Eine Lektion im urtümlichen Rock & Roll, AC/DC live in Belgrad! (2009)

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Fotos: Aleš Podbrežnik

Ort: Stadion Partizana / Belgrad / Serbien
Konzertdatum: 26.05.2009
Besucherzahl: 60
Kartenpreis: 48,40 (Parterre hinten)

Nach monatelangem ungeduldigen Warten war Ende Mai endlich die Zeit für eine nostalgische Fahrt auf der Autobahn der Brüderschaft und Einheit gekommen, runter bis nach Belgrad, genauer gesagt zum Stadion Partizana. Der Grund? Dort war letzten Dienstag alles bereit für die Landung der unbestrittenen Meister des Handwerks der Stromumwandlung, der australischen Hardrock-Donnerer, die am liebsten auf den Namen AC/DC hören. Nach dem großen Studio-Comeback (die RockLine-Rezension des Albums Black Ice kannst du hier nachlesen), das neben allgemeiner Hysterie und schmerzhaftem Ticketkauf einen Exodus der Balkannationen in die serbische Hauptstadt auslöste, wurde ein Besuch in Dedinje umgehend zur Pflicht für jeden rechtgläubigen Rocker.     

THE ANSWER:

Ein besseres Warm-up als das globale Aufwärmen von Millionen AC/DC-Schäfchen konnten sich The Answer im Rahmen der Präsentation ihres neuen Albums Everyday Demons sicher nicht wünschen. Das junge irische Quartett gehört zur Kategorie der großen Hoffnungsträger der neuen Rock & Roll-Generation, das sich nicht schämt, seine tief in der Vergangenheit verwurzelten Wurzeln zur Schau zu stellen. The Answer pflegen, wie es sich für Aufstrebende gehört, natürlich eifersüchtig ihre eigene musikalische Agenda. Mit der unerwarteten Ankündigung des Konzertabenteuers vom Anfang dieses Jahres, das sie heute unter der Schirmherrschaft der Hardrock-Donner-Giganten rund um die Welt führt, ist The Answer die Axt zweifellos tief in den Honig gefallen – denn die Jungs können mit einem ziemlich sicher gedeckten Rücken in aller Ruhe den schnell wachsenden Appetit stillen. Das Toben auf dem hervorragend gefestigten Terrain zur Präsentation aller Vorzüge und Potenziale der Band würzten die Jungs trotz relativer Unerfahrenheit in Belgrad mit kühner Navigation des frisch gestrichenen Rocker-Boots.  

The Answer konnten sich anfangs partout nicht von den Soundproblemen befreien. Das hallende Chaos unzähliger, schwer definierbarer Klänge, das aus dem Bühnenlautsprecherset brodelte (AC/DC nutzten während ihres Auftritts eine zusätzliche Armee elektrischer Schreier, die tief in der Abseitszone der hinteren Partizan-Linie aufgestellt waren), saugte gnadenlos die gesamte Energie der ersten drei Songs auf – schade, denn das einleitende Dreiergespann der Melodien versprach nach dem auf dem Album Gehörten einiges. The Answer gingen die Aufgabe an, wie es sich für ungezähmte Hengste gehört: schnörkellos, direkt, ohne überflüssiges Geplauder zwischen den Pausen, gekleidet in eine imposante Kreation eines lebendigen High-Energy-Outfits, das zu Recht vor allem auf das Material der kürzlich veröffentlichten Platte setzt. Die Jungs ließen nichts dem Zufall. Gut dreiviertel Stunden spielfreudiges Repertoire-Durchkauen boten eine echte Lektion des Konzertauftritts auf höchstem Niveau, die sich gleichzeitig als tolle Werbung für das Knurren des old-school-orientierten Rock & Rolls erwies!

