Der Höllenmarsch krönte das Dogma der Ur-Metal-Kultur noch ein allerletztes Mal in diesem Jahr (2010)

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Autor: Aleš Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik

Ort: Orto bar / Ljubljana / Slowenien
Konzertdatum: 03.12.2010
Besucherzahl: 40
Kartenpreis: 0,00€

Da ist er, der neue „fröhliche“ Dezember. Der Konzertpuls beginnt um diese Zeit gewöhnlich zu erlahmen, genauso wie das ablaufende Jahr langsam erlischt. Die slowenische Metal-Reunion des Jahres 2008 dürfte euch heute alle mehr als gut bekannt sein! Die Reunion der legendären Heavy-Metal-Band Lene kosti aus Ljubljana. Bis zu diesem Tag ist sie einem schon tief unter die Haut gegangen, weshalb es sich erübrigt, diesen Bericht mit ausschweifenden einleitenden „Gesängen“ zu beginnen. Es ist klar, dass diese Reunion für den slowenischen Heavy-Metal-Raum von immenser Bedeutung ist. Lene kosti haben seit Oktober 2008, als sie offiziell bestätigten, dass sie wieder aktiv sind, einen enormen Schritt nach vorne gemacht. Alle Worte und Versprechen waren kein leeres Gerede – die Band erntet heute fleißig die Früchte der vergangenen Arbeit. Sie hat ein exzellentes Studiodebüt veröffentlicht und baut dabei durchgängig erfolgreich ihre treue Hörerschaft sowohl im Inland als auch im Ausland auf.

Nichtsdestotrotz sind Wachstum und Entwicklung einer Band immer mit Höhen und Tiefen verbunden. Das ist unvermeidlich. So wurden Lene kosti Mitte September dieses Jahres einer kleinen Schocktherapie ausgesetzt, als eine Überschwemmung ihren Proberaum in Vič, Ljubljana, regelrecht unter Wasser setzte und wichtige Teile der Konzert- und Probeausrüstung vernichtete. Aber die Jungs haben die Zähne zusammengebissen. Das ist die Therapie namens „Ausdauer“ oder „Trotz“.  Lene kosti haben nach dem 19.03.2010, als sie das damals erschienene Album „Do Or Die“ der Öffentlichkeit präsentierten, noch ein zweites (und letztes) Mal in diesem Jahr den Orto Bar in Ljubljana „besetzt“. Als Gäste eingeladen wurden Wild Ones von der Küste (Triest) und alte Bekannte aus Ljubljana, Stone Orange.

Im Orto Bar waren zunächst keine übermäßigen Zeichen von Euphorie zu bemerken, als es schon weit nach neun Uhr abends war. Naja, ganz so war es dann doch nicht. Im Erdgeschoss schlängelte sich eine ordentliche Schlange von Fans dieser Musikrichtung vor der Kasse. Dorthin trieb sie vor allem die Angst, dass auch dieses Konzert, wie das im März, völlig ausverkauft sein könnte. Viertel nach neun – und Wild Ones legen auf der Bühne los. Das slowenisch-italienische Duo des melodischen Hard Rock, gewürzt mit einer ausgeprägten Prise Sleaze/Glam, entpuppte sich als echte kleine Entdeckung des Revivalismus einer einst reichen, weltumspannenden Bewegung, die Anfang der Neunziger so unrühmlich vom „Grunge“-Virus verschluckt wurde. Ein sehr mutiger und solider Auftritt der Band in jeder Hinsicht. Man spürt auf jeden Fall, dass die Jungs noch am Anfang stehen und Erfahrungskilometer sammeln, aber sie tun das mit gewaltigem Schwung, Spaß und Hingabe. Deshalb versprechen sie eine Menge. Schon von Anfang an kümmern sie sich fleißig um ein ausgearbeitetes äußeres Erscheinungsbild, das dem kokett-erotischen Rock-Vibe, den sie zusammenbrauen, noch das gewisse Etwas hinzufügt. Reserven bleiben, und daran ist nicht zu zweifeln, dass die Jungs diese in Zukunft ausbauen werden. Der Vokalist ist jung, und die Stimme wird zweifellos mit der Zeit an Ausdrucksstärke gewinnen – ebenso wenig ist daran zu zweifeln, dass die überschwängliche Begeisterung für das extrem schnelle, generische Durchrasen von Gitarrenskalen in naher Zukunft von durchdachter strukturierten Soli mit klarer Aussage und ausgearbeitetem Charakter abgelöst werden wird (und die Fehler bei der Bühnendarbietung werden entsprechend weniger). Wie gesagt. Wild Ones sind eine Band, die viel verspricht! Hoffen wir nur, dass sie im starken Galopp bleiben, den Glaube an Rock ’n‘ Roll und die große Leidenschaft für Musik vorgeben!

Am Veranstaltungsort hatte sich eine schöne Menge von Besuchern eingefunden, die den Raum aus einer lächerlich vorsichtigen Distanz von zwei bis drei Metern von der Bühne ganz ordentlich füllten. Bei Stone Orange verdichtete sich das Publikum noch etwas mehr, und die Band wärmte die Anwesenden vor allem mit einigen Songs aus dem Studioerstling „Nori mlin“ und zeitlosen Klassikern auf. Den Großteil der Aufmerksamkeit zog natürlich der charismatische Sänger und Gitarrist Marko auf sich, dicht auf den Fersen folgten ihm der Klang- und Gitarrenperfektionist Tomo sowie der schelmische Bassist Davorin. Die Band wählte ein Repertoire, das keine Ambitionen verbarg – die Jungs wollten mit dem Auftritt dem Orto Bar das Dach wegblasen –, doch trotzdem tauchte viel zu oft der eine oder andere für das Ohr allzu schmerzhafte (sogar grundlegende) kleine Fehler auf. Besonders die Koordination der Rhythmussektion (Schlagzeug) zog Kritik auf sich. Einige Klangkapriolen gingen auch auf das Konto des clubeigenen Sounds im Orto Bar. Offensichtlich sind Stone Orange technisch gesehen ein zu anspruchsvoller Brocken, und vom Tontechniker wurde ihnen diesmal einfach ein Fünkchen zu wenig Aufmerksamkeit zuteil. Die Jungs haben das Publikum nichtsdestotrotz mehr als erfolgreich entwaffnet, was auch eines der erfolgreich erreichten Hauptziele des Auftritts war. Die Band schmiedet bereits neues Material, von dem wir hoffen, dass es so bald wie möglich Realität wird.  Es lebe der melodische Hard Rock!

