Weißer Blues-Valentino befriedigt Zagreb (2010)
Autor: Aleš Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik
Ort: Boogaloo / Zagreb / Kroatien
Konzertdatum: 29.10.2010
Besucherzahl: 900
Kartenpreis: 29,00€
Joe Bonamassa – das Wunderkind, das mit vier Jahren bereits anfing, die Saiten der Gitarre zu bearbeiten, die sein Vater ihm ohne zu fragen erstmals in die Hände gedrückt hatte, ist ein Mann, der aus einer Musikerfamilie stammt und deren Botschafter bereits in vierter Generation ist. Heute, mit vollen 33 Jahren, ist er zu einer wahren Maschine vehementer Blues-Masseneroberung herangewachsen. Bonamassa hat sich mit seinem Opus heute unter die bedeutendsten Vertreter der neuen Blues-Generation katapultiert. Nicht weil er in seiner musikalischen Predigt revolutionär wäre. Die Sache ist weit einfacher. Bonamassa ist nämlich allgemein zugänglich. Er ist der Botschafter eines modernen, gepflegt duftenden Blues-Rocks. Dabei lässt sich in all dieser Wohlgeformtheit noch immer mühelos so viel eigenständiger Charakter, Wissen, Können, allgemeiner musikalischer Einfallsreichtum, Talent und ansprechende Ideen eines kreativen Geistes entdecken, dass Bonamassa ein neuzeitlicher Blues-Magnet ist – sowohl für Verwöhnte und an das Beste Gewöhnte, als auch für jene anderen, die keine „Gleichungen der Relativitätstheorie“ in der Musik entwickeln müssen, um sich ihrer ungezügelten Vibration frei hinzugeben.
Joe Bonamassa ist im Aufwind. Derzeit befindet er sich auf dem absoluten Gipfel einer gigantischen kreativen Welle. In zwei Jahren hat er zwei Alben veröffentlicht, die beide in Bonamassas Spur geschrieben sind und dabei schon beim flüchtigen ersten Hören ein schnell erkennbares Maß an Vielfalt erreichen. Das bestätigt, dass sich Bonamassa als Künstler noch immer weiterentwickelt und ausdrucksstärker wird. Wenn man zu den Soloalben noch die Aktivität in der Superblues-Rock-Band der neuen Ära Black Country Communion hinzuzählt, die in diesem Jahr das ausgezeichnete Debüt „Black Country“ veröffentlicht hat, gibt es sicher keine Zweifler mehr, die böse andeuten würden, dass Joe eine potenzielle Eintagsfliege ist.
Es ist 20:00 Uhr! Wieder haben wir den Boogaloo besucht! Der Zagreber Club ist fast bis auf den letzten Winkel vollgestopft. Was heißt fast. Vollgestopft bis in den letzten Winkel. Im Kessel kannst du dich kaum bewegen. Und die Leute strömen weiterhin in die Halle. Wie angekündigt. Ohne Vorgruppe, 10 Minuten nach acht Uhr abends, betritt ein Mann in weißem Sakko die Bühne, mit weißen Schuhen, sogar weißen Socken, unter dem Sakko trägt er ein grell grünes Hemd, das Haar ist „gegelt“ und „frisiert“ à la Valentino-Charmeur. Die leicht getönten Brillchen fehlen natürlich auch nicht. Und heiß in den Fingern! Joe setzt sich das Ziel, das Publikum schon zu Beginn anzuzünden. Dafür wählt er kurzerhand Rory Gallaghers Bearbeitung von Cradle Rock, die in Joes Regie auf seinem Studiodebüt aus dem Jahr 2000 erstmals offiziell zu hören war. Auf der Bühne sehen wir nur ein Quartett. Riesig viel Platz zum Bewegen blieb auf der Bühne übrig. Und trotzdem hält die Rhythmussektion wie zusammengeklebt aneinander, und die Bühne wird zu Joe Bonamassa.
Der Mann wandert vom Mikrofon weg, nach links und rechts, bis ganz an den Bühnenrand, wo er bluesige Soli wirbelt. Nachdem wir Gallagher in Bonamassas Schuhwerk gekostet hatten, schlägt der Kerl mit So Many Roads an, das giftig nach Gary Moores gesalzenen Blues-Balladen zieht. Mit dem dröhnenden When The Fire Hits The Sea galoppiert die Band aus der verführerisch erotischen Blues-Massage davon. Es ist nämlich Zeit, das neue Album „Black Rock“ (2010) vorzustellen, das nebenbei im laufenden Jahr das meistverkaufte Blues-Album ist, laut den Billboard-Charts.
