion des Albums »Exhibit B: The Human Condition« (2010) hätte erwarten können. Dass die Fans ihrer Musik natürlich unwiderruflich und erstklassig in die alten kultigen Klassikalben verliebt sind, ist Tatsache. 70 % des Albums »Bonded By Blood« mit Piranha, A Lesson In Violence, And Then There Were None, Metal Command, Strike of the Beast und Bonded By Blood! Will jemand mehr? Das allein reicht schon. Dazu warfen sie noch die »Pleasures of the Flesh«-Klassiker (Titelsong, Brain Dead) und den Standard The Toxic Waltz aus dem Album »Fabulous Disaster« in den Ring, und der Sieg ist mit großem Abstand mehr als gesichert. Von den neuen Songs schaffte es nur Iconoclasm (»Atrocity Exhibition… Exhibit A«, 2007) auf die Setliste.

Ohne Gnade. Klassiker auf Klassiker. Zerstörer auf Zerstörer! Das Volk erwachte endlich wie gefordert zum Leben. Doch da ist ein wichtiger Faktor, der an diesem Abend stark ins Auge stach. Gary Holt war nicht auf der Bühne. Exodus ohne Gary Holt, hallo? Wie ein Fisch auf dem Trockenen. Und trotzdem ist alles unter Kontrolle. Unter Kontrolle, aber ohne Holt? Hört auf damit! Unmöglich!

Holt hilft nämlich noch immer Slayer, als neuer  »Spiderman« anstelle von Hanneman, der aufgrund gesundheitlicher Probleme noch immer nicht mit seinen alten Kumpels spielen kann. Rick Hunolt springt ins Geschehen. Wahnsinn. Auf dem Platz des zweiten Standard-Gitarristen steht heute Abend zum zweiten Mal Lee Altus. Was wir also bekommen haben, ist ideal für die Umsetzung einer solchen Setliste. Wenn ich gemein bin: Exodus haben diese Setliste ohne Holt vielleicht sogar leichter zusammengestellt, als sie es sonst getan hätten. Aber das sind Rechnungen ohne den Wirt, denn wir wissen nicht, wie weit Holts Ego reicht. Hunolt hat sich offensichtlich das Liebäugeln mit weißen Linien abgewöhnt, und der legendäre Gitarrist, der mit Holt auf den goldenen Exodus-Alben eine revolutionäre Gitarrenverbindung als eines der profiliertesten Duos gebildet hat – im Sinne frisch inspirierter Klöppelei von Sonic-Soli und durchdringenden Gitarrenphrasen. Aber das waren die Achtziger. Wenn Hunolt kommt, ist Holt also nicht da. Exodus realisierten an diesem Abend einen unvergesslichen Abend, sodass einem sogar bei jedem Blick auf die monströs redneckige Erscheinung des stets beißenden Bullmastiffs Rob Dukes das Herz aufging.  

Die Band hielt die Zahnformel unberührt, Hunolt  füllte Holts Platz nur im physischen Sinne. Er war nämlich für die Ausführung seiner eigenen Gitarrenlinien zuständig, wie in Ricks Originalsoli auf den Studioalben von Exodus festgehalten. Den ersten drei und »Tempo of the Damned«, was auch die Konzert-Setliste vorgab. Lee Altus hat für diese Tournee nämlich das Spielen von Gary Holts Gitarrenlinien übernommen. Hunolt ist ein alter Hase. Er wirkte entspannt, hielt Kontakt zum Publikum, man spürte, dass das ein Musiker ist, dem alle Geheimnisse der Konzertbühnen bekannt sind. Lee Altus ist sowieso verrückt! Zwei Konzerte in einem Abend. Seine Jackson-Gitarre Modell »King V«, noch aus den Zeiten, als er Heathen aus der Taufe hob, summte wie die schönst gestimmte brave Biene. Das Gitarren-Duo Altus/Hunolt! Nicht einmal im Traum hätte man gedacht, dass wir das jemals erleben würden. Begeisternd! Dukes rastete aus. Seine Bühnenpräsenz passt vielleicht nicht optimal zum äußeren Bühnenbild der Band, aber der Mann macht mit dem Gesang alles nieder. Eine durch und durch kehlig-schreiende Figur, die diesmal jedoch sehr »old school« wirkte, sogar mehr als je zuvor.  Die Gesangsdarbietung bestätigte auch im diesmaligen Konzertrepertoire, dass das Biest namens Rob Dukes der richtige Mann aus echtem Schrot und Korn für das aktuelle Entwicklungsstadium der Band ist.

Sound? Keine Frage! Totaler Wahnsinn! Aber interessanterweise. Dukes gilt als echter Provokateur, und das ist eine bewährte Konstante seiner Bühnenshow. Mit den Jahren hat er sich etwas abgemildert, wenngleich es auch diesmal nicht an Bühnenarroganz fehlte. Obwohl er die Halle durchgehend antrieb, einen »circle pit«, sogar eine »wall of death« zu bilden, schwankte die Begeisterung des Publikums erheblich. Bei einer so hervorragenden Setliste waren die Forderungen des Publikums mitten im Konzert, die Band solle The Toxic Waltz spielen, wahre Ausbrüche von Pathos. Dafür kann es zwei Gründe geben. Entweder ist das Volk verrückt und hat es eilig nach Hause und treibt die Band an, sofort den Song zu spielen, der ans Ende der Setliste gesetzt ist – oder es ist einfach so betrunken, dass es nicht weiß, was es während des Konzerts tut. In diesem Fall wird wohl die zweite Hypothese zutreffen. Dukes‘ Bemerkung war trotzdem treffend, als er versuchte, das Publikum aufzurütteln: »Jesus fuck… are you still alive?!?!?« Dieses Schwanken der Stimmung überraschte wirklich. Aber offensichtlich ist das eine Frage des Klimas.

Eine Stunde und vierzig Minuten gnadenloser Exodus-Epopöe in einer Traum-Setliste hinterließ keine Überlebenden im Raum. Eine Bombe thrashmetallischer Beichte reinsten Glanzes und reinster Herkunft. Aus der primordialen Wiege des Bay Area direkt ins Gesicht. Diesmal blitzte es nicht nur in der Halle, sondern noch eine gute Weile in den Köpfen der überglücklichen  »Märtyrer«, die sich die Dosis »fleischlicher Freuden« direkt vor die blöde Stirn geknallt hatten! Thrash-Metal-Träume diesmal in der Mostovna! Vom Märchen in die reale Welt!

Setliste

SUICIDAL ANGELS:
1. Bloodbath
2. Bleeding Holocaust
3. Reborn In Violence
4. Face of God
5. Chaos
6. Torment Payback
7. Final Dawn
8. Morbid Intention to Kill
9. Bleeding Cries
10. The Pestilence Of Saints
11. Moshing Crew
12. Apokathilosis

HEATHEN:
1. Intro/Dying Season
2. Control by Chaos
3. Goblin’s Blade
4. Open the Grave
5. Fade Away
6. Heathen’s Song
7. Arrows of Agony
8. Hypnotized
9. Opiate of the Masses
10. No Stone Unturned
11. Silent Nothingness
12. Mercy Is No Virtue
13. Death by Hanging

EXODUS:
1. The Last Act of Defiance
2. Iconoclasm
3. Piranha
4. Shroud of Urine
5. Brain Dead
6. Metal Command
7. And Then There Were None
8. Pleasures of the Flesh
9. A Lesson in Violence
10. Scar Spangled Banner
11. Blacklist
12. Impaler
13. Bonded by Blood
14. War Is My Shepherd
15. The Toxic Waltz
16. Strike of the Beast

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