Stahlbataillone auf neuem Kreuzzug (2010)

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Autor: Aleš Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik

Ort: Theaterfabrik / München / Deutschland
Konzertdatum: 14.03.2010
Besucher: 1100
Kartenpreis: 32,00€

Saxon sind halt Saxon. Ihr eisernes Repertoire der Achtziger ist nun mal reich und umfangreich. Dieses Jahr jährt es sich zum genau 30. Mal, seit die Band die Alben „Wheels Of Steel“ (1980) und „Strong Arm Of The Law“ (1980) veröffentlichte. Saxon, die gegen Ende der Achtziger endgültig „platzten“ und sich vom Stadion-Giganten in eine mittelgroße Clubband verwandelten, die mühelos eine Halle mit 1000 bis 1500 Besuchern füllt, haben sich vor allem dank der fanatischen Treue des deutschen Publikums ihr Überleben und ihren Platz am Rockhorizont gesichert. Saxon, die wir vor gut einem Jahr endlich wieder in Slowenien begrüßen konnten (nach dem Besuch von Kobjeglava 1995 und Ljubljana 1983), spielen jedes Jahr und hören einfach nicht auf zu touren. Sie leben für den Rock, was sie nicht nur in einem, sondern in einer ganzen Reihe ihrer Songs besingen. Die frischen Europakonzerte, die sie zu einer weiteren, wenn auch kürzeren Europatournee namens „Battalions Of Steel“ zusammengeschnürt haben, brachten sie diesmal nicht näher als bis nach München.

Es war ein Sonntag, mit einem frischen, aber bissig kalten Wind, der uns am Theaterfabrik mit rund 1200 Stehplätzen äußerst unfreundlich empfing. Das Theaterfabrik, das praktisch zum Kulturgelände Kunstpark Ost gehört, öffnete seine Türen um 18.30 Uhr. Bis dahin haben wir wild herumgetrödelt und sind umhergeirrt, da es in der Umgebung keinen einzigen Ort gibt, wo man sich an einem Sonntagnachmittag irgendwo aufwärmen (oder die Zeit anderweitig halbwegs menschenwürdig) hätte vertreiben können. Naja, die Einheimischen müssen sich keine Sorgen machen. Die sitzen gemütlich zu Hause im Warmen, mit Tickets, die sie schon im Oktober 2009 gekauft haben, und warten, bis es 20.00 Uhr ist, um dann geschlossen ins Venue einzumarschieren. Saxon haben zwar letztes Jahr das Album „Into The Labyrinth“ veröffentlicht, die Konzertpromotion dazu haben sie aber mehr oder weniger abgeschlossen, ungeachtet des Tournamens. In die Setlist haben sie bereits mehrere Klassiker zurückgebracht, woraus man schließen kann, dass sie im weiteren Verlauf des Jahres 2010 weiterhin Songs aus der Zeit nach 1990 aus dem Repertoire werfen und durch Klassiker ersetzen werden. Diese Tournee hätte eigentlich schon im Oktober letzten Jahres stattfinden sollen, doch die Jungs schafften es nur, einen Teil der Herbst-2009-Tournee mit Terminen ausschließlich in Großbritannien zu spielen. Der Grund für die Absage des Festlandteils der Tournee war die Erkrankung von Sänger Biff Byford (Halsentzündung).

Als Vorband haben sie diesmal einen weniger glücklichen Namen gewählt. Big Ball. Ein Quartett, das AC/DC kopiert, schon vom Namen her, den sich diese potenten Deutschen verpasst haben. 35 Minuten Aufwärmen im Gewand von Rock-’n‘-Roll-Dreck, belastet mit dem Erbe von AC/DC und mit einem Gesang, der eher an Accept der Achtziger erinnerte als an Brian Johnson, haben das ansonsten alles gewohnte deutsche Publikum dennoch unterhalten können. Aber wenn man an all die Originale denkt, hat man rein gar nichts verpasst, wenn man sich während des Auftritts einer solchen Band ins Hinterfeld zurückzieht, dafür sorgt, dass die Gehörgänge unversehrt bleiben, und dabei beim Plaudern ein Bier zischt. Eine halbe Stunde „gefressene“ Zeit also.

Um 21.00 Uhr betreten die Legenden die Bühne. Die Uhrzeit war erfreulich „früh“ für einen Headliner. Besser hätte es nicht sein können, denn das bedeutete, dass wir zwischen drei und vier Uhr morgens schon in Ljubljana wären! Mann, es hat noch gar nicht angefangen und ich denk schon ans Ende. Was für ein Fan ich bin! Der Konzertbeginn war erwartungsgemäß. Drei rollende Zerstörer, von denen nur der neueste Live To Rock („Into The Labyrinth“, 2009) den Besuchern das „Atmen“ ließ, brachten Saxon-Standard auf die Bühne. Standard, der sie das letzte Jahrzehnt begleitet. Gute zehn Jahre. Was red ich da. Mindestens die letzten 15 Jahre. Das mehr als ausdauernde Gitarristen-Duo Paul Quinn und Doug Scarrat, dazu Schlagzeuger Nigel Glockler und natürlich die erste und einzige unersetzliche Saxon-Figur – Vocalist Biff Byford!