Das Live-Klangbild von The Answer bestätigte das auf Everyday Demons zu hörende Aufpolieren der Grundpfeiler des Rock & Rolls. Cormack Neeson besitzt einen exzellenten Gesang, und die gitarristische Darbietung des unermüdlichen Paul Mahon, eingefangen im Schraubstock der Lizzy’schen Bindungskraft, versorgt The Answer auf der Bühne konstant mit Lebensenergie, der ihr auf der modernen Rockszene kaum einen würdigen Gegner finden werdet. Das stolz aufgestellte Repertoire der Band glänzte beim gewaltigen Energieeinsatz mit dem Potenzial, einen klassischen Stadionkonzert-Rock-Groove zu kreieren.  Trotz der begeisternd ausgekosteten Albumhöhepunkte Too Far Gone, Comfort Zone sowie der insgesamt hervorragend servierten Pride gelang es The Answer nicht, eine ekstatische Publikumsreaktion zu ernten – was in erster Linie der Unbekanntheit des Belgrader Publikums mit der greifbaren musikalischen Textur der Band zuzuschreiben ist. Wenn überhaupt, dann ist den Jungs doch eine diktierte Haltung vorzuwerfen, die durch das strikte Einhalten des „Vorgruppen“-Kodexes einen zwar kaum spürbaren Beigeschmack der Vorhersehbarkeit hinterließ.

AC/DC:

Angus‘ Truppe gut eingespielter Kämpfer bezog die Kampfpositionen etwas nach neun Uhr abends, als die Dunkelheit bereits begann, die Tribünen des Stadions des größten Rivalen von Zvezda zu überziehen. Nach einem etwas zu langen visuellen Intro von ausgesprochen perversem Vorzeichen ergoss sich über das Stadion Partizana auf den Schwingen von Rock & Roll Train umgehend eine Lawine von Dreiakkord-Ohrfeigen von so unverwechselbarem Charakter. AC/DC begeisterten mit der gezeigten Kondition trotz nicht gerade taufrischer Jahre vom ersten Kontakt mit dem Publikum an – allen voran Angus, dessen bekannt wackelige Beinchen mit den Jahren nichts von dem Reiz der motorischen Symptome der Parkinson-Krankheit eingebüßt haben. Young ist trotz seiner 54 Jahre außerordentlich vital; während des knapp zwei Stunden dauernden Konzerts war er in allen erdenklichen Positionen, auf allen Bühnenpositionen zu sehen. Sein unverkennbares Gitarrenspiel trägt auch im Jahr 2009 eine greifbare Rauheit, die als Opium fürs Volk dient. Ein stellenweise geradezu nachlässig zerzauster Teppich grob gesäumter Tonverzierungen ist weit entfernt von irgendwelchem schulgemäß poliertem Gitarren-Schrott, strahlt dennoch Dominanz und Charisma aus, in dem sich das eigentliche Wesen der AC/DC-Botschaft widerspiegelt. Das große Rätsel vor Beginn des Abends war die Verfassung von Brian Johnson! Der Onkel hält stimmlich noch immer überraschend gute Form, besonders wenn man bedenkt, dass seine Stimmbänder in knapp dreißig Jahren Dienst ständig unter unbeneidenswerten Umständen gelitten haben. Brian nahm sich zwischen den Songs dennoch stets, wenn sich die Gelegenheit ergab, einen Moment für eine kurze Atempause. Gelegentliche längere Pausen zwischen den Songs wurden so bald zur Konstante, und die Spannung des Abends verlor dadurch stellenweise tatsächlich etwas an Intensität – was die Armeen der AC/DC-Süchtigen jedoch nicht allzu sehr störte.

