Im aufgedrehten Genre-Mixer des ersten „Halbfinals“ des Epic RockLine Contest! (2010)
Ort: Rock Cafe / Postojna / Slowenien
Konzertdatum: 14.04.2010
Besucherzahl: 0
Eintrittspreis: freier Eintritt
Der Epic RockLine Contest rutschte letzten Donnerstag in die zweite Phase, in eine Art Quarantäne vor dem großen Finale, das die Konkurrenz von überflüssigem Ballast und Unkraut — sprich zweitklassigen Musikern mit einem Talent und musikalischen Gehör, das dem rhythmisch-gymnasischen Können von Stevie Wonder ähnelt — befreien soll. Spaß beiseite. Stevie hatte diesmal wirklich keine Zeit, dafür sorgten Taking Over Mars, Bwase nwge und Spleen mit ihrem Können, ihrer ganz eigenen Interpretation des Musikerlebens und vor allem ihrer Entschlossenheit für ordentlich gute Stimmung. Der erste „Halbfinal“-Abend des Wettbewerbs bot so reichlich Funken beim frontalen Zusammenprall bunter Genre-Karosserien.
Taking Over Mars stürzten sich schnell und ohne den leisesten Hauch von Zögern ins gnadenlose Schreddern der konventionellen Punkrock-Karosserie, die in akkordisch diktierten Attacken diesmal mit etwas mehr willkommenem Spontanitätspuls in der eigentlichen Darbietung aufwartete. Die Jungs aus Kranj lieferten erwartungsgemäß das Grundgerüst des Punk Rock, das durch Salven einstimmigen Gitarren-Massakrierens und flüchtiger, aber an den richtigen Stellen platzierter Backing-Vocals definiert bleibt — mit einem stark hervorgehobenen therapeutischen Effekt für Ohren, die hauptsächlich eine greifbare, aber — Hand aufs Herz — reichlich überzuckerte Melodie gewohnt sind. Erwähnenswert ist die erfreuliche Tatsache, dass die Jungs trotz all dem Klischeegehabe der Punkrock-Kultur hin und wieder auch für die eine oder andere willkommene klangliche Adaption empfänglich sind. Diese fanden sie diesmal im Trompetensound, der zwar keine sündhaft guten Momente hervorbrachte, die genannten aber wirkungsvoll mit tanzkörperlich orientiertem Ska-Rhythmus schmierte. Ein großes Plus für die Jungs! Die Bestätigung der Eingespieltheit und Topform der Band blieb nicht aus, und der knappe dreiviertelstündige Auftritt verging bei stramm aufgedrehtem Tempo wie im Flug. Noch schneller, vor allem aber mit deutlich mehr Fantasie und Gespür für Innovatives zogen Bwase Nwge davon. Die Barfüßler bestätigten damit einmal mehr ihren Ruf als Nonkonformisten und wiederholten die Übung von vor knapp drei Monaten, als sie die Konkurrenz entgegen allen Gesetzen des gesunden Menschenverstands professorenhaft durch das Ausspucken einer mindestens ebenso giftigen wie auch einzigartigen Interpretation von Rock & Roll abfertigten. Nevija bleibt die zentrale Figur der Band, besonders wenn sie mit leicht entrücktem Blick die rohe orale Degustation der ursprünglichen Paarungsrufe des sträflich vernachlässigten Neandertalers anführt. Das Hämmern des Urinstinkts ins Bewusstsein hat Bwase Nwge einmal mehr auf eine stürmische musikalische Safari geführt, deren Höhepunkte ohne fantasiemäßige — man könnte auch sagen: moralische — Grenzen im Grunde aus der 2008 aufgenommenen Demo-Aufnahme übernommen wurden (RockLine-Rezension hier). Mit dem Fortschreiten des Abends ins letzte Drittel kreuzten dann noch Spleen unseren Weg, deren gut eingespieltes Bühnenspiel diesem wohl genremäßig abwechslungsreichsten aller „Halbfinals“ das i-Tüpfelchen aufsetzte. Erwartungsgemäß erwiesen sich Spleen als die glaubwürdigsten Vollstrecker des donnerstäglichen Konzertabends, da sie eine gewisse schrittweise Weiterentwicklung der Bühnenpräsentation in ihrem ganz eigenen Stil rechtfertigten — durch das Zusammenfließen verschiedener rockig orientierter Subgenre-Nuancen in eine greifbare Textur gut hörbaren Rocks. Den Ton für das gesamte Geschehen setzt der selbstbewusste Frauengesang, der die unbestrittene Autorität der Band bleibt und verständlicherweise auch der Hauptdirigent des Ausweichens vor dem Schubladendenken der Bösewichte — die bei Spleen dennoch schnell einen gemeinsamen Nenner finden werden, nämlich in der Rubrik des vorhersehbaren Alternativrock-Lärms, gehüllt in einen Hauch Gothic-Ambiente mit einer Prise versteckter Melancholie. Klingt kompliziert, ist es aber bei weitem nicht. Spleen sind im Grunde ein ziemlich einfach gestrickter Organismus, natürlich mit exzellent eingespielten Gitarren-Riff-Gesten und einer ausreichend flexiblen Rhythmussektion. Auf jeden Fall ein unvergessliches musikalisches Erlebnis.
Der erste fachgerecht durchgeführte proktologische Eingriff des Wettbewerbs liegt damit hinter uns. Den Sieg hat am Ende Spleen davongetragen, die schon fröhlich Richtung großes Finale am 8. Mai winken! Zum Abschluss gebührt selbstverständlich auch ihren Kollegen Taking Over Mars sowie den einzigartigen barfüßigen Verrückten aus Ilirska Bistrica ein Lob — für ihre unnachgiebige Haltung, die den Glauben an den Charakter und die Kreativität des voralpenländischen Szenegeschehens aufrechterhält.
Fotos: Mojca Perdih
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