Märchenhafte Auftritte von Uriah Heep und Manfred Mann’s Earthband in Salzburg (2009)

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Autor: Aleš Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik

Ort: Gusswerk / Salzburg / Österreich
Konzertdatum: 19.12.2009
Besucherzahl: 1000
Kartenpreis: 44,00€

Ein Quartett eingefleischter Musikenthusiasten machte sich diesmal Richtung Mozartstadt auf, wo ein waschechtes vorweihnachtliches Konzertspektakel zweier legendärer Bands aus jener Zeit wartete, als Rock noch jung war und fast ausnahmslos mit Herz und Seele gespielt und komponiert wurde. In der Geburtsstadt des berühmten Komponisten, die sich zugleich einer reichen Tradition an Salzbergwerken und Brauereien rühmt, gaben sich nämlich auf einer gemeinsamen Tournee, bei der sie die Bühne gleichberechtigt teilen, die hartgesottenen Rock-Recken Uriah Heep und die Meister des melodisch verankerten Prog Rocks Manfred Mann’s Earthband die Ehre – Grund genug dafür, dass sich vor dem Konzertbeginn rund um die Halle Gusswerk, einst eine Glockengießerei, eine beachtliche Anzahl unserer Landsleute versammelte, die sich entschieden hatten, den Samstag lieber beim Konzertfeiern zu verbringen als vor dem Fernseher, mit einem Berg Popcorn und den Klängen der Wiener Sängerknaben. Das lebhafte Vorkonzertgeschehen war geprägt vom Soundcheck beider Bands, einem kurzen Interview mit dem legendären Manfred Mann’s Earthband-Gitarristen Mick Rogers und der Überreichung einer Flasche slowenischen Weins an den nicht minder berühmten Uriah Heep-Gitarristen Mick Box – so warteten wir in bester Stimmung auf den Konzertbeginn.

Vor den Auftritten beider Konzerthighlights mussten wir uns leider erst durch einen qualvollen und in jeder Hinsicht missglückten Auftritt der weitgehend unbekannten deutschen Glam/Pop-Rock-Truppe Micky Monroe kämpfen. Ihre Bühnendarbietung war mit einer gehäuften Portion überflüssiger Poserei und Kitsch gewürzt. Die gesamte Band wirkte völlig unzusammengespielt und wie ein notdürftig zusammengeflicktes, missglücktes Experiment von Dr. Frankenstein – es hatte mehrmals den Anschein, als wären alle Mitglieder gewaltsam aus allen Himmelsrichtungen zusammengewürfelt worden und besäßen dementsprechend völlig unvereinbare musikalische Hintergründe. Bandleader Micky Monroe „glänzte“ neben seiner kitschigen Frisur vor allem durch äußerst schwache stimmliche Leistungen, während der Bassist sich zweifellos besser schlagen würde, wenn er sein Brot bei 50 Cent oder irgendeiner anderen Reinkarnation von 2 Pac Shakur verdienen würde.

Am negativsten überraschte allerdings der Gitarrist, der außer völlig schulbuchmäßigem Skalengehechel nichts aus sich herausholte und seinen Auftritt beim Auf-und-Ab-Wandern am Gitarrenhals mit einer Flut an Poser-Gesten begleitete, bei denen selbst Steve Vai und Yngwie Malmsteen – also jene beiden Gitarrenvirtualosen, die er mit Technik und Moves erfolglos zu imitieren versuchte – rot anlaufen würden. Bei der letzten Nummer blieb seine Gitarre nach einem plötzlichen Knall in der Tonanlage stromlos, woraufhin er völlig verloren wirkte und hilflos über die Bühne zu schlendern begann – er hätte fast schon Mitleid erregt. Die Aufmerksamkeit des männlichen Publikumsteils zog in beträchtlichem Maße eine recht hübsche dunkelhaarige Co-Sängerin auf sich (ihr Oberteil hatte sie irgendwo am Kleiderständer vergessen), die aber wirklich nur zur Dekoration da war, denn ihr Mitgrölen in den Refrains erinnerte eher an Miauen als an Gesang. Zur eventuellen Stimmungsaufbesserung trugen auch ihre „erotischen“ Tanzbewegungen nichts bei – und es wäre wohl auch kein bisschen besser geworden, hätte sie einen Striptease hingelegt. Die größte Ironie dieser „Frankensteinschen“ Band lag in der nackten Tatsache, dass sie mit aller Gewalt eine mit Erotik aufgeladene Atmosphäre erzeugen wollten, obwohl ihr musikalisches Angebot vollkommen kastriert wirkte.

