Brutal Assault 2011 (dritter Tag) – im Zeichen von Forbidden und Vader!

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Autor: Rok Klemše

Ort: Vojenska pevnost Josefov, Jaroměř, Tschechien
Konzertdatum: 12.08.2011
Besucherzahl: 15.000

Auch am dritten Tag wurden wir von der Morgensonne geweckt, die – wie Platons Höhlengleichnis – ankündigte, dass uns etwas Gutes bevorsteht. Kurz nachdem wir aus den Zelten gekrochen waren, folgte der obligatorische Kaffee im Zentrum von Josefov, und kurz danach das erste dunkle Primator. Hey, sieht ja aus wie Coca-Cola, hehe.

 

Guten Morgen wünschten Josefov die amerikanischen Gothic-Doomer A Pale Horse Named Death, angeführt vom ehemaligen Type O Negative-Gitarristen Sal Abruscato – hinterm Schlagzeug sitzt sein Bandkollege Johnny Kelly. Die beiden setzen das Erbe von TON auf schöne Weise fort, und durch die genremäßig ähnliche Musik lebt der Geist des verstorbenen Pete Steel weiter. Nur war die etwas langsame, schwere, morbide und melancholische Musik für den verknautschten Morgen eine Spur zu viel.

 

Dass der Abschluss des Brutal Assault 2011 absolut grandios werden würde, kündigten bereits die kultigen amerikanischen Black-Metaller Absu an. Kann man sich etwas Schöneres vorstellen, als beim Kaffee (und Bier) zu sitzen, während einem Absu um zehn Uhr morgens unter der Führung des legendären Schlagzeugers Proscriptor McGovern schon auf der Bühne einheizen? Absu haben uns phänomenal in ihre Welt des mythologischen okkulten Black Metals mitgenommen, kommandiert von den Schlagzeug-Salven des übermenschlich guten Proscriptor. Der kümmert sich nicht nur ums tentakelartige Schlagzeugspiel, sondern auch um den rohen und aggressiven Gesang. Wirklich unglaublich, wie der Typ gleichzeitig so komplex trommelt und dabei noch mit voller Kraft singt. Obwohl Proscriptor zwischen den Ansagen völlig außer Atem war, hat ihn der konditionell extrem fordernde Auftritt keinen einzigen Moment im Stich gelassen.

 

Den hervorragenden Beginn setzten in etwas verlangsamten Rhythmen Seventh Void fort – noch eine Band, die sich aus ehemaligen Mitgliedern von Type O Negative zusammensetzt, konkret Johnny Kelly (Schlagzeug) und Kenny Hickey (Gesang, Gitarre). Das Stoner-Trio präsentierte das bisher einzige erschienene Album Heaven is Gone, und die mächtigen, schweren Stoner-Riffs brachten eine immer größere Menge zum langsamen Headbangen, die sich langsam aber stetig bereits unter den Bühnen des Brutal Assault versammelte.

 

Auch die schwedischen Draconian hüllten uns in einen dunklen Schleier aus mächtig und episch klingendem, gothisch gefärbtem Doom Metal – der hervorragende Auftritt wurde noch durch die episch langen und abwechslungsreich aufgebauten Songs sowie die fantastische stimmliche Darbietung der anmutigen Sängerin Lisa Johansson unterstrichen (die die Band kurz nach ihrem Auftritt beim Brutal Assault leider auch verließ). Die Jungs und das Mädel präsentierten in erster Linie das immer noch aktuelle Album A Rose For the Apocalypse.

 

Die erste richtige Flutwelle aber traf Josefov, als die niederländischen Instrumental-Zauberer Exivious die Bühne betraten. Die Band besteht heute aus Gitarrist Tymon Kruidenier, Bassist Robin Zielhorst (beide ehemalige Mitglieder von Cynic, die auf dem Album Traced In Air spielten), Gitarrist Michel Nienhuis und Schlagzeuger Yuma Van Eekelen (ex-Pestilence). Das Quartett präsentierte in dreiviertel Stunden Songs vom Debüt Exivious (2009), auf dem den Niederländern eine perfekte Fusion von Metal und Jazz gelungen ist. So erlebten wir einen reinen musikalischen Orgasmus: synkopierte Gitarrenriffs, die selten dieselben Linien spielten, ätherische Soli von Tymon und eine mörderische Rhythmussektion. Der hervorragende Sound sorgte dafür, dass die zahlreichen Rhythmus- und Tempowechsel gut zu hören waren, und die erstklassige Performance ist nur ein weiterer Beweis dafür, dass die Musiker von Exivious nichts anderes als Meister ihres Fachs sind. Eine Band, der sowohl Metaller als auch Jazzfans mühelos zuhören können, ist nicht für jeden – die Musik ist technisch extrem komplex –, und genau deshalb war es schön zu sehen, dass Exivious schon unter der Bühne recht viele Leute hatten, die die Band für ihren hervorragenden Auftritt entsprechend belohnten. 

