Australischer Casanova bestätigt: Der giftige Charme hat ihn noch nicht verlassen (2010)
Autor: Aleš Podbrežnik
Ort: Welfenhalle / Weingarten (Ravensburg) / Deutschland
Konzertdatum: 13.06.2010
Besucherzahl: 700
Kartenpreis: 35,00€ / 38,00€
Der Auftritt von Rick Springfield beim deutschen Weingarten Open Air-Festival, im Rahmen der traditionellen alljährlichen Abende namens Classic Rock Night, war eine der schönsten Überraschungen, die das diesjährige europäische Konzertjahr zu bieten hat. Natürlich spreche ich hier im Namen einer Handvoll Feinschmecker – sagen wir, jener zehn Journey-, Night Ranger-, Survivor- oder Foreigner-Fans, die Slowenien im Jahr 2010 aufzubieten hat. Wenn Kanada also Bryan Adams hat, darf Australien Rick Springfield haben! Und Slowenien? Dieses Thema fangen wir lieber nicht an.
Der australische Rocker und Frauenschwarm Rick Springfield bleibt mit 61 Jahren eben unverbesserlich. Er sieht blendend jugendlich aus – davon können Rockgrößen mit ähnlichem Jahrgang heute nur träumen. Man würde ihm auf Anhieb zwanzig Jahre weniger geben, als er macht. Weingarten, eigentlich der nördliche Teil des schmucken Städtchens Ravensburg im Südwesten Deutschlands, kurz vor dem Grenzübergang zur Schweiz, war eines von drei glücklichen Zielen, für die Rick sich entschieden hatte, dem europäischen Publikum wieder einige seiner berühmten Hits aus seinem reichen Songarchiv zu präsentieren. Nach dem Besuch in Schweden (Sweden Rock Festival) und Norwegen (Oslo) war Weingarten also der dritte und letzte Auftritt in diesem Sommer für Rick Springfield.
Es war der Tag, an dem Slowenien sein erstes Fußballspiel der Weltmeisterschaft in Südafrika bestritt. Um 13:30 Uhr saßen Bojan und ich vor dem Fernseher in einem Fast-Food-Lokal, das sich nicht groß von den Kebab-Buden in Ljubljana unterscheidet. Der Wirt und seine Mitarbeiter schauen uns wirklich merkwürdig an, als wir sagen, dass wir aus Slowenien kommen. Nicht nur, dass Slowenien gewann und dieser Sieg beide „Spinner“ beglückte. Dieser Tag sorgte gleichzeitig auch in Deutschland dafür, dass sich alle Tagesereignisse rund um die Fußball-WM drehten.
Rick Springfield ist Australier, und ausgerechnet am Tag seines Auftritts in Deutschland kreuzten die Nationalmannschaften Deutschlands und Australiens ihre 22 Beinpaare. Der Auftritt von Rick Springfield war deshalb bereits für 18:30 Uhr angesetzt. Weil das Wetter nicht mitspielte, wurde der ursprünglich im Freien geplante Auftritt des Musikers in die Welfenhalle verlegt. Vor dem Eingang zum Gelände brodelte es um 17:00 Uhr bereits ordentlich. Viel los war noch nicht, aber die Leute waren angeheizt wie der Teufel selbst. Natürlich zwitscherten im Haupttross vor den verschlossenen Türen Mädels, Frauen und Damen, die sich Ricks Erscheinung noch als Teenager für alle Ewigkeit eingeprägt hatten.
Bis 17:40 Uhr hatte sich der Raum schön gefüllt. Die lokale Band Colour Rain betrat die Bühne. Die bot 35 Minuten „Genörgle“. Heutzutage erfinden sich Bands alle möglichen Tricks, um die Aufmerksamkeit irgendwie auf sich zu lenken – mit dem Anspruch, „anders“ und frisch zu sein. Aber das können sie einfach nicht rechtfertigen. Dieses Quintett ist in seiner „Philosophie“ ziemlich aufgesetzt. Und so ist auch die Musik. Der Gitarrist würde in eine Glam-Hard-Rock-Band passen, der Sänger hat sich die Attitüde einer Kombination aus Keith Richards (Rolling Stones) und Andrew Eldritch (Sisters Of Mercy) zusammengeklaubt. Daran erinnerte am deutlichsten das gequälte Gehabe auf der Bühne und die Ray-Ban-Brille. In musikalisch-expressiver Hinsicht eine ziemlich uninteressante Band. Die englischen Texte wurden undeutlich und unverständlich vorgetragen. Die Band klingt zwar riff-mäßig aufgedreht, aber mit einem stärkeren alternativen Element, das sich aus dem Post-Punk der Achtziger bediente – aus jener Zeit, als die erste Welle des „Gothic“-Einzugs in den Rock aufbrach. Der Sound war mies, aber interessant, wie die Deutschen im Nu jede Band adoptieren, solange sie nur heimisch ist. Einige laute Ovationen begrüßten die Band, die musikalisch gesehen keinerlei Revolution enthüllt.
