U2-Magie in Zagreb am zweiten Tag endlich geboren (2009)
Autor: Aleš Podbrežnik
Ort: Stadion Maksimir / Zagreb / Kroatien
Konzertdatum: 10.08.2009
Besucherzahl: 60
Kartenpreis: 500,00HRK (Innenraum) / 250,00HRK (Tribüne) / 2000,00HRK (VIP-Logen und Sektor Red Zone)
Der zweite Tag der U2-Konzerte in Zagreb war angebrochen. Das war jener berühmte Tag, der als erstes offiziell bestätigtes Konzertdatum von U2 in Kroatien im Rahmen der „360°“-Tour galt. Am Vortag hatte man gespürt, dass U2 in Zagreb eine gewisse Distanz zum Publikum hielten – durch Reserviertheit, eine etwas hochnäsige Haltung und eine insgesamt zurückgefahrene Bühnenperformance, was vor allem auf Kosten von Sänger Bono Vox ging. Sie hinterließen den Eindruck, als wollten sie die Dominanz des gigantischen Bühnenmonstrums ausnutzen, das sie auf Tournee mitschleppen, und die Menge unter der Bühne ablenken – damit sich alle vor allem auf die üppige Lichtshow konzentrierten. Anders gesagt könnte das bedeuten, dass U2 auf der neuen Tour die neue Bühne nicht wirklich im Griff haben und dass diese sie jederzeit verschlucken kann – sprich, zum eigentlichen Blickfang des Konzerts wird statt der Band selbst. Die Musik bleibt trotzdem das Wichtigste bei all dem. Wer sich ein möglichst klares Bild von U2s gesamtem Konzertgetriebe in Europa im Jahr 2009 machen will, sollte zunächst die weitaus detailliertere RockLine-Konzertreportage des U2-Konzerts in Zagreb lesen – vom ersten Tag, als jenes verhängnisvolle Datum geschrieben wurde: 09.08.2009.
Einige Argumente sprachen dafür, dass das für den 10.08.2009 angekündigte U2-Konzert besser werden würde als jenes vom 09.08.2009 – natürlich am selben Ort. Im Innenraum hatte sich eine deutlich größere Zahl von Fans zusammengedrängt. Man konnte sich kaum von der Stelle rühren, stehend im Innenraum, etwa 40 m von der Hauptbühne entfernt (10 m vom Red-Zone-Sektor). Je näher das Konzert rückte, desto mehr Luftballons tauchten in den Händen der Fans auf. Luftballons vor dem ersten U2-Auftritt in Zagreb? Was soll das denn? Also wartete im Stadion offensichtlich eine Menge noch enthusiastischerer Fans auf die Band als am Vortag. Das ist logisch, denn der 10.08.2009 war genau das Datum, das als erstes offiziell bestätigtes U2-Datum für Zagreb galt, und man musste verdammt nochmal ackern, um eine Karte zu ergattern – was natürlich die eingefleischtesten U2-Fans besonders motivierte.
Nach dem mühsamen Minutenzählen – im Grunde ein identisches Bild der beiden Vorgruppen The Hours und Snow Patrol – fragt man sich zu Recht, ob es sinnvoll ist, vor dem Massenansturm auf U2-Rockkonzerte solche musikalische Ahnungslosigkeit und künstlerischen Bluff zu präsentieren. Für die musikalische Horizonterweiterung des Einzelnen auf diesem Planeten sicher nicht, aber für die sichere Vermarktung der hochfliegenden Konzerngewinne, denen die daraus folgende Schädlichkeit herzlich egal ist, ist dieser Schachzug der einzig logische, notwendige, geforderte. Die Leute sind eh dumm und wissen nicht, was das Wort „Indie“ bedeutet, das man Bands wie The Hours oder Snow Patrol anhängt. Beide Gruppen spielten auch am zweiten Tag auf dem Maksimir identische Setlisten, schüttelten diesmal etwas mehr Dynamik und Ausgeflipptheit aus sich heraus, konnten den Eindruck des bloßen Abspulens einer Routine aus dem strengen Profi-Pflichtprogramm aber nicht loswerden. Wie Snow Patrol und The Hours funktionieren, ist in der Reportage des U2-Besuchs vom 09.08.2009 festgehalten, die sich HIER befindet.