Hab ich jemanden vergessen? Zum Teufel! Am Bass hätte Nibbs Carter stehen sollen. Aber der Typ war nicht auf der Bühne. Wegen familiärer Verpflichtungen (seine Frau ist krank) musste er die Tournee auslassen. Und wer findet sich auf der Bassisten-Position? Für Nichtkenner ein weniger bekannter oder völlig unbekannter Name, für Heavy-Metal-Fans hingegen nicht. Der dänische Musiker Yenz Leonhardt, dem auch der liebevolle Spitzname „Yenz Cheyenne“ anhaftet. Der Typ ist ständig vollbeschäftigt. Er spielt als Bassist gleich in drei Bands gleichzeitig. Iron Savior, Stormwarrior und Savage Circus. Außerdem hilft er den Italienern von Lacrimosa auf Tourneen aus und hat die Basssaiten bei den melodischen Rockern Kingdom Come gezupft. Ich sollte auch erwähnen, dass besagter Yenz Sänger und Bassist der dänischen Band Brats war, die sich später, nach Yenz‘ Abgang, zu Mercyful Fate entwickelte, und Yenz‘ Nachfolger wurde dort kein Geringerer als der hocherhabene King Diamond himself. Es handelt sich also um einen Mann mit großer Erfahrung. Er betrat also die Bühne als Ersatz für Nibbs Carter!

Saxon haben auch die „Solid Ball Of Rock“ (1991)-Klassiker Requiem (We Will Remember) in die Setlist zurückgebracht, die Biff dem Gitarristen Mick Cocks von der australischen Rock-’n‘-Roll-Truppe Rose Tattoo gewidmet hat. Dieser ist Ende Dezember 2009 tragisch an Leberkrebs verstorben. Durch diesen Song hindurch klang das Gitarrenduo weiterhin unausgewogen, und die melodischen einstimmigen Linien des Leitmotivs wurden schlicht von Quinns Riff überdeckt. Der Sound wurde zwar später etwas verbessert, aber Saxon sind immer laut. Je kleiner der Ort, an dem sie spielen, desto mehr „walzt“ dich die Lautstärke mit dem Bulldozer platt. Deshalb ist es bei Saxon-Konzerten besser (außer man ist auf einem Festivalgelände oder in einer Halle, die mehrere tausend Leute fasst), sich immer von der Bühne weg in die Mitte zu stellen, wo das Klangbild normalerweise gut ist und die Instrumente ausgewogen klingen (den Gesang eingeschlossen). Und auch diesmal war es so. Biff ist ein alter Fuchs, den so schnell nichts aus der Ruhe bringt. Er ist ein ausgezeichneter Darsteller und ein geschickter Aufschneider. Im Nu bringt er das Publikum dazu, ihm aus der Hand zu fressen. Dabei bleibt seine Stimme noch immer sehr gut erhalten und der Gesang überzeugend. Etwas zusätzlichen „Schub“ holt er sich, wie immer, Biff vom Mischpult, aber das sind keine playback-unterlegten höheren Register. Nur ein betonter Halleffekt.

Biff zeigte seine Gerissenheit auch mit einer Lektion für Bassist Yenz. Der „Neuling“, der sich schnell in die Rolle des Saxon-Bassisten hineinversetzen musste, eröffnete auf Biffs Anweisung die Klassiker Strong Arm Of The Law. Das war der einzige Moment, in dem die Band ihn in die Bühnenmitte ließ. Ansonsten musste er brav auf der äußerst rechten Position (aus Sicht von der Bühne Richtung Publikum) den Bass spielen. Spieltechnisch hat er absolut nicht versagt. Fett aufgedrehter Sound, Pflücken und Graben mit dem Plektrum am Bass, und die Sache war insgesamt zufriedenstellend! Als Biff ihn dem Publikum zum ersten Mal vorstellte, wollte Yenz einen „Kommentar“ zum Alter des Heavy Metal zurückgeben. Und was macht der mit allen Wassern gewaschene Biff? Offensichtlich darf bei Saxon nur Biff das Wort ergreifen, wenn die Band auf der Bühne steht. In dem Moment, als Yenz den Mund aufmachte, um etwas in sein Mikrofon zu sagen, übertönte ihn Biff über den Hauptmonitor mit der lauten Bemerkung: „Yeah! We’ve heard this one last night!“ Letzte Nacht? Biff, wen willst du verarschen? Der Auftritt in München ist euer erster auf dieser Tournee. Also „schlafende Löwen soll man nicht wecken“ war die Moral der Geschichte, und natürlich: „Befolge nur die Befehle, die dir gegeben wurden, und nichts mehr, klar?“ Das ist halt die Saxon-Diktatur.

Das Publikum hat die Refrains lückenlos mitgesungen. Saxon sind halt in Deutschland zuhause und das Publikum kann und will sie hier nicht enttäuschen. Auch diesmal war die Energie außergewöhnlich, dank der deutschen bedingungslosen Treue, die nichts erschüttern oder untergraben kann. Saxon werden hier nach wie vor sehr geschätzt!

