Fusionistische Orgie mitten im Kino Šiška unter der Regie von Billy Cobham (2011)
Autor: Peter Podbrežnik
Fotos: Jernej Vene
Ort: Ljubljana / Kino Šiška / Slowenien
Konzertdatum: 05.10.2011
Besucherzahl: 700
Kartenpreis: 20,00€
Der legendäre panamaische Schlagzeuger Billy Cobham ist im kollektiven Bewusstsein des durchschnittlichen Musikfeinschmeckers vor allem als langjähriger Drummer der unvergesslichen amerikanischen Jazz-Rock-Fusion-Attraktion The Mahavishnu Orchestra bekannt, obwohl er in seiner reichen Karriere auch mit einer ganzen Armee weiterer berühmter Musikernamen zusammengearbeitet hat – allen voran mit dem unvergesslichen Trompeter und musikalischen Innovator Miles Davis. Welcher Fusion-Fan könnte schon die gemeinsame Zusammenarbeit auf dem legendären Album „A Tribute to Jack Johnson“ (1971) vergessen.
Vielleicht sagt am meisten über Cobhams Größe die Tatsache aus, dass sein Werk neben Jazz-Feinschmeckern auch von zahlreichen Rockern mit erweitertem musikalischem Horizont geschätzt wird – was nicht weiter überrascht, denn dieser große Innovator hat stets verschiedenste Stile in seine Musik einfließen lassen und den Stellenwert der E-Gitarre in seinem eigenen klanglichen Ausdrucksvokabular immer hochgehalten. Rocker schätzen besonders sein kultiges Studio-Debüt „Spectrum“ (1973), auf dem er unter anderem mit dem tragisch verstorbenen ehemaligen Deep Purple-Gitarristen Tommy Bolin zusammengespannt hat – wobei man auch Meisterwerke wie „Crosswinds“, „Total Eclipse“ (beide 1974) und „A Funky Thide of Things“ (1976) nicht vergessen darf.
Es war keine Überraschung, dass das Kino Šiška an diesem Abend kurz vor seinem Auftritt fast bis in den letzten Winkel gefüllt war und sich auf den Sitzen zahlreiche Liebhaber guten Fusions drängten – aber auch eine beachtliche Anzahl Rocker und sogar der ein oder andere Metaller war im Publikum auszumachen. Für das Vorkonzert-Warmup sorgten die Locals The Open Trio, die mit ihrer interessanten Mischung aus ambientalem Jazz-Funk-Fusion angenehm überraschten. Das Trio, das sich ab 2007 nach und nach zu einem Quartett erweitert hat, dabei aber trotzdem den ursprünglichen Bandnamen behalten hat, bringt mit seinem Ansatz in unsere Jazz-Szene eine klangliche Eigenständigkeit, da die Besetzung zum Beispiel keinen Bassisten hat, dessen Abwesenheit aber trotzdem erfolgreich durch eine reiche und verzweigte Palette an Ambient-Texturen ausgeglichen wird. Obwohl alle vier Mitglieder mit ihren instrumentalen Fähigkeiten begeisterten, muss das außergewöhnliche Talent des Saxophonisten Bojan Volk besonders hervorgehoben werden, der mit seinen Solo-Einlagen auch die anspruchsvollsten Zuhörer mitreißen konnte. Die Förderung solch hervorragender heimischer Fusion-Bands im Vorprogramm von Konzertgrößen vom Kaliber Cobhams ist immer mehr als willkommen, wenn nicht sogar notwendig.
Herr Cobham, der auf der aktuellen Tour mit einer vierköpfigen Band namens Billy Coham Band auftritt, präsentierte an diesem Abend neben einem abwechslungsreichen Repertoire aus verschiedenen Epochen seiner reichen Karriere sein neuestes Studiowerk mit dem Titel „Palindrome“ (2010). Auf ihm basierte erwartungsgemäß auch der Großteil des Konzertrepertoires, obwohl das Publikum natürlich am energischsten auf die Darbietungen von „Spectrum“ und den Mahavishnu Orchestra-Klassikern reagierte. Billy wurde auf der Bühne von einer bunten Truppe internationaler Musiker begleitet: Bassist Michael Mondesir, Gitarrist Jean-Marie Ecay und Keyboarder/Violinist Christophe Cravero. Mondesir stieß als bekanntester Musiker unter Cobhams Weggefährten dank seines raffinierten Webens spitzer Basslinien auch auf die energischste Reaktion des Publikums – den Meister persönlich natürlich ausgenommen.
Cravero befand sich an diesem Abend in der Doppelrolle des Interpreten instrumentaler Parts, die einst bei Mahavishnu Orchestra von Jan Hammer und Jerry Goodman bzw. Jean-Luc Ponty übernommen wurden – wofür natürlich eine ausgewogene Mischung aus Mut, Können und Erfahrung nötig ist. Auch Jean-Marie Ecay ist ein außergewöhnlicher E-Gitarrist, der unter dem mehr als offensichtlichen Einfluss des legendären John McLaughlin für eine möglichst authentische Interpretation der Klassiker sorgt. Mahavishnu Orchestra werden sich höchstwahrscheinlich – abgesehen von einem vielleicht symbolischen Auftritt – nie wieder zusammenfinden, doch Cobham ist es gelungen, eine ziemlich gute Annäherung daran um sich zu versammeln, obwohl jeder der genannten Namen in die einzelnen immergrünen und neueren Stücke auch etwas vom eigenen Ausdrucksvokabular eingebracht hat.
Cobham persönlich demonstrierte an diesem Abend während der Darbietung langjähriger Klassiker, neuerer und ‚vergessener‘ Stücke (wie „Panama“), dass er nach all diesen Jahrzehnten nach wie vor ein Schlagzeugbegriff von atemberaubender Größe, Vielseitigkeit und Innovativität ist. Seine Kunst, Weichheit und außergewöhnliche Präzision beim Bearbeiten der Becken mit der unglaublichen Geschwindigkeit und Energie seiner Schläge auf die übrigen Teile des Drum-Setups zu vereinen, hat bis heute keinen Vergleich. Billys Stil, der von einer einzigartigen Technik geprägt ist, ist schlicht gesagt die Verbindung brodelnder Energie und strenger Disziplin. Während des Konzerts , besonders bei den zahlreichen Improvisationen, zeigte sich einmal mehr, dass er wohl derjenige ist, der sich den Titel des besten Jazz-Fusion-Drummers aller Zeiten am meisten verdient hat. Sein Solo-Part war für so manchen Besucher, der sich an Billys Vereinigung scheinbar unvereinbarer Stile bei einer völlig einzigartigen Technik nicht sattsehen konnte, zweifellos der Höhepunkt des Abends.
Das Konzert einer der größten Jazz-Fusion-Eminenzen bot erwartungsgemäß eine Fülle an Genussmaterial für jeden Musikfeinschmecker – doch das war von einem Musiker von Cobhams Kaliber, dem eine respektable Anzahl an Lebensjahren das geringste Hindernis darstellt, auch nicht anders zu erwarten. Es war schlicht und einfach ein Jazz-Fusion-Fest, das kein Liebhaber dieser wunderbaren Musikgattung, die so viele bunte Stile und Einflüsse vereint, hätte verpassen dürfen. Hoffen wir, dass sich im Kino Šiška, das jeden Herbst einen klangvollen Namen aus der Jazz-Fusion-Szene anzulocken versteht, nach Billy schon bald noch eine weitere (ehemalige) Mahavishnu Orchestra-Eminenz einfinden wird – allen voran ’seine Erleuchtheit‘ John McLaughlin.
Fotos: Jernej Vene
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