Eine Truppe, die technische Pannen für sich und die Stimmung zu nutzen weiß (2010)
Ort: Spring & Airbrake / Belfast / Nordirland
Konzertdatum: 26.09.2010
Besucherzahl: 300
Kartenpreis: 18.5 £
Belfast ist für sich genommen, für uns Südländer, schon ein mysteriöser Ort, der auf jeden Fall einen Besuch wert ist. Wenn dort dann noch Hard-Rock-Schwergewichte vom Kaliber Y&T auftreten, wäre es eine Schande, vorbeizugehen. Die Veranstaltung fand in einem Komplex statt, der vier Säle vereint. Am selben Abend trat im benachbarten Limelight Tim Robbins auf. Schon ein kurzer Spaziergang durch dieses Labyrinth verrät, dass diese Wände Zeuge einer großen Zahl von Rock „n“ Roll-Verrücktheiten waren. Alle freien Flächen zieren gerahmte Fotos mit Autogrammen von Auftretenden wie Quireboys, W.A.S.P., Megadeth, … Einer der Säle heißt Air&Springbrake, und der wurde am 27.09.2010 von gealterten Langhaarigen mit ersten Ansätzen von Kahlheit besetzt. Das Ziel war nur eines: die giftigen Gitarrenklänge von Dave Meniketti zu genießen.
Als Vorgruppe wurden die heimischen Inch High verpflichtet. Die Nordiren haben in ihren fünf Jahren Bestehen in der Vergangenheit schon Bands wie Quireboys, Ratt, Black Stone Cherry,… auf die Bühne begleitet. Das Repertoire bestand hauptsächlich aus Stücken ihres aktuellen Albums The Engine Sound (2009). Auf der Bühne wirken sie, als hätte man Mitglieder von Queen, Green Day, The Sisters of Mercy und Skid Row zusammengewürfelt. Musikalisch bieten sie nichts Herausragendes. Monotoner Hard Rock, der die wilde Bestie nie von der Kette lässt. Mehr oder weniger eine unglückliche Kombination aus klassischem Hard ’n‘ Heavy im Produktionsgewand des modernen britischen Rocks. Das ohnehin durchschnittliche Musizieren wird noch durch einen unterdurchschnittlichen Gesang verschlechtert. Live klangen sie gar nicht so schlecht. Aber eben nur durchschnittlich. Passend höchstens für die Rolle der Vorband.
Eine völlig andere Geschichte, besser gesagt ein Märchen, entfaltete sich mit dem Auftritt von Y&T. Eine besondere Vorstellung spare ich mir, da die meisten Leser sie wohl gut kennen. Nach zwei Jahren kehrten sie an den Tatort zurück – wer würde nicht nach Air&Springbrake zurückkehren? Ein Sprichwort sagt: Aller Anfang ist schwer. So begann auch die Europatournee von Y&T. Nach dem pompösen Intro blieb Menikettis Gitarre stumm. Dave löste die Peinlichkeit mit dem Versprechen, mindestens zwei Stunden zu spielen. Charmant neckte er das Publikum mit der Frage „Was sollen wir NICHT spielen?“ Jeden Vorschlag lehnte er ab: „Nein, das spielen wir.“ Die Technik spielte noch einige Male verrückt, aber Y&T zogen sich dank reichlich Routine und Bühnenerfahrung stets „charmant“ aus der Klemme. Schlagzeuger Mike Vanderhule meckerte über die Bühnenbeleuchtung, da sein Erscheinungsbild angeblich zu wenig ‚Erleuchtung‘ bekomme. Mean Streak spülte alle Unannehmlichkeiten weg. Nicht mal im Traum hätte ich gedacht, Surrender jemals live erleben zu dürfen. Das war definitiv der erste Höhepunkt des Abends.
If You Want Me galt als Widmung an den schwer erkrankten Bassisten Phil Kennemore – neben Meniketti das einzige verbliebene Originalmitglied von Y&T –, der auf der anderen Seite des Atlantiks eine intensive Chemotherapie durchmacht. Ebenso wurde und wird jedes Konzert der Tournee zu seinen Ehren gespielt, mit dem Wunsch nach seiner baldigen Rückkehr zu seinen Kameraden. Den vorübergehenden guten Engel für die Konzerte der aktuellen ‚Facemelter‘-Tournee fand man in Brad Lang, der der breiteren Rocker-Öffentlichkeit unbekannt ist. Aus meinen Recherchen weiß ich nur, dass er bereits mit Schlagzeuger Mike Vanderhule gespielt und mit dem Foreigner-Bassisten Jeff Pilson (ex-Dokken, ex-Dio) zusammengearbeitet hat. Und noch mehr! Der Kerl soll angeblich mit einem Mädchen aus Kroatien verheiratet sein.
