Brummen, Brausen, Brüllen, Blessuren, Beulen, Brandmale, bra, bra,… Brustwarzen? (2011)

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Autor: Aleš Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik

Ort: Zenith Halle / München / Deutschland
Konzertdatum: 25.11.2011
Besucherzahl: 4500
Kartenpreis: 40,00€

Wieder ist es Spätherbst, wieder ist es München und wieder sind es Motorhead! Auf ihrer traditionellen Herbsttournee durch Großbritannien und Deutschland. Traditionell bis auf den letzten Platz gefüllt mit Besuchern und treuen Fans der Band durch all die Jahre ihres trotzigen Durchhaltens. Die Tour mit dem sarkastischen Namen „No Album ‚Till Next Year Tour“ deutet im Namen darauf hin, dass Motorhead eben regelmäßig jedes Jahr auf deutschen Bühnen gastieren – und dass neue Studioalben in einem Zweijahreszyklus erscheinen. Regelmäßig. Auch nach 36 Jahren des Rockens und der Beharrlichkeit!

Der budgettechnisch knappe November diktierte besondere Vorsicht beim Verteilen der persönlichen Finanzmittel – daher der taktische Schachzug, an Bord des befreundeten RockLine-Partners
Koncerti.net zu gehen, der für einen überraschend rappelvollen Doppeldecker-Bus voller slowenischer Motorhead-Fanatiker gesorgt hat. Auch wenn sich das Gemecker über den Auftritt von Beatle Paul McCartney, der am selben Tag im italienischen Bologna konzertiert hat, so schnell nicht legte – ist der Auftritt der größten Rock-’n‘-Roll-Dreckskerle und waschechten Bastarde, die noch immer über den Planeten tingeln und seit jeher vehement befehligt von einem Mann – dem einzig wahrhaft würdigen Träger des Titels „Rock-Ikone“, Liebhaber rauschender Pfundscheine, dem eisernen Kanzler Ian „Lemmy“ Kilmister –, eben die sprichwörtliche jährliche Konzertpflicht! Wenn die Sterne denn wohlgesinnt sind. Und diesmal  waren sie es in jeder Hinsicht.

Es ist 18:00 Uhr! Vor der Zenith Halle ist es bereits pechschwarz, und von allen Himmelsrichtungen strömen die Leute zum Ort des sündigen Rock-Vergnügens! Bald passiert sogar Folgendes: Zwei junge Kerle heben hell beschriftete A4-Blätter mit der deutlichen Aufschrift „Suche Ticket!“ hoch in die Luft – was bedeutete, dass das Konzert ausverkauft war! Unglaublich. Deutsche Treue bis in den Tod! Motorhead spielen hier jedes Jahr, und jedes Jahr ist das Konzert offenbar traditionell ausverkauft. Letztes Jahr ebenfalls.

Die erste Band, die das Publikum aufwärmte, waren die Schweden Graveyard. Dass Skandinavier geborene Musiker sind, muss man nicht mehr groß erklären. Aber sie zeichnet auch ein außergewöhnliches Gespür für Revitalisierung aus – oder um einen etwas hässlicheren Ausdruck zu verwenden: Nachahmung. Und das in vielen Genres der Musik. Da der Revivalismus wieder auf dem Vormarsch ist, wenden sich immer mehr Bands dem direkten Flirt mit dem Erbe des N.W.O.B.H.M. und des Heavy Rock der Siebziger zu. Graveyard sind dabei mit der Zeitmaschine noch einige Jahre weiter zurückgereist. Fast bis zur Wiege des Heavy Riffs. Sie spielen nämlich eine Kombination aus grollenden Riffs, die sich langsam auf dem Teppich des Schlagzeugunterbaus wälzen, mit dem typischen Liebäugeln mit Bands wie Black Sabbath und/oder Pentagram – dazu flechten sie sogar Blueselemente ein, und auch das Prinzip des hippen psychedelischen Rock-Sounds ist klar ausgeprägt. Schlagzeug in klassischer Aufstellung. Nackter, abgeklärter Minimalismus. Im Einsatz: Gitarren der Gibson ES-335 und der Gibson SG – und natürlich darf der scheppernde, klassische Rickenbacker-Sound der Bassgitarre nicht fehlen! Überzeugend, so sehr es nur geht. Die Performance auf absolutem Topniveau! Eine Band, die ihr euch unbedingt anschauen müsst. Im vergangenen Jahr hatten die Schweden Grand Magus das Konzert in der Zenith Halle vor Motorhead eröffnet. Das Doom-Element trägt auch in deren Ausdrucksprinzip ein gehöriges Gewicht. Aber während Grand Magus von dort in Richtung Metal abbiegen, bewegen sich Graveyard hin zur Rock-Psychedelia der Zeitenwende von den Sechzigern zu den Siebzigern. Graveyard spielten bei ihrem Auftritt folgende Songs (Reihenfolge nicht verbürgt): No Good Mr. Holden, Aint’t Fit To Live Here, Hisingen Blues, Uncomftoartrbly Numb, Buying Truth, The Siren, Evil Ways. Die Band hat zwei Studioalben im Gepäck – dieses Jahr erschien Hisingen Blues beim Label Nuclear Blast Records –, was bedeutet, dass Graveyard alles andere als ein billiger musikalischer Furz sind!

