Nova Rock Festival 2009 – zweiter Tag – Schlammbad und Hähnchenkeulen zum Abendessen! (2009)

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Ort: Nickelsdorf, Österreich
Konzertdatum: 19.06.2009
Besucherzahl: 80000
Ticketpreis: 110 € für alle drei Tage

Bei kaltem Regenwetter aufzuwachen verheißt garantiert nichts Gutes. Und leider hat sich das auch bewahrheitet. Bis in den späten Nachmittag nieselte es mal mehr, mal weniger, und das Herumstapfen durch knöchel- oder noch tieferen Schlamm war nicht gerade ein Vergnügen. Kein Wunder, dass am St.-Pauli-Stand alle Gummistiefel ausverkauft waren. Wenigstens das Line-up des Tages war begeisternd: die Supergroup Chickenfoot, Kaiser Chiefs, Placebo, Chris Cornell, Staind und andere.

ROTE BÜHNE – „RED STAGE“

CENTAO: 12.15 – 12.40
Den zweiten Tag des Nova Rock Festivals eröffnete die lokale Rock-Vierer-Truppe Centao, die ihren Auftritt mit ein paar Minuten Verspätung begann. Die Band war allerdings nicht die einzige Nachzüglerin. Wegen des Regens und des Gedränges am Eingang zur „Red Stage“ kamen auch viele ihrer Fans zu spät. Wie sie später selbst klagten, haben viele nur noch den letzten Song mitbekommen. Trotzdem sammelten sich vor der Bühne von Minute zu Minute mehr Begeisterte, die zusammen mit Matt (Gesang), Steve (Gitarre), Irwin (Bass) und Josh (Schlagzeug) mitsangen. Die 2001 gegründete Band schwört seit ihrer ersten Veröffentlichung auf das Label MoRock Records. Unter dessen Dach brachten Centao 2006 ihr Debütalbum „Mindstrip“ heraus, dem sich letztes Jahr der Zweitgeborene „Your Poison Is My Paradise“ anschloss, eine Platte mit leicht provokantem Cover. Die Freiheit des Ausdrucks hat freie Hand. Erwähnenswert sind außerdem die zwei kleinen Platten „Rising“ (2002) und „Straight Within“ (2003) sowie die Single „No One Knows“ (2006). Die dynamische und energiegeladene vierköpfige Truppe präsentierte dem versammelten Publikum einige ihrer bisherigen Songs, darunter „I Need To Know“, „Addicted To You“, „I`m Your Devil“, „No One Knows“, „Short Romance“ und „The Start“. Vielleicht wäre genau ein Neuanfang das, was man den Jungs empfehlen würde. Natürlich mit mehr Feinschliff bei Auftreten und Stimme.

EISBRECHER: 13.00 – 13.30
Die sechsköpfige deutsche Band Eisbrecher begeistert mit ihrer Fusion aus Metal und Elektronik quasi schon seit ihrer Gründung 2003. Die Nachfolger der Neuen Deutschen Härte („Neue Deutsche Härte“), die 1989 von OOMPH! angestoßen und von Rammstein fortgeführt wurde, erobern die Konzertbühnen in der Besetzung aus dem Gründerduo, Sänger Alexx Wesselsky und Leadgitarrist und Programmierer Noel Pix, Keyboarder Max „Maximator“ Schauer, Schlagzeuger Rene Greil, Rhythmusgitarrist Jürgen Plangger und Bassist Oli Pohl. Bei ihrem Auftritt auf dem Nova Rock streifte die Truppe alle drei veröffentlichten Alben, angefangen mit dem jüngsten. Die Platte „Sünde“, auf der sich der erste gespielte Song „Kann denn Liebe Sünde sein?“ befindet, erschien letzten August, konnte seitdem aber keine größeren Durchbrüche feiern. Zwar begeistert das Sextett auf heimischem, deutschsprachigem Terrain, der Rest der Welt bleibt aber ziemlich unberührt. Mit ein paar hellen Ausnahmen anderswo in Europa und den USA, die das Treiben der Band verfolgen. Obwohl nur mit einem Song, „Angst?“, sorgte dann ihr selbstbetiteltes Debütalbum für Aufmerksamkeit, das im Januar 2004 bei ZYX Music erschien. Etwas mehr als zwei Jahre später brachte die Band das zweite Studioalbum „Antikörper“ (ZYX Music, Oktober 2006) auf den Markt, von dem man den Titelsong sowie „Phosphor“ hören konnte. Einen der größten Applause der paar hundert Köpfe zählenden Menge holte sich der Song „This Is Deutsch“ vom dritten Album. Eisbrecher beendeten ihren Auftritt mit dem Stück „Miststück“ der deutschen Band Megaherz, was nicht überrascht, denn Wesselsky war deren Gründungsmitglied. Ein Abschluss mit Erinnerungen an die guten alten Zeiten.

ATROCITY: 13.55 – 14.35
Der beharrliche Regen prägte auch den Auftritt der deutschen Metaller Atrocity, und nichts deutete darauf hin, dass sich das Wetter in naher Zukunft bessern würde. Trotzdem hatte sich vor der Bühne eine beachtliche Menge an Fans versammelt, die die Band begeistert begrüßte. Aber mehr als die Band selbst zogen zwei spärlich bekleidete Tänzerinnen die Aufmerksamkeit auf sich, die sich hinter Gitterstäben links und rechts vom Schlagzeug wanden. In ihrer 24-jährigen Musikgeschichte hat die Band neun EPs, zwei Compilation-Alben und sieben Studioalben veröffentlicht. Die meiste Aufmerksamkeit zog sicher das letzte, im Februar letzten Jahres erschienene reine Coveralbum „Werk 80 II“ auf sich, denn auf dem Cover prangt die Ikone unter den Starlets, Dita Von Teese. Doch nicht einmal das reicht aus, um ihren Auftritt zu retten. Zwar fanden sich im Publikum ein paar verrückte Köpfe, die allgemeine Stimmung war aber eher lau. Von einer Band mit so langer Geschichte und einer ziemlich reichen Diskografie hätte man doch mehr erwartet, als geboten wurde. Auch die Liste der gespielten Songs war nicht überraschend. Zu den bekanntesten zählten vielleicht nur „Blut“, „Gods Of Nation“, „Clash Of The Titans“, „Enigma“ und das jedem bekannte „The Sun Always Shines On TV“, das im Original vom norwegischen Trio A-Ha stammt. Atrocity haben diesmal nicht überzeugt. Schade.

DIR EN GREY: 15.05 – 15.55
Dir En Grey, ein fünfköpfige Band aus dem Land der aufgehenden Sonne, gegründet 1997, findet sich auf dem alten Kontinent völlig gut zurecht, denn hinter ihnen liegen (neben asiatischen und amerikanischen) schon einige Europatouren. Die letzte, unter dem Motto „Feast of V Senses“, klapperte alle größeren Festivals auf „unserem“ Boden ab. Aber … Hat sie begeistert? Kyo (Gesang), Kaoru (Gitarre, Backing Vocals), Die (Gitarre, Backing Vocals), Toshiya (Bass, Backing Vocals) und Shinya (Schlagzeug) waren nach den etwas schwereren Rhythmen von Eisbrecher und Atrocity mit ihrem Metalcore der reinste Balsam für die Ohren. Obwohl die ersten drei Alben „Gauze“ (Free-Will, 1999), „Macabre“ (Firewall, 2000) und „Kisou“ (Firewall, 2002) diesmal unberührt blieben, haben die Jungs begeistert. Auch wenn nicht so sehr mit der Musik selbst: Der Auftritt dieser anorektischen Jungspunde ist so voller Energie und Einsatz, dass ihm sogar das steinernste Kritikerherz erliegt. Ein Dutzend gespielter Songs umfasste alle bekannteren Stücke der letzten vier Alben. Angefangen mit dem letzten, letztes Jahr erschienenen Album „Uroboros“ (The End), das das Thema Reinkarnation behandelt, schwappte das Gefeiere über in „Obscure“ vom vierten Album „Vulgar“ (Firewall) aus dem Jahr 2003. Trotz der tollen Reaktionen war das der einzige gespielte Song von diesem Album. Mit „Merciless Cult“ ging die Aufmerksamkeit dann zum Album „Withering To Death“ (Free-Will, 2005) über. Es ist ihre erste Platte, die auf dem europäischen und nordamerikanischen Boden Fuß fasste und in den Billboard-Charts „Hot Heatseekers“ auffiel. Ein ähnliches oder noch einen Hauch besseres Schicksal folgte mit dem Album „The Marrow Of A Bone“ (Firewall, 2007), von dem Dir En Grey als erstes den etwas lauteren und schnelleren Song „Grief“ spielten. Die Tour, auf der sich die Jungs befinden, ist nicht bloß eine Festivaltour, sondern auch eine Promo-Tour, denn ihr letztes Album „Uroboros“ ist der Öffentlichkeit noch gar nicht richtig vorgestellt worden. Den Reaktionen nach zu urteilen kennt das Publikum die Songs „Dozing Green“, „Vinushka“, „Gaika, Chinmoku Ga Nemuru Koro“ und „Reiketsu Nariseba“ aber schon gut, denn während deren Vortrag entwickelte sich vor der Bühne ein richtig kleines Gefeiere. Den Reigen von vier Songs unterbrachen und beendeten „The Final“ und „Saku“ vom durchschlagenden Album „Withering To Death“. Die Zeit rennt, ehe man sich versieht, mussten sich Dir En Grey schon vom Nova-Rock-Publikum verabschieden, das noch ein letztes Mal zu „Agitated Screams Of Maggots“ vom Album „The Marrow Of A Bone“ mitwippte. Bis zum nächsten Mal …