Alle Fesseln lösten sich mit Don’t Stop Runnin‘ und I’m Coming Home. Der bis dahin zurückhaltende Gitarrist John Nymann und das nordisch kühle Publikum bekamen den dringend nötigen Headbanger-Schwung. Dass das „Toben“ (für unsere Begriffe ein leichtes Wiegen) nicht zu weit ausartete, dafür sorgten zwei Ordner, die jeden Sprung als grobe Ordnungswidrigkeit einstuften. Das gefühlvolle I Believe In You ist eine besonders emotionale Reise, bei der sich unbemerkt auch die eine oder andere Träne einschleichen kann. Aus Daves Fingern klingt es schlicht atemberaubend. Eines Konzerts würdig, das dem Namen von Y&T alle Ehre macht, stand an diesem Abend auch How Long auf der Setliste. Den Übungsplatz für die Blues-Eskadrille bot I’ll Cry For You, wo Meniketti erneut einzigartige Blues-Salven perfekten Solos abfeuerte. Das im Studio zwar kurze Instrumental nutzte Dave für ein 6-minütiges Ausreizen seiner blauen Yamaha Pacifica-Gitarre. Die Messerklinge wird schlagartig stumpf, wenn die berühmten Y&T-Riffs des treibenden Forever einsetzen. Die Refrainmelodien brachten auch die bis dahin noch kühlen Kehlen zum Glühen. Zum Abschluss der erstklassigen Hard-Rock-Erfahrung mähte Open Fire wie ein Maschinengewehr nieder.
Produktionstechnisch verzichteten Y&T auf jegliche Playback-Extras. Die Darbietung war hart, sauber und durch und durch natürlich. Das eine Spur zu laut eingestellte Soundsystem stellte Menikettis Gitarre in den Vordergrund. Die Basslinien waren zeitweise kaum zu erkennen. Aber das störte nicht weiter, denn der gesamte Klangraum wird von Daves bravourösem Gibson ausgefüllt. Dave Meniketti ist Alpha und Omega – und noch den einen oder anderen griechischen Buchstaben könnte man dazufinden. Dave ist im Grunde genommen Y&T. Die anderen Jungs folgen ihm auf den Punkt. Sie schaffen gerade genug musikalisches Fundament, damit seine außergewöhnliche, vielseitige Gitarrenmagie in vollem Glanz erstrahlt. Mit dem Gesangspart hat Dave keinerlei Schwierigkeiten. Trotz der tiefen Fünfziger und der vielen Kilometer auf dem Buckel bringen ihn die höheren Vokallinien wie bei Summertime Girls nicht in Verlegenheit. Der zweieinviertelstündige Auftritt hat alle Erwartungen erfüllt. Sie haben sich durch alle Höhepunkte des reichen Diskografie-Katalogs gespielt. Wenn sie aber noch das eine oder andere Juwel aus den Siebzigern hinzugefügt hätten, würde es ihnen niemand verübeln. Die Setliste war eine der längeren auf dieser Tournee. Sie ändern sie ständig. Von Konzert zu Konzert. Genau das macht diese Tournee der Band so besonders reizvoll. Man weiß nie, was einen erwartet. Nur eines ist sicher. Die Jungs gehören zu den geerdetsten Typen im Zirkus des Rock „n“ Roll, die man heute auf Konzertbühnen antreffen kann.
Noch ein Tipp. Ihr Jungs, die ihr im nächsten Monat zu den restlichen europäischen Terminen fahrt, macht euch bloß keine Hoffnungen auf die Y&T-Merchandise-Verkäuferin, denn sie hat schon einmal ihr schicksalhaftes ‚JA‘ gehaucht!. Niemandem anderen als Dave!
Fotos: Alen Horvat
Setliste
1. Prelude 2. On With The Show 3. Don’t Wanna Lose 4. Mean Streak 5. Surrender 6. Shine On 7. If you Want me 8. Don’t Stop Runnin‘ 9. I’m Coming Home 10. I Believe In You 11. Eyes Of A Stranger 12. Black Tiger 13. Drum solo 14. Barroom Boogie 15. How Long 16. Contagious 17. I’ll Cry For You(Instrumental) 18. Blind Patriot 19. Dirty Girl 20. Summertime Girls 21. Forever —Zugabe— 22. Midnight In Tokyo 23. (From The Moon) Open Fire 24. Rescue Me
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