MetalCamp 2011 (zweiter Tag) – kompromissloser Angriff des großen weißen Wals!
Autor: Rok Klemše
Fotos: Nina Grad
Ort: Tolmin, Slowenien
Konzertdatum: 12.07.2011
Besucherzahl: 10
Am Mittwochmorgen trieb uns schon früh die glühende Vormittagssonne aus dem Schutz unserer Zelte — ein willkommener Vorwand für den Morgenkaffee in einer der Tolminer Kneipen … dem bald darauf auch das erste kalte Bier folgte (der Spruch, dass man einen Keil mit einem Keil heraustreibt, stimmt wirklich!). Gerade die unberührte Natur rund um das Festival ist das, was MetalCamp einzigartig macht. Ich war schon auf einigen europäischen Festivals, aber keines kann mit einer solch einzigartigen Lage an der smaragdgrünen Schönheit punkten. Die Soča sorgte in der Hitzewelle, die uns fast die ganze Woche begleitete, für Abkühlung, Ernüchterung und generell angenehmes Beisammensein an ihren Ufern — loben muss man auch die Musikauswahl am Sotočje, denn der DJ hatte offensichtlich endlich die CDs der Vorjahre ausgetauscht. Die MetalCamp-Hymne habe ich diesmal sogar nur ein einziges Mal gehört! Einzig Focus‘ Klassiker Hocus Pocus fehlte mir, hehe. Die Hauptbühne bot am Mittwoch einige lang ersehnte Bands, während die kleine Bühne nichts allzu Aufregendes zu bieten hatte — mit Ausnahme unserer Thrasher Keller und der kroatischen Technical-Death-Metal-Band Infernal Tenebra. Leider habe ich es irgendwie geschafft, den Auftritt beider zu verpassen.
Die Ehre des ersten Auftritts am Mittwoch gebührte den heimischen Folk-Metal-Flaggenträgern Brezno. Leider war die Hitze unter dem großen Bühnenaufbau schlicht zu brutal, und so ließ ich ihren Auftritt aus. Aus den wenigen Quadratzentimetern Schatten der Zelte war aber zu hören, dass Brezno ihren Job solide und vor allem souverän und professionell erledigten. Viel Erfolg beim Bloodstock!
Nach Brezno brachten Kylesa den Wüstensand auf die Bühne — die legendären Sludge/Stoner-Metaller aus Georgia. Es war eine große Freude und Überraschung, ihren Namen auf der diesjährigen Lineup-Liste zu sehen, denn in unserer Gegend treten sie nicht allzu häufig auf, und sie stachen auch deutlich vom „Konzept“ des Festivals ab, auf dem Folk-Metal-Bands dominieren und öfter Bands auftreten, die eine Hauptbühne nicht mal von weitem verdienen. Kylesa hüllten uns mitten in der größten Nachmittagshitze in einen hypnotischen Trance aus schweren Akkorden, ätherischen Vocals und einer zehn Tonnen schweren Rhythmussektion. Sänger und Gitarrist Phillip Cope schuf mit seinem dumpfen, fast eintönigen Schreien der Texte ein exzellentes Ambiente; die Atmosphäre wurde noch weiter gesteigert durch die ebenfalls singende und Gitarre spielende Laura Pleasents — allerdings mit aggressiveren und brutaleren Vocals, fast schon Growls. Der energetische Bassist rundete das ohnehin schon reiche Klangbild mit zusätzlichen Backing Vocals ab, und das Spiel auf den Keyboards verlieh der mystischen Atmosphäre noch eine weitere Ebene. Kylesa warfen uns direkt in eine Art „Acid Trip“ (ihre Musik würde wie bestellt zu Fear and Loathing in Las Vegas von Hunter S. Thompson und seiner Verfilmung mit Johnny Depp passen), den sie mit langen instrumentalen Passagen aufbauten, die fast wie Jams klangen, und apokalyptisch weinenden Gitarren. Eine Prise Experimentierfreude bringen Kylesa vor allem durch den Einsatz eines Theremins in ihre Musik ein, das Cope spielte und der Erfahrung damit eine zusätzliche psychedelische Dosis verlieh. Enttäuschend war allein die Tatsache, dass die zwei Schlagzeuger live nicht wirklich zur Geltung kamen, da sie größtenteils völlig identische Linien spielten — beeindruckend war dagegen ihre verblüffende Synchronität. Vielleicht störte auch noch der etwas statische Auftritt, aber zu Kylesa mosht man schließlich nicht — man wippt nur mit dem Kopf in einem entrückten, astralen Zustand.
