Return to Forever mit Konzert in Rovinj wieder in die musikalische Ewigkeit (2011)
Ort: Rovinj, Kroatien
Konzertdatum: 16.07.2011
Besucherzahl: 6000
Kartenpreis: 350kn/650kn bzw. 950kn (VIP)
Kroatien hat dieses Jahr angenehm überrascht mit der Organisation des Avantgarde Jazz Festivals, das zahlreiche prominente Namen zu Gast hatte, die aber mehr oder weniger (vielleicht mit Ausnahme von Gary Burton) neben dem legendären Hauptact des Festivals verblassen – Return to Forever, diesmal in der vierten Ausgabe. Diese behält die Originalmitglieder Corea, Clarke und White; anstelle von Connors bzw. Di Meola hat der phänomenale Frank Gambale den Gitarristenplatz übernommen, der seit Jahren mit Corea zusammenarbeitet; als fünfter vervollständigt RTF4 noch ein weiterer musikalischer Innovator der Siebziger, der legendäre Geiger Jean-Luc Ponty. Die Jazzer haben also zur Zeit des Festivals das sympathische Städtchen Rovinj in Beschlag genommen, wo man sich neben guter Musik auch an wunderschönen Sonnenuntergängen und ebenso ästhetisch befriedigenden Mädchen in Bikinis satt sehen konnte.
Rund sechstausend Menschen, darunter auch viele Besucher aus dem übrigen Süd-, Mittel- und Osteuropa, füllten den Innenhof der ehemaligen Tabakfabrik. Die Organisation zeigte sich an manchen Stellen hervorragend (vor allem bei der Einlasskontrolle der Menge), an anderen versagte sie – vor der Bühne gab es einige Meter Freifläche, die niemand betreten durfte (außer Fotografen beim ersten Stück der Auftretenden), danach bekam die Elite den besten Blick auf die Bühne; diese hatte schicke Tischchen, ganz im Stil der goldenen Jazzjahre und ihrer Clubs, erst danach folgten einige Sitzplätze für die anderen; der Rest stand, was bei Konzerten natürlich die beste Lösung ist, aber das Gesamtkonzept war trotzdem etwas danebengegangen. Zum Glück hatte ich mir einen Platz direkt neben der ersten Reihe der besagten Tische gesichert, sodass ich einen fantastischen Blick hatte und so viel zur Musik ausrasten konnte, wie ich wollte.
Zuerst nahm die kroatische Jazz-Fusion-Band Combinate ihren Platz auf der Bühne ein, die das Publikum mit solider Fusion aufwärmte und Nachzüglern Zeit gab, sich zu platzieren. Es war auf jeden Fall super geregelt, dass die Vorband unbedingt kroatisch sein musste, was enorm dazu beiträgt, diese Art von Musik dem einheimischen und ausländischen Publikum näherzubringen. Die Band hat mich vor allem mit dem Stück „Esmeralda“ begeistert, das stilistisch ein wenig an Focuses „Sylvio“ erinnert, und wahrscheinlich hat eben letztere den Entstehungsprozess von „Esmeralda“ beeinflusst.
Gegen halb elf abends haben wir endlich den Grund für unsere Anreise erlebt – Return to Forever IV. Das Publikum rastete aus und verneigte sich vor der Gruppe, bevor die Musiker tatsächlich ihre Finger auf die Instrumente gelegt hatten – völlig erwartbar, denn Kroatien beherbergt nicht jeden Tag solche Legenden, Innovatoren und überhaupt Meilensteine der Musikgeschichte wie Return to Forever bzw. vor allem Corea, Clarke und Ponty. Der Beginn war leider vor allem von technischen Problemen mit dem richtigen Sound und der Abstimmung zwischen den einzelnen Musikern geprägt. Der Bass war nicht zu hören, die Keyboards waren zu leise, die Gitarre zu laut. Solche Probleme zogen sich bis zum dritten Stück, sodass wir bei „Medieval Overture“ und „Senor Mouse“ keinen vollen Genuss erlebten. Beim Stück „Sorceress“ passte schließlich alles zusammen, Corea und Clarke begannen lächelnd beim Spielen zu genießen, und alles andere ist, ganz sicher, wieder ein Konzert für die Musikgeschichte.
