Nancys Metal-Orgasmus mit Municipal Waste, Ratos de Porao, No Limits, Negligence und Thraw (2009)
Autor: Rok Klemše
Ort: Izbruhov kulturni bazen, Kranj
Datum des Konzerts: 20.07.2009
Besucherzahl: 0
Normalerweise gilt die Faustregel: Sommer-Clubkonzerte sind miserabel besucht. Entweder pilgern die Metaller zu den unzähligen Festivals quer durch Europa, oder sie gehen den Hintern ins Meer tauchen – jedenfalls ist es im Sommer ziemlich riskant, Konzerte zu veranstalten. Umso lobenswerter ist es, dass Nancy bewiesen hat, dass man Eier hat (äh… oder wie auch immer) und im Izbruhov-Bazen in Kranj ein echtes Thrash/Hardcore/Crossover-Fest auf die Beine gestellt hat. Einen ohnehin schon glühend heißen Sommerdienstag haben in Kranj dann noch Thraw, Negligence, No Limits, Ratos de Porao und Municipal Waste angeheizt!
Als erste hätten die Küsten-Hardcore-Jungs Žižolath auf die Bühne steigen sollen, die aber in letzter Sekunde leider abgesagt haben – großzügig haben sie trotzdem ihr Equipment ausgeliehen. Das Eis gebrochen haben so (sommerliches Oxymoron zur Kenntnis genommen) die Kärntner Thrasher Thraw. Ich hatte sie schon eine gute Weile nicht mehr erwischt und freute mich riesig, dass mich wieder ein ordentliches Riff, Schlagzeug-Bombardement und erstklassiger Thrash-Gesang überrollen würde. Thraw verschmelzen jedes Mal, wenn sie die Bühne betreten, mit ihr – das Gitarren-Duo Ožbej/Domen rifft wie am Fließband und zerstört mit Soli alles vor sich, die beiden beweisen, dass sie mühelos in die Fußstapfen des Testament-Duos Skolnick/Petersen treten könnten. Die Augen bleiben unweigerlich an Bojans Schlagzeug-Eskapaden hängen, die aus der Ferne wie beschleunigtes Filmmaterial wirken. Aleksandar hingegen ist schlicht unmöglich zu übersehen – einen gleichzeitig so guten und so schlechten Sänger findet man kaum, von den irren Ansagen zwischen den Songs ganz zu schweigen. Thraw haben die noch ziemlich leere Halle, die sich langsam, aber stetig füllte, mehr als erfolgreich auf den Rest des Abends eingestimmt.
Auch die nächste Band ist in letzter Zeit auf Bühnen kaum zu finden, denn Negligence arbeiten am heiß ersehnten Nachfolger eines der besten slowenischen Metal-Alben – Options of a Trapped Mind. Man merkt deutlich, dass Negligence zuletzt mehr von den Bühnen ferngeblieben als präsent gewesen sind – vor der Bühne hatte sich schon eine stattliche Menge angesammelt. Der Band selbst merkt man die Bühnenpause kein bisschen an: Die Gitarrenlinien flossen Dyz und Jay nur so aus den Fingern, und die Virtuosität der extrem durchdachten Riffs und bis ins Detail ausgetüftelten Gitarren-Duelle, die selbst die größten Namen des Thrash Metal nicht beschämen würden, hört einfach nicht auf zu verblüffen. Bei Negligence-Liveauftritten kommt die wuchtige Rhythmussektion noch stärker zur Geltung – allen voran das vielseitige und dynamische Schlagzeug. Alex übertrieb diesmal vielleicht ein bisschen mit dem „fuck you, mother fuckers“-Attitude, aber angesichts der technischen Schwierigkeiten und des etwas schwächeren Sounds ist das noch irgendwie nachvollziehbar. Trotzdem übernahm das Publikum die Refrains von Songs wie Places of Dawn, War Machine und Legacy of Lies komplett von Alex. Zum Abschluss servierten uns Negligence noch zwei frische Nummern, die auf dem neuen Album landen werden – und nach dem, wie vielversprechend die beiden klangen, kann ich ohne Zögern sagen: Der Nachfolger von Options of a Trapped Mind ist eines der meisterwarteten Alben dieses Jahres!
Mit dem Ende des Negligence-Auftritts marschierten wir in andere musikalische Gefilde des Abends, denn die Altmeister des slowenischen Hardcore hatten bereits die Bühne übernommen – die Küsten-Champions No Limits. Eine der ältesten slowenischen Bands, die seit gut 18 Jahren Bühnen verwüstet, bewies in guten 40 Minuten, dass die lange Karriere keinerlei Spuren hinterlassen hat. So ein energiegeladenes und entspanntes Konzert erlebst du von so manchem jüngeren Act nicht – No Limits sind wie für die Bühne geboren! Vor allem der charismatische und sympathische Frontman Enco dominiert das Geschehen und verknüpft die Songs gekonnt mit gesellschaftskritischen und antipolitischen Themen. No Limits haben den Bazen in die Neunziger zurückkatapultiert, in die Zeit, als Crossover in Form von Gruppen wie D.R.I. und Suicidal Tendencies die Welt regierte – und die Nostalgie der goldenen Tage des New Yorker Hardcore malte sich mühelos vor dem inneren Auge aus.