ALL THAT REMAINS: 16.25 – 17.20
Der Regen hatte aufgehört, und die Bühne übernahm von den anorektischen Jungspunden Dir En Grey die etwas gesetztere fünfköpfige Metalcore-Band All That Remains, deren Wurzeln ins Jahr 1998 zurückreichen und bei der neben den vier Jungs, Sänger Philip Labonte, Rhythmusgitarrist Mike Martin, Leadgitarrist Oli Herbert und Schlagzeuger Jason Costa, die kleine Jeanne Sagan den Bass bändigt. Obwohl die Band vier Studioalben veröffentlicht hat, alle beim Label Prosthetic, widmeten sie sich bei ihrem Auftritt auf dem Nova Rock nur den letzten beiden. Das 2002 erschienene Debütalbum „Behind Silence And Solitude“ und der Zweitgeborene „The Darkened Heart“ von 2004 blieben trotz vieler großartiger Songs unberührt. Die versammelte Menge störte das aber nicht. Nach und nach sangen sie mit Labonte und Co. mit, als zum Auftakt „Not Alone“ vom dritten Album „The Fall Of The Ideals“ (2006) gezündet wurde. Die Platte, produziert von Adam Dutkiewicz, dem Gitarristen von Killswitch Engage (die etwas später auf der Red Stage spielten), war ihr erstes Album in den Billboard 200. Was auch nicht überrascht, denn auf diesem Langspieler finden sich noch einige tolle Songs, wie z. B. „We Stand“, „Become The Catalyst“, „The Weak Willed“ und „Six“. Letzterer erschien in besonderer Form für das in letzter Zeit immer beliebtere Spiel „Guitar Hero II“. Auch das letzte, im September letzten Jahres erschienene Album „Overcome“ sollte man nicht außer Acht lassen, das Labonte als ihr härtestes Album beschrieben hat. Die Songs „Two Weeks“, „Before The Damned“, „Forever In Your Hands“, „Chiron“ und „Undone“ beweisen das auch, denn ATR haben mit der Platte erstmals die magische Grenze durchbrochen und es unter die Top Ten der Billboard-Charts „Mainstream Rock Tracks“ geschafft. Der Schlussteil ihres Auftritts gehörte den Songs „The Air That I Breath“ und „This Calling“ vom Album „The Fall Of Ideals“. Von allen ihren Stücken hat gerade das letzte den meisten Erfolg eingefahren, denn es wurde gleich in zwei Soundtracks verwendet, nämlich für den Film Saw III und die amerikanische Fernsehserie Master Of Horror. Seine Bekanntheit bestätigte zum Schluss auch das Publikum, das noch ein letztes Mal mit den Fünfen hüpfte. Zum Gesehenen und Gehörten: Von der Band ist sicher noch viel zu erwarten!

MONSTER MAGNET: 17.50 – 18.55
Mit den amerikanischen Hardrockern Monster Magnet wehte ein ganz frischer Wind, der den Ohren der versammelten Meute wohltat. Die Wurzeln der vierköpfigen Band, bestehend aus Dave Wyndorf (Gesang, Rhythmusgitarre), Ed Mundell (Leadgitarre), Jim Baglino (Bass) und Bob Pantella (Schlagzeug), reichen zurück ins ferne Jahr 1989. In zwei Jahrzehnten Bandgeschichte haben sie sieben Studioalben veröffentlicht, durch die sie in ihrem einstündigen Auftritt auf dem Nova Rock Festival spazierten. Dem Debütalbum „Spine Of God“ (Caroline Records, 1992) erwiesen die Herren mit dem Song „Zodiac Lung“ die Ehre, der auch der einzige gespielte Song von dieser Platte war. Etwas mehr Aufmerksamkeit galt dem zweiten Langspieler „Superjudge“ (A&M Records, 1993), denn das ist das erste Album, bei dem Mundell mitgewirkt hat. Die Songs? „Twin Earth“ und „Superjudge“. Nicht mehr als zwei Stücke, den Titelsong und „Third Alternative“, gab es vom dritten Album „Dopes To Infinity“ zu hören, das 1995, genau wie sein Vorgänger, bei A&M Records erschien. Den ersten größeren Durchbruch auf der breiteren Musikbühne erlebte die Band mit dem vierten Studioalbum „Powertrip“ (A&M Records) von 1998, mit dem sie in den Billboard 200 debütierte. Von dieser Platte konnte die versammelte Meute ihren größten Hit „Space Lord“ hören, der es in den amerikanischen Charts „Mainstream Rock Tracks“ auf einen beachtlichen dritten Platz schaffte. Aber auch „Crop Circle“, „Powertrip“ und „Tractor“ stehen dem nicht nach, denn das sind noch drei großartige Nummern. Aus Zeitnot mussten Monster Magnet die Songs vom fünften Album „God Says No“ (A&M Records, 2001) auslassen. Etwas Aufmerksamkeit bekamen dann noch die letzten beiden Alben. Vom sechsten Studioalbum „Monolithic Baby!“ (SPV), das 2004 das Licht der Welt erblickte, bekam die inzwischen schon einige hundert Köpfe zählende Menge die Songs „Radiation Day“ und „The Right Stuff“ zu hören. Letzteren haben sich die Herren vom Sänger, Schriftsteller und Musiker Robert Newton Calvert geliehen, besser bekannt als Sänger von Hawkwind. Calvert veröffentlichte den Song 1974 auf seinem Konzeptalbum „Captain Lockheed And The Starfighters“. Monster Magnet brachten ihr letztes Studioalbum „4-Way Diablo“ (SPV) gegen Ende 2007 heraus und machten mit dem Song „Slap In The Face“ das Publikum noch ein letztes Mal verrückt. Obwohl die Band nie mit einem größeren kommerziellen Erfolg geliebäugelt hat, wurden viele ihrer Songs in Soundtrack-Alben und Computerspielen verwendet, von wo sie vor allem die jüngere Generation kennt. Von ihrem Auftritt auf der Red Stage des Nova Rock Festivals haben viele nicht viel erwartet, umso größer war die Überraschung. Wyndorf und Co. erwiesen sich als unglaublich charmante und energiegeladene Kerle, auch wenn sie zwischendurch ein bisschen „weg“ sind. Aber das kann man ihnen nicht verübeln. Die Herren halten sich eben konsequent an das Motto „Sex, Drugs & Rock`n`Roll“.

KILLSWITCH ENGAGE: 19.25 – 20.35
Die Rückkehr zu den schwereren Rhythmen übernahmen die amerikanischen Metalcorler Killswitch Engage, die dieses Jahr ihr zehnjähriges Bestehen feiern. Obwohl ihre Wurzeln ins Jahr 1999 zurückreichen, sind sie in der Besetzung, wie wir sie heute kennen, seit 2003 aktiv. Das Gespann Howard Jones (Gesang) – Adam Dutkiewicz (Gitarre, Backing Vocals) – Joel Stroetzel (Gitarre) – Mike D`Antonio (Bass) – Justin Foley (Schlagzeug, Percussion) hat seine Diskografie kürzlich um das fünfte Studioalbum bereichert, das sie als Verbeugung vor der Jubiläumszahl schon zum zweiten Mal selbst betitelt haben. Perfektionisten, wie KsE nun mal sind, halten sie sich bei ihrer Arbeit an drei einfache Regeln: keine Abkürzungen, keine Kompromisse und keine Schritte zurück. Wenn wir auf ihre Vergangenheit blicken, stimmt das auf jeden Fall. Den stichhaltigsten Beweis liefert die unerwartete Grammy-Nominierung 2005 in der Kategorie „Best metal performance“ für das Album „The End Of Heartache“, auch wenn der Preis am Ende an Herrn Lemmy Kilmister und seine Motörhead ging. Ihr mit Abstand erfolgreichstes Album ist zugleich das erste, bei dem Jones mitgewirkt hat, als er den früheren Sänger Jesse Leach ersetzte.

