Jethro Tull zelebrierten inmitten der Burgmauern ein wahres Troubadour-Spektakel (2009)

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Autor: Peter Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik

Ort: Piazzale del Castello / Udine / Italien
Konzertdatum: 02.07.2009
Besucherzahl: 5000
Kartenpreis: 30,00€

Für einen Teil der Rockline-Crew ist das konzertante Wiedersehen mit den englischen Legenden des Progressive Folk Rock Jethro Tull längst zur alljährlichen Tradition geworden, im Zuge derer sich eine stattliche Sammlung wunderbarer Erinnerungen angesammelt hat. Das diesmalige Treffen mit Ian Anderson, dem unverwüstlichen Flöten-Recken und leidenschaftlichen Verfechter alles Ländlichen, seinem treuen Gitarren-Schildknappen Martin „Lancelot“ Barre sowie dem restlichen Troubadour-Gesellen, die in der aktuellen Besetzung seit 2007 aktiv sind, fand im Rahmen des Folkesta 2009 statt, dem alljährlichen internationalen Folk-Festival. Letzteres ist in erster Linie der Förderung internationaler Folk-(Rock-)Musik gewidmet. Neben Auftritten weniger bekannter oder noch nicht etablierter Bands findet sich von Zeit zu Zeit auch eine Legende ein, wie es in diesem Jahr bei Jethro Tull der Fall war. Der malerische Schauplatz der Burgmauern mitten in Udine hätte kaum sorgfältiger gewählt sein können, denn er bietet ein geradezu ideales Ambiente für eine Band ihres troubadourhaften Schlags.

Vor Jethro Tull betrat ein besonderer musikalischer Gast die Bühne, von dem man nicht gerade behaupten kann, er sei ein häufiger Gast auf italienischen Konzertbühnen. Für das Aufwärmen sorgte kein Geringerer als der großartige schottische Sänger Ray Wilson, der sich seinen größten Ruhm als einstiger Genesis-Sänger verdient hat. In der undankbaren Rolle des Nachfolgers von Phil Collins wirkte er an ihrem letzten Studioalbum „Calling All Stations“ (1997) mit. Bereits zuvor hatte er als Sänger von Stiltskin auf sich aufmerksam gemacht, mit denen er den internationalen Hit „Inside“ aufnahm. Ray geriet eher durch Zufall in die Rolle des Special Guest bei Jethro Tull, als er mitten in einer Solo-Tournee die Einladung seines schottischen Landsmanns Ian Anderson annahm, die Tull-Auftritte in Udine und Bergamo zu eröffnen.

Anders als bei den meisten seiner Soloauftritte, bei denen er mit seiner eigenen Band Stiltskin oder einer akustischen Begleitband auf der Bühne steht, war er an diesem Abend völlig auf sich allein gestellt – ausgestattet lediglich mit einer Akustikgitarre und der Kraft seiner Stimmbänder. Wer einen elektrifizierten Auftritt mit Begleitband erwartet hatte, war im Moment, als Ray allein und Akustikgitarre in der Hand auf der Bühne erschien, sichtlich enttäuscht – doch dieser Zustand wandelte sich im weiteren Verlauf seines Auftritts schnell in freudige Zustimmung, und das trotz des ausgesprochen kurzen Auftritts (gerade mal achtzehn Minuten).

Ray eröffnete mit äußerst einfühlsamem Gesang und harmonischem Gitarrenspiel mit „Change“, dem beliebtesten Song seines gleichnamigen Debütalbums und wohl auch seines gesamten Solo-Repertoires, der 2003 zur Hymne des Welt-Naturschutzfestivals gekürt wurde. Sein neuestes Album, das vorzügliche „Propaganda Man“ (2009), stellte er mit der Liebesballade „Razorlite“ vor. Das Publikum reagierte erstmals spürbar bei den ersten Akkorden und besonders beim Refrain des Stiltskin-Hits „Inside“, den Ray mit fast demselben Feuer intonierte wie vor fünfzehn Jahren.

Dann kam der Moment, auf den alle Prog-Fans im Publikum zweifellos am ungeduldigsten gewartet hatten: eine akustische Version des Genesis-Klassikers und der Single „Not About Us“ vom Album „Calling All Stations“, Rays einzigem Werk mit den Prog-Rock-Legenden. Alle, die die Genesis-Tour von 1998 verpasst hatten, wurden endlich entschädigt – wir konnten nun live auch einen Song von diesem ewig übersehenen Album hören, wenn auch nur im akustischen Gewand. Herr Wilson, der mit Anfang vierzig nach wie vor in ausgezeichneter Gesangsform ist, beendete seinen Auftritt mit „The Actor“ aus seinem zweiten Soloalbum „The Next Best Thing“ (2004). Trotz des absolut zu kurzen Auftritts, der den Songs kein wirklichkeitsgetreues Bild vermitteln konnte – mit einer Begleitband wären sie zweifellos in einem völlig anderen Licht erstrahlt – präsentierte Ray in der verfügbaren Zeit erfolgreich alle wichtigsten Kapitel seiner musikalischen Karriere und verabschiedete sich von der Bühne unter donnerndem Applaus.

