Tank Rock festival nach den Noten der Legenden des guten alten Rock! (2009)
Ort: Krpanov stadion / Pivka
Konzertdatum: 12.09.2009
Besucherzahl: 0
Kartenpreis: 15 €
Das Tank Rock festival, ein ambitioniertes Projekt, das letztes Wochenende im Krpanov stadion in Pivka stattfand, bot ein durchaus ansprechendes Lineup. Neben unseren alten Bekannten Forgotten Eden drehten die Rock-Veteranen Requiem ihre Runden auf der Bühne, dazu die allgegenwärtigen Divlje jagode, und für das heiße Finale sorgte der große Mann des Rockergewerbes Janez Zmazek mit seiner Don Mentony Banda. Aber der Reihe nach. Als regelmäßiger Konzertbesucher hat mich am improvisierten Eingang zum Gelände zunächst die Erkenntnis überrascht, dass ich trotz meiner nicht gerade typischen Pünktlichkeit gut zwei Stunden zu früh in Pivka angekommen war (zum Glück lud das nahe gelegene Lokal mit einer Übertragung des Basketballschlachtfests gegen Litauen zum Verweilen ein). Die giftige „Effizienz“ und die schier unglaubliche „Pünktlichkeit“ der heimischen Organisatoren hatte beschlossen, auch in Pivka zuzuschlagen – nur damit wir ja nicht vergessen, wo wir leben.
FORGOTTEN EDEN
Den Auftritt von Forgotten Eden zeichnete von Anfang an ein ausgesprochen kompakter Sound aus. Eine der Hauptstärken der Band – neben den beeindruckenden stimmlichen Qualitäten des quirligen Sängers Jure Počkaj – ist die exzellente Arbeit der Backing Vocals, deren mutiger Einsatz so manchen anspruchsvolleren Musikkenner zu begeistern weiß. Forgotten Eden zeigten sich, angetrieben vom intensiven Bewerben ihres letzten Albums Eden, als beständige und souveräne Truppe. In ihrem Auftritt war kein Platz für Patzer – tatsächlich wirkten sie trotz ihrer Jugend und der damit verbundenen Unerfahrenheit bis ins kleinste Detail eingeprobt. Was wirklich störte – wenn überhaupt –, war in erster Linie ein etwas zu kompakter, dicht gestaffelter Sound, der heutzutage im Bühnenbetrieb ohnehin sprichwörtlich allgegenwärtig ist. Nur als Beispiel: Während Sabljakovićs Gitarrensolo-Ausflüge alle Fäden der feurigen Gitarren-Exkursion ziehen, errötet die Rhythmusgitarre beschämt und recht unbemerkt im Hintergrund. Ihr Beitrag blieb beim disziplinierten Liefern verzerrter Attacken des mutigeren der beiden Kameraden kaum wahrnehmbar. Ohne dauerhaften Anschluss ans Geschehen blieb auch das synthetisch klingende Keyboard-Füllmaterial des flinken Iztok Kocen, der weniger mit seinen Keyboard-Einlagen begeisterte als vielmehr durch seine regelmäßige Versorgung mit Backing Vocals.
Forgotten Eden kämpften entschlossen um die Herzen der vor der Bühne versammelten dumpfen Wackler, was natürlich das Einzig-Richtige ist. Mit dem präsentierten Repertoire, das durch das Polieren ansteckender Melodien und scharfer Heavy-Rock-Riffs klar die Tendenz anzeigte, sich durch dicke Schichten Ohrenschmalz zu graben, hinterließen die Jungs den Eindruck eines bestens eingespielten Kollektivs, das beim „Aufwärmen“ zigfach gehörter Musikformen keine Scham kennt.
