Vatrene ulice und Diskurz, doppelter kroatischer Rock-Sturm im Orto bar (2009)
Autor: Aleš Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik
Ort: Orto bar / Ljubljana / Slowenien
Konzertdatum: 09.12.2009
Besucherzahl: 25
Kartenpreis: 5,00€
Kurz vor dem Jahreswechsel schlich sich ein Hauch des Dezemberwinds in die slowenische Hauptstadt, wie ihn die Taktgeber des aktuellen kroatischen Rock-Treibens gerade so verzeichnen. So bekamen in Ljubljana, unter der väterlichen Obhut des Labels Dallas, die junge Riječaner Punk-Rock-Band Diskurz und die etwas reifere Rock-Band Vatrene ulice aus Zagreb die Gelegenheit zur Eigenwerbung. Der fürsorgliche Veranstalter des Abends, also das Label Dallas, sicherte auch den wiedererwachten Sevničanern Grrizli Madams einen Platz auf dem Programm, die zwischen den beiden kroatischen Bands auftraten.
Ich versteh’s nicht. Wirklich nicht. Die Sache ist klar, aber ich kann sie einfach nicht akzeptieren! Nämlich einen leeren Orto bar! Ich kann eigentlich keinen leeren Club akzeptieren, in dem ordentlicher und witziger Rock gespielt wird. Sagen wir, man kann die Leere des Orto bar damit entschuldigen, dass Elvis Jackson gleichzeitig im Kinu Šiška aufgetreten sind – was potentiell dem einen oder anderen Besucher die Chance geraubt hat, Diskurz oder Vatrene ulice kennenzulernen, die, Hand aufs Herz, nun mal nicht jeden Tag in Slowenien auftreten.
Also hab ich die Köpfe gezählt: Die Menge schwankte zwischen 10 und 25 Köpfen im Clubraum – je nachdem, wie viele ihrer eigenen Fans die jeweiligen Bands mitgebracht hatten. Im Fall von Diskurz und Vatrene ulice war natürlich nicht zu erwarten, dass ganze Fanbus-Kolonnen aus Kroatien anrücken würden. Die slowenischen Besucher, die weder Diskurz noch Vatrene ulice kennen, kamen nur wegen der slowenischen Band Grrizli Madams – Hand aufs Herz, dem langweiligsten Act des Abends. Danach haben sie sich zerstreut, gott weiß wohin.
Um 22 Uhr stehen drei Jungs auf der Bühne. Die Band Diskurz aus Rijeka. Zusammengerechnet kommen die Jungs kaum auf 60 Jahre – die haben gerade mal den Erwachsenenstatus überschritten. Macht nichts. Die Jungs sind top gewappnet. Bis an die Zähne! Nicht nur spielerisch, sondern auch in Sachen Charisma und optischem Auftritt. Die Riječaner Sex Pistols fürs neue Jahrtausend, mit dem dilettantischen Glamour, den sie von den New York Dolls geerbt haben. Habt ihr euch vielleicht in diesem Hinweis wiedererkannt? Ein Auftritt, vollgeladen mit der Energie ungezähmter jugendlicher Wildheit, der kein Blatt vor den Mund nimmt. Die guten dreißig Minuten, die den Jungs zur Verfügung standen, um ihr erstes Studioalbum „U protivnom“ (2009) vorzustellen – RockLine Rezension HIER –, vergingen so, dass die Jungs quasi vor einem leeren Club spielten. Das hat sie nicht aus dem Konzept gebracht, geschweige denn gestört, aber sie wirkten natürlich etwas reservierter. Logisch, wenn dich niemand anfeuert. Wenn man bedenkt, dass die heutige Jugend, aufgewachsen mit McDonald’s-Produkten, keinen Mangel kennt und gleichzeitig durch den äußerst geschmacklosen Ansatz der modernen Musikindustrie-Philosophie sogar auf MTV mit „Fake“-Punk bedient wird, sind Diskurz in dieser Hinsicht echte Wundertäter – denn sie wirken, als wären ihre Väter die Frontmänner der Bands gewesen, die den Riječaner New Wave in einer längst vergangenen Ära geprägt haben.
Diskurz sind die echte Fortsetzung des Stolzes einer Ära, die das Gebiet des ehemaligen Jugoslawiens geprägt hat und auch heute noch die gesunde Rock-Kultur der Stadt Rijeka prägt. Darauf können Diskurz mächtig stolz sein, und ich hoffe von Herzen, dass diese Beobachtung ihr Selbstbewusstsein und den Glauben an die eigene Sache stärkt. Die Songs Želite, Debela glava, Polet, Isto je sve, Na stranu, Nitko i ništa, Repelent ,Obskura, Prazan hod oder Razgledi treffen den Kern der Pointe des gesunden Punk-Erbes. In dieser Hinsicht müssen wir uns wirklich keine Sorgen um die Zukunft des Punk machen. Wir wünschen der Band Diskurz eine blühende Karriere und die Festigung ihres Namens auf der Szene.
Grrizli Madams übernahmen die Bühne für die nächste halbe Stunde, genauer gesagt kurz vor elf Uhr abends. Das Trio, das zum ersten Mal seit fünf Jahren wieder im Orto bar spielte, ist nach einer dreijährigen Pause also wieder am Werk. Früher spielten sie Thrash und/oder Death Metal, was wir aber im Orto bar zu hören bekamen, war eine Art Groove-Mischung, die sich stark auf die Tradition des Doom Metal stützt. Tiefer gestimmte Gitarre mit rollenden Riffs, stark auf Soundeffekte gestützt, die ein massiveres Klangbild erzeugen sollen, mit dem Ziel einer atmosphärisch drückenden Stimmung. Die neu reformierte Band hat sich also auch im musikalischen Charakter ihres Ausdrucks neu aufgestellt. Grrizli Madams suchen einen Sänger und/oder eine Sängerin. Hand aufs Herz: sie brauchen ihn/sie dringend. Nach 10 Minuten wird ihr (derzeit leider rein) instrumentaler Ansatz nämlich eintönig, da er durch das Spiel eine gleichbleibende Vibration beibehält, die repetitiv wirkt. Die Band hat zwar einige interessante motivische Wendungen eingebaut, bei denen man sich kaum vorstellen konnte, welche Melodie ein Sänger mit Texten dazulegen könnte – aber das heißt nicht, dass die Songs nach Vervollständigung der Besetzung mit einem Vokalisten keine weiteren, konkreten Verwandlungen erleben werden.
