Das zweite MARS Festival mit Skunk Anansie an der Spitze! (2010)

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Autor: Aleš Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik

Ort: Gospodarsko razstavišče / Ljubljana / Slowenien
Konzertdatum: 26.05.2010
Besucherzahl: 2000
Kartenpreis: 29,00€ (im Vorverkauf) / 36,00€ (an der Abendkasse)

Das diesjährige MARS Festival, ein Event unter dem wachsamen Auge des Labels Dallas, erlebte heuer eine Neuauflage der Premiere aus dem Vorjahr. Auf diese Weise nimmt es langsam die Konturen einer festen Größe im slowenischen Konzertangebot an – und das ist gut so. Anders als im Vorjahr, als ausschließlich einheimische und kroatische Künstler auf der Bühne standen, hat das Festival diesmal eine neue Qualitätsstufe erklommen. Die Veranstalter haben einen größeren Namen auf der Rock-Landkarte eingeladen, eine Band, die mit ihrem Œuvre weltweit punkten kann. Skunk Anansie, die Comeback-Truppe auf dem globalen Rock-Parkett, die nach einem langen Acht-Jahre-Winterschlaf wieder zusammengefunden und sich aufgemacht haben, ihr Brot zu verdienen, waren also eine ausgezeichnete Wahl. Die Band hat kürzlich eine Sammlung ihrer größten Hits veröffentlicht, die sie erneut im Studio eingespielt haben. Darauf folgte die Comeback-Tour, deren ersten Teil die Band bereits im vergangenen November durch Europa absolviert hatte – diesmal hat die Truppe ein paar Mai-Termine vor die Serie der Festivalauftritte gequetscht, die sich durch den diesjährigen Sommer ziehen.

MLADE KUZLE: 

Doch die Zeit zwischen acht Uhr abends und ein Uhr nachts(!) stand ganz im Zeichen der Vorstellung von Künstlern, die auf die eine oder andere Weise fest mit dem Label Dallas verbunden sind. Als Erste betraten vier Mädels die Bühne. Sie nennen sich Mlade kuzle und sind die Nachfolgerinnen des Erbes der Idria-Punk-Rocker Kuzle. Letztere haben alle überrascht, als sie nach der Veröffentlichung des Albums „Še pomnite tovarišiˇ“ (2010) entschieden, nie mehr live aufzutreten. Dafür haben sie aber allen vier Mädels die vollständigen Rechte zur Nutzung und Aufführung des Materials überlassen, die so noch am helllichten Tag begannen, das spärliche Publikum aufzuwärmen, das sich mehr oder weniger in die Konzerthalle ‚verirrt‘ hatte. Der Auftritt war eine Zusammenfassung des Albums „Še pomnite tovarišiˇ“ – die Mädels hämmerten Song für Song runter, beginnend mit Moja generacija. Die herausgeputzten Teenagerinnen übernahmen den Look heutiger Alternativbands und rochen eher nach Backpulver als nach dem angeberischen Alkoholgestank punkerischer Ausschweifungen. Aber das ist eben die heutige Generation. Besser, sie spielen Rock, als dass wir schnellen Rezitationen über einem Backing-Track lauschen müssten. Man merkt den Mädels an, dass sie neu auf dem Parkett sind und die großen Bühnen noch nicht ganz im Griff haben. Sie sind sehr statisch und als Bühnenpräsenz ziemlich langweilig. Trotzdem haben die Mädels bewiesen, dass sie mutig die Schuhe der Originale anziehen und mit ihrer Kühnheit den klassischen Kanon der Legenden des Idria-Punks souverän abarbeiten.

Was den Sound betrifft, muss man kaum extra betonen, dass die Halle des Gospodarsko razstavišče der letzte Ort in Ljubljana ist, an dem man als Besucher Konzerte genießen möchte. Der Sound ist immer schlecht – geschuldet den katastrophalen Akustikbedingungen des Raums. Du kannst nur zwischen schlecht, schlechter und am schlechtesten wählen. Auch der breite schwarze Vorhang im Bühnenhintergrund konnte die Situation nicht retten. Und je leiser ein Künstler in dieser Halle spielt, desto schwerer erreicht das Klangbild von der Bühne aus die Tiefe des Saals und die Zuhörer. Als Mlade kuzle spielten, konnten ihnen anständig nur die erste Reihe und ein paar verloren umherirrende Fotografenseelen lauschen, die in diesem Moment ihre Gedanken auf alles andere konzentriert hatten als aufs Zuhören. Na ja, das reichte auch. Wie gesagt: Die meisten Besucher hatten in dieser Phase ohnehin andere ‚Prioritäten‘ im Blick.