Die Band beruhigte nach ordentlichem Krawall durch das neuere Witchfinder General und Metalhead die Lage mit der hervorragend gespielten Klassiker The Eagle Has Landed, und drehte dann dem Publikum mit einem Medley aus Warrior vom Debüt 1979, dann Battle Cry („Rock The Nations“, 1986), in das sie noch das „Lionheart“-Stück Man And Machine „einwickelten“, ordentlich die Ohren voll. Von da an waren wir mit der Band ausschließlich in der ersten Hälfte der Achtziger! Besonders begeistert hat Sixth Form Girls aus dem Album „Strong Arm Of The Law“ (1980), das die Band nach wirklich langer, langer Zeit  – Jahrzehnten – wieder in die Setlist zurückgebracht hat.

Die Abfolge „schnell – ruhig“ ist bei Saxon schon fast Standard. Auch diesmal folgten die Songs im Repertoire so aufeinander. 20.000 Feet, das problemlos die Eröffnungsposition von Heavy Metal Thunder übernehmen könnte, folgte einer der heiligsten Saxon-Hymnen Broken Heroes („Innocence Is No Excuse“, 1985) – ein Song, der für sich allein den Höhepunkt eines Saxon-Konzerts darstellt, während der Rest der Setlist bis zum Konzertende erwartungsgemäß in strikter Reihenfolge „must hear“-Klassiker aneinanderreihte.

Bei so vielen Kilometern auf dem Buckel ist nichts anderes als eine großartige Leistung zu erwarten. Yenz hat die Rolle von Nibbs zwar gut ausgefüllt, aber eine Saxon-Show mit dem energiegeladenen, völlig versunkenen rothaarigen Bassisten, der wild mit dem Kopf herumschleudert, während er zwischen Mikrofon und dem Podest beim Schlagzeug hin und her rennt, ist doch eine ganz andere Geschichte. Saxon wirkten also auf der Bühne etwas hölzerner und steifer als sonst. Aber „Quinney“ gönnte sich ein paar Verrücktheiten. Während des Solos in Princess Of The Night stellte er sich über einen am Bühnenrand montierten Scheinwerfer und ritt ihn buchstäblich, während er solierte. Im Vergleich zu Scarrat diesmal der deutlich agilere der beiden Gitarristen. Scarrat bekam seinen Soloauftritt in der Einleitung zu Wheels Of Steel, also der üblichen Praxis entsprechend, wo er ein paar extra Schweißtropfen vergoss. Saxon zünden noch heute am meisten bei den Klassikern aus den Achtzigern, und am schönsten schneiden gerade die mittelschnellen Songs mit kompakt herausgearbeiteten, simplen, aber saftig vollen Gitarrenlicks, wie es die goldene Regel bei The Eagle Has Landed, Broken Heroes, 747 (Strangers In The Night) und natürlich Crusader ist.

Saxon können kaum einen Fehler machen. Sie haben so viel Erfahrung und Routine, dass sie auch Fehler mit Leichtigkeit kaschieren. Als wäre nichts gewesen. Auch diesmal haben sie souverän ihren Job erledigt und mal wieder eine Show in München mit links abgeliefert. Saxon rocken mit großen Gesten auch nach mehr als 30 Jahren Bestehen, und dabei wird sie offensichtlich nichts stoppen. Das hat die Band nicht nur mit ihrem erneuten Auftritt in München unter Beweis gestellt, sondern die Unsterblichkeit der Band bestätigte bei einem der Konzerthöhepunkte auch Sänger Biff, als er den Marsch der Band zum diesjährigen Festival Bang Your Head!!!, am 15.07.2010 in Balingen ankündigte, wo Saxon wieder ihren alten Kumpel, den „beleuchteten“ Wheels Of Steel-Adler, mitschleppen werden. Die Legenden der New Wave of British Heavy Metal mahlen, klirren und scheppern also nach wie vor unaufhaltsam mit ihrem Kreuzzugs-Stahl und den Klingen der scharfen Spitzen. Sie bleiben eine klassische Heavy-Metal-Attraktion. Ein Moment der Nostalgie der goldenen Zeiten, als Heavy Metal noch taufrisch und jung war. Ihre Mission erfüllen sie auch nach drei Jahrzehnten makellos.

Fotos: Aleš Podbrežnik

Setliste

1. Heavy Metal Thunder 2. Live To Rock 3. Motorcycle Man 4. Requiem (We Will Remember) 5. Witchfinder General 6. Metalhead 7. The Eagle Has Landed 8. Medley: – Warrior – Battle Cry – Man And Machine (ends with Battle Cry) 9. Sixth Form Girls 10. Strong Arm Of The Law 11. Broken Heroes 12. 20.000 Feet 13. 747 (Strangers In The Night) 14. Princess Of The Night —Zugabe 1.— 15. Wheels Of Steel —Zugabe 2.— 16. Crusader 17. Denim And Leather

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