REQUIEM
Die Erfahrung sieht man Requiem auf Schritt und Tritt an, was sich schließlich auch aus dem routiniert souveränen Auftritt ablesen ließ, der im Gegensatz zum „blutgierigen“ Anstürmen von Forgotten Eden erwartungsgemäß deutlich näher an der Routine landete (gemeint ist das selbstverständlich im allerpositivsten Sinne). Requiem beschmutzten unsere Ohren – im besten Sinne – mit dem tüchtigen Marschieren schwerer Rock-Klassiker, die sich längst in die Herzen der rechtgläubigen Rock-Verehrer eingegraben haben. Dass die Jungs seit Jahren und dazu noch mit einer beneidenswerten Erfolgsbilanz der stahlharten Rock-Säge treu bleiben, ist eine Tatsache, die die Unglücklichen, die in dem Wunsch, ihre urtümlichen Instinkte zu stillen, bislang vergeblich die Bar der Rock-Mortadellade besucht haben, mit Hoffnung auf eine hellere Zukunft des Rock & Roll nähren kann. Requem zeigten sich in blendender Form, wirkten frisch, fast schon jugendlich. Primož blieb stimmlich durchgehend in hervorragender Verfassung; etwas Flicken gesanglicher Lücken erlebten wir nur ganz am Schluss des Auftritts, als die vokalen Akrobatiken des guten Mannes verständlicherweise auch ihren Blutzoll forderten. Neben der schon traditionell souveränen Gitarren-Achse des gut aufgelegten Duos Slokar/Marin tat sich Requiem auch mit einer exzellenten Backing-Vocal-Aufstellung hervor, die die Präsentation der größten Triumphe der Band – von Amsterdam über Čarovnice bis hin zum berühmten instrumentalen Kazačok mit Mr. Twister – erfolgreich veredelte, wobei letzterer in puncto Ausführung den Höhepunkt des Auftritts der Ljubljaner Band schuf.
DIVLJE JAGODE
Das Drehbuch, nach dem Divlje jagode Jung und Alt auf ihren Konzerten immer wieder in Trance ziehen, bleibt schon seit Langem unverändert. Das flotte Servieren des grundlegenden Heavy-Rock-Gebrummels der Formation aus zwei Gitarren, Bass und Schlagzeug bietet selten einen erwähnenswerten Überschuss, der in die dichten Reihen der auswendig gelernten Setlists ein bisschen mehr Aufregung – geschweige denn Saftigkeit – einbringen würde. Nicht anders war es in Pivka, wo Divlje jagode, wie sich später herausstellte, in der Rolle der Hauptattraktion des Abends auftraten. Lipovačs gut abgerichtete Mannschaft weiß genau, wie man die Dinge serviert, erst recht wenn es ums Konzertieren auf den ewig besonnten voralpinen Weiden geht. Divlje jagode brausten durch den Auftritt tüchtig, ohne Zögern, mit sichtlich „abgekühlten“ Gesichtszügen, die beredtes Zeugnis von der Verstimmung der Band ablegten – oder besser gesagt: ihrer Desinteressiertheit. Man würde logischerweise denken, dass die Herren mit so einem Ansatz nicht heil aus dem Abend herausgehen werden, doch Želets Männer pflegen ein so buntes Repertoire an eisernen Klassikern, die sich längst in den Hautporen des heimischen Publikums festgesetzt haben (das sich übrigens nach einer mir schwer begreiflichen Logik über seine Helden schon längst ein extrem idealisiertes Bild gemeißelt hat), dass sie um ein blutiges Szenario keine Angst haben müssen. Das Prinzip von Divlje jagode ist denkbar einfach: zum Auftakt Motori, dann eine Lawine an Favoriten der Band wie Krivo je more, Autostop, Konji, zwischen die sich ein nicht allzu pedantisch ausgeführtes Instrumental à la Turce schmuggeln konnte, das erwartungsgemäß als Vorwand zum Abkühlen von Osmanovićs räuchrigen Stimmbändern serviert wurde, und zum Abschied Divlje jagode, woraufhin die Männer schnell die Sachen packten und das Weite suchten.
