Abenteuer auf der Ekliptik der Klassiker des radiofähigen Rocks (2011)
Autor: Aleš Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik
Ort: Arena Concierti Fiera Milano / Rho (Mailand) / Italien
Konzertdatum: 21.06.2011
Besucherzahl: 3000
Kartenpreis: 52,00€
Journey braucht man nicht groß vorstellen. Eine Band, die die Elemente des Adult Oriented Rock zu einem optimal abgestimmten Klangbild vereint und durch eine Reihe unvergesslicher Alben in den Achtzigern Standards gesetzt hat, denen andere Melodic-Rock- und AOR-Bands später kaum noch folgen konnten. Journey waren stets nicht nur für ihre außergewöhnliche musikalische Vielschichtigkeit bekannt, sondern galten auch als die besten Musikarrangeure. Einen radiofähigen Hit schreiben? Kein Problem! Frag Journey, wie das geht! Die Magier ihrer Ära. Einer Ära, die heute natürlich archaisch und vergangen ist. Ihre Aktualität und Entwicklung sind abgeschlossen. Das bedeutet aber nicht, dass AOR tot ist. Im neuen Jahrtausend wimmelt es von Bands der neuen Generation, die in die Fußstapfen der Pioniere treten, wie Journey, Boston, Foreigner, April Wine, Styx, REO Speedwagon, Triumph… Neben neuen Bands, die heute völlig unzeitgemäße Musik spielen – die nämlich ins echte „Unterground“ gehört und nur wahren Musikkennern zugänglich ist –, haben auf der anderen Seite auch die „Dinosaurier“ des AOR das neue Jahrtausend dankenswerterweise überlebt. Und wenn solche „Dinosaurier“ ein Album veröffentlichen, ist das zugleich ein echtes Fest für Liebhaber dieser Musik.
Da AOR im neuen Jahrtausend kein Trend ist, macht es Sinn, mehrere Bands für gemeinsame Tourneen zusammenzubringen. Journey, die Anfang Juni 2011 das perfekte neue Studioalbum „Eclipse“ veröffentlichten und damit bewiesen, dass sich die AOR-Weisen in der Pflege ihres eigenen Artismus weiterentwickeln, absolvierten in der ersten Junihälfte 2011 eine gemeinsame Tournee durch Großbritannien mit Foreigner und Styx. Für den Besuch des alten europäischen Kontinents wurden Styx durch Kansas und Night Ranger ersetzt. Doch Mailand bot dabei eine Ausnahme (wir sind schließlich in Italien). Kansas standen in Mailand nicht auf der Liste, an ihrer Stelle sprangen die neu aufgestellten Thin Lizzy ein.
Es ist sechs Uhr abends. Die Sonne scheint fröhlich, aber dieses Mal mussten wir leider den Auftritt von Thin Lizzy auslassen und versprachen uns, sie bei einem der gemeinsamen Konzerte mit Judas Priest (und Whitesnake) auf keinen Fall zu verpassen. Das ist dann auch tatsächlich passiert. Den Rockline-Konzertbericht vom 29.06.2011, als Thin Lizzy vor Judas Priest auftraten, könnt ihr HIER nachlesen.
Wir erwischten noch Night Ranger. Die Landsleute von Journey, ebenfalls aus San Francisco, sind hellwach. Brad Gillis, Kelly Keagy und Jack Blades sind die originalen Gründungsmitglieder in der heutigen Besetzung, die von Joel Hoekstra (zweite Gitarre) an der Stelle des „ermüdeten“ John Watson und Keyboarder Eric Levy ergänzt wird, der in seiner Mimik verblüffend an den originalen Night Ranger-Keyboarder Alan Fitzgerald erinnert.
Night Ranger sind erstklassige, abgebrühte Musiker, die ihre Blütezeit in den Achtzigern erlebten, vor allem dank der Hits aus den ersten beiden Alben. Genau diese haben ihnen den Status klassischer AOR-Legenden in den USA eingebracht. Darüber hinaus gelang es ihnen, auch in den asiatischen Markt einzudringen, wo sie sich vor allem auf dem japanischen Markt mit Erfolgen festgesetzt haben. In Europa kennen sie natürlich nur jene, die AOR-Musik schon immer verfolgt haben, sowie frisch gebackene Enthusiasten, was eher die Ausnahme als die Regel ist. Die Band veröffentlichte ihr offizielles neues Album „Somewhwere In California“ genau am Tag des Konzerts in Mailand. Was für eine interessante Situation!