Lene kosti vollzogen Anfang September einen Wechsel auf der Bassist-Position. So ersetzte Aaron Cernatič aus Postojna Grego Brenka und stellte sich an diesem Tag im Orto Bar als neuer Bassist der Lene kosti erstmals dem Publikum vor. Aaron ist ein deutlich erfahrenerer Musiker. Angesichts seines Musikgeschmacks, seiner Erfahrungen in früheren Rock-Bands, dem echten Rocker-Image sowie seiner Bühnenpräsenz, ist er ein Mann, der viel kompatibler mit Lene kosti wirkt. Die Band, die schon den ganzen Herbst über regelmäßig probt, hat auch angesichts dieser Neuverpflichtung in der Besatzung ihr bestes Konzert des Jahres gespielt (sofern sie diese Vorstellung nicht mit dem für den 30.12.2010 in Postojna angekündigten Auftritt übertrifft). Aaron brachte jenes Element in die Band, das das äußere visuelle und akustische Bild der Lene kosti noch weiter verstärkt und geschärft hat. Die Lene kosti von heute reißen wirklich alles nieder. Aaron hat sich eben in Rock-Gewässern gestählt und weiß überzeugend „zu wühlen“ auf dem Bass.

Lene kosti erlaubten sich diesmal wirklich keinen sichtbaren Fehler. Das Riff-Gespann der Brüder Kavaš lief wie geölt und absolut synchron, W.U.K.O. entfesselte am Schlagzeug ein wahres Kanonen-Rodeo einer glanzvollen Schlagzeug-Show. Und der Hauptmagnet der Band? Milan „Dr. Evil“ Krušič natürlich! Eine außergewöhnliche stimmliche Darbietung. Milan hat in dieser Phase wirklich eine außerordentliche Form erwischt. Mit Leichtigkeit überbrückte er alle Sprünge zwischen den tieferen und ultrahohen Stimmlagen. Diesmal war er wirklich schwer zu fassen. Auch im  besonders anspruchsvollen Warrior und Rock Power, die stets  enorme Energie vom Sänger fordern. Diesmal sang Dr. Evil das Repertoire mit Auszeichnung und es gab keinen Moment, der auch nur andeutete, dass man irgendwo auf die Bremse treten und Energie sparen müsste. Die Jungs legten gleich mit Uninvited Guest los, das sich als Song mit mittlerem Tempo und giftigem Riff-Geroll als ungemein gelungenes Eröffnungs-Warm-up erwies. Besonders das einzigartige Nightmare bestätigte die derzeitige Unzerstörbarkeit der eisernen Mission der legendären Band!

Unvergleichliches Charisma. Wie Wein. Je älter, desto reifer und schmackhafter. Die Gitarrensoli von Marco Kavaš, ja sogar das Schulter-an-Schulter-Stehen und die Kniebeugen beider Brüder reihen dankbare Parallelen zu den Urvätern der Metal-Bibel Judas Priest auf. Es erübrigt sich, Dr. Evils federleichte Kontrolle über das Publikum zu erwähnen. Er ist einfach ein Mann, der weiß, was er auf der Bühne tun muss und wie er es tun muss. Er wirkt mit einem natürlich geerbten dämonischen Magnetismus, den man nur bei wenigen slowenischen Frontmännern im Metal oder, weiter gefasst, in der Rockmusik antrifft. Und wenn du spürst, dass du in vokal überlegener Form bist, ist das gesamte Spiel auf der Bühne umso leichter, wirkt noch authentischer und mitreißender.

15 Songs des Repertoires, in dem besonders die außergewöhnlich klug strukturierten Time For Love, Iron Dragon, Sunrise, das fantastische Nightmare sowie das obligatorische Russian Girl funkelten, haben Lene kosti vehement und knallhart abgeliefert, ohne Zögern, mit außergewöhnlicher Entspanntheit, im vollen Anlauf und mit äußerster Schärfe. Aus vollen Rohren. An Verspieltheit, aufreizendem Kitzeln sowie einer Prise bewusst okkulten Spielens, wofür natürlich Dr. Evil mit seiner Liebe zu blank geschälten Schädeln „verantwortlich“ ist, mangelte es keineswegs. Deshalb verging die gute Stunde in Gesellschaft der Lene kosti, bevor man auch nur richtig mit der Wimper gezuckt hatte.

Ein angenehmes Publikum, exzellente Interaktion mit dem Publikum, vor allem aber ein Auftritt der Band, bei dem man spürte, dass die erneuerte Besatzung noch eine Stufe gewachsen ist und damit ihre Essenz weiter ausgebaut hat, kündigt bereits eine Fülle ungeahnter Streiche im kommenden Jahr an. Das sind die Taten der Mutigen, treu geschrieben vom einzigartigen und gepflegten Charme, der unverwechselbaren Erscheinung sowie der (wiederentdeckten und revitalisierten) unbezähmbaren Gier der Lene kosti.

Fotos: Aleš Podbrežnik

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