Wishbone Ash haben auch unter widrigen Umständen ihr Bestes gegeben (2012)

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Autor: Peter Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik

Ort: Wien / Reigen / Österreich
Datum des Konzerts: 04.02.2012
Besucherzahl: 300
Kartenpreis: 29,00€

 Wishbone Ash, Meister der dualen Gitarrenharmonien, mit einem stillen Gespür für Epik und ewige Suche nach innovativen Arrangierkräften, mit deren Hilfe sie eine ganz eigentümliche Form des klassischen Rocks erfunden haben, treten mit wenigen Ausnahmen seit langem nicht mehr auf größeren Bühnen auf, die ihrem Ruf und ihrem grandiosen Erbe gerecht würden.

Das legendäre britische Kollektiv, das sich seinen musikalischen Nachruhm und seine Bekanntheit mit dem epischen Meisterwerk „Argus“ (1972) erarbeitet hat, ziert sich kein bisschen, wenn sich ein Auftritt in einer „Kneipenbühne“ wie dem Wiener Club Reigen an diesem Abend bietet — was die meisten ihrer musikalischen Zeitgenossen, vor allem jene, die seit Jahrzehnten keine kommerziellen Erfolge mehr feiern, mit ziemlicher Sicherheit abgelehnt hätten. Die Liebe zum Konzertieren und zum Spielen guter Musik, auch wenn es vor deutlich weniger Publikum ist als früher gewohnt, ist bei Wishbone Ash, die noch immer mit Seele und Herz an jedes Projekt herangehen, schlicht zu groß.

Als Vorgruppe präsentierten sich die Schweizer Fabian Anderhuf Band mit einem ordentlichen Auftritt. Mit ihrer zwar ziemlich generischen Mischung aus gitarrenorientiertem Blues und Funk gelang es ihnen, das sprichwörtlich kühle österreichische Publikum zumindest soweit zu begeistern, dass dem Bandleader, Gitarristen und Sänger Fabian Anderhuf das Lächeln bis zum Ende des Auftritts nicht aus dem Gesicht wich. Nach einem gründlichen Umbau der Bühnenaufstellung war dann alles bereit für den Einzug der eigentlichen Stars des Abends.

Mr. Powell und seine Mitstreiter hatten sich entschieden, das Konzert von Anfang an mit voller Kraft zu eröffnen und mithilfe langjähriger Klassiker die traditionell emotional eingefrorenen Österreicher auf die Beine zu bringen. Die Mehrheit von ihnen vermittelte nämlich den Eindruck, dass ihnen ein randvoller Bierkrug auf ihrem Tisch und möglichst noch eine fettige Bierwurst mit Kraut mehr bedeutete als dem Auftritt der britischen Art-Rock-Legenden zu folgen. Die Stimmung im Saal war zwar dem Anlass nicht ganz gewachsen, doch die abgebrühten Profis der Band verstanden es, auch diesen Schwachpunkt mithilfe eines professionellen, sehr gut durchgezogenen Auftritts und einer ordentlichen Portion britischen Humors zu ihren Gunsten zu wenden.

Wishbone Ash eröffneten den Auftritt mit dem epischen „Argus“-Evergreen „The King Will Come“, dem obligatorisch der hymnische „Warrior“ folgte, dessen mächtiger Refrain stets auch die größten emotionalen Schlafmützen weckt. Die Konzerttournee des legendären Kollektivs war in erster Linie der Promotion des famosen neuen Albums „Elegant Stealth“ (2011) gewidmet, daher überraschte es nicht, dass die dritte Darbietung des Abends „Can`t Go It Alone“ war, die als erste Vertreterin des zuvor genannten Studiowerks ausgewählt wurde.

Der temperamentvolle Eröffnungsteil des Konzerts, in dem Andy Powell natürlich nicht auf seine berühmte Flying-V-Gitarre vergaß, beruhigte sich etwas mit der „There`s the Rub“ (1974)-Evergreen-Ballade „Lady Jay“, die mit ihrer melancholischen Atmosphäre stets ein wahrer Balsam für Ohren und Seele ist. Für viele Anhänger der klassischen Wishbone-Ash-Ära stellte das melodramatisch-nostalgische „Argus“-Häppchen „Sometime World“ als große Überraschung geradezu den Höhepunkt des Abends dar.

