Das zweite Knochenbrechen in der Šiška – Bonecrusher 2011!

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Autor: Rok Klemše
Fotos: Nina Grad

Ort: Kino Šiška, Ljubljana
Konzertdatum: 28.02.2011
Besucherzahl: 350

Das Jahr hat sich gedreht und unter dem Taktstock der Dirty Skunks besuchte Ljubljana erneut die Festival-Tournee „the American Way“, Bonecrusher. Die diesjährige Karawane bot wieder eine bunte Auswahl an Bands für den Geschmack jedes Ohrenpaars – das Ganze ordentlich verpackt in ein großes, glänzendes Paket Extreme Metal mit einer Schleife obendrauf.

Als Erste flogen die spanischen Thrasher Angelus Apatrida auf die Bühne, leider noch vor einer fast völlig leeren Halle des Kino Šiška. Die Jungs reiten erfolgreich auf der Welle des Thrash-Metal-Revivals, und das gelingt ihnen – anders als (zu)vielen Zeitgenossen – auch ziemlich gut. In der vernichtenden Thrash-Welle, die leider nur knappe eine halbe Stunde dauerte, widmeten die Spanier den Großteil ihrer Aufmerksamkeit dem aktuellen Album Clockwork. So erlebten wir aggressiven, schnellen und jugendlich-zornigen Thrash, der sich offensichtlich, aber mit großem Respekt vor dem Erbe der Großen, reichlich von Giganten wie Destruction und Megadeth bedient. Der beträchtliche Einfluss von Letzteren ist gut hörbar, wenn sich die Gitarristen Guillermo und David Seite an Seite stellen und sich längere Solo- und Riff-Eskapaden gönnen. Guillermo serviert neben einem bunten Arsenal scharfer Riffs noch dazu einen bissigen Gesang, der an den jungen Chuck Billy zur Zeit des Albums The Legacy erinnert. Angelus Apatrida haben ihre halbe Stunde so gut wie möglich genutzt, auch wenn sie kein besonders großes Thrash-Metal-Highlight darstellen. Trotzdem kann man sie zu den besseren Vertretern der jungen Thrash-Generation zählen, denn sie greifen nach der Klasse von Warbringer, und von der kommenden Platte Transformation wird ebenfalls einiges erwartet.

Nach extrem schnellen Changeovers, die auch für die Headliner nicht länger als fünfzehn Minuten dauerten, hatte bereits eine Vertreterin einer anderen musikalischen Strömung die Bühne übernommen. Ihr Stück vom Kuchen und ihre halbe Stunde schnitt sich die kalifornische Technical-Death(core)-Band Burning the Masses. Die Jungs orientieren sich stark an den verrückten, kranken kanadischen Bands, denn ein großer Teil ihrer Musik besteht aus überschallschnellen „Wankery“-Soli. Bei den Gitarren-Kapriolen des Duos Valenzuela/Ostowari kann man nur staunen – das Wandern ihrer Finger mit Lichtgeschwindigkeit über die Hälse ist eine wahre Augenweide. Aber leider umso weniger fürs Ohr, denn bei Burning the Masses bekommt man das Gefühl, dass das Selbstbefriedigen an den Instrumenten dem Sinn fürs Songwriting vorausgeht. Man muss den Jungs aber zugute halten, dass sie effektive Breakdowns schreiben können, die nicht langweilig und nervig wie bei den meisten Core-Bands sind, sondern technisch aufgewertet durch bewegliche Riffs. Die größte Enttäuschung ist jedoch sicher der Abgang des charismatischen Vokalisten der Großen Schokolade (Cameron „Big Chocolate“ Argon), denn sein Ersatz ist die Definition eines schlechten Cookie-Monster-Vokalisten, der tiefe und brutale Growls durch geschicktes Umklammern des Mikrofons erreicht. Pablo Francisco hätte dazu sicher DAS zu sagen.

