Triumphale Fahrt der Aerosmith-Barke auf der Moldau zur Prager Arena! (2010)

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Ort: 02 arena / Prag / Tschechien
Konzertdatum: 01.07.2010
Besucherzahl: 15
Kartenpreis: 65 €

Aerosmith sind zweifellos eine der einflussreichsten Bands in der Geschichte der Rockmusik, und es ist wirklich schade, dass die Herren in den letzten Jahren immer seltener auf europäischem Boden Station machen – und selbst dann ist für Fans des Bostoner Kollektivs ein Sprung weit über die Grenzen des Vaterlandes schlicht unvermeidlich. Das diesmalige Treffen mit den Legenden war umso dringlicher angesichts der täglich einprasselnden, widersprüchlichen Gerüchte über einen bevorstehenden Zerfall der Band. Ob wirklich von mangelnder Kommunikation zwischen Steven Tyler und Joe Perry die Rede war oder ob da eine besonders raffiniert gestrickte Klatschkampagne am Werk war, deren Zweck es war, die Medien zum Schwatzen zu bringen – das spielt jetzt keine Rolle mehr. Aerosmith haben beim letzten Solokonzert ihrer diesjährigen Europatournee in klassischer Besetzung die ganze Wucht und Magie gezeigt, die sich unter dem abgewetzten Federkleid des guten alten Hard Rocks verbirgt. Die Prager Schönheit 02 Arena haben sie praktisch bis in die Grundfeste erschüttert und dabei einmal mehr bewiesen, dass die Urgesteine des Rock & Roll auf der Bühne heute bestens ohne technologisch aufgemotzte Hilfsmittel auskommen, die mit der Musik selbst wie auch mit ihrer Interpretation ehrlich gesagt absolut nichts zu tun haben. Kein Visuals-Feuerwerk, keine grandiosen Bühnenkonstruktionen, keine prachtvollen Pyrokanonaden. Das Prager Konzert war ein schlichter Triumph des Inhalts über die Oberflächlichkeit, das Fundament gelegt von der herausragenden Form des legendären Bostoner Kollektivs.

Der Einstieg könnte einem zufälligen Leser schnell nach übertrieben enthusiastischem Fangeschreibsel schmecken, aber Tatsache ist: Eine so überzeugende, spontane, inspirierte und gleichzeitig routiniert souveräne Bühnendarbietung hatte selbst der optimistischste „Aero“-Verehrer nicht erwartet. Gründe, warum man ein Konzert von beachtenswertem Parodiewert hätte erwarten können (beim etwas wahrscheinlicheren Verlauf der Dinge vielleicht nur einen nostalgischen Ausflug durch die Diskografie der Band), gab es zur Genüge – vor allem wenn man sich Tylers missglückte Bühnenabenteuer in Erinnerung ruft, entstanden als Folge des Schmarotzens mit diversen Opiaten, die im Vorjahr die geplante große Amerika-Tournee mit ZZ Top böse begruben und damit in den Augen der kritischen Öffentlichkeit rasch die Frage aufwarfen, ob ein erneutes Hochfahren der Aerosmith-Maschinerie noch irgendeinen Sinn ergibt.

Doch Tyler war der Star des abendlichen Spektakels in der Arena. Steven gilt seit jeher als Musiker mit einem außergewöhnlich ausgeprägten künstlerischen Instinkt – seit er in früher Jugend in irgendeiner Bostoner Absteige Hamilton und Perry dabei beobachtete, wie sie begeistert das Skelett des Fleetwood-Mac-Favoriten „Rattlesnake Shake“ auseinandernahmen, und im naiven Enthusiasmus der beiden sofort eine Talentschmiede erkannte. Dazu ist unbedingt die Dominanz der Bühnenpräsenz des Sängers zu erwähnen sowie die Souveränität seiner Stimmführung, die Tyler mit 62 Jahren auf der Bühne noch immer freudig mit einer zauberhaften „Voodoo“-Choreografie verbindet. Die Energie des Rock-&-Roll-Urgesteins ist schlicht unglaublich – er lässt das Publikum an keinem Punkt in Gleichgültigkeit abgleiten. Ohne den kleinsten Anflug von Zögerlichkeit klettert Steven jederzeit auf die schwindelerregenden Höhen der Klassiker „Back In The Saddle“, seine Stimme navigierte souverän die schlichte, aber einfallsreich gestaltete Einleitung zu „What It Takes“, wuchs beim Blues-Klassiker „Baby Please Don’t Go“ zu einem fett aufgedrehten Vokalmonster heran und spuckte natürlich mit dem geringstmöglichen Aufwand einen schmierigen Pflichtboxenstopp bei jenem so furchtbar nervtötenden, leider aber immer noch unvermeidlichen „Armageddon“ aus. An dieser Stelle ist es völlig überflüssig zu betonen, dass das überschwängliche Schwärmen der jüngeren Besucher für diese weinerlichen Balladen – die in erster Linie wegen der Dosis an eben diesen Banalitäten zum Konzert gekommen waren – bei den anspruchsvolleren Zuhörern sichtbare Spuren von Empörung hinterließ. Das äußerte sich in finsteren Blicken Richtung der milchzähnigen Jünglinge, die unermüdlich darauf bedacht waren, dass das vehemente Gehämmer des satten Gitarrenriffings weder ihre schlichten Gehirne vernebelt noch – Gott bewahre – die sexuellen Fantasien ihrer Angebeteten aufwühlt. Wenn die nur wüssten, was sie verpassen!