Die paar tausend Köpfe zählende Menge, die sich bis zu diesem Moment vor der Red Stage versammelt hatte, begrüßte die Band begeistert. Ihre Rufe und ihr Klatschen mündeten in brutales Gedränge, sobald die ersten Riffs des Songs „A Bid Farewell“ vom dritten, schon besungenen Album „The End Of Heartache“ (Roadrunner Records, 2004) erklangen. Der Wahnsinn ging weiter mit „When Darkness Falls“, einem weiteren großartigen Stück von diesem erfolgreichen Album. Wenn du Horrorfilme magst, erinnerst du dich an den Song vielleicht aus dem Soundtrack-Album zum Film Freddy vs. Jason, falls nicht, tipp einfach fix die Wortfolge bei YouTube ein. In dunkleren Gewässern blieben Killswitch Engage mit dem Song „Fixation On The Darkness“ vom zweiten und letzten Studioalbum „Alive Or Just Breathing“ (Roadrunner Records, 2002), bei dem Sänger Jesse Leach mitwirkte. Zu seinen letzten Werken gehören auch die Songs „Life To Lifeless“ und „My Last Serenade“, die sich ebenfalls auf der genannten Platte befinden. Darüber freuten sich sicher die etwas älteren Fans, aber auch für die frischen „Neuzugänge“ gab es etwas, z. B. „Still Beats Your Name“ vom vierten Langspieler „As Daylight Dies“ (Roadrunner Records, 2006). Anders als bei ihren früheren Veröffentlichungen, die Dutkiewicz produzierte, sprang ihm diesmal Gitarrist Stroetzel zur Seite. Das Ergebnis ist ein weiteres tolles KsE-Album, auch wenn Letzterer da nicht zustimmen würde. Nach seinen Worten soll es dem dritten Album „The End Of Heartache“ sehr ähnlich sein. Wie viel Wahrheit darin steckt, urteil selbst. Die Nova-Rocker kümmerte das nicht, und zwischen „Take This Oath“ und „Rose Of Sharyn“ stellten sie so einige alles andere als unschuldige Streiche an. Wenn die Fünf diesmal keinen Blick auf ihr erstes selbstbetiteltes Debütalbum warfen, bekam ihr letztes und schon zum zweiten Mal selbstbetiteltes Album etwas mehr Aufmerksamkeit, das einen Neuanfang bedeuten soll. Daran klammern sich KsE mit dem Song „Starting Over“, der zweiten Single ihres fünften Albums. Auch wenn „As Daylight Dies“ laut Statistik nicht ihre erfolgreichste Veröffentlichung ist, verbergen sich darauf einige Perlen, wie „This Is Absolution“, „The Arms Of Sorrow“ und „My Curse“, ein weiterer Grammy-Nominierter. Jones‘ Gebrüll und Gewürge wird in den genannten dreien durch klare Gesangs- und Gitarrenlinien ersetzt. Das genaue Gegenteil von dem, was man kurz zuvor gehört und gesehen hatte. Killswitch Engage beendeten ihren knapp einstündigen Auftritt mit „The End Of Heartache“ vom gleichnamigen Album und Soundtrack-Song zum Film Resident Evil: Apocalypse sowie mit dem Cover der ersten Single „Holy Diver“ der Heavy-Metal-Band Dio.

Wenn die Fünf ein paar Tage vor ihrem Nova-Rock-Auftritt in Zagreb begeistert haben, als sie für die Wilden von Slipknot die Bühne aufwärmten, war es diesmal nicht anders. Die Menge trugen sie schon mit dem ersten Song weg vom melancholischen Monster-Magnet-Wellengang hinauf in die Höhen schwerer Musik, gewürzt mit Jones‘ leicht rauer Stimme und verzerrten Gitarren, und hielten sie dort bis zum Schluss. Dreimal „Hurra“ für Killswitch Engage!

CHICKENFOOT: 21.05 – 22.20
Chickenfoot sind ein Projekt von vier gelangweilten alten Hasen und Musikveteranen, Sänger Sammy Hagar und Bassist Michael Anthony, die die Hälfte der Besetzung von Van Hallen darstellen, sowie Gitarrenvirtuose Joe Satriani und Red-Hot-Chili-Peppers-Schlagzeuger Chad Smith. Obwohl diese sogenannte Supergroup ihren Weg eher zum Spaß als im Ernst begann, hat sie in Rekordzeit sowohl die lokale als auch die globale Musikszene erobert. Ihren Erfolg krönte das Quartett mit dem selbstbetitelten Album, das Anfang Juni dieses Jahres das Licht der Welt erblickte.

Schon die ununterbrochen auf die abgedunkelte Bühne gerichteten Blicke, von der nur ein leicht gebogener, knallroter Mikrofonständer strahlte, ließen ahnen, dass Chickenfoot die meisterwartete Band der „Red Stage“ an diesem Tag waren. Die Sekunden vergingen langsam, und als das Trio Smith – Satriani – Anthony mit dem großartigen instrumentalen Intro zum Song „Avenida Revolution“ loslegte, verlor das Publikum die Kontrolle. Tosender Applaus und um einige Dezibel lautere Rufe vor allem der grauhaarigen Musikfans, die schon bei den Klängen der legendären Van Hallen ausrasteten, begrüßten dann auch Hagar mit roter Sonnenbrille und dazu passenden Sneakern, offenbar sein Markenzeichen. Obwohl der Herr schon in sehr reifem Alter ist, merkt man ihm das keinen Moment an. Hyperaktiv und voller Energie, wie er ist, erwischte man ihn mal am einen, mal am anderen Ende der Bühne, in ständigem Herumhüpfen. In unterhaltsamen und fröhlichen Hardrock-Rhythmen ging der Abend mit dem Song „Soap On A Rope“ weiter, und unter der ganzen versammelten Meute gab es niemanden, der nicht mit Hüfte und Hintern gewackelt hätte. Klar, bei ihrer Musik, mit den obligatorischen Soloeinlagen von Satriani, taut auch die verklemmteste Seele auf. Besonders dann, wenn es um den Song „Sexy Little Thing“ geht, den Kavalier Hagar allen Vertreterinnen des zarteren Geschlechts widmete. Obwohl er das älteste Mitglied der Band ist, leistet ihm seine Stimme trotz der Kilometer auf dem Buckel hervorragende Dienste. Auch dann, wenn das tiefste „Oh Yeah“ aus dem Hut gezaubert werden muss. Ein ausgefuchster Hund ist aber nicht nur er. Anthony, der an diesem Tag seinen 55. Geburtstag feierte, hält bestens mit ihm Schritt. Sowohl stimmlich als auch von der Statur. Nach den vier zündenden Songs, die auch auf dem Album in derselben Reihenfolge aufeinanderfolgen, kam das vor allem instrumentale „Down The Drain“, bei dem der Jubilar einige seiner Bass-Kunststücke zeigte. Und begeisterte. Einer der schönsten Momente ihres Auftritts war sicher die Ballade „Learning To Fall“. Dabei setzte sich Hagar an den Bühnenrand, nahm sich ein zitherartiges E-Instrument auf die Knie und trug das Publikum in die Wolken. Das Schweben in den Höhen währte allerdings nicht lange. Die viele tausend Köpfe zählende Meute holte der Song „Get It Up“ wieder auf den Boden zurück, bei dem Hagar im Refrain „Now get it up / Arriba, ‚riba / Oh, oh, oh / Get it up“ erneut und mehr als erfolgreich den Umfang seiner Stimme testet. Obwohl Satriani mit seinen Gitarren-Soloeinlagen einen riesigen Vorsprung vor den anderen beiden Mitgliedern Smith und Anthony hat, erleben auch die beiden ihre „fünf Minuten Ruhm“. Wenn nicht am Anfang, dann gegen Ende des Auftritts, aber trotzdem besser als nie. So strahlte bei „Turnin` Left“ wieder Anthonys schwarz-weißer Bass, und Smith übernahm, wie schon so oft, das Ruder bei „Future In The Past“. Chickenfoot beendeten ihren hervorragenden und überaus energiegeladenen Auftritt mit dem Song „Bad Motor Scooter“, der sich auf dem selbstbetitelten Debütalbum der Band Montrose befindet, bei der Hagar seine Musikkarriere begann.