Irgendwie überlebten wir den eröffnenden Konzertsuizid, der wenn nichts anderes zumindest einige äußerst ergiebige Lachsalven auslöste – und schon war es Zeit für den Auftritt des Ersten der beiden Rock-Giganten des Abends. Uriah Heep spielen trotz des 40-jährigen Bandjubiläums und des ehrwürdigen Alters aller Mitglieder – mit möglicher Ausnahme des Jüngsten, Schlagzeuger Russell Gilbrook – nach wie vor mit unverminderter Bühnenenergie und dem Willen, alle treuen Fans in Hochstimmung zu versetzen. An diesem Abend hatten die Heepsters nicht nur einen fantastischen Sound, sie waren auch in ausgezeichneter Stimmung – wozu zweifellos die Tatsache beitrug, dass dies ihr letzter Auftritt dieser Tournee war und damit Grund genug, sich besonders ins Zeug zu legen. Die begeisternde Darbietung wurde auch durch die beiden anfänglichen „Zwischenfälle“ nicht getrübt, die sich in dem Moment ereigneten, als die Bandmitglieder die Bühne betraten. Jemand aus dem Publikum hatte nämlich eine aufgeblasene Sado-Maso-Puppe mit der Aufschrift „für Mick“ vor Micks Mikrofon gestellt. Letzterer reagierte auf diese Provokation in seinem typisch gelassenen Stil – auf scherzhafte, selbstironische Weise –, woraufhin das Roadie-Team die groteske Puppe ohne viel Aufhebens von der Bühne trug. Dann gab es noch eine kleine Panne mit der Tonanlage, was den Konzertbeginn um etwa fünf Minuten verzögerte.

Das Problem war schnell behoben. Mick entschuldigte sich für die entstandene Verzögerung, und die Heepsters bekamen endlich die Gelegenheit, mit dem halsbrecherischen Hardrock-Kracher „Wake The Sleeper“, dem Eröffnungssong des gleichnamigen aktuellen Studioalbums, so richtig loszulegen. Diesmal spielten sie davon nur drei Songs – ganz im Gegensatz zur letztjährigen Tournee, als sie das neue Album komplett durchspielten. Stimm-Garant Bernie Shaw liefert bei jedem Auftritt mindestens exzellente Gesangsleistungen ab, doch diesmal war er besonders aufgelegt und überraschte mit einigen weiteren und höheren Ausflügen seiner Stimmbänder (etwa bei „Sunrise“ und „Gypsy“), während seine unverzichtbare Bühnenpräsenz zusammen mit Micks gewohnten „schamanischen“ Gesten wesentlich zur ausgelassenen Stimmung beitrug, die den bis auf den letzten Platz gefüllten Saal beherrschte.

Große Überraschungen in Bezug auf die Songauswahl gab es diesmal keine – das war aber auch nicht wirklich zu erwarten, denn Heep halten sich von Tournee zu Tournee mehr oder weniger an dieselbe Setlist. Neben dem brandneuen „Only Human“, mit dem sie die neueste Veröffentlichung „Celebration“ vorstellten, dominierten langjährige Klassiker. Nach langer Zeit tauchten im Klassiker-Reigen wieder „Return to Fantasy“ und „Free ’n‘ Easy“ auf. Letzteren kündigte Mick wie üblich als einen der ersten Metal-Songs an, der 1977 erstmals auf dem Kultalbum „Innocent Victim“ erschienen war. Hier bekam Mick die Gelegenheit, die einleitenden „vermetallten“ Gitarrenriffs abzufeuern, die das Herzstück des Songs bilden, der in einer Ära entstand, als die Heepsters mit Disco und Pop geflirtet hatten.