Die Ohren durften sich beim Auftritt der italienischen Band Fleshgod Apocalypse wieder etwas erholen – einer Band, die den schlechten Ruf, der dem italienischen Metal (zu Recht) anhaftet, ziemlich erfolgreich korrigiert. Die Italiener marschierten in zerrissenen Smokings und geschwärzten Gesichtern auf die Bühne, und es wirkte, als wären frisch dem Grab entstiegene klassische italienische Komponisten aufmarschiert – Verdi, Vivaldi, Paganini und Puccini. Fleshgod Apocalypse integrieren nämlich Elemente der klassischen Musik in ihren Death Metal, was am deutlichsten an der eingespielten Matrix und den technisch exekutierten neoklassizistischen Soli hörbar ist. Sobald die Italiener einmal auf ihren Scooter (ciao) gestiegen waren, hielten sie bis zum Ende des Konzerts nicht mehr an – Schuss für Schuss folgte. Pausenlos schnelle und aggressive Songs jagten einander hinterher, so sehr, dass gegen Ende ihres Auftritts das Ganze schon leicht eintönig wurde. Die Monotonie durchbrachen jedoch der ziemlich gut dargebotene Klassiker Blinded By Fear der kultigen At the Gates und die exzellenten Abschlussstücke Thru Our Scars und Requiem In Si Minore, wobei das eine mit einem fantastischen, episch und sauber gesungenen Refrain, das andere mit mehr Abwechslung für einen aufregenderen Schluss sorgte.

Carnifex aus den USA spielten bereits beim letztjährigen Bonecrusher, bei der diesjährigen Ausgabe präsentierten sie das kürzlich veröffentlichte Album Hell Chose Me. Beim Auftritt der Amerikaner kamen vor allem Breakdown-Liebhaber und harter Deathcore auf ihre Kosten, was auch deutlich am Publikum zu merken war. Die Halle füllten so vor allem gut gekleidete und sorgfältig frisierte Helikopter und Ninjas, die ihre Akrobatik vor der Bühne vollführten. Wie man dabei ernst bleiben kann, ist mir schleierhaft. Carnifex haben in ihrer guten halben Stunde zwar heftig energisch und erfolgreich gebrummt, den Hauptteil ihres Sets stellte aber das neue Album dar. Trotzdem hoffe ich, dass Carnifex beim nächsten Bonecrusher nicht wieder dabei sind.

Vor dem Auftritt der norwegischen Black-Metal-Attraktion Keep of Kalessin hatte die Mehrheit der Anwesenden wohl kein großes Highlight erwartet – die Studioqualität der Norweger sinkt langsam, aber stetig, und den fast letzten Nagel in den Sarg (und den Zorn der breiteren Metal-Öffentlichkeit) schlugen sie sich mit ihrem Auftritt beim norwegischen Eurovision-Vorentscheid (wo sie allerdings den beachtlichen dritten Platz belegten). Aber Keep of Kalessin stopften den Zweiflern schon in den ersten Momenten des Auftritts den Mund… oder öffneten ihn zu weit klaffenden Spalten. Die Jungs spielten nämlich wohl ihren besten Auftritt hierzulande – und dabei haben wir sie hier schon mindestens vier-, fünfmal gesehen. Keep of Kalessin sind schon länger keine klassische Black-Metal-Band mehr, denn die klassische Black-Metal-Biene (das unaufhörliche Tremolo-Picking) werdet ihr bei ihnen vergebens suchen. Der Hauptkomponist und Gitarrist der Band Obsidian C. sorgt nämlich für einen stetigen Strom großartiger Riffs, epischer Passagen und fantastischer Soli. Keep of Kalessin nähern sich so – durch häufige Rhythmus- und Tempowechsel sowie bunte und abwechslungsreiche Drums, die nicht nur das Doppelbassdrum-Pedal malträtieren – schon dem Death- und Thrash-Metal, und wegen der Verzweigtheit und Komplexität der Songstrukturen fast dem Progressive Metal. Obsidian C. schafft es mit einer Gitarre mehr Raum zu füllen als zwei Gitarren, wobei ihm der energische Bassist hilft, und der charismatische Vokalist Thebon animierte das Publikum erfolgreich. Das Erlebnis wurde noch durch die ausgezeichnet gewählte Setliste aufgewertet, die Songs vom neuen Album Reptilian umfasste, aber auch einen schönen Strauß älterer Klassiker, sowie die spektakuläre Lichtshow. Offensichtlich wissen nur Black-Metal-Bands das technische Lichtpotenzial des Kino Šiška zu nutzen – mit einer ähnlichen Lichtshow in der Šiška können sich sonst nur noch Rotting Christ brüsten.