Das größte Asset von Aerosmith im vollen Konzerteinsatz liegt in der Schlichtheit der Bühnenaufstellung selbst. Die bleibt im Kontext des altgedienten Rockers gefangen. Die alten Knacker geben noch immer viel auf das Pulsieren des momentanen Inspirationsfunkens, obwohl das „live“ gespielte Repertoire der Band hauptsächlich auf den schwergewichtigen Hits aus Ende der 80er und Anfang der 90er-Jahre reitet – natürlich erwartungsgemäß auch mit den „Instant“-Höhepunkten der „Get a Grip“-Ära, mit denen Aerosmith erstmals ernsthafter (und mit reichlich Erfolg) ausloteten, wie das MTV-Publikum tickt. Mit kernigem Rock-&-Roll-Feuer haben diesmal „Eat The Rich“ und „Living On The Edge“ voll aufgedreht, etwas mehr Spielraum für spontane Improvisation gönnte sich Tylers Trupp natürlich beim Aufpolieren der alten Schätze – von denen die ausgedehnte Interpretation von Tylers erster echter Liebe „Mama Kin“ am tiefsten im Gedächtnis haften blieb, mit der Brad Whitford durch einen saftigen Gitarrensolo-Erguss endlich auf sich aufmerksam machte. Brad ist aus instrumentaler Sicht zweifellos das stärkere Glied im Gitarrenduo der Band, und wenn überhaupt etwas zu bedauern war, dann einzig seine Zurückhaltung, durch die wir um die sprichwörtlich vielschichtigen Gitarrengespräche gebracht wurden. Auf der anderen Seite übernahm der sichtlich aufgelegte Joe Perry den Großteil der Last des Gitarren-Spektakels. Onkel Joe rochierte auf Flügeln der Begeisterung geschickt zwischen Riffs und (teils auch vom Gitarrenkollegen geerbten) Soli. Gelegentlich kochte seine Begeisterung über, etwa bei der entbehrlichen Anleihe „Stop Messin‘ Round“, die er mit seinem ehrlich gesagt nicht allzu vorzeigbaren Gesang in Angriff nahm.

Solche und ähnliche Dinge muss man bei Aerosmith natürlich in Kauf nehmen (ähnlich wie man bei den Stones stets bei Keith Richards‘ Vokalexperimenten ins Wanken gerät). Die Herren in Prag sind uns jedenfalls absolut nichts schuldig geblieben – ganz im Gegenteil! Aerosmith haben in zwei Stunden kein einziges Mal das Gaspedal losgelassen, und ihre Form sowie ihr Zusammenspiel erreichen ein Niveau, das jüngeren Musikergenerationen zur Mahnung und zum Vorbild gereichen kann.

Setlist

1. Love In an Elevator 2. Back In The Saddle 3. Falling in Love (Is Hard on the Knees) 4. Eat The Rich 5. Pink 6. Livin‘ on the Edge 7. What it Takes 8. Mama Kin 9. Cryin‘ 10. Rag Doll 11. Stop Messin‘ Round 12. I Don’t Want to Miss a Thing 13. Sweet Emotion 14. Baby Please Don’t Go 15. Draw The Line —Zugabe— 16. Dream On 17. walk This Way 18. Toys In The Attic

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