Über die Aktivitäten der ehemaligen Mitglieder der Guns N‘ Roses-Glanzzeit braucht man nicht viele Worte zu verlieren. Bassist Duff McKagan sucht seit einigen Jahren gelegentlich Zerstreuung in seiner Band Loaded. Die zum dritten Mal in ihrer Karriere wiederbelebte Band hat dieses Jahr ihr drittes Studioalbum „The Taking“ (2011) veröffentlicht, das nach zwei Jahren den Vorgänger „Sick“ (2009) ablöst – womit wir offenbar Zeugen der produktivsten Schaffensphase der Loaded-Geschichte werden. Das Quartett in der Besetzung Duff McKagan (Gitarre, Gesang), Mike Squires (Gitarre), Jeff Rouse (Bassgitarre) und Isaac Carpenter (Schlagzeug) bot eine starke Mischung aus dreckigem Rock, entschlossener Punk-Attitüde, die Duff durch seine lange Karriere fest im Griff hält – darin sind unschwer Spuren stonerigen Benebeltseins wie auch grungy-rauen Kratzens zu finden. Den Hauptteil des Auftritts widmete die Band den Songs des Albums „The Taking“, heizte das Publikum aber mit gleich drei Coverversionen an und riss alle zum Abschluss mit dem erwartbaren Guns N‘ Roses-Schmankerl It’s So Easy von den Sitzen. Der Sound allerdings: verwaschen. Besonders was den Gitarrensound angeht. Ich kann sogar sagen, dass Graveyard deutlich besser geklungen haben. Wie auch immer. Loaded haben erwartungsgemäß deutlich mehr Dezibel an Jubel und Tumult aus dem Publikum herausgekitzelt. Die Band, angeführt von McKagans gelungenem „jungenhaftem“ Gesang, hat ihren Auftritt in knapp einer Dreiviertelstunde ohne erkennbare Schwäche abgeliefert.

Es ist neun Uhr! Die Halle hüllt sich in Dunkelheit! Die Sirenen heulen auf. Wenn auf einem Motorhead-Konzert die Sirenen heulen, ist klar, dass nur Bomber auf die Bühne kommen kann! Das Sirenenheulen diente diesmal als Ersatz für Lemmys traditionell theatralischen Gruß „We are Motorhead and we play rock n‘ roll!“. Auf der Bühne herrscht echter Sumpfnebel – es fehlt nur noch das Geheul des Baskervillschen Hundes im Duett. Minimalistisch ausgestattete Bühne. Drei Meter hoch, der Hintergrund in schwarze Vorhänge gehüllt. Dees erhöhtes Schlagzeug und hoch darüber die dreiköpfige Motorhead-Maskottchen-Skulptur!  Schluss mit dem Warten vor der Bühne – die Band donnert mit dem berühmten Scheppern los, und das Gelände verwandelt sich in ein Schlachtfeld rasender Mosher, die die ganze Woche auf den Moment gewartet haben, in dem sie ihren Kopf voll ausklinken können, bevor sie am Montagmorgen im Anzug vor ihre Vorgesetzten treten. Die Energie, wie immer einzigartig und unvergesslich. Etwas, das man eben nur auf einem Motorhead-Konzert erleben kann.

Die routinierte Band hält das Gefühl der Unverwüstlichkeit und Unbeugsamkeit aufrecht. Die Atmosphäre, die jedes Jahr in der Zenith Halle herrscht und von der treuen Motorhead-Fangemeinde erschaffen wird, tut Lemmy und Co. ganz offensichtlich mehr als gut! Eine Rutschbahn aus verschüttetem Bier, weggeworfenen und verlorenen persönlichen Utensilien – von Hosen und Schuhen über Handys bis hin zu zerbrochenen Brillen und Armbanduhren. Keine Bremsen! Krieg und Chaos in der Halle! Das ist genau die Art von Konzert, die alte Rocker und blutjunge Enthusiasten zusammenbringt, versöhnt und vollständig vereint!

