Neue improvisatorische Jazz-Funk-Schau! (2012)

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Autor: Aleš Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik

Ort: Ljubljana / Gala hala (Metelkova) / Slowenien
Konzertdatum: 24.04.2012
Besucherzahl: 100

Drei Irre! Gitarren-Zauberer Vernon Reid, der bravouröse Bassist Jamaaladeen Takuma und das Schlagzeug-Jazz-Kraftwerk Grant Calvin Weston! Nichts weniger als drei absolute musikalische Ausgeflippte. Zum zweiten Mal im Club Channel Zero! Die Entstehung der fusionistisch-expressiven Free Form Funky Freqs ist schicksalhaft mit den Aktivitäten dieser drei Musiker und dem Saxophonisten und Trompeter Ornette Coleman verbunden. Durch ein ungeplantes Zusammenspiel der Umstände. Ihre erste Europatournee absolvierten F.F.F.F. bereits im Herbst 2007 und veröffentlichten in dieser Zeit das Album »Urban Mithology Vol 1.«, Slowenien besuchten sie in der Zeit danach erstmals Ende Mai 2009, als sie zunächst im Mariborer Club Satchmo auftraten und danach auch im Ljubljanaer Club Channel Zero.

Alle drei haben einen proppenvollen Terminkalender, das ist nicht ohne. Der bekannteste Name in diesem Trio ist heute sicher Vernon Reid, der sich seinen Namen durch den großen Erfolg mit Living Colour an der Wende von den Achtzigern in die Neunziger gemacht hat. Reids Ruf ist außergewöhnlich – wenn wir nur einige Namen aus seiner Karriere nennen, mit denen er zusammengearbeitet hat, sind das unter anderem  Eddie Hazel, Carlos Santana, Buddy Guy, Bobby Drayton, Michael Hill, Calvin Bell, Jean-Paul Bourelly.

Jamaaladeen Takuma, der ursprünglich Rudy McDaniel heißt, hat sich seinen Namen in Ornette Coleman’s Prime Time gemacht und in seiner Karriere unter anderem mit James „Blood“ Ulmer, Walt Dickerson, David Moss, Chuck Hammer, Kip Hanrahan, Derek Bailey und David Murray zusammengearbeitet.

Grant Calvin Weston ist ein nicht minder wichtiger Name für Ornette Coleman’s Prime Time und hat seine Fähigkeiten in seiner Karriere auch mit anderen Meistern der Experimentalmusik geteilt, wie James »Blood« Ulmer, Billy Martin (Medeski, Wood & Martin) , John Lourties (Lounge Lizzards), dazu kommen verschiedene Projekte mit den Musikern Marc Ribot, Christy Doran, Derek Bailey, John Zorn, James Carter, Jean-Paul Bourelly und Melvin Gibbs.

Interessant ist, dass Vernon Reid und Jamaaladeen Takuma Ljubljana bereits 1993 besucht haben. Beide. Jamaaladeen Takuma trat mit seiner Band am 20.04.1993 in der Linhartova dvorana des Cankarjev dom auf (damals schwang er einen Steinberg-Bass in den Händen, gekleidet in ein futuristisches »matrix like«-Outfit mit schwarzer Brille), als er das Album »Sound Symphony« präsentierte (nach Ljubljana gebracht hat ihn natürlich Brane Rončel); nicht lange danach, genauer gesagt am 23.06.1993, betrat Vernon Reid mit seinen Living Colour die Bühne der Hala Tivoli in Ljubljana. Living Colour präsentierten damals in Europa das Album »Staind« (das Konzert von Living Colour in Ljubljana hat damals Škuc Ropot von Igor Vidmar organisiert). Offensichtlich lag damals schon etwas Schicksalhaftes in der Luft, das viele Jahre später die Lebenswege beider Musiker zu einem gemeinsamen Treffpunkt führen sollte.

Die biografische Einleitung war lang, aber das war Absicht, damit du dir ein Bild von dieser außergewöhnlichen musikalischen Profilierung der »Strukturen« des freien Funk-Jazz-Experiments machen kannst. Dieses Trio ist die wahre Antwort auf die klassische Formation eines knackigen Rock-Trios. In Sachen Punch noch um einiges explosiver, dabei aber noch unglaublich spontan und mit unvorhersehbaren Zügen. Außergewöhnliche Erfahrung und ständiges Spielen formen dich zu einer so starken Figur, dass du gezwungen bist, dir immer wieder neue künstlerische Herausforderungen zu stellen. Free Form Funky Freqs verkörpern genau diese Befriedigung des endlosen Forschergeistes musikalischer Freigeistigkeit, die das Trio in sich trägt und die es als solche blitzartig vorantreibt.

Es ist kurz nach zehn Uhr abends, als die Clubwände, der Boden und die Decke zum ersten Mal in den tief und voluminös gesetzten Tönen des Funk-Rhythmus erzittern. Gleich zu Beginn war Takumas Bass zu laut, aber der Tontechniker passte die Klangeigenschaften schnell auf das richtige Verhältnis an, was das atmosphärische Bild des soliden Club-Miteinanders auf der Achse Band – Publikum an diesem Abend noch aufwertete.