Die identische Situation bot sich natürlich auch kurz vor dem U2-Auftritt. Erst Bowies Space Oddity, dann gehen die Lichter aus, Mullen beginnt in der Intro von Breathe die Drums anzuziehen. Von links und rechts stoßen Bass und Gitarre dazu, und das Stadion dreht durch, als sich in die ganze entstandene Situation noch der strahlende Bono Vox einmischt – die erste Figur und Stimme von U2. Diesmal lag aber dieses gewisse Etwas in der Luft, das dazu führte, dass das Konzert der Truppe U2 überzeugender klang als am Vortag am selben Ort. Kein einziges Mal hatte man das Gefühl, dass die Bühnenkonstruktion die Band dominiert. Nein – die Band agierte souverän, und die ganze Konstruktion, die sie mitgeschleppt haben, ergab endlich einen Sinn, der als wichtiger Zusatz jeden U2-Konzertspektakel adelt. Bono selbst ging von Anfang an auf eine Art vor, die die Brücke zwischen Band und Publikum viel leichter herstellte. Er wirkte auch deutlich lebendiger und kraftvoller als am Vortag. Das funkelte auch im gesanglichen Ansatz durch, der authentischer wirkte. Auch die restlichen drei Säulen der Band agierten tadellos. Jeder steuerte seinen Teil bei, der in der Erschaffung der U2-Einzigartigkeit schlicht unersetzbar ist, und die Band entfaltete ihre charakteristische Chemie, die sie in der Welt der Rockmusik auf einen ganz eigenen Platz stellt. Bei dem Geld – wagt überhaupt jemand, an etwas anderes zu denken?
Die Band hat die Setliste umgekrempelt, und rockige Wah-Wah-Akkorde brachten Mysterious Ways auf die Bühne, wo Bono ein Mädchen namens Simona einlud, dem Stadion ihre Kenntnisse im Bauchtanz zu präsentieren; weiter ging es mit dem „verlorenen“ I Still Haven’t Found What I’m Looking For, und anstelle von Stay, das am Vortag gespielt wurde, führten Bono und Edge ganz allein das akustische Stuck In A Moment You Can’t Get Out Of auf.
Das Konzert erlebte erneut seinen intensiven Höhepunkt in der zweiten Hälfte. Und besonders dank der deutlich stürmischeren Reaktion der Menge zauberte es eine viel bessere Stimmung, stärkere Gefühle, mehr Überzeugungskraft und wirkte dadurch insgesamt noch echter als am ersten Tag. Auch diesmal kamen Bonos politische Predigten natürlich nicht zu kurz, die mit der Widmung von Walk On an die burmesische politische Märtyrerin Aung San Suu Kyi ihren Höhepunkt erreichten. Den regulären Teil rundete wieder das unverzichtbare Where The Streets Have No Name ab.
Die Band kehrt zurück und bringt One auf die Bühne. Eine bessere Position im Konzertrepertoire wäre kaum zu finden. Es klingt unglaublich intensiv aus, mit fanatischer Beteiligung des Stadions – Kribbeln im Rückenmark und Gänsehaut blieben natürlich nicht aus. Auch der zweite Zugabenblock mit With Or Without You wärmte und trug die Menge weiter im Schoß der U2-Magie, und der Abschluss mit Moment Of Surrender wirkte, ungeachtet der Tatsache, dass es kein mega U2-Hit ist, bei einem deutlich kompakteren und überzeugenderen Konzert vollkommen stimmig.
Zieht man also den Vergleich zwischen beiden Tagen der U2-Konzerte in Zagreb, schnitten die Besucher des zweiten Tages in jeder Hinsicht besser ab. Die Reaktionsfreude und der Enthusiasmus des Publikums am zweiten Tag unter der Bühne übertrugen sich auf das Quartett, das dadurch genau das zauberte, wofür wir gekommen waren. Es stellte sein einzigartiges Ich heraus, das sich inmitten des ganzen Krams von märchenhaftem Geldwert in einem Glanz entfaltete, den sich jeder Besucher auch im Stillen vorgestellt und in der Erwartung vor dem Konzert träumerisch visualisiert hatte. Den Sieg der U2-Auftritte in Zagreb holte sich also der zweite Tag!
Fotos: Robi Lipej
Setliste
1. Breathe 2. No Line On The Horizon 3. Get On Your Boots 4. Magnificent 5. Beautiful Day 6. Mysterious Ways / Don’t Stop ‚Til You Get Enough (snippet) 7. I Still Haven’t Found What I’m Looking For / Stand By Me (snippet) 8. Stuck In A Moment You Can’t Get Out Of 9. Unknown Caller 10. The Unforgettable Fire 11. City Of Blinding Lights 12. Vertigo 13. I’ll Go Crazy If I Don’t Go Crazy Tonight 14. Sunday Bloody Sunday 15. Pride (In The Name Of Love) 16. MLK 17. Walk On 18. Where The Streets Have No Name —Zugabe I.— 19. One —Zugabe II.— 20. Ultra Violet (Light My Way) 21. With Or Without You / Shine Like Stars (snippet) 22. Moment of Surrender
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