AC/DC halten sich während der Tour an eine identische Setlist, mit der sie grob aus allen kreativen Perioden des Musikkatalogs schöpfen. Neben den unverzichtbaren diskografischen Glanzstücken, die praktisch seit Back In Black stetig am Mainstream-Image der Band bauen, schlug echten Fans das Herz diesmal vor allem beim Wiederaufleben der Größe weniger bekannter Motive höher. Neben den monströsen Highway To Hell, Thunderstruck und den übrigen angehäuften Schwergewichten drängten sich so kühn die Hymnen anderer, viel einfacherer und leider schon längst vergangener Tage. Schön war es, Hell Ain’t a Bad Place To Be und Dog Eat Dog zu hören – beide klangen aus Johnsons erhitzten Stimmbändern überzeugend, und Shot Down In Flames blickte in Sachen Energie mutig in Richtung der Standards von Scotts Tagen. Erwartungsgemäß widmete das aufgeschlossene Belgrader Publikum den Neuheiten des Albums Black Ice die wenigste Aufmerksamkeit. Am besten kamen in dieser Hinsicht War Machine weg, das in einem Paket mit einer einfallsreichen Visualisierung serviert wurde, sowie das bereits erwähnte Intro des Abends, das im Reich des Donners von Rock & Roll Train verging. Für größere Abweichungen vom erwarteten allgemeinen Marsch zu Ehren der elektrifizierten Errungenschaften der Band war erwartungsgemäß kein Platz. Natürlich durften die Back In Black-Juwelen Hells Bells, You Shook Me All Night Long, Shoot To Thrill sowie das berühmte Titelmotiv nicht fehlen, letzteres einschließlich Brians akrobatischer Einlagen (Johnson tauschte das Hämmern mit dem Hammer diesmal lieber gegen die Rolle des baumelnden Höllenglockenläuters). Dirty Deeds Done Dirt Cheap warf uns auf die Knie, die stürmische Reaktion auf Thunderstruck erinnerte uns an die Zeit des kommerziellen Höhepunkts der Band, T.N.T forderte wie gewohnt das einstimmige „Skinhead“-Skandieren, und traditionell explosiv war auch der Abschluss des Abends mit For Those About To Rock (We Salute You), diesmal zeitgemäß aufgewertet mit einer Visualisierung einer gewaltigen Kanonensalve.   

Das Belgrader Konzert hat alle Erwartungen erfüllt, doch das einzigartige Gefühl der Befriedigung danach konnte kaum den Gedanken parieren, dass wir die Legenden diesmal wohl zum letzten Mal gesehen haben. AC/DC haben die Rock & Roll-Tradition nicht verraten – was von ihnen zu erwarten natürlich illusorisch gewesen wäre. Das Konzert hat die langjährigen Verehrer der Band zweifellos in der Überzeugung bestärkt, dass die Altmeister noch immer genug Feuer und Lust am Schmieden von granithartem Rock-Rohmaterial besitzen, und der Abend hat sicher auch die Neugier jener gestillt, für die dies die erste AC/DC-Konzerterfahrung war. Und zum Schluss noch das: Obendrein gelang es den Herren mit wenigen Ausnahmen, auf das Blenden des Publikums mit diversen Showmanship-Tricks zu verzichten, die im Handwerk der genreverwandten Titanen der Rockmusik heutzutage eigentlich ein unverzichtbares Element sind. AC/DC sind für Sensationalismus schlichtweg zu alt, zu einfach, vor allem aber zu herzlich und aufrichtig. Alle Achtung, meine Herren!

Fotos: Aleš Podbrežnik      

Setliste

THE ANSWER: 1. Tonight 2. On And On 3. Demon Eyes 4. Too Far Gone 5. Pride 6. Comfort Zone 7. Preachin‘ 8. Dead Of The Night 9. Under The Sky AC/DC: 1. Rock & Roll Train 2. Hell Ain’t a Bad Place Too Be 3. Back In Black 4. Big Jack 5. Dirty Deeds Done Dirt Cheap 6. Shot Down In Flames 7. Thunderstruck 8. Black Ice 9. The Jack 10. Hells Bells 11. Shoot To Thrill 12. War Machine 13. Dog Eat Dog 14. Anything Goes 15. You Shook Me All Night Long 16. T.N.T. 17. Whole Lotta Rosie 18. Let There Be Rock —Zugabe— 19. Highway To Hell 20. For Those About To Rock (We Salute You)

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