Teerunde mit Rock-Legenden in den Križanke (2012)

foto: HELENA VERTAĆNIK 2012
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Ort: Ljubljana / Križanke / Slowenien
Datum: 20.09.2012


Noch vor etwa einem Jahr hätte so mancher, der für den Besuch seiner Lieblingskünstler ins Ausland reisen muss, jeden, der es gewagt hätte anzukündigen, dass ein Konzert zweier legendärer britischer Rockbands – Nazareth und Wishbone Ash – mitten in den Ljubljaner Križanke auf eine großartige Resonanz stoßen würde, nur mit einem sarkastischen Lächeln abgespeist. Zum Glück ändern sich die Dinge in unserem geliebten ‚Hühnchen‘ auch sehr langsam, aber doch zum Besseren – was die Einstellung der Slowenen gegenüber qualitativ hochwertiger Rockmusik betrifft und damit die gestiegene Besucherzahl bei Konzertveranstaltungen, bei denen musikalische Legenden wie die beiden genannten Gruppen auftreten. Der Anblick der rappelvollen Križanke vermittelte vollkommene Befriedigung angesichts der Erkenntnis, dass die Slowenen (mit der üblichen großzügigen ‚Hilfe‘ von Besuchern aus den Nachbarländern) nach wie vor genug Liebhaber klassischen Rocks auf die Beine bringen können, um sich, wie allzu oft, nicht zu blamieren. Dabei gebührt dem Veranstalter alle Ehre für seinen außergewöhnlichen Mut, denn ihm ist ein wirklich großer und riskanter Wurf gelungen. Hoffen wir, dass der erfolgreiche Ansturm aus allen Ecken Sloweniens und darüber hinaus ein gutes Zeichen für die Organisation weiterer Konzerte seiner Seite ist.

GHB:
Bevor die beiden Legenden die Bühne betraten, wärmte uns unser heimisches Eigengewächs, Grega Habič Band, auf – angekündigt von niemand anderem als Rockline-Chefredakteur und liebem Bruder Aleš Podbrežnik. Der aufstrebende Gitarrenvirtuose, stilistisch nicht vereinbar mit den beiden Hauptattraktionen des Abends, erntete während seines eigenwilligen, instrumental aufgepepperten ‚Gitarrenrocks‘, in dem Einflüsse verschiedener Genres stecken, eine würdige Publikumsreaktion – was wirklich schön anzusehen war und Herrn Habič als gute Starthilfe für künftige Unternehmungen dient.

WISHBONE ASH:
Die schwer zu kategorisierenden britischen Art-Rock-Schwergewichte wurden von Rockline-Pressekollege, dem legendären Jernej Vene, angekündigt, der unter anderem auch die Namen aller Bandmitglieder bekannt gab. Wishbone Ash, die sich nach der Veröffentlichung ihres aktuellen Studioalbums »Elegant Stealth« (2011) nach wie vor in phänomenaler Konzertform befinden, waren die klaren Sieger des Abends und haben Nazareth den Titel der Hauptattraktion dieses einzigartigen Ereignisses gestohlen. Zwischen den Bandmitgliedern, über denen, wie gewohnt, mit seiner kultigen Flying-V-Gitarre das letzte originale Wishbone-Ash-Mitglied, Gitarrenvirtuose und Sänger Andy Powell, wacht, herrscht eine außergewöhnliche Eingespieltheit – vor allem dank ihrer epischen Gitarren-Mehrfachharmonien, ihrem Markenzeichen, das ganze Generationen von Hardrockern, Prog-Rockern und Heavy-Metal-Musikern begeistert hat. Wishbone Ash pflegen in ihrem komplexen stilistischen Ansatz neben Prog und Hardrock auch Elemente des Blues, Folk und Jazz, sodass sie noch heute am treffendsten als Art Rock zu bezeichnen sind – wovon sich jene, vor allem jüngeren Konzertbesucher, von denen diesmal ausnahmsweise keiner fehlte, während viele von ihnen die Band zum ersten Mal erlebten, vollauf überzeugen konnten.