Überfüllt war es nicht, gleichzeitig aber hat die Anwesenheit von knapp 100 Köpfen bewiesen, dass es nicht wenige echte Enthusiasten gibt, die gesunden Kontakt mit einer eklektischen, »abgedrehten« Musikphilosophie suchen – avantgardistisch, wenn du so willst –, kurzum: dieses Etwas in der Musik, das den Ohren der Massen oft verborgene Dimensionen eröffnet. Das ist jener Charakter freier musikalischer Information des Universums, die der kleine Mensch in der heutigen Flut von allem immer schwerer entziffern und finden kann, wenn überhaupt.

Vernon Reid, Jamaaladeen Takuma und Grant Calvin Weston sind in Topform und das haben sie in Channel Zero an diesem Abend sofort unter Beweis gestellt. In einer Stunde und fünfzig Minuten spielten sie praktisch das gesamte Album »Urban Mithology« und fügten dem Programm einige ihrer Lieblingsnummern hinzu, die dafür sorgen, dass Konzerterlebnisse für die Musiker, vor allem aber für die Besucher, immer ein einzigartiges und unvergessliches Abenteuer voller Anziehungskraft sind, wie es bei Liebe auf den ersten Blick der Fall ist.

Wunder in dem Sinne, dass ein Schneeball im Brotbackofen eines Pizzabäckers nicht schmelzen würde, gibt es natürlich nicht. F.F.F.F. sind gewiss keine gottgesandten Wasserläufer, aber dennoch. Oft passiert es während des Konzerts selbst, dass das Trio, das praktisch halb mit geschlossenen Augen spielt – was vor allem für Takuma gilt, er hat sich kaum einmal mit dem Blick zu Reid oder Weston umgedreht –, sich völlig spontan auf ein neues, unerforschtes Terrain des freien Jazzens dreht, wo sie sich für ein paar Momente gegenseitig abtasten und sich dann weiter in ein neues Motiv drehen, das sich beim nächsten Konzert in einem völlig anderen Licht zeigen wird, oder gar nicht, und an seiner Stelle steht ein völlig anderes Leitmotiv, das eine neue Atmosphäre und eine neue Position definiert. Genau das ist die Besonderheit, die diese Formation so attraktiv und einzigartig macht. Die Typen wirken wie im Trancezustand, zwischen ihnen herrschen starke chemische Bindungen und eine perfekte Kommunikation, zu der du kaum Vergleiche finden wirst, oder nur sehr schwer.

Im Unterschied zur Erfahrung in Velden aus dem Jahr 2007 haben sich die Jungs in den darauffolgenden Jahren lediglich ein wenig den Ohren der Massen angepasst. So sind sie teilweise von den oft schwer zugänglichen, sogar progressiv-komplex aufgewürzten Formen abgestiegen und haben diese mit einer Reihe melodischer Linien entlastet, wobei Vernon einen einfachen, metallisch geführten, aber mit voller Klangkontrolle gezähmten Riff aufgriff,  der Jamaaladeen Takuma freie Bahn gab, den entspannten Raum mit einem teuflischen Funk-Groove zu füllen, mit dem Toben solistischer Expansionen, bei deren Ausführung er so einige unartikulierte Schreie auslöste, so sehr hatte er sich in seine Rolle hineingelebt. Genau diese Momente, in denen der Charakter der Funk-Impression reichhaltig an die Oberfläche kam, haben das Publikum vollkommen verzaubert, das sich während des Konzerts frei vor der Bühne wiegte. Die Kraft der Fusion aus Funk,  freien Jazzformen, mit einem Hauch des geschärften Metal-Riffs, den Vernon von Living Colour mitbringt! Das ist es, und Vernons Messa Boogie sang wieder wie eine Nachtigall. Etwas sanfter gedämpft als bei Living Colour.

Das Konzert der Free Form Funky Freqs ist eine musikalische Hypnose ohne Gleichen. Das letzte Konzert des europäischen Teils der neuen Tournee der Band hat den Club mit seiner Intensität zu tosendem Applaus gebracht, der einfach nicht nachlassen wollte, doch die Band kam nicht zurück, um eine weitere Zugabe zu spielen. Das Witzige daran ist, dass die Mitglieder von Living Colour, wenn sie nicht als Living Colour unterwegs sind, ständig auf den Bühnen Europas herumtreiben. Denn auf der Achse Österreich-Slowenien trifft man sie gar nicht selten, wenn sie im Rahmen verschiedener Projekte auftreten. So tritt schon drei Tage nach diesem Auftritt der Funk From Freqs in Ljubljana Vernons Living Colour-Kollege Doug Wimbish im Club Bluesiana in Vrba na Koroškem auf, mit einer völlig neuen experimentellen Musikformation namens The Help!, und RockLine wird sich auch von dort bei euch mit einer neuen ausführlichen Reportage melden, wenn es überprüft, in welcher aktuellen Form sich auch der Bassist von Living Colour befindet.

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