Die Spaßvögel von Chickenfoot präsentierten in gut siebzig Minuten den Großteil der Songs ihres Erstlings und bewiesen trotz der Jahre, dass die Herren immer noch in Topform sind. Körperlich, instrumental und stimmlich. Die zum Abendessen servierten Hähnchenkeulen haben besser geschmeckt als je zuvor.

IN EXTREMO: 22.50 – 00.20
Als Letzte des Tages spielte auf der „Red Stage“ die deutsche Band In Extremo, mit der die viele tausend Köpfe zählende, vor allem deutschsprachige Meute in ganz andere Gewässer hinausschwamm. Die siebenköpfige Truppe, deren Mitglieder (alles Multiinstrumentalisten) unter Künstlernamen auftreten, könnte man glatt einen Stamm nennen, der in seiner Musik verschiedene Musikstile (mittelalterliche Traditionals, Rock und Metal), Instrumente (klassische Rock- und Metal-Instrumente, Dudelsäcke, Harfe, Drehleier, mittelalterliche und Renaissance-Holzpfeifen …) und Sprachen (Norwegisch, Spanisch, Englisch, Altschwedisch, Altfranzösisch, Isländisch, Estnisch, Hebräisch, Gotisch, Latein, Althochdeutsch und Mittelhochdeutsch) vereint. Neben dem sehr starken musikalischen Einfluss hat das offenbar auch einen Bildungswert, denn mit ihren Songs halten sie die sogenannten toten Sprachen am Leben. Die Band, die anfangs getrennt als Mittelalter- und Rockband auftrat, schloss sich 1995 zur heutigen Formation zusammen, einem Hybrid aus beiden früheren Besetzungen, und seitdem wächst ihre Beliebtheit stetig. Vor allem auf dem Boden des alten Kontinents. Das Verdienst gebührt der reichen Diskografie, die dreizehn Studio- und Livealben, eine „Best Of“-Veröffentlichung und drei DVDs umfasst. Und da die reiche Ausbeute an veröffentlichten Alben eine breite Songauswahl bietet, fällt es schwer zu entscheiden, welchen man spielt und welchen nicht. Diesmal gehörte die Aufmerksamkeit den Alben „Weckt die Toten!“ (1998), „Verehrt Und Augespien“ (1999), „Sünder Ohne Zügel“ (2001), „7“ (2003), „Mein Rasend Herz“ (2005) und „Sängerkrieg“ (2008). Die übrigen Veröffentlichungen, vor allem die früheren, blieben diesmal unberührt.

In Extremo erlebten trotz ihrer reichen und fruchtbaren fünfzehnjährigen Geschichte ihren größeren kommerziellen Erfolg mit dem jüngsten Studioalbum „Sängerkrieg“, das im Mai letzten Jahres beim Label MCA Record (unter dem Dach von Universal) das Licht der Welt erblickte. In vergleichsweise kurzer Zeit, nur drei Wochen nach Erscheinen, stand es ganz oben in den deutschen Albumcharts und verdiente sich damit den schmeichelhaften Titel eines der erfolgreichsten InEx-Alben. Daher war es nicht überraschend, dass Das letzte Einhorn (Michael Robert Rhein), Van Lange (Sebastian Oliver Lange), Die Lutter (Kay Lutter), Der Morgenstern (Reiner Morgenstern), Dr. Pymonte (André Strugala), Flex der Biegsame (Marco Ernst-Felix Zorzytzky) und Yellow Pfeiffer (Boris Pfeiffer) diesem die größte Aufmerksamkeit widmeten. Die Songs? „Sieben Köche“, „Frei zu Sein“, „Sängerkrieg“, „Auf`s Leben“, „Flaschenpost“, „En Esta Noche“ und „In Diesem Licht“. Der Wahnsinn? Garantiert! Auch bei allen anderen gespielten Stücken. Die sogenannten Folk-Metaller flochten zwischen die eben aufgezählten Songs erfolgreich „Vollmond“ („Sünder Ohne Zügel“, 2001) ein, das Auszüge aus Liedern des französischen Dichters Francois Villon aus dem 15. Jahrhundert enthält; das allen bestens bekannte „Ave Mario“ („7“, 2003) sowie die Songs „Poc Vecem“, „Spielmann“ und „Rasend Herz“ vom erfolgreichen Album „Mein Rasend Herz“ (Island Records, 2005). Den Reigen der erfolgreichsten Songs unterbrach nur noch „Ai Vis Lo Lop“ vom Erstling „Weckt die Toten!“ (Vielklang Musikproduktion, 1998), bei dem sich erneut Altes, Traditionelles und Neues miteinander verflechten.

Wenn sich InEx im ersten Teil ihres Auftritts vor allem dem jüngsten Studioalbum widmeten, gehörte der zweite Teil etwas älteren, aber ebenfalls sehr gut bekannten Songs. So spielten die Herren vom Album „7“, das viele als ihr erstes erfolgreicheres Album betrachten, „Erbeermund“ und „Küss Mich“ und führten das Gefeiere damit zum Höhepunkt, untermauert von Pyrotechnik. Auch ihr zweites Album „Verehrt und Angespien“ von 1999 (Mercury Records) vergaßen sie nicht, von dem das Publikum „Spielmannsfluch (The Gleeman`s Bane)“ mit Versen des deutschen Dichters Ludwig Uhland aus dem 18. Jahrhundert hören konnte. Noch ein Stück weiter zurück in die Geschichte, genauer gesagt an die Wende vom 11. zum 12. Jahrhundert, führt uns „Omnia Sol Temperat“ mit Auszügen aus den „Carmina Burana“ („Sünder Ohne Zügel“, 2001). Sie erinnern sich auch an den Song „Villeman Og Magnhild“ vom Debütalbum, in dem sich erneut Traditionelles und Modernes verflechten, und beenden damit den Abend.

Der fast ganztägige Regen und der Schlamm drehten in Verbindung mit der Musik von In Extremo und ihrer Pyrotechnik das Rad der Zeit ein paar Jahrhunderte zurück und zeugten so von echter (barbarischer) Mittelalterstimmung, in der keine Regeln gelten und der Alkohol in Strömen fließt. Da kommt dann noch die Assoziation mit dem schöneren Teil des Films Braveheart mit Mel Gibson in der Hauptrolle hinzu, aber lassen wir das für eine andere Zeit oder einen anderen Ort…

BLAUE BÜHNE – „BLUE STAGE“

NO HEAD ON MY SHOULDERS: 13.00 – 13.25
Als Erste an diesem Tag nahmen No Head On My Shoulders der „Blue Stage“ die Unschuld, eine zehnköpfige lokale Truppe, die sich nach Kräften bemüht, mit einer Mischung aus Punk, Rock, Ska, Disco, Reggae, Jazz, Funk, Latin, Balkan und Inferno zu unterhalten. Von allem ein bisschen für noch einen unoriginellen Musikcocktail. Obwohl die Band aus heimischen Gefilden stammt, hatte sich vor der Bühne nur ein Häuflein Begeisterter versammelt, und das waren vermutlich auch noch Freunde und Bekannte, die gekommen waren, ihre aufstrebenden Landsleute anzufeuern. NHOMS brachten Ende 2006 ihren Erstling „Caution Overload“ heraus, von dem das Publikum „Pülp Fictiön“, „Evil Knevil“, „Coffee“ und „Firebringer“ hören konnte. Da seit dem Erscheinen des Erstlings schon einige Zeit vergangen ist, bereiten sich die Jungs und das Mädel in den letzten Monaten intensiv auf Veröffentlichung und Promotion des zweiten Studioalbums vor, das nach ihren Worten technisch und musikalisch ausgereifter sein soll. Zwar hat die Band mit dem Gesehenen und Gehörten nicht begeistert, aber wie man sagt: Die Hoffnung stirbt zuletzt. Lassen wir uns überraschen!

