Rückkehr der Großen – die Reunion von Mr. Big in München (2009)

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Autor: Aleš Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik

Ort: Tonhalle / München / Deutschland
Konzertdatum: 25.09.2009
Besucherzahl: 2500
Eintritt: 37,70€ / 40,00€

Die Reunion von Mr. Big ist nur eine in einer Reihe von Reunions von Bands, die ihren kommerziell-kreativen Zenit sagen wir mal vor rund 20 Jahren erreicht haben. Das ist mittlerweile so eine Art Trend. Musiker finden wieder zusammen, weil es eine sichere Einnahmequelle ist. Warum sollte man die Hand beißen, die einen füttert, oder? Zum Glück ist es Mr. Big gelungen, sich in der Originalbesetzung zu reunieren. Alice In Chains war das zum Beispiel nicht vergönnt, und die gehen trotzdem auf eine ähnliche Tour. Wenn Thin Lizzy ohne Phil Lynott spielen können, wenn The Cult auf ihrer aktuellen Tour ein 20 Jahre altes Album, das ihnen den größten Ruhm gebracht hat, in voller Länge spielen können, wenn… Also, um es kurz zu machen. Es gibt eben ein ganzes Meer solcher guten Alibis, die solchen und ähnlichen Aktionen eine Grundlage geben…

Mit Ausnahme von Eric Martin, der irgendwie von der Bildfläche verschwunden war, nachdem Mr. Big den Laden für einige Jahre dichtgemacht hatten, haben die anderen drei Kompagnons nicht die Hände in den Schoß gelegt, sondern fleißig an ihrer Reputation gearbeitet und ihre Namen vermarktet. Pat Torpey spielte weiterhin als Mitglied der Band des (ehemaligen Mr.-Big-Mannes) Richie Kotzen und mit Chris Impellitteri; über Paul Gilbert und Billy Sheehan muss man da sowieso keine Worte verlieren. Jeder hätte sie gerne in seiner Band.

Um alte Fans mit größtmöglicher Sicherheit auf ein Konzert zu locken, ist der logischste Schritt, wenn möglich, die Band in der Besetzung zu reunieren, die ihr das meiste Geld und den größten Ruhm gebracht hat. Und genau das haben Mr. Big gemacht. Nun, und diese Reuniontour, die zunächst im Juni 2009 in Japan stattfand, war bereits äußerst erfolgreich. Aus diesem Teil der Tour sind bereits eine offizielle Konzert-DVD und eine CD hervorgegangen. Mr. Big, die also auch in Europa vorbeischauten, haben das Repertoire im Vergleich zum japanischen Angebot etwas gestutzt, aber das Konzert in München dauerte dennoch exakt 2 volle Stunden.

Zum ersten Mal, seit ich durch fremde Länder und Konzerthallen streife, hat mich mein Weg auch in die Tonhalle im Münchner Kunstpark Ost geführt. Es ist wieder einmal eine schmucke Halle, deren Dachkonstruktion obendrein mit Plane bedeckt ist. Aber die Bühne ist groß, breit und tief, was dem Performer erlaubt, sich so richtig auszutoben. Man bekommt schätzungsweise rund 4000 Leute rein. Diesmal war der Besuch wirklich begeisternd. In der Luft war die Gänsehaut des enormen Enthusiasmus der Besucher zu spüren, die lange und allzu lange auf den Tag gewartet hatten, an dem sie ihre Helden wieder auf der Bühne sehen würden. Das Publikum war vom Alter her so ab 30 aufwärts, was davon zeugt, dass auch die Fans gemeinsam mit der Band gealtert sind. Aber unter den Anhängern, besonders in den ersten Reihen, war auch jede Menge Jugend vertreten, vor allem Angehörige des zarten Geschlechts, was irgendwie mit dem Ruf der Band zusammenpasst, dank vor allem des Hits To Be With You. Besonders ekstatisch war eine Gruppe asiatischer Bandfans, die mit Abstand den größten Lärm beim Konzert machten und alles, was von der Bühne zu ihnen herübergeflogen kam, vom Boden oder noch in der Luft aufpickten.

