Musik, die vom Himmel kommt – wenn er denn existiert (2011)

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Autor: Aleš Podbrežnik
Fotografien: Aleš Podbrežnik

Ort: Piazza Duomo / Spilimbergo (Udine) / Italien
Konzertdatum: 31.07.2011
Besucherzahl: 1300
Eintrittspreis: 22,00€ / 25,00€

Das diesjährige Folkest, das unsere westlichen Nachbarn jedes Jahr auf der Strecke zwischen den Städten Udine und Spilimbergo veranstalten und das einige Bands, die Weltmusik pflegen, sogar bis ins slowenische Koper bringt, hat als Höhepunkt seines Festivalprogramms den Auftritt des legendären ehemaligen Genesis-Gitarristen Steve Hackett gewählt. Steve Hackett ist ein Gitarren-Genie, das mit seinem musikalischen Ansatz, besonders  seiner Spielweise auf der Gitarre beim Erscheinen auf der Bildfläche in den Siebzigern, revolutionär auf die junge Gitarristengeneration wirkte. Unter all den Neuerungen, die dieses Genie der Musikwelt in jener fernen Zeit vorstellte, befinden sich unter anderem auch die „Erfindungen“ der Spieltechniken namens „Sweep Picking“ und „Tapping“. Alle möglichen Van Halens, Satrianis und Malmsteens haben also bei Hackett gelernt.

Der frisch wiederverheiratete Steve Hackett erlebt eine wahre kreative Renaissance und offensichtlich eine umfassende persönliche Erneuerung, die in einem außergewöhnlichen kreativen Schöpfungsimpuls resultiert. Dafür spricht die ausgezeichnete jüngste Studioveröffentlichung „Out Of The Tunnel’s Mouth“, die Steve mit einer Reihe von Konzertauftritten krönte (darunter auch jener in Triest vom 01.08.2010) sowie mit der Veröffentlichung des Doppel-Livealbums, das er als „Live Rails“ (Inside Out Records, 2011) betitelte. Dazu lugt bereits Hacketts neues Studioalbum um die Ecke, für diesen September angekündigt.

Genau ein Jahr nach seinem Auftritt in Triest verdunkelt sich die Bühne um neun Uhr fünfzig, als die Eingangsklänge der aufgenommenen Last Train To Istanbul erklingen. Nach gut einer Minute Intro marschieren die Musiker auf die Bühne. Aber sieh mal an: In der Besetzung fehlt Amanda Lehmann, Steves Rhythmusgitarristin und Background-Sängerin. Neben Steve steht also das übliche Quartett auf der Bühne: Gary O’Toole (Schlagzeug, Gesang, Background-Gesang), Robert King (Keyboards, Background-Gesang), Rob Townsend (Bläser, Background-Gesang) sowie der extravagante Bassist und Background-Sänger Nick Beggs. Letzterer schämt sich auch auf der Bühne nicht für den ausgiebigen Einsatz des Chapman Stick.

Der Veranstaltungsort, an dem 1000 Sitzplätze aufgestellt worden waren, war bis in den letzten Winkel randvoll. Um die Sitzenden hatten sich noch etwa 300 Stehende versammelt. Wir sind in Italien. In der Heimat großer Genesis-Fans. Deshalb genießt Steve Hackett hier seit vielen Jahren, seit er seine Solokarriere eingeschlagen hat, große Unterstützung. Der positiv gestimmte „Spectral Mornings“-Klassiker Every Day eröffnet den Auftritt. Er liefert von der ersten Sekunde an ausgezeichneten Sound, perfekte Kalibrierung aller Instrumente im klanglichen Gleichgewicht. Von den ersten Momenten des Konzerts an war klar, dass dies eine weitere magische Nacht mit magischer Musik werden würde. Natürlich bestätigte Every Day sofort, dass die Begleitharmonien diesmal vielleicht nicht so saftig durch das gesamte Konzert klingen würden wie wenn Amanda ebenfalls auf der Bühne gewesen wäre – dennoch verloren die abgebrühten Meister dabei nicht die Kompassnadel und retteten die Sache einwandfrei allein mit reinen männlichen Vokalharmonien.  Außergewöhnliche Kontraste im Aneinanderreihen vielfältiger Stimmungslagen, die den Zuhörer in tiefer Entrücktheit halten, wenn er in diese einzigartige Musikwelt eintaucht. Ein warmer, natürlich klirrend-dynamischer Spaziergang entlang der Basslinien von Beggs‘ Rickenbecker, ein angenehmes Gewand des klassischen Keyboard-Klangs, geerbt von Genesis. Keine Sorge. Hackett, der ohne Plektrum spielt, zeigte sofort im Eröffnungsstück, wer Herr im Haus ist. Ein außergewöhnlich feiner, präziser, von einem starken Sustain-Effekt getragener Klang, gestimmt durch  den einzigartigen Ausdruckscharakter des Musikers – eine authentische Mischung aus Neoklassizismus, keltischer Pastorale und Jazz –, führte den Klassiker in einem klagend-melancholischen Wohlklang zu einem grandiosen Abschluss.