Als die Sonne sich langsam zurückzog, betraten Brainstorm die Hauptbühne — eine der besten Vertreter des europäischen Power Metal, die jedes Mal eine energiegeladene und außerordentlich qualitätsvolle Show abliefern. Brainstorm sind weit entfernt von der Generik und Klischeehaftigkeit von Bands wie Sonata Arctica, Rhapsody of Fire oder Statovarius, da sie ihre melodische Basis hervorragend mit aggressiveren, fast thrashigen Ansätzen aufwerten. Die Liveauftritte der deutschen Band zeichnet vor allem der charismatische Frontmann Andy B. Franck aus, der neben seiner Bühnenpräsenz und der Fähigkeit, das Publikum mitzureißen, auch zu den absoluten Spitzensängern des europäischen Power Metal zählt. Andy entfaltet sich wie eine Granate vor allem in den hochfliegenden, pompösen und epischen Refrains, in denen er beweist, dass er wirklich ein Sänger vom Kaliber eines Dickinson oder Kiske ist. Was stört, ist die Tatsache, dass Brainstorm immer und überall, trotz neun veröffentlichter Alben und einer fast fünfzehnjährigen Karriere, früh am Nachmittag und in einem wenig beneidenswerten Dreiviertel- oder gar knappen Stundenslot spielen — während Wintersun am selben Tag beim MetalCamp mit einem einzigen veröffentlichten Album und seinem immer noch unveröffentlichtem Nachfolger, mit dem sie uns seit bereits satten sechs Jahren hinhängen, fast eine Headliner-Rolle bekamen.
Mit der passenden Atmosphäre der untergehenden Sonne führten uns die schwedischen Meister Katatonia in die Dunkelheit. Schon lange sind die Jungs unter der Führung von Sänger Jonas Renske nicht mehr die alten Recken des Death/Doom Metal, den sie zu Beginn ihrer Karriere spielten. Schade, denn diese ersten Alben sind phänomenal — aber die neue Ausrichtung von Katatonia muss man eben akzeptieren oder eben nicht, einen Mittelweg gibt es nicht. Klar ist, dass Renske seit einem Jahrzehnt nicht mehr in der Lage ist, rohe Growls zu singen — aber sein Klargesang ist mehr als exzellent. Renske schuf mithilfe des instrumentalen Quartetts eine düstere Atmosphäre aus Melancholie und Depression. Schade war, dass die Vocals ziemlich schlecht abgemischt waren und viel zu tief in der übermäßig dominanten Rhythmussektion versanken. Das wehmütige, öde Gefühl, das Renskes Stimme tief in der Seele hinterlässt, blieb so diesmal völlig ungenutzt. Renske führte aber effektiv durchs Programm — besonders gut kam sein Scherz über ihr „Backdrop“ an, das Albumcover von Night is the New Day, das ihnen offensichtlich verkehrt herum aufgehängt worden war. „We thought we would turno ur backdrop around, it look more satanic this way doesn’t it?“ Die Jungs überraschten vor allem damit, dass sie je einen Song von den Alben Discouraged Ones, Viva Emptiness und Tonight’s Decision spielten; ansonsten präsentierten sie in großer Mehrheit Songs vom damals noch aktuellen Night is the New Day und The Great Cold Distance. Die kühle Statik der Schweden passte zwar vollauf zu ihrer Musik, dennoch hinterließ Katatonia wirklich einen etwas kühlen und bitteren Nachgeschmack — denn sie spielten namensgemäß einen wirklich leicht katatonischen Auftritt.
Als Katatonia sich verabschiedeten, blieb gerade genug Zeit für ein schnelles Bier, denn schon erklomm die Horde verfluchter niederländischer Death/Thrash-Metaller die Bühne — Legion of the Damned. Die niederländische Band ist fast das Äquivalent dazu, den Play-Knopf an einem Videorekorder voller Old-School-Kulthorrorfilme aus den Achtzigern zu drücken, denn sie schöpfen massig Inspiration aus diesen B-Film-Machwerken. Wenn über die Texte dann noch das thrashige Riffing und das rohe Grunzen von Maurice Swinkels rollt, ist der Effekt ähnlich wie eine mit Adrenalin und Steroiden vollgepumpte Zombiehorde, die aus einer von Romeros Klassikern entwichen ist. Legion of the Damned schnitten sich kompromisslos und brutal eine gute Stunde des Abends heraus und füllten den Topf randvoll mit dem Blut aller fünf Alben — mit Schwerpunkt auf dem letzten Album Descent Into Chaos. Mit Son of the Jackal erinnerten Legion of the Damned etwa an den braven Jungen Damien aus dem Kultfilm Omen und führten uns bis zum Ende noch auf einer Achterbahn des Todes durch mehr oder weniger gelungene Referenzen an Horrorfilme, das Okkulte und Lovecraftsche. Leider plagt die Jungs live die Unannehmlichkeit, nur einen Gitarristen zu haben, da Richard Ebisch den Raum zweier Gitarren nicht ausreichend füllt — das macht sich besonders bei den Solos bemerkbar, bei denen nur das durchschnittliche Bassspiel als Unterstützung dient statt des krankhaft guten Riffings, das einer echten Thrash-Band würdig wäre. Mir ist auch nicht ganz klar, wie sich Legion of the Damned einen so guten Slot beim MetalCamp verdient haben, denn sie spielen ziemlich generisches und klischeehaft bösartiges Death/Thrash. Na ja, ich lüge — ich wette ein Bier, dass es daran liegt, dass sie Teil des Rock the Nation-Rosters sind. Ich bin der Meinung, dass beispielsweise die deutschen Death/Thrash-Meister/Verrückten Dew-Scented an ihrer Stelle viel besser aufgehoben gewesen wären.