Jede Menge Bewegung und Dynamit in den Beinen zauberten die alten Hasen auf die Bühne. Jack Blades platzte schier vor positiv überschäumender Begeisterung. Der kleine Kerl trug theatralisch eine Sonnenbrille mit beweglichen Gläsern, die er beim neuen Growin‘ Up In California dann aber beiseitegelegt hatte. Eine Überraschung gleich zu Beginn mit Touch Of Madness, das nie zu den Hits der Band gehörte; danach übernimmt Kelly Keagy den Leadgesang bei Sing Me Away mit seinem berühmt verführerischen Refrain, der die Italiener vor der Bühne in Flammen setzt. Dann kommen natürlich noch die quasi obligatorischen When You Close Your Eyes, Don’t Tell Me You Love Me, Sister Christian und (You Can Still) Rock In America. Night Ranger haben in knapp einer halben Stunde einen außerordentlich potenten, knackig eingespielten und äußerst unterhaltsamen Auftritt hingelegt – hoffen wir also, dass ihr erster Besuch in Europa, nachdem sie das letzte Mal 1985 auf dem alten Kontinent aufgetreten sind (vor Foreigner!!!), nicht ihr letzter ist und man nicht weitere 25 Jahre darauf warten muss. Der Gitarrensound war etwas matschig, und Keagys Gesang zeigte zugleich, dass der Mann im Laufe der Jahre etwas an Kraft eingebüßt hat. Aber das muss man ihm verzeihen.
Foreigner sind im Jahr 2011 außergewöhnlich. Ja. Das klingt wirklich hochgestochen für eine Band, die seit 1976 existiert. In der heutigen Besetzung ist von den Originalmitgliedern nur noch Gitarrist und gelegentlicher Zusatz-Keyboarder und Sänger Mick Jones dabei. Aber ihn umgibt eine Garde außergewöhnlicher Musiker. So haben Foreigner 2009 das brillante Album „Can’t SLow Down“ zusammengezaubert, das ähnlich wie im Fall der wiedergeborenen Journey bestätigt, dass Foreigner eine echte Renaissance erleben. In der heutigen Besetzung ist es genau der Gesang von Kelly Hansen, der das Attribut in der Besetzung darstellt, das die außergewöhnlich hochwertige Plattform der Foreigner-Musik im neuen Jahrtausend rechtfertigt. Das gilt auf jeden Fall auch für die Bühne. Foreigner sind nämlich eine Band, die heute auf der Bühne kaum jemand übertrifft, wenn wir von der Ausführung des musikalischen Repertoires sprechen. Die Reihe außergewöhnlicher Hits, mit denen sie sich für immer in die Herzen der Melodic-Rock-Liebhaber der Achtziger geschrieben haben, als Hits wie Waiting For A Girl Like You, Juke Box Hero, I Wanna Know What Love Is und Urgent die Chartspitzen erklommen, hat auf den Bühnen Italiens gerade mal zum zweiten Mal ihre Reinkarnation erlebt (laut den einleitenden Worten von Mick Jones vor der Ausführung des Stücks Starrider)!
Für den europäischen Teil haben Journey ihr Repertoire um eine halbe Stunde gekürzt, Foreigner hingegen verlängert. Das heiße Sextett hat die Bühne buchstäblich auseinandergenommen. Das gilt vor allem für Bassist Jeff Pilson und Kelly Hansen. Ersterer hat Hektoliter Schweiß vergossen, und seine Erscheinung auf der Bühne am Ende des Konzerts war kaum noch wiederzuerkennen. Es sah aus, als wäre Jeff aus Versehen ausgerutscht und in ein Schwimmbecken gefallen. Kelly Hansen hat die riesige Bühnenkonstruktion voll ausgenutzt. Das Konzert war ein Open-Air-Event. Die Bühne war erhöht. Zu hoch zum Fotografieren. Um sich mal genau anzusehen, wer da alles Foreigner vor der Bühne anfeuert, kletterte Kelly während einer der längeren Soli auf die Spitze der Bühnenkonstruktion, was maßgeblich dazu beitrug, dass die Italiener völlig ausrasteten. Noch mehr: Beim Abstieg von der Spitze vollführte Kelly einen theatralischen Ausrutscher und schwang links und rechts an der Konstruktion, wobei er sich nur mit den Händen an einer der in die Konstruktion eingespannten Stahlstreben festhielt. Darüber hinaus vollführte der Sänger auf der Bühne geradezu unmögliche Akrobatikeinlagen inklusive Spagat sowie eines Sprungs ins Publikum, bei dem er einen der Songs performte.