Im selben Geist machten die Exklusivgäste weiter – direkt aus São Paulo, Brasilien. Aus allen Ecken und Ritzen des Bazens krochen die Keller-Ratten hervor und die legendäre Hardcore/Crossover-Besetzung Ratos de Porao betrat die Bühne. Das Quartett unter der Führung des sympathischen Dickbauchs Joao Gordo zerlegt Konzertbühnen seit knapp zwanzig Jahren – und die Power der Band lässt kein bisschen nach! Ratos de Porao legten einen fantastischen, kompromisslosen Angriff hin, der den Bazen in totalen Delirium versetzte. Moshpits, Stagedives und verschüttetes Bier, das den Boden des Bazens überflutete, jagten sich gut eine Stunde lang. Und das ohne Unterbrechung! Auch die Band ließ keine Verschnaufpause zu – von Song zu Song geprügelt wie am Fließband. Gordo öffnete zwischen den Songs nicht mal den Mund, dafür war schlicht keine Zeit – aber das Publikum unter der Bühne schuf trotzdem ein regelrecht apokalyptisches Chaos. Die brasilianischen Rättchen ernähren sich offenbar von der Energie der Leute, und fünfzig Minuten verflogen im Nu. Den wohl bekanntesten Kracher zum Schluss – Crucificados pelo sistema, gecovert auch von Sepultura – und die Rättchen trollten sich zurück in den Keller. Das Publikum ließen sie glücklich und von einem Ohr zum anderen grinsend zurück!
Den Höhepunkt des Abends lieferten die jungen Meister des Crossover-Thrash, Municipal Waste aus Richmond. Erst mit Municipal Waste öffneten sich dem proppenvollen Bazen die Höllentore. Die Jungs ließen dem Publikum keine Luft zum Atmen – der fantastische, ausgeflippte Frontman Tony Foresta befahl dem Publikum ununterbrochen ungezügeltes Moshen und forderte zu Circle Pits auf. Ein Municipal Waste-Konzert könnte man nicht besser beschreiben als mit dem Titel ihres dritten Albums – The Art of Partying. Und die Jungs haben die Kunst des Feierns mit ihren Konzerten auf die Spitze getrieben. Ich bezweifle, dass irgendeine andere Band ein spaßigeres, ausgeflippteres und verrückteres Konzert hinlegt. Erst recht wenn Tony einen Wall of Death verlangt – wie Moses das Meer teilt der Typ die Halle in zwei Hälften. Währenddessen schaukelt sich auf der Bühne berauscht noch jemand, der vergeblich auf Stagedives gewartet hatte – zugeteilt von Tony persönlich, der dazu bemerkte: „He chose that side!“ Für hervorragende Unterstützung sorgt Gitarrist Ryan Waste, der ebenfalls ständig zum wilden Moshen aufruft und dabei nebenbei Huldigungen an Slayer (mit dem Song Acid Sentence, der sich auf dem kommenden Album Massive Aggressive befindet) und Cliff Burton (Black Ice) rauswirft. Irgendwo in der Mitte des Konzerts ließ einer der Besucher einen schönen Haufen Kotze direkt auf die Bühne fallen – und Tony bemerkte wieder scherzend, dass ein Municipal Waste-Konzert nicht ohne Kotze auf der Bühne auskommt. Hehe! Die Jungs hämmerten Song für Song runter und spielten die 17-sekündige epische Hymne I Want to Kill the President gleich zweimal. Und beim zweiten Mal noch schneller! Und zum Abschluss natürlich der obligatorische Song Born to Party, der mit dem letzten Vers ein MW-Konzert am besten beschreibt – „Municipal Waste is gonna fuck you up!!!“
Mit Municipal Waste und den anderen Bands haben wir eines der besten Konzerte erlebt, die der Kranjski Bazen je gesehen hat. Dazu beigetragen hat die großartige Atmosphäre, die uns in die Mitte der Neunziger zurückversetzt hat – als auf Underground-Konzerten Metaller, Hardcore-Fans und Punker gleichermaßen unter einem Dach feierten –, eine außerordentlich gut gewählte Bandauswahl und eine erstklassige Organisation. Und natürlich Nancy… „Nancy made us come!“
Fotos: Robi Lipej
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