Selten erlebt man solche Begeisterung auf deutschen Konzerten. Die Deutschen haben von allem die Nase voll. Deshalb gehen sie meistens entspannt zu Konzerten. Als würden sie Luft atmen – so selbstverständlich sind qualitativ hochwertige Hard-Rock-Konzerte für sie. Sie kommen immer pünktlich zur angesagten Zeit des Headliners. Ohne Zeichen von Euphorie. Diesmal war es jedoch nicht ganz so. Schon als um 20:00 Uhr die Vorgruppe, bestehend aus zwei Instrumentalisten, lokalen Größen, begann, die Anwesenden einzuheizen – mit Melodien, die einen interessanten Hauch von Exotik verströmten, besonders wegen des Klangs der Instrumente, für die mir nicht mal im Ansatz ein Name einfällt. Eine Gitarre ohne Korpus, Schlaginstrumente in den seltsamsten Formen, usw….

Das Publikum langweilte sich kolossal. Trotzdem drängte es sich unter die Bühne und wartete auf der Lauer. Rund 2500 Köpfe hielten eifersüchtig ihr jeweiliges Stückchen Platz unter der Bühne und ließen niemanden ran. Alle warteten auf den Moment, in dem Mr. Big auf der Bühne erscheinen würden. Es ist neun Uhr abends. Ein Roadie leuchtet im Dunkeln mit einer Taschenlampe und gibt dem Techniker am Mischpult das Zeichen, dass die Band die Bühne betritt. Die Halle erwacht zum Leben. Zunächst nur Torpey und Gilbert.  Das Grollen von Sheehans Bass ist zu hören,  aber der Mann springt erst hinter den Monitoren hervor, als auch Eric Martin auf der Bühne steht. Die Band  legt los mit dem frechen Daddy, Brother, Lover, Little Boy. Martin testet schon im zweiten Refrain-Durchgang das Publikum, ob es auf der gleichen Wellenlänge mit Mr. Big ist, und bekommt die Bestätigung, als die Menge den Titelvers souverän mitsingt. Alles klar. Das Quartett wird heute Nacht heiß sein. Das ist definitiv. Die Aufregung ist groß, und nach dem intensiven Beginn tritt Sheehan in den Vordergrund, der mit der Wärme seines Basstons die Piste für einen befreienden Sprung in ein neues musikalisches Ambiente legt, das Take Cover erschafft (wenn ich anmerken darf – das ist einer der persönlichen Mr.-Big-Favoriten des Autors dieser Konzertreportage). Der Sound ist ausgezeichnet, in der richtigen Anordnung und Balance. Martin ist ausgezeichnet zu hören, und Gilbert und Sheehan treten in Take Cover zum ersten Mal Schulter an Schulter auf. Die Bühne gehört für einen kurzen Moment Paul Gilbert, als das Intro des Songs erklingt, der den Namen Mr. Big in der ersten Hälfte der Achtziger weiter gefestigt hat. Green-Tinted Sixties Mind. Ein Song mit einem verführerischen Refrain, der mich immer daran erinnert, als hätten sich Mr. Big darin etwas von den Vokalharmonien des legendären Boston geborgt. An dieser Stelle möchte ich das außerordentliche Zusammenspiel der Vokalharmonien hervorheben, bei dem Sheehan, Gilbert und Torpey so glänzten, dass ich mir nicht nur in diesem Song, sondern auch im weiteren Verlauf nicht ganz sicher war, ob Mr. Big nicht zufällig Vokalharmonie-Backing-Tracks einsetzen – so phänomenal klangen sie. Dann wieder ein Galopp in einen höheren Gang mit Alive And Kickin‘ und dem brandneuen Next Time Around, der alles trägt, was sich ein echter Liebhaber von Mr. Bigs Werk von ihnen wünschen kann. Wenn die Jungs in diese Richtung weitermachen, wird das neue Album, sofern es erscheint, sicher ein weiterer Leckerbissen sein!

Die erste echte Überraschung der Setlist war eigentlich Hold Your Head Up, das in der Originalversion die Band Argent spielt. Das ist eigentlich der bekannteste Argent-Hit, den 1989 zunächst Uriah Heep für ihr Album „Raging Silence“ gecovert und auch als Single veröffentlicht haben. Obwohl das Cover von Uriah Heep weitaus überzeugender klingt, haben auch hier Mr. Big nichts vermissen lassen. Martin forderte das Publikum auf, beim Refrain aktiver mitzumachen, und das überlegte nicht zweimal. Wieder eine Beruhigung der Wogen mit dem träumerischen Just Take My Heart, wo die Leute aber Gilberts wiedererkennbares Intro-Motiv freudig begrüßten und im Refrain wieder die gesamte vordere Hallenhälfte mitsang. Magisch.