Jethro Tull machten gleich nach ihrem Erscheinen auf der Bühne klar, dass sie an diesem Abend keine Sekunde mit dubiosen Picks aus ihren späteren Jahren oder aus Solokarrieren herummurksen würden, sondern beinahe vollständig in die Zeiten zurückkehrten, als sie noch eine junge und ambitionierte Band waren – mit der gewohnten Demonstration instrumenteller Perfektion und der Erschaffung eines erstklassigen Troubadour-Ambientes. Ihren Auftritt eröffneten sie mit einem Sturmangriff: dem harten Rocker „Nothing Is Easy“. Die Hauptaufmerksamkeit des Publikums galt natürlich von der ersten Sekunde an der übermütigen Erscheinung des hüpfenden Kerlchens mit dem Piraten-Kopftuch, das alle Anwesenden erneut mit seinen gastronomischen Flöten-Improvisationen begeisterte.

Ian und seine ländlichen Kumpanen hatten ihr Konzertrepertoire diesmal dem vierzigsten Jubiläum ihres zweiten Albums „Stand Up“ (1969) gewidmet, was bedeutete, dass sie besagtes Album beinahe vollständig spielten. Da „Stand Up“ in Ians Herzen als eines seiner Lieblingsalben gilt, war die Erwartung durchaus realistisch, dass sie sich bei den einzelnen Darbietungen maximal ins Zeug legen und versuchen würden, den ursprünglichen Geist aus der Zeit einzufangen, als sie sich noch von einer obskuren Blues-Rock-Band in Progressive-Folk-Rock-Titanen verwandelten. Im Vorjahr hatten sie etwa den vierzigsten Geburtstag der Band gefeiert und dementsprechend bei den Auftritten den Schwerpunkt auf Songs aus dem Blues-Rock-Debüt „This Was“ (1968) gelegt, das auch an diesem Abend angemessen vertreten war.

Für das Wiederaufleben der Blues-Wurzeln sorgte ein weiterer „Stand Up“-Klassiker, das unsterbliche „A New Day Yesterday“, einer jener Songs, die auf die Bandmitglieder eine ganz besondere revitalisierende Wirkung haben. Nach dem dramatischen Abstecher zur Bettlerfarm mit einer hervorragenden Version des uralten Klassikers „Beggar’s Farm“ folgte die Darbietung des legendären „This Was“-Instrumentals „Serenade To A Cuckoo“ (Original R. Kirk), mit dem Ian vor mehr als vierzig Jahren seine ersten Schritte als Flötist gemacht hatte. Hier gönnte er sich erstmals eine längere Improvisationspassage, die mit dem unverzichtbaren Schnarchen eines erkälteten Walrosses endete. Natürlich kam Ian auch an diesem Abend nicht ohne das Reißen diverser Witze aus, diesmal eher auf eigene Kosten als auf Kosten seiner Kameraden, was sonst eigentlich üblicher ist.

Die erste sarkastische Salve galt der Anzahl der Bassisten, die sich im Laufe der Jahre vor der Ankunft des aktuellen Bassisten David Goodier in der Band abgewechselt hatten. Dabei erinnerte er sich an seinen Lieblingsex-Bassisten und engen Freund Jeffrey Hammond, dem Tull in der Vergangenheit, noch bevor er zur Band stieß, nicht weniger als drei Songs gewidmet hatten. Diesmal stand „Jeffrey Goes To Leicester Square“ auf dem Programm, der zweite aus der besagten Hammond-Trilogie an „Tribute“-Songs, die man live ansonsten eher selten zu hören bekommt. Noch mehr Selbstironie auf eigene Kosten leistete sich Ian vor der Darbietung der „Stand Up“-Standards „Back To The Family“ und des Medleys „We Used To Know/For A Thousand Mothers“, die er der Reihe nach als die schlechtesten Songs seiner Karriere bezeichnete – mit der Ausrede, man müsse eben welche aus mehr als zweihundert geschaffenen Songs auswählen.

Einen der unverzichtbaren Tull-Konzert-Standards stellte das legendäre barocke Instrumental „Bourée“ dar (das Ian übrigens gerne als Porno-Version eines J.S.-Bach-Klassikers bezeichnet), mit dem sie die Reihe der „Stand Up“-Songs abschlossen. Den ersten Höhepunkt des Abends bildete eine außergewöhnliche Darbietung des „Aqualung“ (1971)-Klassikers „Mother Goose“. Das ist jener berühmte Moment bei jedem Tull-Konzert, wenn sich der riesige Schlagzeuger Doane Perry an die Bongos im Bühnenvorfeld setzt, während Ian den übrigen Mitgliedern Blockflöten in die Hände drückt – begleitet von seinen obligatorischen Worten über den Unterschied in der Länge der einzelnen Flöten und dass es eben nicht nur auf die Länge ankommt. „Mother Goose“ entfaltete sich in einer wahrhaft zauberhaften Atmosphäre, gezaubert von den Takten von Ians Mandoline, dem harmonischen Bläser-Ensemble und Doanes perkussiver Begleitung. Auch Ians Gesang, der erwartungsgemäß der schwächste Punkt des gesamten Auftritts war, verdient Lob für die treue vokale Interpretation des Originals.