Ansonsten begeisterte Mick wie immer vor allem mit seinen charakteristischen Wah-Wah-Soli, bei denen sich der Gitarren-„Schamane“ erneut eine ordentliche Portion spiritueller Gesten gönnte. Begeisterten Applaus löste auch die rührende Ballade „Rain“ aus, die ebenfalls nicht allzu oft auf ihrer Konzert-Setlist auftaucht. Damit ersetzten sie „The Wizard“, das sie am 26.11.2009 in München gespielt hatten. Ebenso strichen sie „Corridors Of Madness“ und „Bird Of Pray“ von der Setlist. Interessanterweise hörten wir an diesem Abend auch den beliebten Cowboy-Anthem „Stealin'“ nicht, der eigentlich zu jenen unverzichtbaren Heep-Klassikern zählt, die auf keinem Konzert fehlen.

Einer der besten Momente des Auftritts war wie immer das melancholisch-majestätische Epos „July Morning“, bei dessen Darbietung sich in manchem Kopf die wilde Fantasie regte, dass dies eine wunderbare Gelegenheit wäre, den legendären Keyboarder Manfred Mann, der an der Studioversion mitgewirkt hatte, als Sondergast am Mini-Moog auf der Bühne zu erleben. Das hätte den in nahezu jeder Hinsicht fantastischen Auftritt noch zusätzlich gewürzt – den die Heepsters am Ende mit dem völlig vorhersehbaren Abschluss des regulären Sets „Easy Livin'“ und der obligatorischen Zugabe „Lady In Black“ krönten, bei der das gesamte Publikum wie immer beim Refrain mitsang. Die alten Hasen demonstrierten erneut wunderbare Kombinationen aus perfekter Spielsicherheit, Spontaneität und positiver Energie, die das gesamte Kollektiv zusammenhält – und ließen uns mit einer gehäuften Portion innerer Zufriedenheit zurück. Die gebotenen Bühnenbedingungen und den hervorragenden Sound nutzten sie maximal aus.

Viele Besucher nutzten die kurze Umbaupause vor dem Auftritt von Manfred Mann’s Earthband, um draußen frische Luft zu schnappen und sich mit einem Getränk zu erfrischen, denn im Saal fehlte jegliche Belüftung und dichter Tabakrauch hing in der Luft (in Österreich ist das Rauchverbot noch immer nicht in Kraft getreten), was die einzige große Kritik an den Konzertveranstaltern ist. Bis zum Auftritt der nächsten Rock-Giganten platzte die längliche Halle in Sachen Besucherzahl bereits aus allen Nähten.

Manfred Mann’s Earthband eröffneten ihren Auftritt auf denkbar knallige und souveräne Weise mit der unsterblichen Adaption von Springsteens „Spirits In The Night“, mit der sie einen Abend voller zeitloser Songs aus fast vier Jahrzehnten Bandgeschichte ankündigten (fünf, wenn man Manfreds R’n’B-Phase aus den Sechzigern dazuzählt). Im Mittelpunkt stand zunächst der Bandleader. Der legendäre südafrikanische Keyboarder war an diesem Abend im Gegensatz zum Auftritt in München gut gelaunt, und deshalb versuchte er sich diesmal nicht komplett hinter seinem Keyboard-Stapel zu verstecken. Seinen unverkennbaren Hut vergaß er auch nicht aufzusetzen, während er souverän mit seinen Keyboard-Künsten brillierte, vor allem am Mini-Moog und der Hammond-Orgel, aus denen er eine bunte Fülle improvisierter Klänge herausholte.

Mick Rogers bleibt ein fantastischer Gitarrist, der neben seiner außergewöhnlichen Technik ein geschärftes Gespür dafür pflegt, saftigste melodische Gitarrenphrasen auf Bluesbasis zu legen. Dazu ist er nach wie vor ein exzellenter Sänger – am eindrucksvollsten bewies er das beim „adoptierten“ Hit „Father Of Day, Father Of Night“, bei dem er souverän die Lead-Vocals übernahm. Neben den beiden Originalmitgliedern Mann und Rogers sorgte die außergewöhnliche Darbietung des neuen Sängers Peter Cox für die meiste Begeisterung – er trat erfolgreich in die Fußstapfen von Gesangsgrößen wie Chris Thompson und Noel McCalla. Der charismatische Cox pflegt in seiner Gesangsweise einen starken Soul-Ansatz, der hervorragend zum gesamten MMEB-Erbe passt – seine ausgezeichneten Gesangsqualitäten weiß er mit einer Reihe passender Bühnenmimik und Gesten zu untermauern.