Martin ist immer noch eine echte sprühende Bühnenfigur, zwar nicht gerade mit dem schlagfertigsten Mundwerk für trockene Witze gesegnet, hält aber den Bühnenkinetismus und einen ausgezeichneten Gesang aufrecht, der den starken und wiedererkennbaren Riff-Figuren, solistischen Eskapaden und dem giftigen rhythmischen Unterbau Paroli bot. Dennoch war zu spüren, dass Martin das schwächste Glied des Quartetts ist. Sheehan und Gilbert sind schlichtweg so ein schweres Kaliber in instrumentaler Hinsicht, dass sie in jedem Moment die Bühne dominieren. Martin zeigte in der ersten Zugabe auch erste Zeichen stimmlicher Erschöpfung, als sich die Band an das obligatorische To Be With You machte – er musste alle höchsten Lagen anpassen, indem er sie in improvisierter Manier tiefer sang oder hin und wieder sogar ein Wort des Verses wegließ.

Alle drei Instrumentalisten bekamen ihren Raum, um zu zeigen, warum sie so geschätzt werden. Nach Torpeys weniger spannender Solonummer, noch in der ersten Konzerthälfte, kreuzten schließlich auch Sheehan und Gilbert ihre Gitarren konkret miteinander. Es war ein Zwischen-(Inter-)Ludium als Brücke zwischen Take A Walk („Mädchen, geh mal spazieren!“, he, he) und The Whole World’s Gonna Know. Zunächst spielte Gilbert mit seiner weißen zweihalsigen Ibanez-Gitarre. Es dauerte nicht lange, bis Billy Sheehan mit seiner zweihalsigen Yamaha-Bassgitarre dazukam. Die beiden feuerten sich gegenseitig an, indem sie sich schnell ausgedachte Motive hin und her warfen, und ernteten erwartungsgemäß lautstarke Ovationen der allgemeinen Begeisterung in der Halle. Solche Momente gab es zwar nicht viele, und die Kompaktheit des hochdynamischen Konzerts, das von den Klassikern der ersten vier Mr.-Big-Alben geprägt wird, war dadurch in keiner Weise gefährdet. Ein Moment des großen Spaßes, der eben fester Bestandteil solcher amerikanischer Hard-Rock-Bands ist. Solcher? Falsch. Das ist genau eines der wichtigen Elemente, das geholfen hat, den Namen Mr. Big erst zu kreieren, auf einen besonderen Platz zu stellen und später dort zu halten, sodass das Publikum ihn selbst in der Ruhephase der Band keineswegs vergessen hat!

Übrigens macht es Freude, die Raffinesse der Spieltechnik zu beobachten – man ist geradezu ein wenig geschockt, mit welcher Leichtigkeit sowohl Sheehan als auch Gilbert die unmöglichsten (schon fürs Ohr, erst recht fürs Auge) Akrobatiken ausführen. Letzterer führte an einem Punkt ein Solo aus, das in seiner Spielgeschwindigkeit bereits stark an das Piepsen einstimmiger Melodien aus SuperNintendo-Spielen erinnerte. Meine Herren. Was soll man sagen. In der eröffnenden Daddy, Brother, Lover, Little Boy ließ Sheehan die Aufmerksamkeit auf sich lenken, als ihm ein Techniker eine laufende Bohrmaschine reichte, mit der er ein paar Licks entlang der Bassgitarre spielte. Kein Wunder, dass Martins Gesang dabei zeitweise geradezu „winzig“ wirkt – was Eric Martin in physischer Hinsicht tatsächlich auch ist, obwohl er, wie gesagt, souverän jeden Zentimeter seiner Funktion auf der Bühne beherrscht, auch in dieser Reuniontour von Mr. Big.

Mr. Big schlossen den regulären Teil dieses fröhlichen Karussells des einzigartigen Energieaustauschs mit dem Publikum in aufgeheizter Stimmung mit einem aufgedrehten Ritt durch Rock & Roll Over und Addicted To That Rush ab. Gerade Letzteres bot in seiner absichtlichen Gedehntheit das Gefühl, als würde es während des Konzerts vielleicht niemals enden. Überwältigend! Gilbert und Sheehan steigerten erwartungsgemäß die Originalversionen der Songs solistisch. Erwartungsgemäß und auf Abruf!