Die Jungs von Wishbone Ash sind aber nicht nur außergewöhnliche Musiker, sondern auch ziemlich farbenfrohe Bühnenpräsenzen — echte Inkarnationen abgebrühter klassischer Rocker. Den größten Sinn für Bühnenchoreografie haben erwartungsgemäß die ältesten Mitglieder, nämlich Andy Powell und sein langjähriger Gitarrenpartner, der „ewig ernste“ Finne Muddy Manninen. Während der charismatische und stets zu einem guten Scherz aufgelegte Powell zu Konzertbeginn einen langen Schal um sich gewickelt hatte, den er sich offensichtlich von Fish ausgeliehen hatte, wirkte Manninen mit seiner Jacke, die mit schamanischen Ornamenten geschmückt war, wie die perfekte Verkörperung eines klassischen Rockers.

Der ewig gutgelaunte, mit Mütze gekrönte Bassist Bob Skeat sorgte mit seinem Erscheinungsbild als echter Naturbursche aus dem englischen Landleben unter anderem für eine positive Atmosphäre, während der im Vergleich zu den übrigen Bandmitgliedern relativ junge Schlagzeuger Joseph Crabtree das einzige Mitglied von Wishbone Ash bleibt, dem ein kleines bisschen mehr Bühnenpräsenz nicht schaden würde — was er jedoch mit einer bewundernswerten Schlagzeugtechnik erfolgreich kompensiert. Die Auswahl der Darbietungen war durchgehend sehr gut ausbalanciert zwischen langjährigen und neueren Favoriten, sodass es einige angenehme Überraschungen gab, wie etwa den „Bona Fide“ (2002)-Standard „Love, Faith & Hope“. 

Für eine neuerliche Rückkehr in die goldenen Siebziger sorgten der „Pilgrimage“ (1971)-Evergreen „The Pilgrim“ und „Jailbait“, die sie mit zahlreichen Gitarrenimprovisationen erweiterten. Der langjährige „Just Testing“ (1980)-Klassiker „Living Proof“ war eine weitere Überraschung des Abends, da er in den letzten Jahren nicht bei jeder Gelegenheit gespielt wird.

Andy Powell griff kurz vor dem Abschlusspart des Konzerts zur zwölfsaitigen Gitarre, mit der er uns erneut in die klassische Ära der Band entführte, als ihre Dichtung von epischen historisch-pastoralen Themen beherrscht wurde. Das Konzert erreichte seinen Höhepunkt mit dem unsterblichen Epos „Phoenix“, das stets eine eigenwillige Demonstration bravouröser Gitarrenimprovisation auf der Strecke Powell–Manninen ist. Nach einer kurzen Pause kehrte die Truppe mit dem instrumentalen Juwel „Mud-Slick“ auf die Bühne zurück sowie mit einem weiteren „Argus“-Klassiker, „Blowin` Free“, der es als großes Finale ein letztes Mal schaffte, den Saal einigermaßen zum Leben zu erwecken.

Wishbone Ash, die uns auch diesmal mit einer geradezu traumhaften Setlist begeisterten, können schlicht nicht enttäuschen — egal unter wie beengten Verhältnissen sie spielen, bei schlechter Bühnenbeleuchtung und vor einem relativ apathischen Publikum. Das Einzige, was wirklich störend war und die Konzertatmosphäre spürbar trübte, war der schlechte Sound: Die Schlagzeugdrums waren durchgehend etwas zu laut, was die Gitarren und Vocals beschnitt — doch dafür konnte die Band nichts. Schade, dass sie dazu noch Probleme mit der Abstimmung des Mikrofons beim Begleitgesang von Skeat hatten, der manchmal kaum zu hören war. Zieht man unterm Strich dennoch ein Fazit über den gesamten Auftritt, waren wir Zeugen eines erstklassigen Konzerterlebnisses, für das nur Großmeister ihres Fachs wie Wishbone Ash sorgen können.

 

Fotos: Aleš Podbrežnik

Setliste

1. The King Will Come 2. Warrior 3. Can`t Go It Alone 4. Lady Jay 5. Open Road 6. Keeper Of The Light 7. Sometime World 8. Warm Tears 9. Faith, Hope & Love 10. The Pilgrim 11. Jailbait 12. Living Proof 13. Invisible Thread 14. Phoenix —Zugabe— 15. Mud-Slick 15. Blowin` Free

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