Die Band entschied sich in Italien dazu, Dirty White Boy anstelle von Waiting For A Girl Like You zu spielen, das sie sonst auf dem deutschen Teil der Tournee performt. Ein besonderer Moment des Foreigner-Konzerts ist die Ausführung von Urgent. Das schrittweise Aufbauen des erotisch aufgeladenen Stücks, bei dem der Löwenanteil der Brillanz natürlich auf Tommy Gimbels einzigartiges Saxophonsolo entfällt. Foreigner haben ihre Show mit außergewöhnlicher Vehemenz abgeliefert. Man merkt, dass sie seit 2007 wieder regelmäßig in Europa auftreten. Auf Journey wartete nach Foreigner eine außerordentlich schwere Aufgabe, denn Foreigner hatten mit der Überzeugungskraft ihrer Performance beeindruckt, wie es heute nur wenige Rockbands schaffen. Ohne Mühe haben Foreigner dabei auch die riesige Bühne gemeistert.
Journey sind halt Journey. Wie zuvor Foreigner haben auch Journey für makellose Klangqualität gesorgt. Doch Mailand bot sicher eine Ausnahme. Die Bühne war nämlich sehr hoch, dazu waren die Lautsprecherclusters ziemlich weit vor der Bühnenkante platziert, sodass du das Konzert für einen ausgewogenen Sound mindestens etwa 15 m von der Bühne entfernt verfolgen musstest, wenn nicht weiter. Die vorderen Reihen kamen um optimale Klangeigenschaften. Während des Konzerts war vorne Schons Gitarre nicht laut genug zu hören, genauso wenig wie Cains Keyboards. Das ist aber auch der einzige Minuspunkt des Auftritts, auf den die Band eigentlich keinerlei Einfluss hatte.
Arnel Pineda hat seine außergewöhnliche Form bestätigt. Der Mann, der sich zu einem echten, entspannten und kommunikativen Frontmann entwickelt hat, hat sich vollständig von den Fesseln befreit, die ihn an die Notwendigkeit banden, „Steve Perry zu imitieren“. Natürlich erinnert er an manchen Stellen teuflisch an Perry, fügt aber gleichzeitig immer mehr seinen eigenen Stempel dem vokalen Ansatz hinzu, was bedeutet, dass seine Mitstreiter bei Journey ihm vollkommen vertrauen. Das magische Zusammenspiel mit den Giganten des AOR erreichte Höhepunkte in den obligatorischen Klassikern wie dem eröffnenden Separate Ways, natürlich den Balladen Faithfully und Open Arms, weiterhin in Don’t Stop Believin‘ und Wheel In The Sky, das mit Cains Unterstützung für Schon besonders stählern erklingt. Schon war wieder teuflisch gut! Der Mann ist heiß und beweist mit seinem Engagement, dass er keineswegs gedenkt zu altern oder zufällig jüngeren Gitarrenkollegen zu erlauben, dass einer von ihnen auf seinen Thron setzt. Schon gehört nämlich mit seiner gitarristischen Profession zu jener engen Gruppe von Gitarristen, die alles spielen können. Und das mit einem besonderen Ansatz, den niemand wirklich kopieren kann. Neals „Knoterei“ ist ein magisches Slalomieren durch das Schütteln schnell getrillter Töne, und im nächsten Moment schwenkt der Mann unerwartet und mit einem Hauch von Spontaneität in fein kontrollierte Pull-offs, die er vorsichtig mit dem Tremolohebel formt. Meisterhafte Fahrt, eine wahre kleine Schule der Kombination aus „Loslassen“ und überlegener Kontrolle.