Rick Springfield ließ uns bis 18:50 Uhr warten! Mit seinem Begleitquintett stürmte er mit einem hochenergetischen Anlauf die Bühne – was den großen Nachholbedarf des Musikers gegenüber dem europäischen Publikum deutlich widerspiegelte, das ganze zwanzig Jahre warten musste, bis er wieder auf dem Boden des alten Kontinents auftauchte. Springfield ist ein einzigartiger Entertainer. Gut 700 Leute brachte er im Handumdrehen auf die Beine. Rick verfügt auch heute noch über eine hervorragend erhaltene Stimme! Diese Stimme begleitet eine chamäleonartige Anpassungsfähigkeit an die jeweiligen Stimmungen, die der Musiker durch seine Bühnenpredigt zum Leben erwecken will. Mit der unvermeidlichen Gitarre am Leib, die ihn treu durch seine Karriere begleitet, lief er geschmeidig über die Bühne und sorgte stets dafür, dass ihm das Publikum fest auf den Fersen blieb. Mit I’ve Done Everything For You sprang die Konzertatmosphäre noch eine Stufe höher. Die weiblichen Fans drehten mit Rick durch und beherrschten dabei jeden einzelnen Vers der Refrains. Rick stürmt nach dem Ende von Affair Of The Heart von der Bühne, greift sich einen Strauß weißer Rosen und klettert wieder hinauf. Im Outro desselben Songs schlägt er den Strauß mehrmals kräftig gegen die Gitarre, woraus er den Großteil der Blütenblätter herausschüttelt – das Gefühl ist, als würde er eine Konfetti-Salve ins Publikum feuern. Die Band reiht Hit an Hit, und schon sind wir beim phänomenalen Living In Oz. Es folgt eine kurze Pause, und Rick kündigt einen neuen Song vom letzten Album „Venus In Overdrive“ (2008) an: What’s Victoria’s Secret! Damit beweist er – besonders im ansteckenden Refrain –, dass er alle unverkennbaren Markenzeichen bewahrt hat, die seine klassischen Alben aus den goldenen Achtzigern zieren, mit denen sein Name fest ins Mausoleum der erfolgreichsten Rockkünstler einbetoniert ist. Vom neuen Album spielte er gleich vier Songs, und die fügten sich perfekt in das restliche Repertoire ein, das aus den bekanntesten Hits des Musikers bestand. Besonders kam unter den neuen Songs das atmosphärisch herausstechende I’ll Miss That Someday gut an, das einmal mehr die gelungene Integration moderner alternativer Elemente in die klassische Rock-Schablone der unverkennbaren Schule Rick Springfields bestätigte.
Den Hit Celebrate Youth, von dem du kaum sagen kannst, dass ihn irgendjemand auf dem Planeten nicht kennt, zieht die Band mit einem fett aufgedrehten, massiven Rocker-Riff rein, und der Song bekommt so beim Konzert eine völlig neue stimmungs- und ausdrucksmäßige Qualität gegenüber dem Studiooriginal. Rick nimmt sich ein paar neue Momente für sich. Er greift zur Fender Stratocaster und feuert ein Blues-Solo raus. Rick ist nämlich ein hervorragender Allround-Gitarrist, aber weil er auf der Bühne als Hauptunterhalter und Lead-Sänger gefragt ist, deckt ihn in allen anspruchsvolleren Passagen der zweite Gitarrist der Band ab. Na, dieser Part, in dem Rick ein enorm gefälliges Blues-Solo hinlegte, führte zu einem Cover des Cream-Klassikers Crossroads, mit dem die Band die Anwesenden neben einem Säckchen starker Favoriten, die sie beliebig lange aus dem Ärmel schütteln kann, definitiv überraschte.
Es folgt eine steile, mit hochspannungsgeladener Energie gefütterte Fahrt in Richtung des atmosphärischen Konzert-Höhepunkts. Als die Band Don’t Talk to Strangers losschoss, hoben die heißesten Mädels vor der Bühne ein Transparent hoch: „Rick please play Don’t Talk To Strangers!“ Wunsch erfüllt – aber es ist klar, dass wir auf das Ende des Auftritts zurasen. Hit nach Hit. Natürlich darf die obligatorische Nummer Love Somebody nicht fehlen, aber als die Band Human Touch angeht, reicht es Rick. Er nimmt erst mal zwei Mikrofone in die Hand und testet sein erstes Opfer bei der Beherrschung der Refrain-Verse. Der arme Security-Mann brachte in einem Akzent irgendwo zwischen Kromajon und Schwarzenegger kaum ein stolperndes „We a-ll ne-ed…“ heraus, Rick erkannte in seiner „Folter des unschuldigen Opfers“, dass da nichts zu holen war, und beschloss, in den Foto-Pit zu springen und sich an der Absperrung bis ganz in die erste Reihe vorzuarbeiten. Von dort streckte er das Mikrofon den aufgedrehten Mädels und all den Frauen entgegen, die gerade ihre pubertäre Ausgelassenheit neu erlebten. Natürlich zeigten die ihre Unfehlbarkeit. Rick sprang dann (was da kaum noch überraschend war) über die Absperrung und mischte sich unters Volk. Es folgt eine Komödie und echte Augenweide, als ihm zwei Security-Leute mit üppig gepolstertem Bäuchlein echter bayerischer Herkunft hinterherjagen. Der mitreißende Musiker steht plötzlich am ganz anderen Ende der Halle, direkt hinter dem Mischpult, und mit ihm schreit die ganze Halle „We All Need A Human Touch!“ Magisch! Es folgt noch ein weiterer Test der psychophysischen Kapazitäten des Sicherheitsdienstes, der sich über die Absperrung rollen muss, die das Mischpult schützt, und dann wieder zurück ins Parkett, auf der Jagd nach dem unverbesserlichen „Unruhestifter“ Springfield. Letzterer steht schließlich wieder auf der Bühne, die Dinge normalisieren sich, und unter fanatischer Begleitung des Publikums beschließt Springfield den energiegeladenen Auftritt mit Jessie’s Girl. Nach gut einer Stunde verschwindet er in der Kulisse.
