Der einzigartige Lenny Kravitz beschließt in Tarvis erfolgreich seine Europatournee (2009)
Ort: Piazza Unita / Tarvis / Italien
Datum des Konzerts: 28.07.2009
Besucherzahl: 3000
Kartenpreis: 46 €
Alle Unglücklichen, die nach der Absage des Lenny Kravitz-Konzerts in der Hala Tivoli im Juni enttäuscht mit dem Kopf gegen die Wand gehauen haben, bekamen bald eine neue Chance, ihren Liebling bei der Arbeit zu erleben. Lenny Kravitz reservierte sich nach der Absage dreier Konzerttermine seiner sommerlichen Europatournee für Ende Juli ein Lager in Tarvis – also nur einen Katzensprung von unserem wunderschönen Vaterland entfernt. Natürlich wurde der Sprung über die Grenze sofort auch für das Rockline-Team zur Pflicht, das in der näheren Umgebung der Piazza Unita erstaunlicherweise kaum ein Auto mit slowenischem Kennzeichen zu Gesicht bekam. Offenbar ist Tarvis für die bequemen Hintern slowenischer Gaffer – auch die mit Kamera – schlicht eine zu exotische Destination.
Das Erlebnis mit Lenny Kravitz hat gezeigt, dass ihm die an sich schwierige Metamorphose vom waschechten Rocker zur harmlosen Pop-Ikone, versiert im Abfeuern von Sofort-Sedativa für die Teenagerpopulation, ziemlich erfolgreich und ohne größere Erschütterungen gelungen ist. Auch wenn die Situation aus den Augen eines rechtgläubigen Rockers noch längst nicht kritisch war – Kravitz hat den Abend nämlich fleißig und gnadenlos sowie mit einer Handvoll aufregender Improvisationen durchgezogen –, so wurden mittwochabends die meisten Fäuste verständlicherweise für Kravitz‘ jüngere Werke in die Luft gestreckt, die sich im Gegensatz zu ihren älteren Schwestern stolz mit populären musikalischen Mitteln schmücken, mit denen Lenny sich in den letzten Jahren beharrlich dem weniger anspruchsvollen Geschmack des breiten Publikums anbiedert. Zumindest bis zum kreativen Erwachen des vergangenen Jahres mit dem Album It’s Time For A Love Revolution (Rockline-Rezension hier). Lenny gelang es in großem Stil, die inhaltlichen Unterschiede beim Servieren seiner eigenen diskografischen Höhepunkte zu glätten. Man könnte sagen, die Symbiose trat gewissermaßen im Rahmen einer musikalischen, vor allem aber spirituellen Wiedergeburt ein, die sich in der überzeugenden Bühnenpräsenz des Musikers widerspiegelt, bei der emotionale Reaktionen des Publikums nur selten ausbleiben.
Kravitz‘ Auftritt am Mittwoch in Tarvis war der letzte im Rahmen seiner diesjährigen Europatournee. Lenny bereitete zum Abschied vom alten Kontinent eine erstklassige Demonstration old-school-orientierten Rock & Roll vor, die gemeinsam mit dem äußerst mitreißenden Auftritt des charismatischen Musikers direkt und ohne Beschönigungen einschlug – ohne unnötigen kitschigen Ballast, den man von dem Abend mit ihm vielleicht sogar erwartet hätte. Kravitz‘ Begleitband funktionierte von der eröffnenden Freedom Train an wie ein gut eingespielter Mechanismus, mit weit geöffneten Kanälen für lebhafte gegenseitige Kommunikation, deren Anlass wie gehabt stets irgendeine besonders perverse Geste von Lennys Seite war. Zwischendurch trugen häufige solistische Ausflüge einzelner Mitglieder zusätzlich zur Schaffung eines vitalen Klangbildes bei. Für die spielerische melodische Ergänzung des klanglichen Gesamtbilds von Kravitz‘ Karawane sorgten mit dem Einstreuen musikalischer Innovationen gewissenhaft der Saxofonist und der hervorragend aufgelegte Gitarrist Craig Ross. Die beiden Herren hatten für ihre improvisierten Manöver freie Hand, was man als weiteren Beweis für die Häutung von Kravitz‘ musikalischer Persona werten kann – die sich statt der Bühnenrolle des Multiinstrumentalisten heute ausschließlich damit begnügt, den Frontmann zu geben. Dieser kühne Marketingschachzug hat Musikfeinschmecker zweifellos um den Genuss so manches improvisierten „Leckerlis“ von Lenny gebracht, auf das wir Musikenthusiasten hartnäckig gewartet haben.
Aber egal! Kravitz hat mit einer atemberaubenden Demonstration seiner Bühnenstärke zweifellos das bewusste Ignorieren eines Großteils seiner eigenen musikalischen Talente gerechtfertigt. Lenny live wirkt wie wiedergeboren. Sein wichtigstes Ausdrucksinstrument bleibt der Gesang, der neuerdings wieder außerordentliche Kraft und Wiedererkennbarkeit ausstrahlt – was nach dem Debakel, dem wir 2004 auf der Bežigrader Ruine beiwohnten, gewiss die wichtigste Errungenschaft ist. Mit erfrischtem Image, das allen Standards einer modernen Pop-Ikone entspricht, aber trotzdem herzlich serviiertem Repertoire, nahm Lenny die Anwesenden mit auf eine Reise, die ihn bis zum letzten Atemzug ausgelaugt hat. Kravitz warf in den Rausch des Mittwochabends wirklich alles, was er hatte – sein Einsatz war an jedem Punkt des Abends offensichtlich, sei es bei versöhnlichen Motiven wie I Belong To You und I’ll Be Waiting, nicht zu vergessen das seelenraubende Believe, das schnell seine eigenen emotionalen Brücken zum Publikum spannte, oder beim Toben durch die kompromisslos gebauten Rock-Strukturen des neuen Bring It On, Are You Gonna Go My Way sowie natürlich des unverzichtbaren Funk-Rock-Klassikers Always On The Run.
Das Konzert am Mittwoch bot zweifellos weit mehr als das erwartete poprocky Geschacher und hat zugleich die Einzigartigkeit von Lenny Kravitz eingehämmert. Dabei sei betont, dass Kravitz live keinerlei selbstverliebtes Stargehabe zeigt, das einem gelegentlich unverschämt von dem einen oder anderen offiziellen Pressefoto entgegenweht. Wenn überhaupt, pflegt Kravitz in erster Linie eine persönliche, spürbar ungezwungene Beziehung zu seinem eigenen Publikum. Was hier geschrieben steht, belegt das am Ende des Konzerts Gesehene: Als Lenny von der Bühne stieg und einigen Glücklichen fröhlich die Hand schüttelte und dem einen oder anderen eine Umarmung gönnte – wobei der Onkel mit der Kamera noch ein paar Andenken für die Online-Archive abstaube –, und schließlich sprechen die zwei abschließenden Rückkehren auf die Bühne für sich, mit denen der sichtlich erschöpfte Kravitz für den herzlichen Empfang der versammelten Menge freudig den Gefallen zurückgab.
Fotos: Mojca Perdih
Setliste
1. Freedom Train
2. Bring In On
3. It Ain’t Over ‚Til It’s Over
4. Where Are We Runnin‘
5. Flower Child
6. I Belong To You
7. Believe 8. Dancin‘ Till Dawn
9. I’ll Be Waiting
10. Always On The Run
11. American Woman
12. Fly Away
13. Let Love Rule
14. Are You Gonna Go My Way?
Bildergalerie
