 

In völlig anderen Rhythmen tanzten wir anschließend mit den lettischen heidnischen Folk-Metallern Skyforger, die vor allem dafür bekannt sind, dass man ihnen in der Vergangenheit mit allerlei Anschuldigungen über Nazismus, Faschismus und dergleichen zugesetzt hat. Mit diesen Ismen haben Skyforger natürlich nichts zu tun, und das Hakenkreuz am Anhänger des Sängers ist selbstverständlich ein Sonnensymbol. Auch aus den Texten lässt sich ablesen, dass Skyforger kein Schreckgespenst sind, sondern eine qualitativ hochwertige Folk-Metal-Band, die sich mit ernsteren volkstümlichen Themen befasst und nicht mit bescheuerten Bierchen-Songs im Stil von Korpiklaani und ähnlichen Bands. Skyforger lieferten einen äußerst qualitätvollen Auftritt, unterstützt von der energischen Performance des Bassisten und beider Gitarristen.

 

Dann brodelte es in der Menge noch einmal kräftiger auf, denn auf die Bühne marschierten erhaben die Thrash-Schwergewichte Forbidden. Schon die Eröffnungstakte von March Into Fire zündeten Josefov durch, trieben die Temperatur um mindestens zehn Grad hoch, und die Menge rastete aus. Moshen und Headbangen bis zum Schluss – ohne Ende in Sicht. Forbidden standen vor uns in der Besetzung – Russ Anderson (Gesang), Steve Smythe (Gitarre; ex-Nevermore), Craig Locicero (Gitarre), Matt Camacho (Bass) sowie Mark Hernandez (ex-Vio-Lence, Heathen, Defiance) am Schlagzeug, der Paul Bostapha ersetzte, welcher die Band kurz danach auch offiziell verließ. Nun, Mark erledigte seine Aufgabe glänzend, und dass Paul Bostapha fehlt, war überhaupt nicht zu merken. Die meisten Augen waren auf den legendären Vokalisten Russ »The Walrus« Anderson gerichtet, der offensichtlich einige Kilöchen zugelegt hat (zu viele Big Macs?), aber mit seinem hervorragenden Gesang – sowohl bei Klassikern als auch bei neuen Songs – bewies, dass die Behauptungen, er sei nicht mehr in der Lage, die höchsten Register zu singen, vollkommen falsch waren. Russ sang die gesamte Stunde lang mehr als ausgezeichnet und bewies damit wie die übrigen Bandmitglieder, dass Forbidden die Vierzig und die zehnjährige Bühnenabstinenz überhaupt nicht anzumerken ist. Das Duo Locicero/Smythe blies einem mühelos das Hirn weg mit raffinierten Soli und vernichtenden Riffs, die Geschichte geschrieben haben, und Camacho lebte sich trotz seiner Zurückhaltung voll ins Konzert ein. Über einzelne Songs verliert man hier eigentlich keine Worte – Forbidden breiteten vor uns einige der kultischsten Thrash-Songs aller Zeiten aus – Step By Step, Twisted Into Form, Through Eyes of Glass sowie die abschließende Hymne Chalice of Blood – und garniert haben sie das Ganze mit den frischen Songs Forsaken At the Gates sowie dem Titeltrack des aktuellen Albums Omega Wave, das beweist, dass Forbidden wie guter Wein altern und eines der besten »Come-Back«-Alben überhaupt veröffentlicht haben. Das einzige Minus war die Kürze des Auftritts, aber egal – Forbidden bereiteten uns eines der besten Konzerte des Brutal Assault 2011, und auch sie selbst waren mehr als sichtlich zufrieden mit dem Echo, allen voran der ständig lachende Russ und das Bühnentier Craig.

 

Auf der Nachbarbühne hatten derweil die spanischen Gore-Grinder Haemorrhage bereits Gehirne und einige Gliedmaßen verspeist und gaben eine wahre Lektion in brutalem Gore, gekrönt von ihren Bühnenkostümen – Gitarrist Luisma war in OP-Kleidung gekleidet, Bassistin Ana Belen de Lopez als sexy Krankenschwester, und der aufgedrehte, psychotische Vokalist Lugubrious sorgte für das Begießen mit Blut, Knabbern an einem Menschenbein und Trinken aus einer Schüssel voller Menschenhirn. Ich selbst krepierte während ihres Auftritts die ganze Zeit vor Lachen – tatsächlich spielen die Spanier gar keinen schlechten Grind, der ganz genrekonform mit Gore-Themen und Oden an die verschiedensten Operationen unterlegt ist. Tatsache bleibt aber, dass ich mich diesen spanischen Chirurgen unter keinen Umständen freiwillig unters Messer legen würde.