Im Fall der nächsten Auftretenden sieht man wirklich, wie ein starkes Unternehmen hinter einer Band diese dorthin zwingen kann, wo sie absolut nicht hingehört — und von wo sie ohne deren Hilfe nur feucht träumen könnte. Ich spreche natürlich von Wintersun, die als vorletzte Band des Mittwochabends auftraten. Wie eine Band mit nur einem einzigen veröffentlichten Album eine solche Position verdienen kann, wird mir nie klar werden. Erst recht nicht, weil uns Wintersun seit der Veröffentlichung ihres gleichnamigen Debüts im Jahr 2004 (!) mit dem Erscheinen des Nachfolgers Time hinhängen. Na ja, dafür spielten sie immerhin einen fünfzehn Sekunden langen Ausschnitt des neuen Songs The Way of the Fire. Bravo, Jungs…
Zum Glück sorgte der Mittwochs-Headliner für Ernüchterung und ein Zurückwerfen auf festen Boden. Einen der explosivsten und stürmischsten Auftritte des diesjährigen MetalCamp lieferten die amerikanischen Giganten Mastodon ab, die in ihrer Musik Einflüsse aus Sludge, Thrash und Groove Metal mischen und das alles genial in die Form eines vollkommen progressiven Ansatzes ohne Grenzen gießen. Die Jungs nagelten mir schon mit der ersten Sekunde des Auftritts und dem Song Iron Tusk den Kiefer auf den Boden, und ich schaffte es nicht, ihn bis zum Schluss wieder aufzuheben. Ich hatte Geschichten gehört, dass Mastodon live katastrophal sind und enttäuschen können — aber das hier übertraf alle Erwartungen. Den unglaublich energetischen Auftritt steigerten die Jungs von Song zu Song und versetzten uns immer wieder Ohrfeigen mit progressiv unglaublich komplex aufgebauten Songs. Mastodon waren wie ein Tornado, in dessen Trichter bereits tonnenweise Trümmer gefangen sind — einmal traf er dich von unten im Nacken mit einem sludgig tonnenschweren Riff, dann wieder von einer anderen Seite mit einem völlig unerwarteten spektakulären Arpeggio oder dem atemraubenden Sologeflecht des Duos Brent Hinds/Bill Kelliher, während dich, wenn sich der Trichter ausgedreht hatte, die Schrapnelle des animalischen Schlagzeugers Brann Dailor zu einer blutigen, unkenntlichen Masse zerschlugen. Eine massive Klangwand schufen alle vier Mitglieder mit abwechselndem Gesang, dem zwar der charismatische Bassist Troy Sanders den Ton angab, dem aber auch die anderen drei kräftig unter die Arme griffen. Mastodon sind wie eine Achterbahn des Todes — vollgepackt mit unerwarteten Wendungen, meisterhafter Steigerung, langsamen Anstiegen und brutal schnellen Abfällen sowie Kurven. Mit einer phänomenalen Setlist voller zerstörerischer Hymnen und Klassiker, dem abschließenden Melvins-Cover The Bit sowie einem unvergesslichen Auftritt verdienen sich Mastodon den Titel Band des Abends blutig — so weggeblasen hat mich nur noch eine einzige Band am letzten Tag …
Fotos: Nina Grad
Setlist
MAIN STAGE: Brezno Kylesa Brainstorm Katatonia Legion of the Damned Wintersun Mastodon 2nd STAGE: Frame Rest in Fear Mass Hypnosis Siege of Cirrha Halor Eternal Death Warcult Achren Infernal Tenebra Keller
Fotogalerie

















