THE DURANGO RIOT: 13.45 – 14.15
The Durango Riot, eine schwedische Band aus vier stattlichen jungen Männern, die die Bühne von den lokalen Ska-Punk-Spaßvögeln NHOMS übernahm, brachte im letzten Quartal 2007 beim Label Fuzzorama ihren Erstling „Telemission“ heraus und hat sich seitdem erfolgreich auf dem breiteren Musikmarkt durchgesetzt. Neben der hervorragenden Performance und dem ansteckenden Sound erobern die modernen Grunger Europa auch dank Auftritten mit größeren Namen der alternativen Szene, wie den Deutschen Die Toten Hosen, den Amis aus Orange County in Kalifornien – Social Distortion, sowie den Landsleuten The Soundtrack Of Our Lives und Truckfighters, mit denen wir sie im Oktober 2007 in Ljubljana in der Menza pri koritu sehen konnten. Letzten Monat erschien ihr Debütalbum auch in Japan und brachte ihnen einen Auftritt beim Tokioter Summer Sonic Festival ein. Nach dem Gesehenen und Gehörten kann ich (können wir) schließen, dass sie im Land der aufgehenden Sonne genauso begeistert haben wie gut einen Monat zuvor auf dem Nova Rock. Auch wenn sie nur knappe dreißig Minuten hatten, quetschten die Jungs das Maximum heraus. Trotz des neuen Materials (der Song „Burn The House“) widmete sich das Quartett ihrer einzigen Platte, von der das Publikum ihre durchschlagenderen und erfolgreicheren Songs hören konnte. Um nur einige zu nennen: „No Need For Satisfaction“, „Man In The Machine“, „Future 2036“, „Dirty Needs“ und „Drivers“. Fred (Gesang, Rhythmusgitarre), Jake (Leadgitarre, Backing Vocals), Hakan (Bass) und Eric (Schlagzeug, Percussion) können es: Ob du willst oder nicht, sie kriechen unaufdringlich unter die Haut und verankern sich mit ihrer Musik tief im Herzen. Wogegen nichts einzuwenden ist … Sie sollen nur endlich eine neue Platte aufnehmen!

EXPATRIATE: 14.40 – 15.15
Die New-Wave-Indie-Rocker aus dem Land Down Under, Expatriate, sind eine ziemlich frische Erfindung der allmächtigen Musik, die 2005 in der Szene einschlugen und bald darauf zwei kleine Platten herausbrachten, „Lovers le Strange“ und „Play A Part EP“. Größere Bekanntheit brachte ihnen das Debütalbum „In The Midst Of This“, das 2007 beim Label „Dew Process“ erschien und es schon in der ersten Woche in die offiziellen australischen Musikcharts ARIA Charts schaffte. Zu ihren Erfolgen können Ben King (Gesang, Gitarre), Chris „Christo“ Kollias (Schlagzeug), Damian Press (Keyboards, Gitarre) und David Molland (Bass) Auftritte mit namhaften Größen der Musikszene zählen, wie Silverchair, Powderfinger, Editors, The Cops und Interpol. Unter allen genannten wird ihr Ansehen sicher das bevorstehende Touren mit Placebo heben, wenn Expatriate für Primadonna Brian Molko im herbstlichen, europäischen Teil der Welttournee „Battle For The Sun“ die Bühne aufwärmen, die ihrem jüngsten, zu Beginn des Sommers erschienenen, gleichnamigen Album gewidmet ist. Der heutige Auftritt war also nur das Aufwärmen vor dem großen Finale. In gut einer halben Stunde widmete das Quartett die meiste Zeit seinem Erstling, von dem die versammelte Menge, bestehend vor allem aus flotten Teenagerinnen, die Songs „Crazy“, „Shooting Star“, „Are You Awake?“, „Blackbird“ und „Gotta Get Home“ hören konnte. Auch ihre kleinen Platten blieben nicht unbeachtet. So strahlte von der ersten EP „Aviation At Night“ und von der zweiten „Heart Attack“. Dass die Jungs sich nicht auf ihren alten Lorbeeren ausruhen, bewiesen sie mit dem Song „Miracle Mile“, der auf ihrem neuen, sehnsüchtig erwarteten Studioalbum erscheinen wird. Wie schon bei The Durango Riot: je früher, desto besser!

LACUNA COIL: 15.45 – 16.35
Die Wurzeln des italienischen Sextetts Lacuna Coil, das mit einer Art Mischung aus Gothic-Pop-Rock liebäugelt, reichen ins ferne Jahr 1994 zurück, doch richtig auf sich aufmerksam machten sie erst mit ihrem vorletzten Studioalbum „Karmacode“ von 2006, als sie mit Platz achtundzwanzig in die Billboard 200 einzogen. Noch besser schnitt ihr jüngstes Album „Shallow Life“ ab, auf das die Band, bestehend aus den zwei Hauptsängern Cristina Scabbia und Andrea Ferro, Gitarrist Cristiano „Pizza“ Migliore und Marco „Maus“ Biazzi, Bassist Marco Coti Zelati und Schlagzeuger und Percussionist Cristiano „Criz“ Mozzati, am stolzesten ist. Teils auch deshalb, weil es ihr ausgereiftestes Album ist – ausgefeilter, intensiver und stärker auf das Wesentliche konzentriert. Das beweisen die Songs „I Won`t Tell You“, „Not Enough“, „I`m Not Afraid“ und „Spellbound“, die du in ähnlicher Reihenfolge auch auf dem Album findest. Unter den älteren Songs stachen am meisten die vom bereits erwähnten Album „Karmacode“ heraus, die beim Publikum auf fruchtbaren Boden fielen, denn die Menge feierte vom ersten bis zum letzten Song. Um einige zu nennen, das sind „To The Edge“, „Fragments Of Faith“, „Fragile“ und „Our Truth“. Einen der ersten bemerkenswerteren Erfolge brachte der Band schon der Song „Heaven`s A Lie“ vom Album „Comalies“, erschienen im Oktober 2002 beim Label Century Media. Ihren Auftritt würzte zusätzlich das Cover von Depeche Mode mit dem Song „Enjoy The Silence“ (Album „Violator“, Mute, 1990), dem LC einen etwas härteren Sound verpassten. Dem Stück steht diese Verkleidung einigermaßen, und doch … Die Originalversion übertrifft sie nicht. Trotz des durchschnittlichen Auftritts der italienischen Band konnte die Nova-Rock-Meute den (stellenweise widerlich) ansteckenden Klängen von Lacuna Coil nicht widerstehen. Worin nur liegt das Geheimnis ihres Erfolgs?

DREDG: 17.05 – 18.00
Eine der meisterwarteten Bands dieses Tages waren sicher die amerikanischen Alternative-Rocker Dredg, die nur selten südlicher als bis zur deutschen Grenze kommen. Umso größer war die Begeisterung, als das Quartett die Bühne betrat. Die 1993 gegründete Band spielt von Anfang an in unveränderter Besetzung aus Gavin Hayes (Gesang, Slide-Gitarre, Gitarre), Drew Roulette (Bass, Synthesizer), Mark Engles (Gitarre) und Dino Campanella (Schlagzeug, Klavier, Orgel). Neben der Musik begeistern sich die Jungs auch für Kunst und Psychologie, was auf all ihren Alben zu erkennen ist. So behandelt z. B. ihr 1998 erschienenes Debütalbum „Leitmotif“ das Thema eines Menschen, der sich mit seiner moralischen Krankheit herumplagt, weshalb er um die Welt reist und in verschiedenen Kulturen nach einem Heilmittel dafür sucht. Auch ihr zweites Studioalbum „El Cielo“ (Universal, 2002) ist ein Konzeptalbum, nur ist dieses eher künstlerisch inspiriert, denn bei seiner Entstehung diente ihnen als Einflussquelle das Gemälde „Dream Caused by the Flight of a Bee around a Pomegranate a Second Before Awakening“ des spanischen surrealistischen Malers Salvador Dalí, wovon die Songtitel zeugen. Ihre malerische Ader bewiesen beim dritten Album „Catch Without Arms“ (Interscope, 2005) Sänger Hayes und Bassist Roulette und schufen vierzehn Illustrationen, zusammengefasst in einer gleichnamigen Sammlung. So wie ihr Erstling hat auch das jüngste Studioalbum „The Pariah, The Parrot, The Delusion“, das Anfang Juni dieses Jahres beim unabhängigen Label Ohlone Recordings erschien, keinen zeichnerischen Einschlag, sondern stützt sich auf den Essay „A Letter to the Six Billionth Citizen“ von Salman Rushdie. Wie es schon fast Brauch ist, bekam diese Platte auf dem Festival die meiste Aufmerksamkeit, denn von ihr spielten sie die meisten ihrer Erfolgsnummern, z. B. „Pariah“, „R U O K?“, „Ireland“, „Savior“ und „Information“. Das Gefeiere galt aber nicht nur dem neuesten Dredg-Werk. In bester Form klangen auch „Same Ol` Road“, „Triangle“ und „The Canyon Behind Her“ von der Platte „El Cielo“ sowie „Ode To The Sun“, „Jamais Vu“ und „Bug Eyes“ vom Album „Catch Without Arms“ an und aus. Gerade Letzteres soll nach Aussage von Kennern Dredgs bestes Album sein, das der Band Bekanntheit in größerem Umfang brachte. Dem würde auch das Nova-Rock-Publikum zustimmen, das trotz des tiefen Schlamms so feierte, wie das Quartett es vorgab. Lobenswert!