 

In verzweifelteren Tönen setzten die amerikanischen Schock-Industrialisten Genitorturers fort, angeführt von der Frau von David Vincent (Morbid Angel) – live klingen sie so katastrophal wie eine weibliche Version von Rob Zombie. Die Augen kann man sich bei Frau Vincent vielleicht noch etwas ausruhen, die völlig fetischistisch gekleidet ist und natürlich als Domina mit Peitsche über die Bühne paradiert. Definitiv ein Auftritt, den man sich eher anschaut als anhört – und ich hätte gerne eine Fernbedienung mit »Mute«-Knopf gehabt.  

 

Richtig losging es wieder, als die Lichter ausgingen und aus den Lautsprechern das Intro Ultima Thule dröhnte. In atemloser Stille war klar, was kommt. Vader. Das polnische Death-Metal-Monster, das seit einem Vierteljahrhundert seine Vision von zerstörerischem Death Metal über die Welt sät – gnadenlos und ohne Pause – unter der Führung des unaufhaltsamen Piotr »Peter« Wiwczarek. Vader hatten kurz vor dem Auftritt beim Brutal Assault ihr neuntes Studioalbum Welcome to the Morbid Reich veröffentlicht, das zweifellos eine der stärksten Veröffentlichungen der Vader-Diskografie ist und auch das zentrale Thema des diesmaligen Konzerts war. Peter hatte um sich erneut eine frische Crew versammelt, die jedoch so souverän und eingespielt ist, als würden sie schon seit dem Debüt The Ultimate Incantation gemeinsam spielen. Peter kommandiert die Crew wie ein großer Anführer und kritisiert mit seinem röhrenden Gesang, der keinen Deut nachgelassen hat, Religion und Krieg und lädt ein in die Reiche der Dunkelheit und der tentakelartigen Lovecraftschen Wesen. Genau diese Tentakel streicheln einen sanft – doch das ist alles nur ein guter Trick: Wenn sie dich packen und in die dämonische Welt ziehen, flüstern sie dir »we have such sights to show you«, während sie alle möglichen Öffnungen missbrauchen, und Vader liefern den fantastischen »Soundtrack« dieser Agonie mit tektonischen Vernichtern wie The Wrath, Wings, Sothis, Impure. Peter hatte diesmal eine wirklich erstklassige Crew um sich, was Schlagzeuger James Stewart mit tierisch brutalem und chirurgisch präzisem Trommeln sowie der neue Gitarrist Spider (Marek Pajak) unter Beweis stellten – letzterer überzeugte mit exzellentem Solieren und guten Ideen, die in Vader noch mehr Abwechslung und Frische einbringen. Obendrein konterkariert er schön Peters permanentes Pinch-Harmonics-Gedudel und den Tremolo-Missbrauch. Durch ein erstklassiges Set führten uns Vader bis zum Ende – überraschenderweise sogar mit Covern von Black Sabbath und Raining Blood.

 

Der abschließende Abend setzte sich etwas weniger erschütternd fort mit den epischen Folk-Metallern Turisas, den hoffnungslos langweiligen kanadischen Technikern Cryptopsy, den christlichen Metalcore-Acts As I Lay Dying, den gähn-gähn-Ambient-Typen Anathema und den brasilianischen Veteranen Sepultura. Als wirklich einzig echte Headliner traten die Schweizer Triptykon auf, die mit dem legendären Tom G. Warrior das Erbe der kultigen Celtic Frost fortsetzen. Auch ihr Set bestand zum Großteil aus lauter Klassikern dieser Black-Metal-Pioniere – Procreation (of the Wicked), Circle of Tyrants sowie als Abschluss die unvergessliche Hymne Winter. Tom bewies erneut, dass er einer der einzigartigsten Frontmänner der Metal-Geschichte ist – wieder mit der obligatorischen schwarzen Mütze und schwarz geschminkten Augen. Der unheilvolle Gesang wirkt immer noch so, wie er soll, und Tom agiert mit seiner von H.R.Giger persönlich gestalteten Gitarre wie ein Stück mit ihr. Unheilvoll, morbide und absolut passend als Abschluss des diesjährigen Festivals. Fortgeführt wurde es noch von Kataklysm, den Black-Metallern 1349 und Khold sowie den Funeral-Doomer-Jungs Ahab – für mich folgte aber nur noch das Abschiedsbier und das Kraftetanken für den Weg nach Hause. Bis zum Brutal Assault 2012? Na klar!

Setlist

Blood Red Throne A Pale Horse Named Death Trigger The Bloodshed Absu Seventh Void Draconian Kvelertak Exivious Skyforger Forbidden Haemorrhage Genitorturers Blood For Blood Vader Turisas Cryptopsy As I Lay Dying Anathema Sepultura Triptykon Kataklysm 1349 Khold Ahab Dagoba

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