Motorhead haben für diese Tour die Setliste ordentlich durchgelüftet. Direkt nach dem eröffnenden Bomber-Blitzkrieg haben sie ihr ungezähmtes, raubeinig-männliches Bastard-Image mit dem Klassiker Damage Case bewahrt, den sie nach mehreren Jahren wieder in die Setliste zurückgeholt haben. Zurückgekehrt ist auch das beängstigende Orgasmatron der apokalyptischen Visionen – die unbestrittenen Überraschungen im diesmaligen Repertoire stellten dagegen I’ll Be Your Sister (Album „Overkill“, 1979) und The One To Sing The Blues (Album „1916“, 1991) dar. Noch mehr: I’ll Be Your Sister wurde für den deutschen Teil durch den neueren Song Rock Out ersetzt, den Motorhead auf dem britischen Teil dieser Tour gespielt haben. Zum ersten Mal seit 2005 sind Robbos Songs vom Album „Another Perfect Day“ völlig aus dem Repertoire geflogen, während sich die Klassiker Stay Clean, Over The Top, The Chase Is Better Than The Catch neben den Pflichtprogrammen des eisernen Repertoires Mertopolis, Gong To Brasil, Iron Fist, Killed By Death mehr als hervorragend einfügen!  Die Darbietung von Killed By Death kündigt immer an, dass das Repertoire seinem Ende naht – vor diesem Song dreht die Band ihre Instrumente auf noch höhere Lautstärke, Duff McKagan tritt mit seiner Gitarre auf die Bühne, und gleichzeitig ist es der Song, der am eindrucksvollsten zeigt, wie gut Lemmys Stimme noch erhalten ist. Auch diesmal hat die verchromte Kehle des eisernen Kanzlers in vollem Umfang getrotzt!

Phil und Mikkey haben jeweils ein paar Minuten für Soli bekommen – wobei Phils Solo niemand vermissen würde. Phil trägt einen Hut, was dem Bühnenbild der Band zweifellos zugutekommt – im Gegensatz zu den vielen Jahren, in denen der Gitarrist walisischer Herkunft in einer ausgeleiertem Strumpfmütze (Schornsteinfegerkappe) auf die Bühne kam.

Vor Metropolis verschwand Lemmy für ein paar Momente hinter die Bühne. Als er auf die Bühne zurückkehrte, deutete er dem Publikum an, dass er einen Finger seiner linken Hand versorgen musste. Offenbar hatte er sich beim Bassspielen daran geschnitten.

Die bluesige Einschlaf-Ballade Whorehouse Blues – Lemmy an der Mundharmonika, Mikkey an der zweiten Akustikgitarre – verwandelte sich in der Zugabe in den erwartbar höllischen Abschluss der Sequenz Ace of Spades / Overkill (davor haben Motorhead noch Gitarre und Bass im Sound aufgedreht), was den überhitzten Köpfen des Publikums die letzten Atome Kraft abpresste. Voll drauf, ohne Rücksicht auf Verluste. Bis zum Anschlag. So weit es irgend geht! Überflüssig zu betonen, dass das Motorhead-Konzert nach dieser neuen Münchner Erfahrung alle glänzenden Markenzeichen der klassischen Tradition des urwüchsig dreckigen Rock-’n‘-Roll-Schubs bewahrt, den das Erbe der majestätischen Ausstrahlung dieser drei Ausgestoßenen aufgebaut hat. Ein rostfreies Perpetuum mobile! Noch lange nachdem uns Motorhead verlassen haben und die Halle von dem oszillierenden, pfeifend-summenden Mikrofon-Feedback geflutet wurde. Die fundamental urwüchsige Zerstörungskraft als Garant dafür, dass es keinen einzigen glückseligen Helden gibt, der nicht am Ende der Konfrontation mit ihr auf allen vieren davonkrabbelt und sich gleichzeitig schwört, schon bald für eine neue Dosis Beulen und Schürfwunden zurückzukommen!

Fotos: Aleš Podbrežnik

Für den Transport im Schoß der wie immer sicheren und angenehmen Atmosphäre hat auch diesmal die Agentur Koncerti.net gesorgt, angeführt von ihrem furchtlosen, kernigen Rock-Enthusiasten, dem Concert Freak!

Setliste

MOTORHEAD: 1.Bomber 2.Damage Case 3.I Know How to Die 4.Stay Clean 5.Metropolis 6.Over the Top 7.One Night Stand (plus Philip Campbell guitar solo) 8.The Chase Is Better Than the Catch 9.Get Back In Line 10.I’ll Be Your Sister 11.The One To Sing the Blues (plus Mikkey Dee drum solo) 12.Orgasmatron 13.Going to Brazil 14.Killed by Death 15.Iron Fist —Zugabe— 16.Whorehouse Blues 17.Ace of Spades 18.Overkill DUFF McKAGAN’S LOADED: 1. Sick 2. Seattlehead 3. Sleaze Factory 4. New Rose (orig. The Damned) 5. Executioners Song 6. We Win 7. Dead Skin 8. Cocaine 9. Your Name 10. Lords of Abbadon 11. Attitude (orig. Misfits) 12. It’s So Easy (orig. Guns N‘ Roses)

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