The Cult im Dom Sportova: Love erneut entfacht (2009)
Fotos: Aleš Podbrežnik
Ort: Dom Sportova / Zagreb / Kroatien
Konzertdatum: 30.09.2009
Besucherzahl: 3500
Kartenpreis: 38 €
Gestern pilgerten die Massen nach Zagreb. Der Grund? Kauf von Saisonkarten für die Spiele des „wiedergeborenen“ Medveščak – oder vielleicht doch der Besuch der legendären The Cult, die auf ihrer diesjährigen Tour, dem Love Live Tour, durch eine merkwürdige Fügung des Schicksals von A bis Z aus dem millionenfach verkauften, mittlerweile kultigen Album Love spielen! Da wir bei Rockline ohnehin als unverbesserliche FC Čukarički-Fans gelten, kam die erste Option leider nicht in Frage – also blieb uns nichts anderes übrig, als einen Sprung in den Dom Sportova zu wagen, für ein dem Namen nach unvergessliches Konzertspektakel, das am Ende aber, Hand aufs Herz, nicht allen (zu) hochgesteckten Erwartungen gerecht wurde.
Bei der Ankunft in der Halle wurden wir zunächst von den lokalen Rockern Hard Time begrüßt, die in der Rolle des The Cult-Vorprogramms die Fans schon beim Drava Rock Fest in Koprivnica 2007 aufgewärmt hatten. Hard Time sind einen Blick wert. Es ist ein klassischer Hard-Rock-Ansatz, der nicht mit saftigen Inhalten geizt. Der gute halbstündige Abendauftakt, den die Jungs verständlicherweise auch gleich für Videodrehs nutzten, bot einen Reigen von den Einheimischen offensichtlich bestens bekannter Songs sowie einige Neuheiten für das kommende Album – deren Darbietung allerdings leider stark unter dem Sound litt, der offensichtlich im Voraus auf die Bedürfnisse der Stars des Abends eingestellt worden war. Wie dem auch sei, die Anwesenden störten diese „Kleinigkeiten“ nicht allzu sehr. Hard Time erledigten ihre Hauptaufgabe – das Anheizen vor dem großen Finale – mit Bravour, nicht zuletzt auch dank des hervorragenden Gitarristen Ivan Mihaljević.
THE CULT
Das Zagreber Konzert bestätigte das bereits Gehörte: Ian Astbury bleibt fest im Griff der Einflüsse der Morrison’schen Aura, die in seine Fantasie und seine kreative Ader stechen – und das praktisch die gesamte musikalische Karriere hindurch. Ians offen zur Schau gestellte Sympathie für den The Doors-Frontmann ist allgemein bekannt; spürbar ist sie in der unverkennbaren Vokalablieferung, die The Cult mit dem Album Love schließlich erstmals in die Umlaufbahn der Popularität katapultiert hatte. Die ultimative Traumerfüllung erlebte Ian durch die kreative Verschmelzung mit den verbliebenen, musikalisch noch immer aktiven Mitgliedern der amerikanischen Rock-Legenden Robby Krieger und Ray Manzarek, mit denen er 2002 das Projekt The Doors of the 21st Century ins Leben rief. Das gestrige Abendtreffen in der kleinen Halle des Dom Sportova lieferte in vielerlei Hinsicht eine optimale Erweiterung der bereits gesehenen Demonstration koreografischer Exzesse des längst verblichenen The Doors-Frontmanns. Natürlich inszeniert vom einen und einzigen Ian Astbury, der vor das willige Publikum in „angemessen“ üppigerem Profil trat – bewaffnet mit ausladendem Gesichtsbewuchs. Kurzum, für einen Moment schien es, als stünde vor uns der Geist von Jim Morrison persönlich, der auf den Spuren der Alkoholdämpfe zum Glück irgendwo auf dem Weg durch Zagreb verloren gegangen war.
The Cult gingen im Dom Sportova ein bewährtes Aufführungsrezept an, das für sie von Jahr zu Jahr öfter auf den Konzertmenüs der Rock-Titanen steht. Das versprochene Servieren der Blüten des kreativen Zenits der Band ist natürlich Opium für alle treuesten The Cult-Verehrer, birgt aber auch genug Potenzial, um jene zu überzeugen, die The Cult eher am Rande verfolgen. Die sündhafte Setlist, die sich inhaltlich erwartungsgemäß wie ein Betrunkener am Geländer an das 1985 erschienene Album Love klammerte, ist der goldene Garant für den Tournee-Erfolg – stellt aber gleichzeitig aus künstlerischer Sicht die Motive für dieses Vorhaben in Frage, das durch die Negierung eines Großteils des Banderbes vor allem den Wunsch nach zusätzlichem Verdienst andeutet. Mit einem flüchtigen Nicken zu dieser These servierten gestern bereitwillig die Hauptakteure des The Cult-Kollektivs persönlich: Ian Astbury und Billy Duffy. Die beiden wehrten sich im Laufe des Abends hartnäckig gegen jedwede gegenseitige Bühnenkommunikation; ihre Verständigungskanäle blieben bestenfalls einen Spalt offen – was vielleicht ahnen lässt, dass das Verhältnis zwischen den beiden ziemlich zerrüttet ist. Schade! Auf den Verlauf des gesamten Abends hatte die sichtbare Abkühlung der Beziehung freilich keinen nennenswerten Einfluss – doch erinnerten die Herren (vor allem Duffy) mit solchem Gebaren nachdrücklich daran, dass die Zeiten des Aufblühens einer fruchtbaren Beziehung, die einige der besten Momente der Rock & Roll-Geschichte hervorgebracht hat, leider schon weit hinter uns liegen!