Den nächsten Höhepunkt und eine der größeren Überraschungen des Abends lieferte die Darbietung des ländlichen Klassikers „Heavy Horses“ vom gleichnamigen Prog-Folk-Rock-Meisterwerk. Trotz Ians beachtlichem vokalen Leiden und dem gelegentlichen Hantieren mit dem Tamburin, mit dem er einige Flötenpartien zu ersetzen versuchte, waren wir in instrumentaler Hinsicht Zeugen einer hervorragenden Interpretation eines der besten Tull-Songs. Wie es sich gehört, waren die meisten Darbietungen mit diversen Improvisations- und kürzeren solistischen Einlagen angereichert. Der Troubadour und seine Gefolgschaft versetzten uns mit einer prächtigen Darbietung des traditionellen barocken Instrumentals „Pastime With Good Company (ursprünglich King Henry’s Madrigal)“ kurzzeitig auch in die Ära des berüchtigten englischen Königs Heinrichs VIII.

Dann sorgten sie für eine weitere Überraschung, als sie uns mit dem epischen „Farm On A Freeway“ in die Achtziger zurückversetzten, genauer gesagt auf das Album „Crest Of A Knave“ (1987), mit dem sie den Grammy für das beste Heavy-Metal-Album des Jahres gewannen und damit für eine der besten Komödien der Rockgeschichte sorgten. Die letzte Überraschung des Abends bildete das uralte „Dharma For One“, bei dem Doane Perry die Gelegenheit für ein kurzes Schlagzeug-Solo bekam. Seine Solovorstellung ergänzten Barre und Goodier mit der Improvisationseinlage „Count The Chickens“.

Den Abschluss des Auftritts kündigte eine hervorragende Darbietung des legendären Progressive-Rock-Epos „Thick As A Brick“ an (natürlich in einer gründlich gekürzten Version), das Ian, wie immer, vor seiner Darbietung nutzte, um einige Unklarheiten zu erläutern, die mit dieser Parodie auf Progressive-Rock-Konzeptalben zusammenhängen. Auch hier fehlten die witzigen Improvisationseinlagen und der obligatorische zwischenzeitliche Einsatz des Glockenspiels nicht. Der reguläre Teil des Auftritts endete ganz erwartungsgemäß mit „Aqualung“, das wie immer die lauteste Reaktion des Publikums auslöste, während die Zugabe mit „Locomotive Breath“ eine obligatorische Formalität war, für die sie sich trotzdem maximal ins Zeug legten und mit begeistertem Applaus belohnt wurden.

Ohne zu zögern kann ich sagen, dass wir an diesem Abend einem der besseren Auftritte der legendären Väter des Progressive Rock beigewohnt haben, verglichen mit unseren bisherigen Begegnungen  wozu auch das Burgambiente und das große Wetterglück erheblich beigetragen haben. Der charismatische Anführer ist mit fast 62 Jahren noch immer in hervorragender Bühnenform, was er während des gesamten Auftritts eindrucksvoll demonstrierte – mit seinem charakteristischen Einbein-Getrampel, Armschwingen, sexuellen Misshandlungen der Flöte und scharfen Blicken ins Publikum, in das er das volle Weiß seiner weit aufgerissenen Glubschaugen richtete. Die Bühne ist nach wie vor sein bevorzugter Tanzsaal für Troubadour-Schabernack. Weit schlechter ist sein Gesang mit den Jahren weggekommen: bestimmte Lagen kann er seit Langem nicht mehr erreichen, weshalb er sich häufig cleverer Improvisationen bedient, mit denen er nur wenige hinters Licht führen kann. Sein Grüppchen musikalischer Kumpel, angeführt vom bühnenmäßig stets zurückhaltenden Barre, von dem man oft den Eindruck hat, er würde sich am liebsten irgendwo hinter den Kulissen verbergen, hinterließ auch diesmal den Eindruck eines äußerst disziplinierten Kollektivs, das beim Spielen noch immer grenzenlos genießt. Ein Jethro-Tull-Konzert bleibt trotz Ians notorischer Vokalprobleme ein Begriff für sich, wenn es darum geht, außergewöhnliche Spielfreude mit magischem Bühnenflair zu verbinden – etwas, für das nur die größten Meister ihres Fachs sorgen können. Darüber, wann sie endlich ein neues Studioalbum aufnehmen werden, möchte ich lieber nicht mehr spekulieren.

Fotos: Aleš Podbrežnik

Setlist

1. Nothing Is Easy 2. A New Day Yesterday 3. Beggar’s Farm 4. Serenade To A Cuckoo 5. Jeffrey Goes To Leicester Square 6. Back To The Family 7. We Used To Know/For A Thousand Mothers 8. Bourée 9. Mother Goose 10. Heavy Horses 11. Pastime With Good Company 12. Farm On A Freeway 13. Dharma For One (incl. drum solo)/Count the Chickens 14. Thick As A Brick 15. Aqualung —Zugabe— 16. Locomotive Breath

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