Die Krone, die Kirsche auf der Sahne, lieferte zum Abschluss die legendäre amerikanische Death-Metal-Band aus Maryland, Dying Fetus. Die Band nähert sich ihrem 20. Jubiläum – und das allein dank des unermüdlichen Willens des einzigen noch verbliebenen Originalmitglieds John Gallagher. In der Band haben sich im Laufe der Jahre nämlich so viele Mitglieder gewechselt, dass einem die Finger zum Zählen ausgehen, und heute tritt Dying Fetus als Trio auf. Was man Gallagher, Sean Beasley (Bass) und Trey Williams (Schlagzeug) aber überhaupt nicht anmerkt. Die Band wirkt so solide und kohärent, als würden sie schon seit dem Urknall zusammenspielen, und zu dritt produzieren sie einen solchen Lärm, wie er wohl beim Beginn der Schöpfung vorhanden war. Gallagher sorgte für das Hacken und Schneiden mit fantastischen Riffs und höllisch guten Soli, denen Beasley mit seinem Blunt-Force-Bassing mit unglaublicher Geschicklichkeit mühelos folgte. Williams erschütterte hinter dem Schlagzeug die Grundfesten der Šiška, Beasley und Gallagher rüttelten mit ihrer phänomenalen und teuflisch brutalen Gesangsleistung noch an den Fundamenten der umliegenden Gebäude. Dying Fetus gelingt es mit nur drei Instrumenten mehr Krach zu erzeugen als ein ganzes Sinfonieorchester, dabei werden sie trotz konstanter Aggressivität und Sägen aufgrund der bunten und abwechslungsreichen Strukturen und technisch ausgefeilten Linien keinen Moment lang langweilig. Das sorgfältig zusammengestellte Demolitionsprogramm umfasste das aktuelle Album Descent Into Depravity, es fehlten aber auch nicht die älteren Klassiker Homicidal Retribution, One Shot, One Kill, Praise the Lord sowie das selten gehörte Grotesque Impalement. Dying Fetus machten keine große Show darum; sie kamen, spielten und gingen. Aber auf eine so gute Art, dass man ihren Auftritt so schnell nicht vergessen wird.

Ich hoffe, dass wir uns auf einen dritten Bonecrusher freuen dürfen. Trotz des diesmal schwächeren Besuchs ist diese Festival-Tournee eine gute Möglichkeit, dem Besucher mit vielseitigem Musikgeschmack so viel wie möglich für so wenig Geld wie möglich zu bieten. Wenn ich zum Schluss noch leicht boshaft sein darf… überlebt hätten wir auch ohne den schlechten Deathcore – jedes Auge hat seinen Maler, und jedes Ohr hat sein Gegrunze.

Fotos: Nina Grad

Setliste

FLESHGOD APOCALYPSE:
1. In Honour Of Reason
2. As Tyrants Fall
3. Sophistic Demise
4. Embodied Deception
5. Blinded By Fear
6. Thru Our Scars
7. Requiem In SI Minore

CARNIFEX:
1. In Coalesce With Filth and Faith
2. Entombed Monarch
3. The Diseased and the Poisoned
4. Dead Archetype
5. Sorrowspell
6. Lie to My Face
7. Hell Chose Me

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