Manfred Mann und seine Kumpanen (an diesem Abend ergänzt durch Bassist Steve Kinch und Schlagzeuger Jimmy Copley) improvisieren in echter Prog-Rock-Tradition sehr gerne, daher überraschte es kaum, als sie einzelne Songs noch zusätzlich mit völlig spontanen Improvisationen würzten, in denen am deutlichsten zu sehen war, wie stark die instrumentale Chemie dieses legendären Kollektivs ist. Aus Songs, die überwiegend R’n’B- und Blues-Motive enthalten, gelingt es ihnen so oft, echte Prog-Rock-Epen zu erschaffen. Langjährige Fans freuten sich besonders über die Darbietung des uralten Klassikers „Captain Bobby Scott“ vom MMEB-Debütalbum, das anno 1972 erschienen ist. Einen der besseren Momente des Auftritts stellte auch die Darbietung des Evergreens „Don’t Kill It Carol“ dar – ein neu arrangierter Klassiker von Mike Heron, den sie mithilfe einer Reihe witziger Improvisationen weit über die übliche Spielzeit hinaus ausdehnten.

Die Stimmung im Saal kochte bei den ersten Takten von „Blinded By The Light“ vollends über – noch einer unsterblichen Adaption eines Springsteen-Klassikers, der im MMEB-Kosmos zu einem ihrer drei größten Hits geworden ist –, während der nächste Megahit, „Davy’s On The Road Again“, bei den nostalgischsten Besuchern sogar Tanzbewegungen entfachte. Ihren beliebtesten und bekanntesten Hit, „Mighty Quinn“, sparten sie wie immer für die Zugabe auf. Die schelmische Satire auf einen beliebten Filmschauspieler ist der einzige Hit, den sie noch aus dem originalen Manfred Mann-Erbe der Sechziger bewahrt und in neu arrangierter Form erstmals auf dem Album „Watch“ (1978) präsentiert haben. Seitdem bleibt er der Höhepunkt all ihrer Konzertauftritte. Zwischendurch schleusten sie geschickt das Motiv eines weiteren Manfred Mann-Klassikers aus den Sechzigern ein – „Do Wah Diddy Diddy“ –, um im Ausklang des Songs auch noch das Hauptmotiv von Deep Purples Klassiker „Smoke On The Water“ einzuflechten. Manfred, Mick und die übrigen Earthband-Mitglieder hinterließen einen außergewöhnlichen Eindruck und ließen viele im Saal mit dem Wunsch zurück, den Auftritt um mindestens eine weitere halbe Stunde zu verlängern.

Zum guten Sound beider Bands trug wesentlich die Tatsache bei, dass das Gusswerk eine längliche Halle ist, was bedeutet, dass der Klang sich nicht verteilt. Es ist sehr schwer, die Auftritte beider Rock-Giganten zu vergleichen, da es sich um Bands aus völlig unterschiedlichem Holz handelt – dennoch erntete Manfred Mann’s Earthband am Ende etwas lauteren Applaus als die Heepsters. Auch ein wenig deshalb, weil es eine Band ist, die seltener auf österreichischem Boden anzutreffen ist als die Heepsters, die jedes Jahr auf Tournee gehen – und umso größer ist dann der Genuss, bei einem nicht allzu häufigen MMEB-Auftritt in unserer Nähe dabei zu sein. Der Abend mit den beiden Rock-Giganten war zweifellos einer der Höhepunkte der diesjährigen Konzertsaison, was bedeutet, dass alle Anwesenden noch lange viele positive Eindrücke und angenehme Erinnerungen daran haben werden.

Fotos: Aleš Podbrežnik

Setlist

URIAH HEEP: 1. Intro 2. Wake The Sleeper 3. Return To Fantasy 4. Only Human 5. Book Of Lies 6. Sunrise 7. Rain 8. Free Me 9. Free N‘ Easy 10. Gypsy 11. Angels Walk With You 12. July Morning 13. Easy Livin‘ —Zugabe— 14. Lady In Black MANFRED MANN’S EARTH BAND: 1.Spirits In The Night 2. Castles Burning 3. Martha’s Madman 4. Captain Bobby Scout 5. Shake, Rattle & Roll 6. Father Of Day, Father Of Night 7. Dancing in The Dark 8. Don’t Kill It Carol 9. She Was 10. Blinded By The Light 11. Davy’s On The Road Again —Zugabe— 12. Do Wah Diddy 13. Mighty Quinn

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