Vatrene ulice hatten 50 Minuten für ihren Auftritt zur Verfügung. Den Krawall begannen sie gut 15 Minuten vor Mitternacht. Das Quartett machte schon zu Beginn deutlich, dass es darauf aus war, so viel Aufmerksamkeit wie möglich von den Distanzierten zu gewinnen, die sich hartnäckig weiterhin an den Tresen lehnten. Die Band, die im August dieses Jahres endlich ihr erstes richtiges Studioalbum „9 po Richteru“ (2009) veröffentlichte – RockLine Rezension HIER –, obwohl ihre Anfänge bis ins Jahr 1990 zurückreichen, präsentierte damit eigentlich eine kompakte Geschichte der letzten zwanzig Jahre. Der kreative Kopf hinter den Ideen und Texten ist Sänger Goran Filipančić – Fila; zusammen mit Gitarrist Marin Jovanovec, Bassist Daniel Vukoja und Schlagzeuger Mario Barić trat er in einem Geist der Freude auf, dass er mit seinen Mitstreitern endlich das neue Album auch in Ljubljana vorstellen kann. Der Typ überraschte auch damit, dass er zwischendurch auf Slowenisch sprach, was definitiv Pluspunkte für die Art bringt, wie die Band ihr Publikum angeht.
Vatrene ulice sind eine Band, die für die Bühne geboren ist. Sie sind deutlich härter und schärfer, als die Studioaufnahmen von „9 po Richteru“ vermuten lassen, und besonders fasziniert ihre Eingespielheit und Lockerheit auf der Bühne. Den Großteil der Aufmerksamkeit zieht Fila auf sich mit einem charismatischen Auftritt, ausgefeilten Bühnenposen und einem überaus leidenschaftlich-sinnlichen Ansatz, der vor allem die Wut in Songs wie Idi sad, Ne okreći mi leđa, Samo bog zna, Visoko und auch Sve u meni nestaje markant belebt.
Die Band präsentierte das gesamte Album live auf der Bühne. Den Ausdruck zu definieren ist eigentlich schwer. Im Fall von Vatrene ulice geht es um die Tatsache, dass das eine Band ist, die in den Achtzigern aufgewachsen ist. Deshalb brachten sie einen Hauch des ehemaligen Jugoslawiens mit, einen Hauch Punk, einen Hauch Post-Punk – und dabei darf man nicht überhören, gerade in den Gitarrenphrasen, aber auch im kratzigen Effekt von Marins Gitarre, dass die Entwicklung der Band in gewissem Maße auch vom „Grunge“ berührt wurde. All das funktioniert im Ausdruck so, dass man Vatrene ulice nicht besser charakterisieren kann, als wenn man ihnen das Label „konkret definiert, kompakt arrangiert, aber unverblümt direktes Rock-Prinzip“ verpasst. Die Einflüsse tauchen also nur an einzelnen Stellen der Songs an die Oberfläche. Besonders interessant ist der Song Usnuli grad se budi iz sna mit einem eingebetteten Motiv in der Strophe, das äußerst geschmackvoll aus den Grundelementen des Blues schöpft und in das sich Klangfarbe und Gesangsansatz von Sänger Fila perfekt einschmiegen.
Das sympathische Quartett bot einen hervorragenden Bühnensound, womit vorher weder Diskurz noch Grrizli Madams gegeizt hatten. Leider trieb das Quartett seinen Auftritt in knapp einer Stunde durch die Songs des Abschlussteils – Samo bog zna, Dok padaju glave und Moja generacija – zu Ende, vor einem Dutzend einsamer Seelen im Orto bar, was definitiv ein großer Jammer ist. Wir wurden nämlich um den Ausdruck jener Charakterzüge gebracht, die ein größerer Andrang, ein zahlreicheres Publikum erzeugt hätte. Offensichtlich muss man Vatrene ulice in Kroatien aufsuchen, wo die Auftritte deutlich intensiver zu erwarten sind, da ein besserer Publikumsandrang sie dazu bringen sollte. Ich spreche vor allem vom Hauch der Spontaneität und dem noch größeren Lösen der Hemmungen, wenn der echte Energiefluss auf der Linie Publikum–Band in Gang kommt. Denn das ist eine Band, die anders ist, die kompakten, unverblümten, aber gleichzeitig melodisch figurierten Rock pflegt, der in Zukunft eine starke Fangemeinde gewinnen kann. Sie wirkt überzeugend und steht fest auf den Beinen, auch in puncto exzellenter Texte, die durch die persönlichen Bekenntnisverse von Sänger Fila geprägt werden. Vatrene ulice sind also etwas Anderes, etwas Frisches. Sie ziehen Erfahrungen und die Weisheit der Vergangenheit heraus und gießen sie in die Energie der Gegenwart, mit dem Blick fest auf die Zukunft gerichtet. Bei ihrer Blüte ist zu erwarten, dass in relativ kurzer Zeit auch der Nachfolger von „9 po Richteru“ folgen wird.
Fotos: Aleš Podbrežnik
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