Hackett vergaß sein aktuelles Studioalbum „Out Of The Tunnel’s Mouth“ nicht. Every Day floss dramatisch in Emerald And Ash über – ein außergewöhnliches klassisches Prog-Rock-Stück, geschaffen für neue Zeiten, das die Bühne in smaragdgrüne Scheinwerfertöne hüllte. Diese bahnten sich ihren Weg durch nebelartig-seidene Schleier. Besonders magisch und hochvibrant in der Atmosphäre unter Steves Eigenkompositionen wirkt Fire On The Moon, das die Band gegen Mitte des Konzerts spielte. Es stach durch sein duales Gesicht hervor. Das zerbrechliche Schaukeln sanfter Piano-Töne, die Hacketts Gesang umrahmen – in den Strophen durch einen Music-Box-Effekt geführt –, bis zur wahrhaftigen Refrain-Eruption harmonisierter Vokal-Collagen, die auf der kraftvollen Mellotron-Unterstützung im Refrain schweben. Da ist noch das dritte, ausgezeichnete Stück des neuen Albums, ein echtes Wiegenlied, wie der Titel Sleepers schon andeutet, im zweiten Teil direkt hinter dem Genesis-Klassiker Fly On The Windshield eingebunden, wo Townsend an der Blockflöte, der klassischen Querflöte und am Ende mit einem ausgezeichneten Tenorsaxophon-Solo aufblühte. In der Setliste überraschte unter Steves Solokarriere-Werken die Aufnahme des marschierenden, folkorientierten Golden Age Of Steam aus dem Album „Darktown“, das seine motivische Ähnlichkeit mit dem Eröffnungsteil des Genesis-Stücks Battle Of Epping Forest nicht verbirgt.  Natürlich gibt es hier die Standards, die gleichzeitig die bekanntesten Werke aus Hacketts Solokarriere sind und eigentlich obligatorische Bestandteile seines Konzertrepertoires. Erst ist da das magische Ace Of Wands, das während des Auftritts besonders unter die Haut ging, da es eine beeindruckend kompatible Rhetorik des Neoklassizismus und der keltischen Pastorale besitzt, um die Mike Oldfield selbst bei der Suche nach dem perfekten Motiv neidisch wäre. Da ist das fantastische Spectral Mornings und sein Geschwisterstück auf demselben Album („Spectral Mornings“) – das experimentelle Clocks. Letzteres hatte die Band ganz für den Abschlussteil des Konzerts aufgespart. In der zweiten Hälfte sorgte das „Defector“-Stück The Steppes für ein schaurig-schönes Intermezzo, mit einem ausgedehnten Einleitungsteil vollständigen Jazz-Experimentierens unter der Regie der Haupt-„Schuldigen“ Townsend am Sopransaxophon, King am Klavier und O’Toole am Schlagwerk. Es folgt ein abrupter Wechsel, bei dem die Rhythmuslinie das Hauptwort übernimmt – ihr Rhythmus erinnert an die langsamen, langen Schritte eines Riesen. Diesen ergänzen bald die Arabesken des einzigartigen Zusammenspiels des Instrumentaltrios Hackett, King, Townsend. Dieser Moment auf der Bühne rief tatsächlich Gefühle hervor, als würde man Ravels Boléro hören, verzerrt im Melodisieren durch die Tonalität von Arabesken. Ein eigenartiger Stimmungszustand, in allem hypnotisch. Der Mann würzte die Setliste noch mit dem völlig neuen Prairie Angles, das auf dem kommenden neuen Studioalbum „Beyond The Shrouded Horizon“ enthalten sein wird – dieses Stück ersetzt in seiner „Grobheit“ im neuen Konzertrepertoire das Stück Still Waters, das Steve beispielsweise beim Konzert im vergangenen Jahr in Triest spielte. Hier stülpte sich der Mann einen Fingerpick über und entlockte der Gitarre im Solo mit ein paar ruckartigen Licks einen verheerend überverzerrten Sound – der einzige Punkt, der auch dem einen oder anderen für musikalische Erleuchtung empfänglichen Metaller gefallen dürfte.