STAIND: 18.30 – 19.35
Obwohl Staind, eine amerikanische Band aus Springfield, Massachusetts, USA, genau vor einem Jahr ihr letztes Studioalbum „The Illusion Of Progress“ (Flip/Roadrunner) herausbrachten, wurde über sie nicht viel gesprochen. Zumindest bis zum Auftritt auf dem Nova Rock nicht, wo sie begeisterten. Junge wie Alte. Wie auch nicht, denn Aaron Lewis (Gesang, Rhythmus- und Akustikgitarre), Mike Mushok (Leadgitarre), Johnny April (Bass, Backing Vocals) und Jon Wysocki (Schlagzeug), die seit 1993 in dieser Besetzung in der Szene präsent sind, haben sechs Langspieler, eine Compilation und ganze einundzwanzig Singles veröffentlicht. Die Band mit über fünfzehn Millionen verkauften Platten erreichte den größeren Erfolg mit dem zweiten Studioalbum „Dysfunction“ (Flip/Elektra, 1999), das kurz nach Erscheinen zur heißesten nordamerikanischen Platte wurde. Obwohl die Bewertungen der Musikkritiker nicht gerade begeisternd sind, verbergen sich auf diesem Langspieler einige Perlen, die die Nova-Rock-Meute live hören konnte. Das sind „Raw“, „Spleen“ und „Mudshovel“. Letzterer erschien unter dem leicht anderen Namen „Mudshuvel“ schon auf ihrem Erstling „Tormented“ (Eigenvertrieb, 1996; von dieser Platte spielten Staind diesmal keinen einzigen Song), erwachte aber in einer leicht anderen und neu aufgenommenen Version erst richtig zum Leben. Die größte Begeisterung der viele tausend Köpfe zählenden Menge ernteten die Songs von ihrem dritten und ersten erfolgreicheren Studioalbum „Break The Cycle“ von 2001, das beim selben Label wie sein Vorgänger erschien. Das Album, mit dem Staind einen megalomanen Erfolg von weltweitem Ausmaß erlebten, debütierte unter den zehn besten Platten der Billboard 200, denn in knapp fünfzehn Wochen nach Erscheinen wurde es in fast drei Millionen Exemplaren verkauft. Lewis & Co. stillten den Durst der nach gutem Rock lechzenden Meute mit drei der fünf ausgekoppelten Singles von dieser Platte, angefangen mit „For You“, das mit seinem härteren Sound dem früheren Album „Dysfunction“ am ähnlichsten ist. Das ist aber nicht der einzige „Vorteil“ dieses Songs. Die Band legt großen Wert auch auf den Text, der von (psychischem) Kindesmissbrauch handelt, was sich in letzter Zeit als sehr brennendes Problem erweist. Die nächsterfolgreichste Single der Platte ist „It`s Been A While“. Die angespannte, selbstbekennende Ballade (es geht nämlich um Lewis‘ Drogensucht, gescheiterte Beziehungen, seinen Vater…) hielt sich rekordverdächtige sechzehn Wochen auf Platz eins der Charts der heißesten Songs, wurde aber 2007 vom Song „The Pretender“ der Band Foo Fighters abgelöst. Interessant ist bei alledem auch, dass das Video zu diesem Song Fred Durst inszenierte, der Frontmann der Band Limp Bizkit (die am dritten Tag des Nova Rock Festivals spielten), der sich, als er vor einem gemeinsamen Auftritt das „kontroverse“ Cover des Staind-Demoalbums sah, entschieden dagegen aussprach, die Band zu bezahlen. Doch er überlegte es sich bald anders, denn der charismatische Lewis verzauberte ihn mit seinem Auftritt völlig, also Durst – beurteil ein Buch nicht nach seinem Einband. Der einzige gespielte Song von dieser Platte, der nicht als Single erschien, ist „Pressure“, was aber nicht heißt, dass die versammelte Meute sich nicht darüber freute. Bei ihrem Auftritt erreichte das Gefeiere seinen Höhepunkt zweifellos mit der Ballade „Outside“, und wenn du zur Bühne geschaut hast, hinter der die untergehende Sonne in Gold-Gelb-Orange glitzerte, hast du einige umschlungene Pärchen gesehen. Die anderen, die sich nicht aneinanderkuschelten und lieber jeweils ihren eigenen Bierkrug umarmten, sangen im Chor mit Lewis an der Akustikgitarre, dass man es bis weit hinüber zur anderen Bühne hörte. Das ist noch ein Song, bei dem Durst während der „Family Values“-Tour („The Family Values Tour 1999“) Backing Vocals beisteuerte. Knappe vier Minuten Aufmerksamkeit mit dem Song „Falling Down“ widmeten Staind auch ihrem vierten Album „14 Shades Of Grey“ (Flip/Elektra, 2003), mit dem sie nicht so sehr den Nu-Metal-, sondern den Mainstream-Weg einschlugen, was ihnen schon zum zweiten Mal die beste Position in den Billboard 200 einbrachte. Das schlammige Gefeiere würzten auch Songs vom fünften Album mit dem schlichten Titel „Chapter 5“ (Flip/Atlantic, 2005), noch ein erstklassiger Billboard-Treffer. Auch wenn die Platte in Europa nicht annähernd so hohe Platzierungen erreichte wie ihre früheren Alben, wurde sie in den USA mit Platin ausgezeichnet. Einen besonderen Platz verdienen sicher die Songs „Paper Jesus“ (ein direkter Angriff auf Labels, die statt guter Musik den Profit idealisieren) und „King Of All Excuses“, die das schon aufgeheizte Publikum noch einmal anfachten. Staind blieben auch mit dem sechsten Studioalbum „The Illusion Of Progress“ (2008) ihrem bisherigen Label Flip treu, unter dessen Dach sie seit ihrem Erstling stehen. Obwohl die sommerliche Festivaltour dessen Promotion gewidmet sein soll, nahmen die Herren bescheidene zwei Stücke in die Playlist auf – „This Is It“ und „The Way I Am“. Auch wenn sie noch ganz frisch duften, haben sie sich beim Publikum schon sehr gut verankert und wurden von lautem Mitsingen des Refrains begleitet, bei dem sich auf Lewis‘ Gesicht ein kaum sichtbares (zufriedenes) Lächeln abzeichnete.

Der charismatische Frontmann und die übrigen „Leidensgenossen“ spazierten in gut sechzig Minuten durch all ihre bekannteren Songs und bewiesen, dass sie trotz der Flaute, die in der Szene eine Zeit lang herrschte, noch immer aus vollen Lungen leben. Weiter so!