Solche Gruppen mit ausgeprägter ‚Art‘-Komponente verirren sich leider seltener in unsere Gefilde als Regen in die Wüste fällt – sodass es ein Genuss war, die lebhafte Publikumsreaktion zu beobachten, als Wishbone Ash ihren Auftritt mit dem unvergesslichen »Argus«-Evergreen (1972) »The King Will Come« eröffneten, dem sie kurz darauf die unsterbliche Proto-Metal-Epopöe »Warrior« folgten, bei der die Gitarrenharmonien zwischen Powell und Muddy Manninen besonders aufblühten. Von »Argus«, das in diesem Jahr bereits seinen vierzigsten Jahrestag feiert und nach wie vor ihr mit Abstand beliebtestes sowie für die meisten Fans auch bestes Album ist, spielten sie noch zwei Klassiker: das melancholische Meisterwerk »Sometime World« und den energetischen Rocker »Blowin‘ Free«. Letzterer wurde zusammen mit der »Wishbone Four«-Überraschung (1973) »Ballad of the Beacon« im Zugabenteil gespielt.

Wishbone Ash hatten während des gesamten Auftritts einen ausgezeichneten Sound – das Hauptverdienst dafür gebührt dem Beschallungsteam von Festival Novo Mesto. Die bestens aufgelegten Art-Rock-Legenden nahmen in ihre Setlist auch einige Perlen auf, die sie nicht gerade jeden Abend spielen – etwa die »Twin Barrells Burning«-Klassik (1982) »Engine Overheat« und den »Number The Brave«-Standard (1981) »Open Road« – und bewiesen damit möglichen Skeptikern, dass sie auch in den Achtzigern eine ganze Reihe beachtlicher Werke geschaffen haben. Mit einer starken Interpretation von »Can’t Go It Alone« und »Warm Tears« vergaßen sie auch das aktuelle Album »Elegant Stealth« nicht. Powell und Manninen, die Gitarrenlinien wie um die Wette harmonisierten und sich eifrig in der Rolle der Hauptsolisten abwechselten, hatten dabei stets eine mächtige rhythmische Unterstützung durch Frohnatur Bob Skeat am Bass und Schlagzeuger Joseph Crabtree, dem es in den fünf Jahren seit seiner Mitgliedschaft bei Wishbone Ash bereits gelungen ist, den ‚Grünschnabel‘-Stempel loszuwerden.

Natürlich dominierten, völlig erwartungsgemäß und zurecht, die Klassiker aus den ‚goldenen‘ Siebzigern – wobei sie die gefühlvolle Ballade »Lady Jay« und den komplexen Hardrock-Brecher »Jailbat« nicht vergaßen, der das Publikum stets ordentlich in Wallung bringt. Den regulären Teil des Auftritts beendeten sie, mehr oder weniger erwartungsgemäß, mit dem legendären, über zehnminütigen »Wishbone Ash«-Epos (1970) »Phoenix«, das sie auch diesmal durch zahlreiche bewundernswerte Improvisationen großzügig in die Länge zogen. Nach der gespielten Zugabe verabschiedeten sich Wishbone Ash unter lautem Applaus im Stil großer Abendsieger von der Bühne und überließen ihren Platz den legendären schottischen Rock-Haudegen Nazareth.

NAZARETH:
Die Meister des schottischen Klassicrocks Nazareth, in deren Tradition den Hardrock-Sound der Hauch der schottischen Highlands begleitet, traten zuletzt Mitte der neunziger Jahre des vorigen Jahrhunderts im Land auf der Sonnenseite der Alpen auf – am Primorje –, auf ihre Rückkehr in unsere Gefilde musste man also mehr als anderthalb Jahrzehnte warten! War Gitarrist Jimmy Murrison bei jenem längst vergangenen Auftritt in Dornberk noch ein blutfrisches Bandmitglied, ist er heute bereits ein fester Bestandteil und verlässliche Stütze des Bandskeletts, das aus Dan McCafferty am Gesang und Pete Agnew am Bass besteht. Vor einem Jahrzehnt gesellte sich Petes Sohn Lee Agnew ans Schlagzeug, in dieser Besetzung haben Nazareth bis heute zwei Studioalben veröffentlicht, »The Newz« (2008) und »Big Dogz« (2011), und für den ständigen Antrieb der Maschinerie sorgen in den letzten Jahren auch regelmäßige Konzerttouren, die die Schotten, wie bereits erwähnt, schließlich auch in unsere Mitte gebracht haben.