Drei Minuten vergehen, und ein „topless“ Rick zeigt schamlos die Muskeln eines 60-Jährigen, während er die Anwesenden mit einem Cover von Chip Taylors Wild Thing unterhält. Aber nicht lange. Da ist noch Kristina vom Album „Succes Doesn’t Spoiled Me Yet“ (1982), bevor die Band mit Rick dem Publikum zum endgültigen Abschied winkt. Eine Stunde und zehn Minuten Konzert. Wenig. Aber dieses Manöver von Rick nach 20 Jahren ließ ahnen, dass es sich um eine Erkundungsmission handelte – ein Abtasten und Abschmecken, wie begehrt und beliebt der Musiker auf europäischem Boden noch ist. Nach dem Gesehenen ist an seiner Beliebtheit überhaupt nicht zu zweifeln. Außerdem sorgte Springfield dafür, dass das gesamte Konzert auf Kamera aufgezeichnet wurde, und das I-Tüpfelchen setzten die „Häschen“ von Ricks Fan-Club aus Deutschland, die bei weitem die meiste Euphorie über die Potenz ihres idealen Bühnen-Hengstes entfachten.
Kaum hatte sich Springfield verabschiedet, fiel der Vorhang wie im Theater. Auf der Bühne nahm im Nu eine riesige Leinwand die dominante Position ein, denn alles war bereits für das Verfolgen des Fußballspiels zwischen Australien und Deutschland vorbereitet. Obwohl Rick Australier ist, hat ihn dieses Ereignis während des Auftritts in Weingarten nicht weiter aus der Bahn geworfen.
Draußen hatte es bereits eine ganze Weile kräftig geregnet, und gut war, dass der Veranstalter das bedrohliche Gewicht der schwarzen Wolken erkannt hatte, aus denen der Regen wie am Jüngsten Tag herabprasselte, und das Konzert in die Halle verlegt hatte. Allerdings zog diese Entscheidung auch einige Konsequenzen nach sich, die nicht unbedingt willkommen waren. Der Sound war „schnell hingestellt“, es musste schnell improvisiert und das Konzert an die Hallenbedingungen angepasst werden. Ohne entsprechende zusätzliche Abstimmung der Monitore, die den Sound gefestigt und vertieft hätten. So waren wir während des gesamten Auftritts Zeugen eines dumpfen Gitarren-Sounds, und auch die Keyboards kamen als wichtiger Baustein von Springfields Musik in keiner Weise zur Geltung. Auch die mehrstimmigen Begleitharmonien zündeten nicht voll. Trotzdem war es auch durch dieses mangelhafte Sound-Bild hindurch möglich, die außerordentliche Koordination der Musiker auf der Bühne wahrzunehmen. Auch was die Ausführung der Vokalharmonien angeht. Eine perfekte Lehrstunde. Springfield bewies, dass er stimmlich-charakterlich hervorragend erhalten ist und dass seine Form – was hohe Souveränität und Vehemenz bei der Bühneneroberung angeht – trotz der Last seiner sechzig Jahre auf den Schultern nicht nachlässt. Hoffen wir nur auf die Rückkehr des Musikers im Rahmen einer eigenständigen Europatournee diesen Herbst. Vor allem aber auf eine längere Setlist. In Weingarten verließ er uns zu früh – mindestens eine halbe Stunde mehr Spielzeit hätte es noch sein dürfen.
Fotos: Bojan Horvat
Setliste
1. Mr PC 2. I’ve Done Everything For You 3. Affair of the Heart 4. Living in Oz 5. What’s Victoria’s Secret 6. Celebrate Youth 7. Venus in Overdrive 8. I’ll Miss That Someday 9. Love Is Alright Tonite 10. Crossroads (Cream cover) 11. Don’t Talk to Strangers 12. Love Somebody 13. Human Touch 14. Jessie’s Girl —Zugabe— 15. Wild Thing 16. Kristina
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