CHRIS CORNELL: 20.05 – 21.15
Der fünfundvierzigjährige amerikanische Sänger, Gitarrist, Texter und Grammy-Nominierte Chris Cornell ist eine Ikone, die schon von Kindesbeinen an in der Musikszene präsent ist. Es begann mit Soundgarden (1984 – 1997), floss in eine zweijährige Solokarriere (1998 – 2001) über und setzte sich mit Audioslave (2001 – 2007) fort, als der legendäre Zach de la Rocha Rage Against The Machine verließ. Wenn die Freude über ihre Wiederauferstehung Ende 2007 unbeschreiblich war, so war es die Trauer über das Ende des sechsjährigen Wirkens von Audioslave genauso. Der musiksüchtige Cornell nahm dann erneut eine Solokarriere in Angriff, in deren Rahmen wir Zeuge seines Auftritts auf der Blue Stage des Nova Rock Festivals wurden. Obwohl seine Diskografie aus der Zeit der Solokarriere drei Studioalben umfasst, „Euphoria Morning“ (Interscope, 1999), „Carry On“ (Suretone/Interscope, 2007) und „Scream“ (Mosley/Interscope/Universal, 2009), finden sich auf seiner Playlist noch immer Songs beider Bands. Wie auch nicht, denn fast alle Alben, die Cornell mit seinen beiden früheren Gruppen herausbrachte, sind mehrfach mit Platin ausgezeichnet. Ganz anders ergeht es seinen Soloalben, denn die Kritikerbewertungen werden mit jeder Veröffentlichung schlechter. Der Song „Can`t Change Me“ von seinem Erstling wurde 2000 für den renommierten Musikpreis Grammy in der Kategorie „Best Male Rock Vocal Performance“ nominiert. Vom zweiten Album stach am meisten der Song „You Know My Name“ heraus, der als „Theme Song“ im 2006 erschienenen Film James Bond: Casino Royale verwendet wurde. Wenn Cornell mit den ersten beiden Alben in die Höhe gelobt wurde, war „Scream“ die Landung auf hartem Boden. Die Zusammenarbeit mit Timbaland hat offenbar nicht die erwarteten Früchte getragen, denn die Platte hielt sich in den Billboard 200 magere zehn Wochen, und das i-Tüpfelchen setzten noch viele negative Kritiken, die das Album buchstäblich zerrissen. Leider sehen das auch seine Anhänger so, die einstimmig behaupten, Cornells Karriere habe mit Soundgarden und Audioslave in voller Blüte gestanden und sein jetziges Tun sei nur noch Melkerei, ein Abgreifen von für manche schwer verdientem Geld. Umso größer war für die viele tausend Köpfe zählende Menge, die sich an diesem wunderschönen Samstagabend vor der Blue Stage versammelt hatte, der Genuss, Cornell zu hören, als er einige Songs aus der Zeit beider Bands spielte. Erinnerungen an Soundgarden weckte er mit den Stücken „Outshited“ vom Album „Badmotorfinger“ (1991) und „Black Hole Sun“ sowie „Spoonman“ von der Platte „Superunknown“ (1994). Audioslave erwachten zum Leben mit „Show Me How To Live“ und „Cochise“ von ihrem selbstbetitelten Debütalbum, das 2002 erschien, und „Be Yourself“ vom zweiten Album „Out Of Exile“ (2005). Mit dem Song „Hunger Strike“ widmete er seine Aufmerksamkeit auch seiner „Tribute to“-Band Temple Of The Dog, die zwischen 1990 und 1992 aktiv war und seinem Freund Andrew Wood von der Gruppe Mother Love Bone gewidmet ist. Die aufgeheizte Atmosphäre würzte zusätzlich das Cover „Good Times, Bad Times“ der legendären Led Zeppelin, das sich auf ihrem selbstbetitelten Erstling von 1969 befindet.

Der Herr, der sich mit einer Stimme mit vier Oktaven Umfang und der Beherrschung des „Vocal Belting“ brüstet (dabei geht es darum, den Stimmbändern kräftige hohe Töne zu entlocken), hat mit seinem Auftritt auf dem Festival nicht allzu sehr begeistert. Die gespielten Songs „Part Of Me“, „Enemy“, „Time“, „Scream“ und „Watch Out“ von seinem dritten, im März erschienenen Album „Scream“ sind angesichts der viel größeren, kurz zuvor aufgezählten Soundgarden- und Audioslave-Hits nur noch ein blasser Nebel irgendwo weit am Horizont. Vielleicht wäre es Zeit, dass Cornell sich eine Weile aufs Ohr legt und so neue, frische Ideen für sein nächstes Projekt schöpft. Welches auch immer das sein wird.

KAISER CHIEFS: 21.45 – 23.00
Wenn das Jahr 1997 das Ende von Soundgarden bedeutet, so entsteht am anderen Ende der Welt, in Leeds, die englische Indie-Rock-Band Kaiser Chiefs. Die Fünf, deren Gründungs- und heutige Mitglieder Ricky Wilson (Gesang, Percussion), Andrew „Whitey“ White (Gitarre, Backing Vocals), Simon Rix (Bass, Backing Vocals), Nick „Peanut“ Baines (Keyboards, Percussion) und Nick Hodgson (Schlagzeug, Backing Vocals) sind, gaben sich den Namen nach einem nordafrikanischen Fußballklub, für den einst Lucas Radebe den Ball trat, heute Verteidiger des britischen Teams Leeds. Obwohl die Band im genannten Jahr entstand, brachte sie ihr Debütalbum „Employment“ erst im März 2005 beim Label B-Unique Records heraus. Das Warten hat sich offenbar gelohnt, denn der Erstling, inspiriert von Britpop, New-Wave-Musikbewegungen und dem Punkrock der Siebziger, war nach einem Jahr noch immer knapp unterhalb der Spitze der englischen Albumcharts präsent, auch ein wenig dank der damaligen Brit Awards. Noch besser schnitt ihr zweites Langspiel-Album „Yours Truly, Angry Mob“ ab, das wie sein Vorgänger Stephen Street produzierte. Das Album, auf dem sich der megalomane Hit „Ruby“ befindet, ist bis heute ihre einzige erstklassige Platte in den britischen Albumcharts. Obwohl die Band sich viel von ihrem dritten Album „Off With Their Heads“ (B-Unique, 2008) versprach, ist dieses nicht annähernd so erfolgreich wie die früheren. Vielleicht fehlt ihm Streets Präzision, denn den Produzentenstab schwangen diesmal der vielseitige Künstler Mark Ronson und Eliot James (Bloc Party, The White Rose Movement, The Rakes…). Oder … Ach, lassen wir das Raten. Fakt ist, dass Kaiser Chiefs vor allem mit ihrem LIVE-Auftritt bezaubern, bei dem ihre Energie und die hervorragende Kommunikation mit dem Publikum zur Geltung kommen, wofür in großem Maße der charismatische, rothaarige Wilson verantwortlich ist.

Kaiser Chiefs trällerten in gut einer Stunde, die sie zur Verfügung hatten, bevor sie die Bühne Placebo überließen, alle ihre bekannteren Songs von allen drei Alben herunter und eroberten die viele tausend Köpfe zählende Meute. Trotz des nicht allzu angenehmen Wetters (Kälte und Wind) war die Atmosphäre aufgeheizt und das Publikum nach dem ganzen Tag bereit zum Feiern. Der mehrfach mit Platin ausgezeichnete und für den Mercury Prize nominierte Erstling „Employment“ vereint die Songs „Every Day I Love You Less And Less“, „I Predict A Riot“ und „Oh My God“, mit denen sich Wilson und seine Kumpanen den Auftretenden bei den Wohltätigkeitskonzerten Live 8 der G8 anschlossen. Daneben sind noch „Modern Way“ und „You Can`t Have It All“ zu erwähnen, einer der langsameren KC-Songs. Trotz alledem ernteten den lautesten Applaus und die größte Welle der Zustimmung die Songs vom zweiten Album „Yours Truly, Angry Mob“, unter denen „Ruby“ am meisten herausstach und so einer der Höhepunkte des Abends war. Ihren Beitrag leisteten noch „The Angry Mob“, „Love`s Not A Competition (But I`m Winning)“ und „Everything Is Average Nowdays“. Die Band, die im Juli im Croke Park in Dublin die Bühne für die legendären Iren U2 eröffnete, durchwebte die gesamte Playlist noch mit den Songs „Never Miss A Beat“, „Good Days Bad Days“ und „Spanish Metal“ vom dritten Album „Off With Their Heads“. Die Fünf wissen eben genau, an welchen Fäden sie das Publikum ziehen müssen. Und das Ergebnis? Jeder ihrer Auftritte ist besser als der vorherige.

PLACEBO: 23.30 – 01.30
Das große Finale dieses Tages gehörte den Londoner Alternative-Rockern Placebo, 1994 gegründet von Primadonna, Sänger und Gitarrist Brian Molko und Bassist Stefan Olsdal. In all den Jahren hat die Band drei Schlagzeuger gewechselt, unter denen Steve Hewitt die längste Dienstzeit hat, denn er war ab Mitte 1996 bis Oktober 2007 Mitglied der Band, als ihn Steve Forrest ablöste. Letzterer wirkte somit schon an ihrem jüngsten, Anfang Juni erschienenen Album „Battle For The Sun“ (Pias) mit, dem das Trio mit der Begleitband, bestehend aus Bill Lloyd (Bass, Keyboards), Fiona Brice (E-Violine, Keyboards, Theremin, Percussion, Backing Vocals) und Nick Gavrilovic (Keyboards, Gitarre, Backing Vocals), die Hälfte seines Auftritts widmete.