Es folgte die obligatorische Zugabe mit dem unvermeidlichen To Be With You, das Martin dem Publikum fast zur Gänze überließ. Gilbert greift hier zum zweiten Mal zur Akustikgitarre, wie er es bereits bei Wild World (einem Cover von Cat Stevens) getan hatte. Das Bild in der Halle war dem von Wild World sehr ähnlich, nur dass To Be With You logischerweise noch ein Stückchen intensiver erklang. Den ganzen Abend hatte ich auf Colorado Bulldog gewartet und erlebte es ganz am Schluss. Noch einmal lebte in der Tonhalle alles auf, was wir unter dem Begriff Mr. Big verstehen. Das rasant rollende rhythmische Rad, der freche Gitarren-Riff, das bravouröse Solieren, ein neues atemberaubendes Kreuzfeuer zwischen Gilbert und Sheehan und natürlich der mitreißende Refrain, der die Anwesenden in der Halle ein letztes Mal in seinen Bann zog.

Die ekstatische Halle verlangte die Band erneut zurück. Als Erster tauchte Billy Sheehan hinter den Kulissen auf. Was kommt jetzt? Eine Komödie. Gilbert eröffnet das Motiv. Verdammt vertraut klingt das, nur der Sound ist aus einem völlig anderen Holz geschnitzt. Was zum Teufel? Das kann nicht sein. Mr. Big spielen The Who. Baba O’Riley! Hallo? Was für eine witzige Version! Das muss man erlebt haben. Wie die Jungs auf der Bühne herumgeblödelt haben, während sie diesen großen The-Who-Klassiker spielten. Interessant war es, die Jüngeren im Publikum zu beobachten, die absolut keinen Schimmer hatten, was Mr. Big da gerade auf der Bühne spielen, he, he… Da muss man wohl noch ein bisschen was nachholen. Den Vogel hat in diesem Song natürlich Gilbert abgeschossen!

Ich sollte noch erwähnen, dass Martin in einer dieser instrumentalen Unverschämtheiten von Paul Gilbert und Billy Sheehan kaum wieder ins Spiel auf der Bühne hineingekommen ist. Vor der Rückkehr in den Refrain von Take A Walk ließ Gilbert Martin nämlich „absichtlich“ nicht zum Zuge kommen, um den letzten Refrain-Durchgang anzustimmen. Wahrscheinlich handelt es sich um einen eingeübten Bühnengag, mit dem die Band versucht, das Publikum zusätzlich aufzuheizen und sich selbst dabei maximal zu amüsieren. Eben, Gilbert hat den Übergang in den Refrain stets so abgeschlossen, dass Martin nach ihm nicht normal in den Eingangsvers des Refrains einsteigen konnte. Nach dem dritten misslungenen Versuch rief Martin seinem Kollegen leicht genervt zu: „Oh for heaven’s sake! Stop that playing!“, während Gilberts eigene Schelmerei ihn weiterhin in unbändiges Gelächter versetzte.

Die Reuniontour von Mr. Big ist Pflicht, liebe Musikfreunde. Mindestens ein Konzert müsst ihr euch ansehen – tut euch diesen Gefallen, jeder Schweißtropfen, den ihr dafür vergießt, wird vergolten sein, auch wenn euch vorher passieren kann, dass ihr euch beispielsweise in einem mehrere Kilometer langen Stau auf dem Weg nach München wiederfindet und fluchend zwei Stunden im Autobahn-Stau an der österreichisch-deutschen Grenze vor Bad Reichenhall wartet und das Konzert am Ende nur knapp erwischt – was mir diesmal passiert ist.

Ihr werdet alles bekommen, was ihr euch von Mr. Big wünscht. Ihre größten Klassiker, reichlich Spaß und positive Energie, eine gehörige Dosis echter Schocktherapie, bei der euch Mund und Augen weit aufgehen werden, wenn ihr Sheehans und Gilberts „out of this world“-Virtuosität erlebt! Zwei volle Stunden großes Spaßtheater, das den Namen Mr. Big auf einem besonderen Platz unter den Großen der Hard-Rock-Musik verankert und dort hält. Die großen Herren haben bewiesen, dass sie ihre Haltung aufrecht bewahrt haben. Wie es sich für Große eben gehört! Etwas anderes kommt für Profis mit einer solchen Kilometerzahl schlicht nicht in Frage.

Fotos: Aleš Podbrežnik

Setlist

1. Daddy, Brother, Lover, Little Boy
2. Take Cover
3. Green-Tinted Sixties Mind
4. Alive And Kickin‘
5. Next Time Around
6. Hold Your Head Up
7. Just Take My Heart
8. Temperamental
9. It’s For You
10. Price You Gotta Pay
11. Wild World
12. Take A Walk
13. The Whole World’s Gonna Know
14. Rock & Roll Over
15. Addicted To That Rush
—Zugabe I.—
16. To Be With You
17. Colorado Bulldog
—Zugabe II.—
18. Baba O’Riley

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