Und natürlich das Wichtigste dabei. Genesis! Die Musik von Genesis aus der Ära von Steves Mitwirken bei diesen Großen, einem der Gründungsväter des Prog-Rock-Handwerks. Angesichts des mehr oder weniger verdienten „Schlafs“ der Hauptgesichter dieser Pioniergruppe sind Steve Hackett auf der einen und Ray Wilson auf der anderen Seite eigentlich die einzigen Künstler, die heute Genesis-Musik auf der Bühne spielen. Hacketts Berührung ist jedenfalls viel authentischer und dem Original näher, was völlig selbstverständlich ist. In einem Satz: Steve muss Genesis spielen, sonst würde er mehr als halb so wenige Besucher zu seinen Konzerten locken. Gary O’Toole wurde eine wirklich schwere Aufgabe zugewiesen. Der Mann musste für sämtliche Vocals von Peter Gabriel und Phil Collins sorgen. Weniger gelungen in der gesanglichen Ausführung der Gabriel-Ära  Genesis-Klassiker Watcher Of The Skies, Carpet Crawlers und Fly On The Windshield. Natürlich  ist die Suche nach einer Kopie des Originals diesmal eine Utopie, aber O’Toole ist klanglich durchaus kompatibel. Am gelungensten in seinem Gesang fiel die Interpretation von Blood On The Rooftops aus, die Hackett eingangs motivisch über das akustische Stück und indirekt durch ein weiteres Genesis-Stück – Horizons – einfließen ließ. Firth Of Fifth ist der Genesis-Klassiker, der die Zugabe einläutete. Er wurde vollständig aufgeführt. Magie, der gerade Steves monumentales Gitarrenmotiv den Glanz des atmosphärischen Höhepunkts verlieh. Es basiert auf nur wenigen Tönen, jedoch einem außergewöhnlich ausdauernden, klagenden Sustain-Effekt, der wahrhaft transzendentale Gefühle weckt. Die Musiker sorgten für eine klangliche Annäherung an die Originale. Wenn man O’Tooles Gesang abzieht, wirkte es in Momenten, als wären die echten Genesis dabei – natürlich jene rustikalen aus den Siebzigern. Sogar das Lichtspiel der Scheinwerfer ist im Retro-Stil der Großen gehalten. Und Los Endos? Genau so. Schwer, ein passenderes Stück für den Abschluss des regulären Konzertteils zu finden. Und O’Toole hat es gesanglich ganz wunderbar gewürzt. Der Einsatz des Sopransaxophons dient als Stütze für Steve Hacketts führende Gitarrenlinien und verdoppelt und betont diese in der Darbietung.

Nach dem fantastischen Firth Of Fifth in der Zugabe folgte ein völlig entspanntes Stück, das beim Konzert eigentlich die größte Dosis freien Experimentierens einbrachte. Dieses begleitete das absichtliche Brechen melodischer Muster, durch unerwartete  Einbrüche von Rhythmuswechseln und absichtlich chaotisches, jazzbasiertes Darbieten kurzer Solo-Eruptionen von Tenorsaxophon und Gitarre. Man spürte, dass das Konzert dem Ende entgegenging. Im allerletzten Teil trat auch Gary O’Toole mit einem Schlagzeug-Solo ein. Eine „gefährliche“ und beinahe provokante Entscheidung von Chef Hackett, aber andererseits in allem erfolgreich. O’Toole bot ein ausgezeichnetes Solo, das nicht wie das klassische Zeitschinden auf Kosten der Zuhörerohren wirkte, und  dem man deshalb in jeder Sekunde gerne zuhörte. Noch der abschließende Ausgang aus dem Stück, und die Band verabschiedet sich von der Bühne.

Ich wiederhole mich, wenn ich sage, dass der Auftritt wie im Flug verging. Zwei Stunden und fünf Minuten. Schwer zu beschreiben, all die Gefühle, die dir die einzigartige Welt der Musik von Steve Hackett zeichnet. Dazu fügst du die einzigartige Genesis-Welt, rechnest eine einmalige Interpretation hinzu, die nicht einmal einen flüchtigen Fehler kennt, dazu einen außergewöhnlichen Sound, voll, aktiv, dynamisch, bei dem du spürst, dass auf der Bühne Menschen stehen, die eine musikalische Revolution spielen, wie sie sich einst vor langer Zeit in den frühen Siebzigern entfaltete. Und diese Musik ist ewig. So wie das Universum ewig ist. Und wenn der Himmel irgendwo tatsächlich existiert, dann drehen sich dort sicher in den CD-Spielern solche Klänge, von einzigartigem Charakter ursprünglicher Genialität. Das Konzert von Steve Hackett ist ein Konzerterlebnis, das dich in eine eigentümliche Musikwelt entführt, aus der du nicht mehr zurückwillst. Leider dauert es „nur“ zwei Stunden.

Fotos: Aleš Podbrežnik

P.S.: Die Setliste ist aus dem Gedächtnis zusammengestellt, daher ist die Reihenfolge nicht ganz korrekt.

Setliste

1. Last Train To Istanbul (intro) 2. Every Day 3. Emerald And Ash 4. Golden Age Of Steam 5. Watcher Of The Skies 6. Carpet Crawlers 7. Fire On The Moon 8. Ace Of Wands 9. Fly On The Windshield 10. Sleepers 11. Horizons 12. Blood On The Rooftops 13. Spectral Mornings 14. The Steppes 15. The Darkness In Men’s Heart (Chapman stick solo) 16. Praire Angels 17. Los Endos —Zugabe— 18. Firth Of Fifth 19. Clocks

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