Die Schlacht um die Sonne eröffneten die ersten vier Songs, die in derselben Reihenfolge aufeinanderfolgten wie auf der Platte, deren Sound Produzent David Bottrill verantwortet, bekannt von der Zusammenarbeit mit Bands wie Muse, Tool, Silverchair, dEUS oder Remy Zero. Angefangen mit dem höllisch ansteckenden „Kitty Litter“ floss das Gefeiere über in „Ashtray Heart“ – einen Song, der seinen Titel nach dem ursprünglichen Namen der Band erhielt, bevor sie sich in Placebo umbenannten. Dass die Songs vom jüngsten Album auf fruchtbaren Boden fielen, beweist der am meisten gefeierte Song „Battle For The Sun“, der erneut mit Mitsingen im Refrain aufwartet. Obwohl Molkos Gebrabbel hier leicht sinnlos wirkt, ist das noch ein ins Ohr beißender Song. Die erste offizielle Single des Albums ist „For What It`s Worth“, die als erste der vier gespielten die zahllose Meute zum Hüpfen brachte. Wieder auf den Boden holte sie der Song „Black-Eyed“ vom dritten Studioalbum „Black Market Music“ (Virgin, 2000), der von einer Person mit schwieriger Kindheit und Rückstand in der normalen menschlichen Entwicklung handelt. Besonders bedeutsam ist hier der Vers „I`m forever black-eyed / A product of a broken home“, der eine leicht düstere Stimmung über das Publikum legte. Eine ähnliche Fortsetzung brachten auch die Songs „Speak In Tongues“, Molkos Lieblingssong vom jüngsten Album, und „Follow The Cops Back Home“ vom fünften Album „Meds“. Die triste Stimmung belebte dann ihr Evergreen-Hit „Every You Every Me“ vom zweiten Album „Without You I`m Nothing“, das der Band den Durchbruch auf dem amerikanischen Musikmarkt brachte. Obwohl auf dem Album noch einige bekannte Songs versammelt sind, wie „Pure Morning“, „You Don`t Care About Us“ oder vielleicht der Titelsong, war der genannte Song der einzige, den das Trio von dieser Platte in die Playlist aufnahm. Zum ersten Mal an diesem Abend bekam ihr viertes konzeptionelles (Thema der Platte sind Beziehungen) Langspiel-Album „Sleeping With Ghosts“ Aufmerksamkeit, und zwar mit dem Titelsong und dem Stück „Special Needs“, mit dem die Band die Menge wieder aufwühlt. Darauf folgt das (neueste) schlagkräftigere „The Never Ending Why“, das geradezu zum Tanzen und Mitsingen einlädt. Natürlich konnte das Publikum seinen magischen Kräften nicht widerstehen und folgte ihm wie verzaubert. Placebo vergaßen auch ihren selbstbetitelten Erstling von 1996 nicht, bei dem ihr erster Schlagzeuger Robert Schultzberg mitwirkte, und erweckten ihn für gut sechs Minuten mit dem Stück „Bionic“ zum Leben, bis 2005 ein fester Bestandteil ihrer Auftritte. Molko und Co. berühren dann wieder die Platte „Meds“, und zwar gleich mit dem Titelsong, der die Menge erneut in die Wolken hebt. „Battle For The Sun“ erklingt an diesem Abend ein letztes Mal mit der Ballade „Come Undone“, bei der Olsdal seine Bass-Kunststücke vorführt. Die Rückkehr zu „Black Market Music“ markierte „Special K“, noch ein Song mit zweideutigem Text. Welche Lesart dir besser gefällt, urteil selbst, du kannst dich aber auch auf eines ihrer Konzerte aufmachen, denn diesen Song hört man live fast zwangsläufig. Placebo verabschiedeten sich dann mit dem Song „Song To Say Goodbye“ für ein paar Minuten, und du kannst nur raten, was folgte. Laute Pfiffe und das Rufen des unverkennbaren Satzes „We want more“.

Nach einer Pause von ein paar Minuten kehrten Molko, Olsdal und Forrest auf die Bühne zurück und markierten die Rückkehr mit den megalomanen Hits „Infra-Red“ von der Platte „Meds“ und „The Bitter End“ vom Album „Sleeping With Ghosts“. Ich weiß nicht, ob das Folgende nötig war oder nicht, aber die Herren verschwanden dann wieder hinter der Bühne, tauchten nach knapp einer Minute noch einmal auf und führten ihren Auftritt mit dem Song „Taste In Men“ („Black Market Music“, zu Ende, bei dem das Publikum an diesem Abend ein letztes Mal fröhlich feierte. Danke, Placebo, für den perfekten Abschluss eines nicht so perfekten Tages.

Der Wahnsinn zog, wie auf dem Nova Rock schon üblich, nach dem Ende der Konzerte ins „Party“-Zelt um und dauerte dort bis in die frühen Morgenstunden. Für manche folgte aber Ruhe, denn auch der dritte Festivaltag servierte ein aufregendes Line-up der Auftretenden.

Fotos: offizielle Fotos des Nova Rock Festival und Lea Lesar

Setlist

RED STAGE: CENTAO EISBRECHER ATROCITY DIR EN GREY ALL THAT REMAINS MONSTER MAGNET KILLSWITCH ENGAGE CHICKENFOOT IN EXTREMO BLUE STAGE: NO HEAD ON MY SHOULDERS THE DURANGO RIOT EXPATRIATE LACUNA COIL DREDG STAIND CHRIS CORNELL KAISER CHIEFS PLACEBO Setliste: EISBRECHER: 1. Kann denn Liebe Sünde sein? 2. Angst? 3. Antikörper 4. Phosphor 5. This Is Deutsch 6. Miststück (Megaherz cover) DIR EN GREY: 1. Sa Bir 2. Obscure 3. Merciless Cult 4. Grief 5. Dozing Green 6. Vinushka 7. Vocal Solo 8. The Final 9. Gaika, Chinmoku Ga Nemuru Koro 10. Reiketsu Nariseba 11. Saku 12. Agitated Screams Of Maggots ALL THAT REMAINS: 1. Not Alone 2. We Stand 3. Become The Catalyst 4. Six 5. The Weak Willed 6. Two Weeks 7. Before The Damned 8. Forever In Your Hands 9. Chiron 10. Undone 11. The Air That I Breath 12. This Calling KILLSWITCH ENGAGE: 1. A Bid Farewell 2. When Darkness Falls 3. Fixation On The Darkness 4. Still Beats Your Name 5. Take This Oath 6. Life To Lifeless 7. Starting Over 8. Rose Of Sharyn 9. This Is Absolution 10. The Arms Of Sorrow 11. My Last Serenade 12. My Curse 13. The End Of Heartache 14. Holy Diver (Dio Cover) CHICKENFOOT: 1. Avenida Revolution 2. Soap On A Rope 3. Sexy Little Thing 4. Oh Yeah 5. Down The Drain 6. Learning To Fall 7. Get It Up 8. Turnin‘ Left 9. Future In The Past 10. Bad Motor Scooter IN EXTREMO: 1. Sieben Köche 2. Frei zu Sein 3. Vollmond 4. Sängerkrieg 5. Ave Maria 6. Auf’s Leben 7. Poc Vecem 8. Spielmann 9. Flaschenpost 10. En Esta Noche 11. Ai Vis Lo Lop 12. In Diesem Licht 13. Erbeermund 14. Rasend Herz 15. Küss Mich 16. Spielmannsfluch (The Gleeman`s Bane) 17. Omnia Sol Temperat 18. Villeman Og Magnhild LACUNA COIL: 1. To The Edge 2. Fragments Of Faith 3. I Won’t Tell You 4. Not Enough 5. Fragile 6. Heaven’s A Lie 7. Enjoy The Silence 8. I’m Not Afraid 9. Spellbound 10. Our Truth DREDG: 1. Pariah 2. Same Ol‘ Road 3. Ode To The Sun 4. R U O K? 5. Ireland 6. Jamais Vu 7. Triangle 8. Savior 9. Information 10. Bug Eyes 11. The Canyon Behind Her STAIND: 1. This Is It 2. Raw 3. Falling Down 4. Paper Jesus 5. For You 6. The Way I Am 7. It`s Been A While 8. King Of All Excuses 9. Pressure 10. Spleen 11. Outside 12. Mudshovel PLACEBO: 1. Kitty Litter 2. Ashtray Heart 3. Battle For The Sun 4. For What It’s Worth 5. Black-Eyed 6. Speak In Tongues 7. Follow The Cops Back Home 8. Every You And Every Me 9. Sleeping With Ghosts 10. Special Needs 11. The Never Ending Why 12. Bionic 13. Meds 14. Come Undone 15. Special K 16. Song To Say Goodbye —– Zugabe —– 17. Infra-Red 18. The Bitter End —– Zugabe —– 19. Taste In Men

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