Der Mann hat besondere Gäste auf die Bühne eingeladen. Als erste kam Sandi Thom, die bei der Darbietung von So It’s Like sowie danach If Heartahces were Nickles sogar etwas Country-Konnotation in die Stücke brachte. Interessant ist, dass Bonamassa im weiblichen Gesang nicht nach mehr Blues-Autorität gesucht hat, nicht nach mehr Schwärze, die die richtige Dosis melankolischen Sehnens und Erotomanie hergestellt hätte, wie sie der Blues eigentlich sucht und vermittelt. Der an sich schöne Gesang der Sängerin wirkte viel zu zerbrechlich neben dem fest gebauten Blues-Rock-Gerüst des Stücks. In der zweiten Hälfte gesellte sich Vokalist Paul Rafferty auf der Bühne zu Bonamassa, der die Nähe seiner Vokalfarbe zu Paul Rodgers effektiv nutzte bei der Aufführung des Free-Klassikers Mr. Big. Der charismatische Gesang von Rafferty begeisterte vollends mit seiner Präsenz und Performance.
Bonamassa kam an diesem Tag mit einer leichten Erkältung nach Zagreb, weshalb seine Stimme nicht vollständig mitspielte. Das alles kompensierte er jedoch mit außergewöhnlichem Können und einem außerordentlichen Gespür, das seine Blues-Rock-Erscheinung lenkt und immer mehr Sympathien seitens der Masse gewinnt. Woke Up Dreaming bot einen akustischen, mehr als 10-minütigen Ausflug in Weiten, bereichert sogar durch Anklänge spanischen Flamencos. Der Abschluss des regulären Teils war ziemlich ungewöhnlich, als der Kerl das instrumentale Django mit Mountain Time verband. Das Quartett schuf eine hypnotische Atmosphäre präzise dosierten Stachelns, das die Elemente der Verträumtheit und der Blues-Melancholie hervorragend vereint. Auf eine völlig schmerzlose, aber samtig verführerische Weise, mit feinem Gespür für das Platzieren einzelner Noten und außergewöhnlicher Kontrolle über das Instrument – das Ergebnis eines auf volle Blues-Ausdruckskraft ausgerichteten Talents bzw. einer angeborenen Wahrnehmung und Umwandlung der elementaren Eigenschaften des Blues in eine allgemein verständliche Sprache der Masse.
Bonamassa hat in zwei vollen Stunden bestätigt, dass er meisterhaft durch die verschiedenen Blues-Elemente navigiert und dabei ein echter Chamäleon des Verschmelzens vieler Quellen dieses Genres ist. Das Repertoire baute er sowohl aus eigenem Material als auch aus bewährten Klassikern auf. Besonders überraschte er mit der Zugabe, als er sich für die Aufführung von Cohens Bird On A Wire in Begleitung von Sandi entschied. Nach der verträumten Version des Cohen-Standards ließ das Quartett noch einmal richtig los und hämmerte ZZ Tops Just Got Paid rein, in das er eine Prise der Led Zeppelin-Klassik Dazed And Confused einwebte. Der Boogaloo, in dem es zu diesem Zeitpunkt bei immer größerem Mangel an freien Sauerstoffmolekülen in der Luft ordentlich brodelte und dampfte, explodierte bei dieser Aktion vor Begeisterung endgültig.
Das Publikum wiegte sich während des Auftritts frei vor der Bühne, ohne Krawall zu verursachen oder besondere turnerische Akrobatik zu veranstalten. Einfach. Es überließ sich der süßen Vibration a la Joe Bonamassa. Reifes Publikum, das steht fest! Ausgezeichnete Stimmung im proppenvollen Boogaloo, wie man sie nicht gerade jeden Tag erlebt. Das Publikum verabschiedete den Gitarrenmeister mit donnernden Ovationen, als er mit seinem Begleitteam die Bühne ein letztes Mal verließ. Meisterhaft, unvergesslich und einzigartig. Bonamassa zählt dir die Knochen durch und richtet die Gelenke. Seine Präsenz ist frisch, inspiriert und unruhig herausfordernd. Der Mann ist in Fahrt!
Angesichts des ausgezeichneten kommerziellen Erfolgs des Albums „Black Rock“ und angesichts der Tatsache, dass Hallen für 1000 Leute (nach der Zagreber Erfahrung mit Bonamassa) auf einmal zu klein sind, brauchen wir uns um die Zukunft der Blues-Rock-Musik keine Sorgen zu machen. Wenn es so für Joe weitergeht, werden wir ihn beim nächsten Mal in Hallen für 3.500 bis 5000 Leute sehen!
Fotos: Aleš Podbrežnik
Setlist
1. Cradle Rock 2. So Many Roads 3. When The Fire Hits The Sea 4. So It’s Like That 5. If Heartaches were Nickels 6. Slow Train 7. Young Man’s Blues 8. Sloe Gin 9. Ballad of John Henry 10. Happier Times 11. Walk in My Shadow 12. Blues in C 13. MR. Big 14. Woke Up Dreaming 15. Mountain Time —Zugabe— 16. Bird on a Wire 17. Just Got Paid
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