Nazareth wurden von niemand anderem als ihrem Zeitgenossen Dragan Bulič angekündigt, und das Quartett eröffnete den gemeinsamen Abend nach einem Standard-Intro mit traditionellen schottischen Dudelsäcken mit dem Song Silver Dollar Forger. Es folgte der hochfliegende Hit Telegram – mit verzerrtem Gitarrensound ein Vorbote des erheblichen Klangwechsels gegenüber ihren Vorgängern auf der Bühne. Während Wishbone Ash als Band mit ausgeprägter künstlerischer Konnotation auftraten, der improvisatorische Abstecher von den Originalstücken nicht fremd sind, zählen Nazareth auf der anderen Seite zur reinblütigen Hardrock-Liga – denn ihre diesmal wirklich wuchtig dargebotenen Hits wirkten direkt und unkompliziert, dafür aber umso oberflächlicher.

Dan McCafferty bleibt das echte Maskottchen und der Kopf der Band! Der sympathische, grauköpfige Kerl, der mit seinem starken schottischen Akzent das Publikum im Handumdrehen für sich einnahm, verlieh mit seiner rauchigen Stimme den kaum noch fahrtauglichen Oldtimern unter den Songs den unverkennbaren Stempel jedes Nazareth-Werks. Sein Auftritt war allerdings zurückhaltender als sonst – wofür wohl der überdurchschnittlich kalte Septemberabend verantwortlich ist, worauf auch Bassist Agnew auf der rechten Seite der Bühne mit ständigem Händereiben hinwies. Bei den bekannteren Melodien, wie der ewig grünen Ballade Love Hurts, die erwartungsgemäß die euphorischste Reaktion des gesamten Abends erlebte, oder dem positiv gestimmten Broken Down Angel, forderte McCafferty das volle Auditorium der Križanke zum gemeinsamen Mitsingen auf. Seine Stimme begann gegen Ende des Auftritts Ermüdungserscheinungen zu zeigen – leistete aber, gerade angesichts seiner bereits 65 Lenze auf dem Buckel, seine Aufgabe absolut souverän, ja so souverän, dass er mit seiner Vorstellung selbstbewusst den Handschuh gegen alle hinwarf, die ihn mit tratschigen Gerüchten vorschnell an den Nagel gehängt hatten.

Bei ihrer Rückkehr auf die Bühne drehten die Musiker aus Dunfermline mit Night Woman und Razamanazz die Uhr zurück ins Jahr 1973, und den Abend beendeten sie mit der optimistischen Botschaft der Power-Ballade Dream On. Nazareth boten in den Križanke eine solide Vorstellung, mit der sie die versammelten Liebhaber des Oldschool-Rocks überzeugten; für eine noch höhere Bewertung hätten die Schotten beim intensiveren Kontakt mit dem Publikum mehr Gas geben müssen – das Quartett wirkte zeitweise allzu verschlafen, ebenso was die Gesamtspielzeit des Konzerts angeht.

Autor: Peter Podbrežnik (Einleitung, GHB, Wishbone Ash)
Autor: Urban Bolta (Nazareth)
Fotos: Helena Vertačnik & Aleš Podbrežnik
Video: Bojan Horvat

Wishbone Ash 
1. The King Will Come 
2. Warrior 
3. Can’t Go It Alone 
4. Sometime World 
5. Open Road 
6. Warm Tears 
7. Lady Jay 
8. Jailbait 
9. Engine Overheat 
10. Phoenix 
—Zugabe— 
11. Ballad Of The Beacon 
12. Blowin Free

Nazareth
1. Silver Dollar Forger 
2. Telegram 
3. This Month’s Messiah 
4. Sunshine 
5. Turn On Your Reciever 
6. Cocaine 
7. Radio 
8. Love Hurts 
9. This Flight Tonight 
10. Broken Down Angel
11. Hair Of The Dog 
—Zugabe— 
12. Night Woman 
13. Razamanazz 
14. Dream On




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