ESKOBARS: 

Gegen neun Uhr stapfte der frisch entdeckte, gut gelaunte Alter-Rock-Haudegen Eskobars auf die Bühne. Gut gelaunt. So ist das heute. Ein bisschen Salsa reinwerfen, das ganze Ding ordentlich aufmotzen und die Pferde galoppieren lassen. Die Jungs drehen ihr Rock-n‘-Roll-Verständnis komplett in Richtung Spaß – und das rettet sie eigentlich, denn die Essenz von Rock ist Unterhaltung! Musikalisch bringen sie nichts Neues, nichts Besonderes, nichts, das die Neugier all jener befeuern würde, die anspruchsvollere musikalische Arrangements suchen. Das ist Musik der jungen Generation, für alle, die sich zum ersten Mal im Leben gegen zwei Uhr nachmittags mit einem gewaltigen Kater aufwachen. Sie verkörpern den Hedonismus und die Ausschweifungen unserer Gesellschaft. Eskobars sind für direktes Draufhauen gemacht, ohne irgendwelche Abweichungen in Richtung Verkompliziertheit. Ihr Ansatz ist klar: Schuss, Energie und Spaß! Auch wenn die Jungs verrückt nach Mädels germanischer Herkunft sind, was das freche Girls From Klagenfurt nicht versteckt, sind ihre Hüte nicht von den Beatsteaks geerbt. Na, und von der kolumbianischen Mafia auch nicht.

URBAN & 4:

Den Sprung auf ein höheres Festivalniveau brachte Damir Urban mit seiner Begleitband. Der Name Urban & 4 ist verständlicherweise fast international, doch für uns Bewohner des ehemaligen Jugoslawiens enthüllt der Hintergrund dieses Namens mehr. Damir Urban ist die heutige, grundlegend weiterentwickelte Verkörperung von allem, was dieser herausragende Musiker mit den unvergesslichen und leider längst begrabenen Rijeka-Alternativern Laufer gezeichnet hat. Dass das Festivalgeschehen ab diesem Punkt um mehrere Qualitätsstufen gestiegen ist, bezeugen nicht nur die überragenden Qualitäten des Künstlers auf der Bühne – Urban & 4 waren auch die erste Band, die den Bereich vor der Bühne wirklich füllte. Die Darbietung des Materials bestätigte, dass es im Publikum jede Menge Anhänger dieser Band gab. Die sangen die Texte des Sängers lautstark mit und gaben der Band die Energie ebenso engagiert zurück. Urban & 4 haben im vergangenen Jahr das neue, hervorragende Studiowerk „Hello!“ veröffentlicht, das den Artismus des einzigartigen kreativen Wesens Damir Urbans noch weiter vertieft hat. Sein tief bis mittel intonierter, durchdringender, suggestiver, warmer, samtiger Vokal ist heute in die gehobene Konfektion fein arrangierter Musik gekleidet, die der Perfektionismus Damir Urbans diktiert. Zweifellos steckt im Art-Rock, der seine Musik definiert, ein starker Hauch der Post-Punk-Rock-Ära der zweiten Hälfte der Achtziger, den Urban & 4 jedoch gezähmt und zu einem qualitätvollen, eigenständigen Unikat zurechtgeschneidert haben. Die stumpfe, aber hypnotisch eingefärbte Gitarrenatmosphäre, die sich durch den aufgedrehten Sustain einer einstimmig heulenden Melodie nach Art von Simple Minds windet, lässt dabei genug offenen Raum, in den sich mit melodischer Gestaltung das dynamische Pulsieren der Bassgitarre hineingräbt. Die Rhythmen sind einfach und so ausgerichtet, dass sie dich sofort in Gang bringen. Der besondere Moment des Auftritts war natürlich der Laufer-Klassiker Moja voda, bei dem es der ganzen Halle buchstäblich den Kopf weggehauen hat. Der wurde in halbkabarettistischer Inszenierung aufgeführt, mit Damir (natürlich) im Mittelpunkt und Klavierbegleitung, die wir in der ausgesprochen schlechten Klangkulisse schließlich doch noch hören konnten. Noch mehr pulsierendes Mitfiebern entlockte dem Publikum auch der Song Dio mene, und der ’schwarze charismatische Phantom‘ schloss mit seiner Crew ein inhaltlich reiches, mit hohem Ambiente gefülltes Konzert ab, nachdem die Truppe den Klassiker Astronaut vom Debütalbum „Otrovna kiša“ (1996) gespielt hatte.