Keep On Runnin‘ fiel an Deen Castronovo als Lead-Vokalisten, was der Kerl mit Brillanz ablieferte. Nicht nur, dass er gleichzeitig Schlagzeug spielte und den Gesang auf außergewöhnlichem Niveau ablieferte – sein „Pitch“ ist wie gegossen für die Musik von Journey, sodass ein solcher Song dem Zuhörer das richtige Maß an Schockelement bietet, das auch jenes Attribut ist, das verhindert, dass Dynamik und Atmosphäre des Konzerts nachlassen, während Arnel nicht auf der Bühne ist.
Das Konzert der Verkörperung klanglicher und darstellerischer Perfektion endete im Konfettiregen nach dem Abschluss von Don’t Stop Believen‘, dem, gewissermaßen erwartungsgemäß, noch Any Way You Want It folgte. Die Präsentation des Albums „Eclipse“ realisierte die Band durch die Ausführung des exzellenten City Of Hope und Edge Of The Moment. Da Journey in Europa jedoch nicht so viele Hits haben wie Foreigner und angesichts der geringeren Bühnendynamik sowie der weniger anheizenden Kommunikation mit dem Publikum haben ihnen Foreigner diesmal die Show um Haaresbreite gestohlen!
Der Abend der AOR-Musik fand knapp nach Mitternacht seinen Abschluss. Interessant ist, dass die Italiener nicht mal besonders viel Lärm gemacht haben. Dazu beigetragen hat einfach auch die merkwürdige Entscheidung der Konzertveranstalter, vor der Bühne Sitzplätze aufzustellen. Der Bereich zwischen dem Zaun, der den Fotopit vom Parkett trennte, war die ersten paar Meter leer, dann aber bis zum Mischpult mit Stühlen bestückt. Das hat sicher die Rückdynamik des Publikums reduziert, auch wenn das Publikum während des Konzerts bei weitem nicht geschlafen hat. Die Stühle waren überflüssig. Das Publikum verfolgte das Konzert zur Gänze im Stehen.
Die Tatsache ist nun mal so, dass das italienische Publikum nicht so scharf auf AOR ist wie etwa im nördlichen und zentralen Teil des alten europäischen Kontinents. Deshalb verbarg die Atmosphäre noch einige Reserven, gleichzeitig diktierte das Erlebnis klanglicher Perfektion, dass das Konzert dieser Bands in Indoor-Hallen noch größere Wirkung erzielen muss. Also vor deutschem Publikum und in geschlossenem Raum. Darauf mussten wir nicht lange warten, denn das Rockline-Team stieg nach der Ankunft in Ljubljana in den frühen Morgenstunden des nächsten Tages lediglich aus dem Neun-Personen-Van in einen anderen ähnlichen Van um und setzte die Fahrt ins deutsche Augsburg fort (den Rockline-Konzertbericht könnt ihr HIER nachlesen), wo uns ein neues freudiges Erlebnis und das Zusammensein mit AOR-Größen erwartete!
Fotos: Helena Vertačnik (Foreigner, Journey), Tilen Sapač (Journey) & Aleš Podbrežnik (Night Ranger)
Setlist
JOURNEY:
1.Separate Ways (Worlds Apart)
2.Ask the Lonely
3.City of Hope
4.Stone in Love
5.Keep on Runnin‘
6.Edge of the Moment
7.Lights
8.Open Arms
9.Wheel in the Sky
10.Escape
11.Be Good to Yourself
12.Faithfully
13.Don’t Stop Believin‘
—Zugabe—
14.Any Way You Want It
FOREIGNER:
1.Double Vision
2.Head Games
3.Cold as Ice
4.Can’t Slow Down
5.That Was Yesterday
6.Dirty White Boy
7.Starrider
8.Feels Like the First Time
9.Urgent
10.I Want to Know What Love Is
11.Hot Blooded
12.Juke Box Hero
NIGHT RANGER:
1.Touch of Madness
2.Sing Me Away
3. Growing up in California
4.When You Close Your Eyes
5.Don’t Tell Me You Love Me
6.Sister Christian
7.(You Can Still) Rock in America
Bildergalerie
