DON MENTONY
Das Finale des ersten Tank Rock in Regie der Don Mentony Banda versprach eine drastische Wende nach vier Stunden Distortion-Kakophonie, daher wunderte es kaum, dass sich nach gut zwanzig Minuten von Mentonys Machenschaften der Großteil der noch kurz zuvor kompakt versammelten Schwarzkutten langsam aber sicher in Richtung Ausgang aufzulösen begann. Janezs schlichte und ungeschönt servierte Kombination aus kühnem Blues-Rock war für so manchen (allzu) stolzen Träger metallisch geformter Epauletten verständlicherweise zu wenig attraktiv, was anschaulich über den Geisteszustand des heimischen Musikpublikums zeugt, das weder Gehör noch den Anstand hat, die bloßen Grundlagen der Musikkunst zu genießen.
Was Don Mentony selbst betrifft: Der Auftritt in Pivka brachte keine übertriebenen Abweichungen von den gewohnten Leitlinien. Als einer der wenigen noch aktiven Meister der Kunst des Gitarren-Blues-Rock, der sich in Zeiten der Plastik-Parade und der Sterilität noch traut, rein natürlichen Rock & Roll zu verabreichen, bleibt Žan in allen Elementen der Darbietung grandios. Seine rau-schroffe, roh hingedehnte Stimme bleibt ein bis ins Kleinste ausgefeiltes Instrument zum Aufschütteln moralischer Wackelkandidaten aller Schattierungen und Formen, und über seine auf Clapton-Manier dressierten Gitarrenmanöver verliert man am besten gar keine weiteren Worte. Zmazeks gut eingespieltes Quartett begleitender Krieger agiert homogen, und wenn es nötig ist, springen einzelne Mitglieder mit lebhaften melodischen Akrobatiken gerne auch mal aus der Reihe. All diese Ausflüge finden selbstverständlich unter Žans wachsamem Auge statt, das mit chamäleontischem Blick in alle Richtungen das Bühnengeschehen väterlich lenkte.
Die klangliche Farbigkeit von Don Mentony ist über die Jahre beständig gewachsen, heutzutage vor allem dank der mit Leidenschaft und Glut eingebetteten Harmonika-Einlagen Boštjan Doričs, dessen Präsenz ein wirksames Gegengewicht zum exzellenten jungen Luka Vehar bietet und den edelsten Klassikern der Band neue Horizonte öffnet. So mancher Evergreen aus Žans breitem Repertoire trägt damit weniger verzerrte Distortion; deren frei gewordenen Platz nimmt die tüchtig geleistete Arbeit der frisch angeheuerten Jugend im Handumdrehen ein, was zusätzlich zur Frische des Gesamtklangbilds beiträgt. Zmazek erhofft sich von der Anwesenheit beider offensichtlich viel, denn im Vergleich zu dem lange angekündigten Auftritt im Studio des Nationalsenders, der für die Aufnahme des kommenden Konzertalbums diente, bot er vor allem seinem sechssaitigen Kameraden spürbar mehr Spielraum. Vehar hat durch das „Wellen“-Abenteuer spürbar an Selbstbewusstsein gewonnen (diesmal profilierte er sich zum Beispiel mit der einfallsreichen Kreation eines Soloparts im Stück Na drugi strani).
Zmazeks Truppe unstillbarer Blues-Rock-Gladiatoren erledigte unter den gegebenen Umständen ausgezeichnete Arbeit. Die unmenschlich frühe Stunde, die beim Eröffnungsstück Ko noč zamenja dan bereits zum dritten Mal nach Mitternacht schlug, vermochte Janezs rüstigem Leib keinen Bühnenenthusiasmus auszusaugen. Mit etwas mehr Erfolg kam in dieser Hinsicht die laue Publikumsreaktion davon, die Žan mehr als einmal zu so manch besonders saftigem Kommentar veranlasste. Angesichts des Gesehenen leider auch vollkommen berechtigt!
Fotos: Mojca Perdih
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