DAN D: 

Dan D braucht keine besondere und ausführliche Vorstellung. Sie sind ein fest verwurzeltes Quintett des slowenischen Mainstreams. Dan D gehören zu denen, denen es gelungen ist, den alternativen Ansatz durch ihr musikalisches Rock-Verständnis so an die Slowenen heranzuführen, dass es heute kaum jemanden gibt, dem Dan D nicht gefallen. Die Massen strömen zu ihren Konzerten, und Dan D ernten heute Erfolg um Erfolg. Die Setliste haben sie auf eine Stunde und fünfzehn Minuten zugeschnitten und die Songs zu einer Art ‚Best of‘ angeordnet. Interessant war jedoch die Erkenntnis, dass Dan D nicht den gleichen Wahnsinn aus dem Publikum herausgeholt haben wie Urban & 4. Das beweist, dass auch eine treue Fanbasis von Urbans Anhängern zum MARS Festival nach Ljubljana gekommen ist, die sich beim Auftritt von Dan D eben etwas zurückgehalten hat. Hand aufs Herz: Dan D haben beim MARS Festival nur die Rolle eines Popularitätsmagneten erfüllt, der dabei helfen sollte, möglichst viele Tickets zu verkaufen. Musikalisch gehören sie schlichtweg nicht in eine Reihe mit Skunk Anansie. Kommen wir aber lieber zu ihrer Darbietung zurück. Die Jungs spielen enorm viel und sind als Bühnenkünstler phänomenal eingespielt. Tokac mit seiner unverkennbaren Stimmfarbe, die ihm in die Wiege gelegt wurde, braucht kaum viel Geplauder in den Pausen zwischen den Songs, um auf der Bühne präsent zu wirken. Der blonde Wuschelkopf mit dem melancholischen Blick hat seine Aufgabe wieder souverän erfüllt. Dan D lieferten auch den bisher besten Konzertsound des Abends. Von der Bühne konnten wir sogar die Keyboards hören. In den Händen von Dan D wäre es allerdings deutlich aufregender gewesen, ein Cover eines anderen slowenischen Künstlers zu hören als ausgerechnet Niet. Zum Beispiel das der Paten des slowenischen Metals, Lene kosti! Etwas mehr adrenalinhaltiges Konzertfieber hätte der ohnehin sehr statischen Bühnenpräsenz der Band mehr als gutgetan.

SKUNK ANANSIE: 

Auf Skunk Anansie haben wir so bis ein Uhr zehn morgens gewartet. Aber die Uhrzeit war egal. Fast das gesamte Publikum hat sich schließlich doch in die Halle geschoben. Rund 2000 Köpfe. In den ersten Reihen schrien vor allem die ‚Mädels‘ delirisch und unkontrolliert. Vorne war es wirklich wild. Aber alternative Rocker wären ohne Sängerin Skin gar nichts. Das ist eine außergewöhnliche Sängerin, die das Beste geerbt hat, was eine Stimme erben kann, wenn du sie in Rock-Musik stellst. Wenn Whitney Houston eine Punkerin wäre, würde sie Skunk Anansie hören. Aber Skin ist obendrein noch eine vollkommen ausgeflippte Bühnenkrake, die kaum stillhalten kann. Sie zerreißt sich auf der Bühne in Fetzen. Die Frau knurrt rasend, tobt herum und wirkt mit ihrer unglaublich dehnbaren Mimik manchmal wie ein echter kleiner Vampir, der hergekommen ist, um Blut zu saugen. Stechende Blicke mit weit aufgerissenen Augen, lauern mit fletschendem Gebiss. An den Ohren der Bandkollegen knabbern. All das ist ein eingespielter und einstudierter Teil des Konzerttheaters, mit dem Skunk Anansie die Menge im Nu dazu bringen, ihnen bedingungslos aus der Hand zu fressen.