Dennoch: The Cult erschütterten den Dom Sportova bis in die Grundfesten, spielten unverschämt mit den Gebeinen des „großen Helden“ Dr. Franjo und beschworen eine einzigartige Orgie des ursprünglichen Rock & Roll – alles dank in erster Linie des mörderischen Repertoires, dessen Höhepunkte nicht wenige ekstatische Publikumsreaktionen auslösten. Zum Auftakt Nirvana, dann die bekannte Abfolge mit The Big Neon Glitter, Love, Brother Wolf, Sister Moon, strummend dem ersten Höhepunkt des Abends entgegen – dem kultigen Rain, begleitet von harmonischem Massenmitsingen. Alles im Reich der gleichförmigen musikalischen Maschinerie, die auf der minimalistischen Kombination aus drei Akkorden und einfacher Motivik von außerordentlich eingängiger Natur gedeiht. Die Reaktion des Publikums war unerbittlich aufrichtig, zweifellos auch dank des unerschütterlichen Glaubens an ihre Helden, der nur einen Steinwurf von vollständiger Idealisierung entfernt steht. Ich glaube, die meisten konnten die mitunter recht deutlichen Lücken in Ians Vokal kaum wahrnehmen, die nicht selten die Unterstützung der ebenfalls nicht gerade begeisternden Backgroundvokale erforderten. Ian schlug sich überraschenderweise besser genau dort, wo man nach dem anfänglich Gehörten die schwersten Migräneattacken erwartet hätte – etwa auf dem Trainingsgelände für Morrison’sche Ausdruckskomponenten, Black Angel. Duffy hingegen näherte sich zunächst vorsichtig an; die Genieblitze des Gitarristen waren rar. Zumindest in der ersten Hälfte des Auftritts erledigte Billy seine Aufgaben nach dem Prinzip des „geringsten Widerstands“ – mit regelmäßigem Wechsel vom Wah-Effekt in konventionelle Verzerrungsrahmen. Souverän also, aber ohne Höchstleistungen oder irgendwelches übermäßiges emotionales Aufflackern. Im Gegensatz zur sichtlich bewegten Masse (in der Regel ausgestattet mit verschiedenem The Cult-Zubehör), die den Dom Sportova beim seriellen Servieren der Triumphe der Band nach und nach in einen Inkubator eruptiver Energiekräfte verwandelte.
Wie gesagt: Eine bessere Setlist könnte sich selbst ein zufälliger Passant kaum wünschen. Schade nur, dass Ian und Konsorten sich nicht zu konkreterem Zugreifen auf Klassiker wie Edie (Ciao Baby) durchringen konnten – vom Sonic Temple-Album vermissten wir etwa Sweet Soul Sister. Dafür sorgten sie mit Dirty Little Rock Star für eine der wenigen Überraschungen des Abends, der verständlicherweise ein gutes Stück zu schnell verging. Eigentlich viel zu schnell – denn The Cult kehrten uns nach dem abschließenden Love Removal Machine mit beamtenhafter Kälte und ohne einen Hauch schlechten Gewissens schnell den Rücken und ließen uns, gefangen in Pfiffen unzufriedener Einzelner, um die lang ersehnte Zugabe beraubt zurück. Dieses zweifellos unerwartete Manöver ist so auch der Hauptschuldige für den bitteren Nachgeschmack, der sich uns auf dem Heimweg herzlos im Mund herumwälzte.
Fotos: Aleš Podbrežnik
Setlist
1. Nirvana 2. Big Neon Glitter 3. Love 4. Brother Wolf, Sister Moon 5. Rain 6. The Phoenix 7. The Hollow Man 8. Revolution 9. She Sells Sanctuary 10. Black Angel 11. Electric Ocean 12. Wild Flower 13. Sun King 14. Rise 15. Dirty Little Rock Star 16. Fire Woman 17. Love Removal Machine
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