Return to Forever begeisterten mit jedem Stück, ob akustisch oder elektrifiziert. Überall brannte vor allem Clarke am heißesten, der beweist, dass seine besten Jahre noch vor ihm liegen. Das Hämmern auf den Saiten war noch nie so erotisch wie bei Clarke – und vor allem hat es noch nie einen solchen Klang und damit eine solche Musik erzeugt. Slapping war schon immer Clarkes Domäne, aber diesmal bewies er wieder, dass man für seine besten Auftritte keine alten Videos auf Youtube suchen muss – bei jedem Konzert zieht Clarke einen weiteren Vorrat an Basstriks aus der Tasche. Genauso interessierte alle Fans, wie sich Jean-Luc Ponty in das bereits so vollständige Klangbild der Band einfügen würde. Der Geiger ist zwar in fantastischer Form und hat auch am Sonntag bewiesen, warum ihn die Band in diese neue Besetzung eingeladen hat, aber ich muss zugeben, dass die Stücke von „Hymn of the Seventh Galaxy“ mit ihm einen Teil jenes kosmischen Klangs verlieren, der das thematische Fundament dieser Platte bildet. Pontys Einlagen, Verdopplungen und Soli klingen nämlich zu traditionell jazzig, um das Konzept weiterzuentwickeln oder zumindest mitzuhalten. Vielleicht wird nicht jeder mit dem Gesagten einverstanden sein, denn was gespielt wurde, war trotzdem ausgezeichnet, sogar meisterhaft – nur stilistisch passte es nicht zum Konzept des Albums „Hymn of the Seventh Galaxy“. Dafür glänzte Jean-Luc umso mehr in den akustischen Teilen und in den RTF-Stücken von „Romantic Warrior“, wo die Anpassung der Stücke überhaupt nicht spürbar war – mehr noch, es wirkte, als wären sie ursprünglich für ein Quintett geschrieben worden. Da Gambale eine weitere Neuheit in der Band ist, muss betont werden, dass weder Di Meola noch Connors übermäßig vermisst wurden.
Neben Klassikern wie „After the Cosmic Rain“, Hymn of the Seventh Galaxy“, „Romantic Warrior“ und „Spain“ (wo Clarke sich jedes Mal seinen Platz für Improvisation herausnahm, was wegen seiner Technik natürlich phänomenal ist, aber meiner Meinung nach gab es zu viele dieser Art, untereinander ziemlich ähnlicher Einlagen) spielten RTF4 auch Pontys neue Schöpfung Renaissance, eine wunderschöne akustische Arie, die perfekt zur Atmosphäre des Veranstaltungsorts in Rovinj passte. Das Konzert endete vermeintlich mit dem legendären Corea-Stück „Spain“, das mit all den Improvisationen und spontanen Einlagen der Einzelnen fast 20 Minuten dauerte. Nach einem solchen Abschluss hätte ich das Konzert als fantastisch, aber nicht als einen historischen Höhepunkt im übergeordneten Sinne bewertet. Deshalb war die nächste Geste der Band der Grund, warum sich jeder Einzelne diese Konzertnacht sein Leben lang gemerkt hat. Bei der zweiten Zugabe haben RTF4 nämlich, so lächelnd wie noch nie, alle glühenden Fans vor die Bühne eingeladen, die bis dahin gesprungen waren und versucht hatten, trotz all unseres Schweißes auf dem Boden auf den Beinen zu bleiben – womit sie sich ein wenig über die ruhige und größtenteils desinteressierte sogenannte Elite lustig machten, die bei ihrem Wein über den aktuellen Stand ihrer Geldanlagen debattierte. Die Menge bahnte sich zwischen deren Tischen den Weg zur Vorderbühne, wo wir Clarkes „School Days“ durchgehend hüpfend und klatschend miterlebten; danach blieb Corea so lange auf der Bühne, dass er denen von uns, die hoch genug geklettert waren, die Hand schüttelte und sich bedankte. Die Kommunikation hatte zu keinem Zeitpunkt gefehlt, aber diesmal war zu sehen, dass nicht nur wir, die verrückten Fans, dankbar waren, sondern dass auch die Band froh ist, jemanden so begeistern zu können. Natürlich sind Erstere umso dankbarer, wenn die Band ganze zweieinhalb Stunden begeistert!
Das Konzert von RTF4 in Rovinj war definitiv ein großer Höhepunkt. Wenn man Aufnahmen von früheren Konzerten dieser Tour betrachtet, war dieses eines der lebendigsten und entspanntesten, gleichzeitig aber auch eines der präzisesten gespielten, besonders nach den ersten drei Stücken. Von dem Moment an, als die Musiker die Bühne betraten, steigerte sich die Euphorie der ausgezeichneten vielköpfigen Menge gerechtfertigt bis zum Höhepunkt, den sie mit „School Days“ und vor allem mit der ausgelassenen Haltung erreichten, wegen der sie all diese Jahre so viele Fans haben. Das Avantgarde Jazz Festival hat seit seiner Gründung die größten Jazzer im Rock und die größten Rocker im Jazz beherbergt, und nach Angaben der Veranstalter können sich Liebhaber dieser Musik auf noch mehr hervorragende Gruppen freuen. Daher – danke Rovinj, danke Return to Forever und danke den Menschen, die das Event ermöglicht und dabei waren. Denn alle sind jetzt wieder in die musikalische Ewigkeit eingeschrieben, in die Return to Forever mit jedem neuen Unterfangen zurückkehren.
Setliste
1 .Medieval Overture 2. Senor Mouse 3. Sorceress / Shadow of Lo 4. After the Cosmic Rain 5. Hymn of the 7th Galaxy 6. A Dayride in Oakland 7. Renaissance 8. Romantic Warrior 9. Spain 10. School Days
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