Das Quartett walzte eigentlich ohne viel Gerede ans Publikum von Song zu Song, manchmal hatte man aber das Gefühl, man würde wegen der außergewöhnlichen Charisma der Sängerin und ihres autoritären und dominanten Gesangs den Namen Skunk Anansie in „Skin & 3“ umbenennen wollen. Explosivität. Das ist die Adresse des ständigen Wohnsitzes von Sängerin Skin, bürgerlich Deborah Dyer!

Das Publikum hat bewiesen, dass es Skunk Anansie in den Jahren der Pause nicht vergessen hat, und unterstützte die Band besonders im Bereich direkt vor der Bühne und 10 Meter in die Tiefe fanatisch mit Schreien sowie dem lauten Mitsingen der Texte. Die Band, die demnächst ein neues Studioalbum veröffentlichen soll, hat auf „Smashes And Thrashes“, das der Tour namens „The Gratest Hits Tour“ den Sinn gab, auch drei völlig neue Songs dieser Ausgabe aufgenommen. Von diesen konnten wir im Paket der größten Hits beim Konzert in Ljubljana im Anfangsteil Because Of You lauschen und (etwas unerwartet im Encore) Squander.

Bei der außergewöhnlichen Bühnenpräsenz von Skunk Anansie, deren bloße Überzeugungskraft bei der Darbietung noch durch eine spektakuläre Bühnenbeleuchtungsshow und das Spiel der Scheinwerfer vertieft wurde, hat die Band auf der anderen Seite weniger glücklich das Wesentliche kaschiert: dass sie nur zum Kassieren hergekommen war. Den regulären Teil schloss sie nach gerade mal einer Stunde Auftritt ab. Danach brachte Skin ein paar Sätze heraus, die nach nichts anderem rochen als nach gefühllosem Erschleichen der Gunst der Massen. „Wir mögen eure Stadt sehr“ und ähnliche Floskeln klingen wirklich schon schal. Zumal angesichts der höchstwahrscheinlichen Tatsache, dass Skunk Anansie schon am nächsten Tag nicht mehr wussten, was Slowenien ist, wo es liegt und welches seine Hauptstadt ist. Das Konzert schloss die Band trotzdem äußerst kraftvoll ab. Das gelang ihr mühelos, denn bei solcher Form, Kraft und solchem Charme, den der Gesang von Sängerin Skin besitzt, muss wirklich niemand fürchten, das Publikum nicht auf seine Seite zu ziehen. Im gefühlvoll hingebungsvollen Secretly hat Sängerin Skin mit Vehemenz die spektakuläre Gesangsdarbietung abgerundet, die trotz des kurzen und routinierten Auftritts,  kaum jemanden in der Halle gleichgültig ließ. Eine Stunde und zwanzig Minuten – dann war das Feiern mit Skunk Anansie vorbei.

So endete der erste Tag der zweitägigen MARS Festival 2010-Tournee. Am nächsten Tag folgte eine Rekapitulation des Events in Kroatien (Zagreb). Das Event war ein Erfolg. Einige Kritikpunkte treffen einzig die akustischen Eigenschaften des Veranstaltungsorts. Aber die Križanke, die dafür ideal wären, hat der mit Heroin-Chic durchtränkte Yuppie-Held Maksim Mrvica belegt. Na dann – nächstes Jahr wieder Križanke für MARS. Wir werden uns gedulden. In der Hoffnung, dass das Festival sein Angebot bis zum nächsten Jahr noch eine Stufe höher schraubt.

Fotos: Aleš Podbrežnik

Setliste

DAN D: 1. Čakamo 2 Rožice 3. Počasi 4. Barve 5. Roke 6. Love Song 7. Sun Sun 8. Lep dan za smrt 9. Sirenia 10. Jutranja 11. Voda 12. Plešeš 13. Moj problem 14. Čas SKUNK ANANSIE: 1. Intro (Yes, It’s F*cking Political) 2. Selling Jesus 3. Charlie Big Potato 4. Because of You 5. Charity 6. 100 Ways to Be a Good Girl 7. I Can Dream 8. I Don’t Want To Kill You 9. Weak 10. Brazen (Weep) 11. Twisted (Everyday Hurts) 12. Cheap Honesty 13. On My Hotel TV 14. Tear The Place Up 15. The Skank Heads —Zugabe I.— 16. Hedonism (Just Because You Feel Good) 17. Squander 18. Little Baby Swastikkka —Zugabe II.— 19. Secretly

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